Ceska-Mordserie

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Als Ceska-Mordserie bezeichnet man eine deutschlandweite Serie von neun Morden an Männern mit Migrationshintergrund, die in den Jahren 2000 bis 2006 in verschiedenen Großstädten Deutschlands aus mutmaßlich völkisch-rassistischen Motiven[1] verübt wurden. Die Opfer waren neun Kleinunternehmer, die alle am Arbeitsort hinrichtungsartig erschossen wurden. Von Ihnen stammten acht aus der Türkei und einer aus Griechenland. Die erste bekannte Tat ereignete sich am 9. September 2000, die letzte am 6. April 2006. Seit November 2011 werden die Verbrechen der rechtsextremen Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zugerechnet, weshalb man auch von NSU-Mordserie spricht. Unter Mordverdacht stehen deren drei mutmaßlichen Mitglieder, die Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die am 4. November 2011 mutmaßlich Suizid begingen, und die als Mittäterin angeklagte Beate Zschäpe, die sich am 8. November 2011 der Polizei stellte. Diese und vier der Beihilfe zum Mord und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung angeklagte Männer müssen sich seit dem 6. Mai 2013 in dem NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München verantworten.

Die Tatwaffe war stets eine Pistole des Typs Česká CZ 83, Kaliber 7,65 mm Browning, die in der Wohnung der Hauptverdächtigen in Zwickau sichergestellt wurde, von der sich die Bezeichnung der Mordserie ableitet. Die Taten wurden ab etwa 2006 in der Presse als Döner-Morde bezeichnet, was als verharmlosend, klischeehaft und rassistisch kritisiert wurde. Auch die Bezeichnung als Mordserie Bosporus wurde kritisiert.

Dem NSU wird zudem zur Last gelegt, im Januar 2001 einen Sprengstoffanschlag in Köln, im Juni 2004 ein Nagelbombenattentat ebenfalls in Köln und im April 2007 den Mord an der Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter verübt zu haben. Ihre Tötung, nach den Ermittlungsergebnissen der Bundesanwaltschaft ebenfalls durch den NSU, erfolgte mit einer anderen Waffe, weshalb ihr Tod nicht dieser Mordserie zugerechnet wird.

Tatumstände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ceska-Mordserie (Deutschland)
Nürnberg1. Tat: 09.09.20002. Tat: 13.06.20016. Tat: 09.06.2005
Nürnberg
1. Tat: 09.09.2000
2. Tat: 13.06.2001
6. Tat: 09.06.2005
Hamburg3. Tat: 27.06.2001
Hamburg
3. Tat: 27.06.2001
München4. Tat: 29.08.20017. Tat: 15.06.2005
München
4. Tat: 29.08.2001
7. Tat: 15.06.2005
Rostock5. Tat: 25.02.2004
Rostock
5. Tat: 25.02.2004
Dortmund8. Tat: 04.04.2006
Dortmund
8. Tat: 04.04.2006
Kassel9. Tat: 06.04.2006
Kassel
9. Tat: 06.04.2006
Tatorte der Česká-Morde

Die Opfer waren ausschließlich Männer, die als Betreiber oder Mitarbeiter von Ladengeschäften oder Verkaufsständen bei ihrer Arbeit getötet wurden. Alle hatten einen Migrationshintergrund: sechs waren türkische Staatsangehörige, zwei türkeistämmige Deutsche, einer Grieche.[2] Fünf der acht aus der Türkei stammenden Opfer sind kurdischer Abstammung.[3] Bei jeder Tat dieser Serie wurde als Tatwaffe dieselbe tschechische Pistole des Typs Česká 83, Kaliber 7,65 mm, verwendet, in zwei Fällen zudem eine Pistole Bruni Modell 315 Auto mit dem Kaliber 6,35 mm.[4] Abgesehen von den Tatwaffen, Tatorten, der Handelstätigkeit und dem Einwanderungshintergrund der Opfer fanden die Sonderkommissionen der Polizei keine Zusammenhänge oder Querverbindungen zwischen den Opfern oder den Verbrechen. Es war für sie in keinem Fall ein opferbezogenes Motiv erkennbar.[5]

Enver Şimşek[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Enver Şimşek, Inhaber eines Blumenhandels in Schlüchtern, wurde am 9. September 2000 am Rande einer Ausfallstraße im Osten Nürnbergs, wo er seinen mobilen Blumenstand in einer Parkbucht (Lage) aufgebaut hatte, mit acht Schüssen aus zwei Pistolen niedergeschossen. Er starb zwei Tage später im Krankenhaus. Şimşek war 38 Jahre alt. Er kam 1986 aus der Türkei nach Deutschland, arbeitete zunächst in einer Fabrik, eröffnete einen Blumenhandel und schließlich einen Großhandel mit angeschlossenen Läden und Ständen. Er galt als erfolgreicher Geschäftsmann.[6] Bei den Tatwaffen handelte es sich neben der in allen Fällen benutzten Česká 83 um eine Bruni Modell 315. Normalerweise lieferte Şimşek nur die Blumen an, doch an diesem Samstag betreute er den Stand, da der üblicherweise anwesende Verkäufer Urlaub hatte.

Abdurrahim Özüdoğru[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abdurrahim Özüdoğru wurde am 13. Juni 2001 in einer Änderungsschneiderei in der Nürnberger Südstadt (Lage) mit zwei Kopfschüssen getötet. Er war 49 Jahre alt, immigrierte 1972 aus der Türkei nach Deutschland und baute neben seiner Beschäftigung als Metallfacharbeiter zusammen mit seiner Frau eine Änderungsschneiderei auf, die er nach der Trennung übernahm. Die kriminaltechnische Untersuchung ergab, dass die bei dem Mord an Enver Şimşek benutzte Česká 83 auch hier verwendet wurde, die weiteren Ermittlungen blieben ebenfalls ergebnislos.[7]

Süleyman Taşköprü[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Süleyman Taşköprü, Obst- und Gemüsehändler, wurde am 27. Juni 2001 in Hamburg-Bahrenfeld im Laden seines Vaters (Lage) mit drei Schüssen aus zwei verschiedenen Waffen getötet. Er war 31 Jahre alt, stammte aus Afyonkarahisar und hatte eine dreijährige Tochter. Die benutzten Pistolen konnten als die bereits im Mord an Enver Şimşek verwendeten identifiziert werden, neben der Česká auch die Bruni Modell 315. Die Hamburger Polizei ermittelte, dass Taşköprü Freunde im „Hamburger Rotlichtviertel“ gehabt habe. Vor diesem Hintergrund vermutete man ein Verbrechen im Rahmen der organisierten Kriminalität.[6]

Habil Kılıç[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Habil Kılıç, Inhaber eines Obst- und Gemüsehandels, 38 Jahre alt, wurde am 29. August 2001 in München-Ramersdorf in seinem Geschäft (Lage) erschossen. Im Unterschied zu den drei vorherigen Taten fanden die Ermittler an diesem wie an allen weiteren Tatorten keine Patronenhülsen vor. Als wahrscheinlichstes Motiv und Erklärung der Zusammenhänge galt weiterhin organisierte Kriminalität im Drogenhandel.[8]

Mehmet Turgut[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mehmet Turgut wurde am 25. Februar 2004 an einem Döner Kebab-Imbiss (Lage) im Rostocker Ortsteil Toitenwinkel mit drei Kopfschüssen getötet. Turgut war 25 Jahre alt, kam aus der Türkei und hielt sich illegal in Deutschland auf.[9] Er war zu Besuch bei einem Freund in Rostock, für den er es spontan übernommen hatte, den Imbiss am Vormittag zu öffnen. Bis zehn Tage vor der Tat hatte er in Hamburg gelebt.[10] Bis zum Dezember 2011 wurde der Name des Opfers, auf Grund einer Verwechslung mit seinem Bruder, als Yunus Turgut veröffentlicht.[11]

İsmail Yaşar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

İsmail Yaşar, Inhaber eines Döner-Kebap-Imbisses, wurde am 9. Juni 2005 in seinem Verkaufscontainer in der Nürnberger Scharrerstraße (Lage) mit fünf Schüssen in Kopf und Oberkörper getötet.[12] Er war 50 Jahre alt und stammte aus Suruç. Zeugen fielen zwei sich auffällig verhaltende Männer mit Fahrrädern in der Nähe des Tatorts auf, so dass Phantombilder angefertigt wurden. Nach der Tat ging das Bundeskriminalamt verstärkt von der Möglichkeit aus, „dass die Opfer in Verbindung mit türkischen Drogenhändlern aus den Niederlanden standen.“[13]

Theodoros Boulgarides[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theodoros Boulgarides, Mitinhaber eines Schlüsseldienstes, wurde am 15. Juni 2005 in seinem Geschäft in München-Westend (Lage) erschossen. Er war Grieche, 41 Jahre alt und hinterließ eine Frau und zwei Töchter. Das Geschäft hatte er erst am 1. Juni 2005 eröffnet, zuvor war er als Fahrkartenkontrolleur beschäftigt.[6] Die örtliche Boulevardpresse schrieb nach dem Mord: „Türken-Mafia schlug wieder zu“.

Gedenkstätte für Mehmet Kubasik vor dessen früherem Kiosk in Dortmund

Mehmet Kubaşık[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mehmet Kubaşık, Besitzer eines Kiosks, wurde am 4. April 2006 in seinem Geschäft (Lage) in der Dortmunder Nordstadt getötet. Der Kiosk befand sich nahe einem damaligen Treffpunkt der Dortmunder Neonazi-Szene.[14] Kubaşık war 39 Jahre alt, Deutscher türkischer Herkunft und dreifacher Familienvater. Nach dieser Tat kam es zu einer öffentlichen Kundgebung: Am 11. Juni 2006 organisierten türkische Kulturvereine mit Angehörigen einen Schweigemarsch in Dortmund, gedachten der neun Opfer der Serie und riefen die Behörden auf, ein zehntes Opfer zu verhindern. Nach der Aufdeckung des NSU erklärte seine Tochter, dass die Familie immer einen rechtsextremen Hintergrund der Tat annahm.[15]

Halit Yozgat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Halit Yozgat, Betreiber eines Internetcafés (Lage), wurde am 6. April 2006 in Kassel durch zwei Kopfschüsse getötet. Er war 21 Jahre alt und Deutscher türkischer Abstammung. Das Café hatte er erst kurze Zeit zuvor mit von seinem Vater geliehenem Geld eröffnet. Zudem besuchte er eine Abendschule, um sein Abitur nachzumachen. Yozgat befand sich ungeplant in seinem Geschäft, er hätte bereits von seinem Vater, der sich verspätete, abgelöst worden sein sollen.[16]

Ermittlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits 2006 galten die für die Ermittlungen eingesetzten Sonderkommissionen unter Koordination der sogenannten Besonderen Aufbauorganisation (BAO) Bosporus aus Nürnberg, mit 50 Beamten unter Leitung von Kriminaldirektor (LKD) Wolfgang Geier, als die größten, die es in Deutschland je gab.[17] Zeitweise waren 160 Beamte aus mehreren Bundesländern an der Fahndung beteiligt, insgesamt gab es sieben Sonderkommissionen. 3500 Spuren, 11.000 Personen und Millionen Datensätze von Handys und Kreditkarten wurden untersucht.[18] Angehörige der Opfer warfen den deutschen Behörden einseitige Ermittlungen vor, sie hätten in die falsche Richtung gesucht, da mögliche rassistische Motive nicht berücksichtigt wurden.[19]

Die Tatwaffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Česká 83, Kaliber 7,65 mm Browning (Beispiel)

Die Verbindung der Fälle und die einzig konkrete Spur über Jahre war die bei jeder Tat verwendete Waffe des Typs ČZ 83 des Herstellers Česká zbrojovka, Kaliber 7,65 mm Browning. Es handelte sich dabei um eine Sonderanfertigung mit verlängertem Lauf und Schalldämpfer, von der insgesamt nur 55 Stück hergestellt wurden. 31 Exemplare gingen an das Ministerium für Staatssicherheit.[20] Damit konnte die Herkunft auf eine spezielle Lieferung von 24 Waffen im Jahr 1993 in den Kanton Solothurn der Schweiz eingegrenzt werden. 2010 wurde bei Schweizer Behörden ein Amtshilfeersuchen zur Abklärung des Verbleibs der Waffen eingereicht. Der Schweizer Waffenhändler Jan Luxik, der damals das Waffengeschäft tätigte, dokumentierte lückenlos, wer die Českás erwarb. Die Schweizer Polizei konnte 16 Pistolen nachverfolgen und untersuchen. Keine davon war die Tatwaffe. Die letzten acht Waffen wurden bei dieser Ermittlung nicht aufgefunden.[21]

Am 10. November 2011 wurde bekannt, dass in den Trümmern der am 4. November 2011 explodierten und ausgebrannten Wohnung der Tatverdächtigen in Zwickau neun Feuerwaffen, ein Repetiergewehr und eine Maschinenpistole gefunden wurden. Einen Tag später erklärte die Bundesanwaltschaft in einer Presseerklärung, eine dieser Waffen sei die seit Jahren im Fall der Serienmorde an Migranten gesuchte Česká.[22]

Nach Rekonstruktionen der Ermittler wurde die Ceska von der Firma Luxik am 9. April 1996 an die Firma Schläfli & Zbinden in Bern verkauft und von dort zwei Tage später an einen Schweizer Staatsangehörigen legal weiterveräußert. Dieser gab an, die Waffe einem Arbeitskollegen gegeben zu haben, der sie nach Deutschland verkaufen wollte, „weil es dort für ‚bestimmte Kreise‘ schwer sei, an Waffen heranzukommen“. [23] So gelangte sie über zwei weitere Stationen – im Umfeld des NSU – an den Jenaer Szenehändler Andreas S., von dem sie der mitangeklagte Carsten S. im Frühjahr 2000 im Auftrag des ebenfalls angeklagten früheren NPD-Funktionärs Ralf Wohlleben kaufte. Danach brachte er sie nach Chemnitz, wo er sie dem Trio in einem Abbruchhaus übergab. Der Weg der Ceska ist auch nachvollziehbar, weil einige Beschuldigte und Mitangeklagte im Laufe der Ermittlungen und des Prozesses gegen den NSU Aussagen über die Beschaffung der Waffe machten.[24]

Unter den in den Zwickauer Trümmern gefundenen Waffen war auch die Pistole Bruni 315 Auto, die bei den Morden an Enver Şimşek am 9. September 2000 in Nürnberg und Süleyman Taşköprü am 27. Juni 2001 in Hamburg neben der Ceska eingesetzt wurde.[25]

Ermittlungen von September 2000 bis Juni 2005[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben der bei jeder Tat verwendeten Waffe fiel als Besonderheit auf, dass alle Taten tagsüber in kleinen Läden oder an mobilen Verkaufsständen erfolgten und die Opfer einen vornehmlich türkischen Migrationshintergrund hatten. An keinem Tatort fand man verwertbare Spuren. Kein Geschäft wurde durchsucht und keine Kassen geplündert. Aufgrund der nicht vorhandenen Spuren schätzten die Ermittler ein, dass die Täter in der Regel die Läden betraten, schossen und wieder verschwanden. Die Taten könnten in weniger als einer Minute ausgeführt worden sein.[6] Im Laufe der Ermittlungen konnten, neben den fehlenden konkreten Spuren, weder Verbindungen der Opfer untereinander noch ein Motiv erkannt werden. Lange vermutete die Polizei Verbrechen im Rahmen der organisierten Kriminalität im Rauschgiftbereich mit Kontakten in die Türkei.[8] Die Boulevardpresse sprach in diesem Zusammenhang von einer Türken-Mafia oder Halbmond-Mafia, die Nürnberger Sonderkommission, die nach der Tötung von Habil Kılıç 2001 einberufen wurde, nannte sich ebenso SoKo Halbmond (als Anspielung auf die Flagge der Türkei), auch der Name der im Sommer 2005 eingerichteten SoKo Bosporus kann in diesem Sinne verstanden werden.[26] Die Ermittler flogen in diesem Fall sogar in die Türkei, um Angehörige von Kılıç zu befragen.[27]

In diesem Ladengeschäft an der Ecke Gyulaer Straße/Siemensstraße wurde Abdurrahim Özüdoğru am 13. Juni 2001 erschossen. In der ehemaligen Änderungsschneiderei befindet sich ein Shop für asiatisches Kunsthandwerk (Foto 2012).

Bereits nach der ersten Tat, der Tötung des Blumenhändlers Enver Şimşek in Nürnberg im September 2000, wurde die Vermutung ausgesprochen, als regelmäßiger Einkäufer auf dem niederländischen Blumenmarkt könne das Opfer in Rauschgiftgeschäfte verstrickt gewesen sein.[6] Diese Ermittlungsansätze blieben ergebnislos. Die Art und Weise der Tat wies auf Amateure hin, da das Opfer mit acht Schüssen verletzt wurde. Der Tatort befand sich in einer Parkbucht an einer viel befahrenen Ausfallstraße in einer unbewohnten Waldgegend. Die festgestellte Tatwaffe war die einzige Verbindung zur zweiten Tat: Abdurrahim Özüdoğru wurde am 13. Juni 2001 mit zwei gezielten Schüssen in den Kopf getötet und war sofort tot. Der Tatort lag in der Nürnberger Südstadt, in städtischer Umgebung. Während Şimşek als erfolgreicher Geschäftsmann galt, beschrieb man Özüdoğru, der sich mit der Schneiderei Geld zu seiner Fabrikarbeit hinzu verdienen musste, als „armen Schlucker“. Es wurden keine Hinweise darauf gefunden, dass sich beide Opfer kannten oder in einer Beziehung zueinander standen.[7]

Nach der Tötung von Süleyman Taşköprü am 27. Juni 2001 im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld, bei dem der Tatort, in einem mäßig frequentierten Laden in einer Seitenstraße, Ähnlichkeiten mit den Gegebenheiten bei der Tötung an Özüdoğru aufweist, meinte die Polizei einen Ermittlungsansatz zu haben. Sie vermutete, der Gemüsehändler hätte Kontakte zum kriminellen Kiezmilieu von St. Pauli gehabt. Für die Annahme fanden sich aber keine Anhaltspunkte. Dennoch wurde die These entwickelt, dass es sich bei den drei Taten um interne Strafaktionen im Bereich organisierter Kriminalität handeln müsse und darüber eine Verbindung zwischen den Opfern bestehe.[6] Die Vermutung wurde mit der Tötung von Habil Kılıç am 29. August 2001 in München verfestigt. Die Polizei erklärte der Presse, das wahrscheinliche Motiv liege in der organisierten Kriminalität, vermutlich im Drogengeschäft. Die Rigidität der Taten wurde mit einem Ehrenkodex der vermuteten Organisation erklärt, gegen den die Opfer verstoßen hätten.[8]

Die Spurensicherung ab dem vierten Tatort ergab im Unterschied zu den vorherigen, dass keine Geschosshülse gefunden wurde, auch in späteren Fällen nicht. Man vermutete, dass die Täter nun Plastiktüten um die Waffen hüllten, um die Hülsen aufzufangen und um eine unauffällige Nutzung der Pistole zu ermöglichen. Auch in der gezielten Ausführung sah man eine zunehmende Professionalisierung der Täter. Nach den ersten vier Taten, die innerhalb eines Jahres stattfanden, erfolgte die nächste bekannte Tat, an Mehmet Turgut am 25. Februar 2004 in Rostock, etwa zweieinhalb Jahre später. Da Turgut bis etwa zehn Tage vor seiner Erschießung in Hamburg lebte, suchte die Polizei nach Verbindungen zu Süleyman Taşköprü, der dort drei Jahre zuvor erschossen wurde. Auch diese Suche blieb ergebnislos.[28]

Eine Spur ergab sich mit der Tat an İsmail Yaşar am 5. Juni 2005 in Nürnberg. Zeugen fielen zwei Radfahrer auf, die in der Nähe des Tatorts eine Karte studierten. Ebenfalls nicht weit entfernt vom Tatort luden sie die Fahrräder in einen dunklen Lieferwagen mit abgetönten Scheiben. Von beiden Männern wurden Beschreibungen und Phantombilder angefertigt. Es fiel eine Ähnlichkeit mit einem ein Jahr zuvor in Köln angefertigten Bild auf, das einen mutmaßlichen Beteiligten am Nagelbomben-Attentat zeigte. Eine weitere Gemeinsamkeit war die Benutzung der Fahrräder bei den Taten.[29] Man nahm Kontakt mit den Ermittlern in Köln auf, fand aber keine weiteren Hinweise auf Zusammenhänge.

SoKo Bosporus von Juni 2005 bis Februar 2008[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Erschießung von İsmail Yaşar, der sechsten Tat der Serie und der dritten in Nürnberg, setzte man Mitte 2005 in Nürnberg die SoKo Bosporus ein, die mit den Sonderkommissionen in München, Hamburg und Rostock, ab 2006 auch in Dortmund und Kassel, zusammenarbeitete. Man suchte vor allem Verbindungen zwischen den Opfern, konzentrierte die Ermittlungen vorrangig in Richtung Waffen- oder Drogenhandel, Spiel- oder Wettschulden und ging verstärkt von der Möglichkeit aus, „dass die Opfer in Verbindung mit türkischen Drogenhändlern aus den Niederlanden standen.“[30] Nach dem Mord an Theodoros Boulgarides am 15. Juni 2005 in München titelte eine örtliche Boulevardzeitung: „Eiskalt hingerichtet – das siebte Opfer. Türken-Mafia schlug wieder zu“. In München und Nürnberg wurden 900 türkische Kleinunternehmer aufgesucht, um Hinweise auf die Taten zu finden.[31]

Die Tötung von Mehmet Kubaşık am 4. April 2006 in Dortmund und an Halit Yozgat am 6. April 2006 in Kassel brachten weder neuartige Spuren noch Erkenntnisse. Bei der letzten Tat fiel jedoch auf, dass sich in dem aus zwei Räumen bestehenden Internetcafé zur Tatzeit fünf Personen aufhielten, von denen sich vier als Zeugen zur Verfügung stellten. Nach der fünften Person wurde zwei Wochen lang gefahndet – bis die Ermittler erkannten, dass es sich um den Beamten Andreas Temme des hessischen Verfassungsschutzes handelte. Temme wurde festgenommen. Da die Staatsanwaltschaft nur von einer „geringen Verdachtsstufe“ ausging, wurde er nach 24 Stunden freigelassen (siehe Verdacht gegen Verfassungsschützer und Rolle der Verfassungsschutzbehörden).[32]

Zeitstrahl der Jahre mit Taten der Serie; die Serie endet im April 2006

Im Mai 2006 wurde im Rahmen der Innenministerkonferenz von Bund und Ländern erwogen, den Fall der Serientaten dem Bundeskriminalamt zu übertragen. Günther Beckstein (CSU) setzte sich als bayerischer Innenminister mit der Ansicht durch, dass der Fall trotz der über fünf Bundesländer verstreuten Taten bei der SoKo Bosporus in Nürnberg verbleibe.[17] Zugleich setzte Beckstein sich ein für eine Aufstockung der Belohnung von 30.000 auf 300.000 Euro für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen. Der damalige stellvertretende Sprecher des bayerischen Innenministeriums Rainer Riedl erklärte, die hohe Summe solle Mitwisser verlocken, ihr Schweigen zu brechen. Es liege nahe, dass die Drahtzieher des Verbrechens im Bereich der organisierten Kriminalität zu suchen seien. In diesem Milieu verspräche eine Belohnung Erfolg.[33] Daraufhin betrieb die bayerische Polizei in Nürnberg ein halbes Jahr selbst einen Döner-Imbiss und setzte eine als Journalistin getarnte Polizistin unter Migranten ein, sagte der frühere Nürnberger Oberstaatsanwalt Walter Kimmel 2012 vor dem Untersuchungsausschuss aus. Die Beamten blieben Lieferanten Zahlungen schuldig, da man ein Inkasso-Team als Täter vermutete.[34][35]

Nachdem jahrelange Ermittlungen keine Verbindung der Opfer entweder untereinander oder zur organisierten Kriminalität ergaben, wurde im Sommer 2006 der Profiler Alexander Horn aus der Abteilung Operative Fallanalyse der Münchener Kriminalpolizei zu den Ermittlungen hinzugezogen. Daraufhin ging man verstärkt von einem rassistisch motivierten Einzeltäter aus, einem 25- bis 45-jährigen Deutschen, einem Serienmörder, der keines der Opfer kannte und sie zufällig auswählte.[36] Im Januar 2012 wurde bekannt, dass der stellvertretende Leiter der SoKo Bosporus, Klaus Mähler, den bayerischen Verfassungsschutz im Mai 2006 beauftragte, alle weiteren Landesbehörden für Verfassungsschutz um Mithilfe bzw. Hinweise auf eine durch Ausländerhass motivierte Serie zu bitten. Es sei unglaublich, „dass damals aus Thüringen keine Hinweise auf das Neonazi-Trio kamen“, so Mähler.[37] Das baden-württembergische Landeskriminalamt nahm 2007 an, die Opfer seien mit einer südosteuropäischen Bande mit „rigidem Ehrkodex“ in Konflikt, deren „Häuptling“ die Taten in Auftrag gab.[38] Die SoKo Bosporus wurde zum 1. Februar 2008 aufgelöst.[39] Neun Beamte der Mordkommission 3 in Nürnberg führten, unter Leitung von Georg Schalkhaußer, die Ermittlungen neben ihrer normalen Tätigkeit weiter.

Im Juli 2007 rief das türkische Innenministerium insbesondere Türken in Deutschland zur Unterstützung der deutschen Polizei bei der Aufklärung auf, um weitere Tötungsdelikte an türkischen Staatsbürgern zu verhindern.[40]

2008 ließen sich Beamte der Hamburger Polizei, die der im März 2006 gegründeten Soko 061 angehörten, von einem iranischen Geisterbeschwörer beraten. Dieser soll, nach eigenen Angaben, Kontakt mit dem sieben Jahre zuvor getöteten Gemüsehändler Süleyman Taşköprü aufgenommen haben. Der Mann gab an, zu wissen, dass das Opfer mit einer Rockergruppe in Verbindung stand, Drogen eine Rolle spielten und es sich bei dem Täter eventuell um einen Türken handeln könnte. Die Beamten bezahlten den Mann nicht, vermerkten seine Angaben aber in einer Akte.[41]

Ermittlungen und Spekulationen bis November 2011[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2009 griff die Presse den Fall erneut auf. Während der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bochum zu Manipulationen von Fußballspielen zum Zwecke des Wettbetruges erwog man, dass die Opfer Spielschulden bei der Wettmafia gehabt haben könnten.[42] Die zuständige Mordkommission widersprach: Bei keinem Opfer lag eine „potentiell motivgebende Verbindung zur Glücksspielsszene“ vor. Nicht alle Opfer hätten finanzielle Probleme gehabt.[43]

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichtete im Februar 2011 aufgrund der Aussagen eines Informanten, der Mehmet genannt wird, hinter den Taten stehe eine Allianz türkischer Nationalisten, Geheimdienstler, Militärs, Politiker und Juristen, in die die Untergrundorganisation Ergenekon verstrickt und die rechtsnationalistischen Grauen Wölfe. Es gehe um den Aufbau eines „tiefen Staates“, für den auch von den in Deutschland lebenden Türken Tribut gezahlt werden müsse. Die Praxis sei, jene zu erschießen, die ihr Geschäft nicht für Geldwäsche oder ähnliches zur Verfügung stellen. „Der Schuss ins Gesicht sei das Zeichen der türkischen Nationalisten für den Verlust der Ehre, die immerselbe Waffe eine Warnung an andere gewesen.“[18] Ermittler bestätigen, dass sie mehrmals mit derartigen Aussagen konfrontiert waren. Es habe aber bei der gesamten Ermittlung keinen Anhaltspunkt für Verbindungen zu den Opfern dieser Serie gegeben.

Im August 2011 veröffentlichte der Spiegel einen weiteren Bericht über die Serie: Ermittler hätten Kontakt zu einem Informanten mit Insiderwissen gehabt. Auch dieser wurde Mehmet genannt. Er sei als V-Mann des Verfassungsschutzes an einer der Taten beteiligt gewesen und kenne das Versteck der Tatwaffe in der Schweiz. Zudem erläuterte er Verstrickungen des Verfassungsschutzes. Der Kontakt sei am 5. Juli 2011 abgebrochen. Die Nürnberger Staatsanwaltschaft bestätigte den Vorgang gegenüber dem Spiegel. Das Bundesamt für Verfassungsschutz erklärte, die Geschichte des Informanten sei frei erfunden.[44]

Ermittlungen ab November 2011 bis zur Prozesseröffnung im Mai 2013[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im November 2011 wurde die mutmaßliche rechtsterroristische Gruppierung Nationalsozialistischer Untergrund aufgedeckt. In den Trümmern einer ausgebrannten Wohnung in Zwickau, in der die Hauptverdächtigen gewohnt hatten, fand man außer der lange gesuchten Tatwaffe, der Česká 83.[2] auch eine mehrfach vervielfältigte DVD, die als eine Art Bekennervideo in zynischer Weise die Serie von Tötungsdelikten belegt.[45] Am 11. November 2011 übernahm die Bundesanwaltschaft unter Leitung von Harald Range die Ermittlungen. Auf deren Antrag erließ der Bundesgerichtshof am 13. November 2011 Haftbefehl gegen die 36-jährige deutsche Staatsangehörige Beate Zschäpe wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.[46] Die beiden weiteren mutmaßlichen Haupttäter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt waren nach einem Bankraub am 4.  November 2011 in Eisenach tot aufgefunden worden. Nun wurde die Beteiligung weiterer Rechtsextremisten an der Mordserie überprüft. Es kam zu einigen Verhaftungen und Haftbefehlen, die teilweise im Mai und Juni 2012 wieder aufgehoben wurden.[47]

Am 8. November 2012 erhob die Bundesanwaltschaft Anklage gegen Beate Zschäpe als mutmaßliches Mitglied der terroristischen Vereinigung NSU sowie gegen vier mutmaßliche Unterstützer: Ralf Wohlleben und Carsten S. wegen Beihilfe in neun Mordfällen an ausländischen Mitbürgern, André Eminger wegen Beihilfe zum Sprengstoffanschlag in Köln, wegen Beihilfe zum Raub und Unterstützung der terroristischen Vereinigung in jeweils zwei Fällen und Holger Gerlach wegen Unterstützung der terroristischen Vereinigung in drei Fällen. Der NSU-Prozess findet seit dem 6. Mai 2013 in München vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts statt. Zschäpe und Wohlleben befinden sich seit ihrer Festnahme am 11. bzw. 29. November 2011 in Untersuchungshaft, die übrigen Angeschuldigten sind auf freiem Fuß, wobei Holger Gerlach sich vom 13. November 2011 bis 25. Mai 2012, André Eminger vom 23. November 2011 bis 14. Juni 2012 und Carsten S. vom 1. Februar bis zum 29. Mai 2012 in Untersuchungshaft befanden. [48]

Verdacht gegen Verfassungsschützer und Rolle der Verfassungsschutzbehörden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen das Neonazi-Trio und dessen Umfeld wird auch die Rolle weiterer Behörden von Bund und Ländern kritisiert, insbesondere stehen das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz und das Bundesamt für Verfassungsschutz in der öffentlichen Kritik. An verschiedenen Stellen traten die Mitglieder und Unterstützer des NSU in Kontakt mit Mitarbeitern oder Informationszuträgern (V-Personen) verschiedener Behörden.

Am 26. Januar 2012 setzte der Bundestag einen Untersuchungsausschuss ein, der die rechtsextremen Verbrechen des NSU sowie das Versagen deutscher Sicherheitsbehörden und der beteiligten Behörden für Verfassungsschutz bei der Aufklärung und Verhinderung der Verbrechen untersuchen sollte.[49] Es folgten weitere NSU-Untersuchungsausschüsse in verschiedenen Landesparlamenten.

Bei der Vernehmung des früheren Verfassungsschutz-Vizepräsidenten Klaus-Dieter Fritsche im NSU-Ausschuss des Bundestags kam es am 18. Oktober 2012 zu einem Eklat. Fritsche, der zum Zeitpunkt der NSU-Mordserie das Amt des Vizepräsidenten ausübte und nun Staatssekretär im Bundesinnenministerium ist, wies mit scharfen Worten die Kritik an der Arbeit der Sicherheitsbehörden im Zusammenhang mit dem NSU zurück. Er beklagte die Preisgabe geheimer Informationen an die Medien und kritisierte, die Untersuchungsarbeit werde „von einem Skandalisierungswettstreit überlagert“. Ausdrücklich wehre er sich dagegen, dass „beißende Kritik, Hohn und Spott über einen ganzen Berufszweig von Polizisten und Verfassungsschützern niedergeht“. Mehrmals lehnte er Zwischenfragen von Abgeordneten ab. Der Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy ermahnte Fritsche, sich „konzentriert“ nur zum Thema des Ausschusses zu äußern, und unterbrach dann die Sitzung für 20 Minuten.[50]

Hauptartikel: Halit Yozgat

Neben einigen V-Personen, die sich vor und nach Untertauchen in ihrem Umfeld aufhielten, stehen insbesondere bei einer Tat der Ceska-Mordserie, dem Mord an dem 21-jährigen Kasseler Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat, Verbindungen mit behördlichen Mitarbeitern und Mittelsmännern im Raum. Am 21. April 2006 wurde in Kassel der Mitarbeiter der hessischen Landesbehörde für Verfassungsschutz Andreas Temme wegen Verdachts der Beteiligung am Mord an Halit Yozgat festgenommen. Er war zur Zeit der Tat in dessen Internetcafé (wie sich erst nach 2011 durch Rekonstruktion herausstellte) und meldete sich trotz mehrfachen Fahndungsaufrufs nicht bei der Polizei.[51] T. hatte auch Kontakte zum Vorsitzenden der Hells Angels Kassel und privat mehrere Schusswaffen, mit denen er Combatschießen übte.[52] Da eine Hausdurchsuchung keinen Verdacht erhärtete, wurden die Ermittlungen mangels Tatverdachts eingestellt. Der Fall des Verfassungsschützers beschäftigte die Parlamentarische Kontrollkommission in Hessen. Der Vorsitzende der FDP-Fraktion im Hessischen Landtag, Jörg-Uwe Hahn, nannte die Kommunikationspolitik des Innenministeriums „unerträglich“. Die Parlamentarier erfuhren erst aus den Medien, dass gegen einen Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes wegen Mordverdachts ermittelt worden war. Auch wurden erst im Nachhinein abgehörte Telefonate bekannt, in denen ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes zu Andreas Temme sagt: „Ich sage ja jedem: Wenn er weiß, dass irgendwo so was passiert, bitte nicht vorbeifahren.“ [53]

Zudem wurde bekannt, dass der Verfassungsschützer in seiner Jugend „eine stark rechte Gesinnung“ hatte. Bei einer Hausdurchsuchung im Jahre 2006 waren rechtsextreme Schriften und mehrere Waffen sichergestellt worden.[54] Die Staatsanwaltschaft Kassel dementierte neuere Berichte, er sei an mehreren Tatorten der Mordserie gewesen. Sie erklärte, der Beamte wurde 2007 aus dem Verfassungsschutz abgezogen und in das Regierungspräsidium Kassel versetzt. Hier sei er in einem „internen Bereich ohne Außenwirkung“ beschäftigt. Neuere Erkenntnisse seit 2007 hätten sich demnach nicht ergeben.[55]

Der V-Mann, mit dem Temme kurz vor und kurz nach der Tat telefoniert hatte, Benjamin G., war auf die rechtsextreme Szene angesetzt. Ob es dabei über seine amtlichen Aufträge hinaus um die Erforschung von Verbindungen seines Bruders in die Neonazi-Szene von Dortmund und Kassel ging, ist Spekulation. Benjamin G. erschien bei seiner Aussage im NSU-Prozess mit einem vom Landesamt für Verfassungsschutz bezahlten Anwalt und hatte zuvor Spesen für ein behördliches „Vorbereitungstreffen“ erhalten. Bereits im November 2011 war ihm von den Behörden ein Rechtsbeistand zur Seite gestellt worden.[56]

Pannen und systematische Fehler bei den Ermittlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei den Ermittlungen kam es zu einer Reihe von Versäumnissen. Dabei zeigte sich punktuelles Versagen, aber auch systemische Probleme traten zutage. Der erste NSU-Ausschuss des Bundestages stellte 2013 fest, „dass die meisten Ermittler … nicht nur den Schwerpunkt auf die Ermittlungsrichtung Organisierte Kriminalität gelegt, sondern an diesem Schwerpunkt auch dann noch festgehalten haben, als Spur um Spur in diese Richtung ergebnislos blieb“.[57] Weit verbreitet ist die Ansicht, dass institutioneller oder struktureller Rassismus innerhalb der Behörden eine Rolle spielte und deshalb ein möglicher rechtsextremer Hintergrund weitgehend ausgeblendet wurde. Einige Äußerungen bei Ermittlern lassen auf rassistische Denkmuster schließen. So wurde der Ermordete Süleyman Taşköprü bei einer Fallanalyse des Hamburger Landeskriminalamts 2005 als „Schmarotzer“ bezeichnet.[58] Eine operative Fallanalyse des LKA Baden-Württemberg vom 30. Januar 2007 mutmaßte zum Täter der Ceska-Serie: „Vor dem Hintergrund, dass die Tötung von Menschen in unserem Kulturraum mit einem hohem Tabu belegt ist, ist abzuleiten, dass der Täter hinsichtlich seines Verhaltenssystems weit außerhalb des hiesigen Normen- und Wertesystems verortet ist“.[59] In mehreren Fällen wurden Hinweisen von Zeugen, die helle Haut- und Haarfarben bei den Tätern beobachtet hatten, nicht nachgegangen oder diese Anhaltspunkte nicht weiter verfolgt.[60] Nach der neunten Tat im Jahr 2006 erhielt eine islamische Gemeinde in Hamburg einen Brief, in dem es hieß: „Türken-Hasser sind wir alle. Ihr habt Euch hier eingeschlichen und bleibt Multikulti und Verbrecher. Es ist doch gut, dass einer mal ein paar Türken abknallt. Ich habe mich darüber gefreut.“ Die Gemeinde übergab den Brief der Polizei. Diese ging keinem rechtsextremistischen Motiv nach.[61]

Die Ermittlungsbehörden ließen es teilweise auch an der erforderlichen Sorgfalt vermissen. So beschlagnahmte die Polizei nach dem Mord an dem in Nürnberg erschossenen Imbissbudenbesitzer İsmail Yaşar 23.000 Euro in bar, das Inventar des Imbisses und Schmuck und übergab fälschlicherweise alles der Ex-Frau von İsmail Yaşar. Yaşars Tochter erfuhr vom Vermögen des Vaters erst aus den Prozessakten.[62] Innerhalb von zwei Wochen nach dem Mord an Ismail Yasar, am 21. Juni 2005, wies der Ermittlungsleiter zum Nagelbomben-Attentat in Köln bei der Nürnberger BAO Bosporus auf die Ähnlichkeit des Phantombildes des Täters im Münchener Fall mit den Videoaufnahmen des Kölner Täters und die Tatbegehung durch Fahrräder hin und bat darum, der Münchener Zeugin, die den Täter erkannt zu haben glaubte, die Kölner Videosequenzen zu zeigen. Das geschah jedoch erst am 23. Mai 2006, woraufhin die Zeugin sagte: „Der war es!“ Dies wurde im Protokoll jedoch abgeschwächt und daraufhin nicht weiter verfolgt. Im bayerischen NSU-Untersuchungsausschuss sagte die Zeugin aus, sie habe in den Befragungen den Eindruck gehabt: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“. Eine vergleichende Fallanalyse wurde unter dem Hinweis abgelehnt, man könne nicht Äpfel und Birnen vergleichen.[63]

Während des Untertauchens des Trios kam es zu Lokalisierungsversuchen von Zielfahndern des Thüringer Landeskriminalamts und mehreren Verfassungsschutzbehörden, nachdem alle drei wegen Sprengstoffdelikten und Uwe Böhnhardt wegen Vollstreckung eines Haftbefehls gesucht wurde. Dabei waren wesentliche Merkmale der Terrorzelle erkannt worden. Im Mai 2013 wurde Report Mainz ein Dokument des sächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz vom 28. April 2000 zugespielt, das sich unter anderem an den damaligen Innenminister Klaus Hardraht (CDU) richtete. Darin heißt es, das Vorgehen des Trios ähnele „der Strategie terroristischer Gruppen, die durch Arbeitsteilung einen gemeinsamen Zweck verfolgen.“ Zweck der Verbindung sei es, „schwere Straftaten gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung zu begehen“. Hierbei sei „eine deutliche Steigerung der Intensität bis hin zu schwersten Straftaten feststellbar.“ Deshalb wurde die Kommunikationsüberwachung des vermuteten Umfelds des Trios angeordnet. Die unter dem Namen „Terzett“ von Mai 2000 bis Oktober durchgeführten G10-Maßnahmen brachten wenige Erkenntnisse, da die Kontrollen nur sporadisch erfolgten.[64] Von den Überwachungsmaßnahmen wussten damals, vor der ersten Tat, die Landeskriminalämter und Verfassungsschutzämter in Sachsen und Thüringen und die Terrorabteilung des Bundesamtes für Verfassungsschutz.[65]

Aufrufe und Dokumentationen in den Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zum November 2011 wurde in den Medien fast durchweg vermutet, die Täter seien türkische Kriminelle. Die Bild-Zeitung kolportierte zum Beispiel am 15. April 2006, es gebe „vier heiße Spuren: […] Drogenmafia, organisierte Kriminalität, Schutzgelderpressung, Geldwäsche“. Am 30. Mai 2006 schrieb das Hamburger Abendblatt: „Die schwer durchdringbare Parallelwelt der Türken schützt die Killer“.[66] Am 1. August 2007 strahlte das ZDF innerhalb seiner Reihe Der Fall die Dokumentation Jagd nach dem Phantom von Sybille Bassler über die Mordserie aus. Wiederholt griff die Sendung Aktenzeichen XY … ungelöst die Seriendelikte auf. So mutmaßte Moderator Rudi Cerne am 3. August 2006, die Ermordeten seien selbst in kriminelle Geschäfte verwickelt und daher Auftragskillern der organisierten Kriminalität zum Opfer gefallen. Am 10. März 2010 wurde über die Besonderheiten der Tatwaffe berichtet und dass diese Sonderanfertigung der Česká 83 bis auf acht Exemplare eingegrenzt werden konnte. Deren Besitzer wurden aufgerufen, sich zu melden.

Auch der Bayerische Rundfunk widmete sich im Rahmen des ARD-Radiofeatures unter dem Titel Auf der Suche nach dem „Dönerkiller“ (Autoren: Oliver Bendixen und Matthias Fink) im April 2010 der Tatserie. In dieser Sendung wurde durch Interviewausschnitte von Angehörigen der Opfer und beteiligten Polizeibeamten detailliert aufgearbeitet, wie die Ermittlungen verlaufen waren und dass die verschiedenen verfolgten Thesen und die Untersuchungen im Umfeld der Opfer zu keinerlei Ergebnis geführt hatten, auch nicht nach der Ausschreibung einer Belohnung von 300.000 Euro.[6]

Am 2. Dezember 2011 organisierten prominente Musiker wie Udo Lindenberg, Peter Maffay, Julia Neigel, Silly und Clueso eine Protestaktion gegen die Tatserie und ihren Gesinnungshintergrund. Bei dem Benefizfestival mit dem Titel „Rock’n' Roll-Arena Jena – Für die bunte Republik Deutschland“ beteiligten sich 50.000 Menschen.[67] Die Aktion war innerhalb von zehn Tagen organisiert worden und fand ein bundesweites Medieninteresse. Sigmar Gabriel, Jürgen Trittin und weitere Politiker riefen zur Solidarität auf und gedachten der Opfer der Tötungsdelikte in einer Schweigeminute. Der Mitteldeutsche Rundfunk übertrug das Geschehen live.[68]

Im Dezember 2011 sendete die ARD eine Dokumentation unter dem Titel Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin, mit der sie recherchierte Hintergründe und Lebenszusammenhänge der Opfer veröffentlichte. Darin thematisierten die Filmemacher unter anderem die Namensverwechslung von Mehmet Turgut, die der Polizei zwar bekannt, von ihr aber nicht korrigiert worden war, als Beispiel für den oberflächlichen Umgang mit den Betroffenen und ihren Angehörigen.[69]

Gedenken an die Opfer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mahnwachen und Gedenkfeiern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach den Erschießungen von Mehmet Kubaşık am 4. April 2006 in Dortmund und Halit Yozgat am 6. April 2006 in Kassel organisierten türkische Kulturvereine zusammen mit den Angehörigen am 11. Juni 2006 einen Schweigemarsch in Dortmund. Es wurde der neun Opfer der Serie gedacht und die Behörden dazu aufgerufen, ein zehntes Opfer zu verhindern.[70]

Am 13. November 2011 organisierte die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) zum Gedenken an die Opfer rechter Gewalt eine Mahnwache vor dem Brandenburger Tor in Berlin und rief damit zur Solidarität gegen Rassismus auf. Neben einigen Politikern nahmen auch Kenan Kolat, TGD-Bundesvorsitzender, und Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, teil. Die Teilnehmer trugen Schilder mit den Namen der Getöteten dieser Serie und erinnerten an vergangene rassistische Morde und rechtsextreme Anschläge.[71] Am 16. November 2011 gedachten Vertreter der Hamburger Organisationen Unternehmer ohne Grenzen, Laut gegen Nazis und der Türkischen Gemeinde vor dem ehemaligen Gemüseladen der Familie Taşköprü, deren Sohn Süleyman das dritte Opfer der Serie war, in Hamburg-Bahrenfeld der Ermordeten. In einer anschließenden Pressekonferenz kritisierten sie die einseitigen Ermittlungen der Polizei – Süleyman Taşköprü waren Verbindungen zum Drogenmilieu unterstellt worden – und die Verstrickungen der Sicherheitsbehörden.[72][73]

Im Bundestag wurde am 21. November 2011 durch die Abgeordneten eine Schweigeminute eingelegt und nach einer kontroversen Debatte eine einstimmige Erklärung gegen extremistische Gewalt abgegeben. Dabei entschuldigte sich Bundestagspräsident Norbert Lammert im Namen aller Abgeordneten bei den Angehörigen der Opfer. „Er schäme sich dafür, dass die Sicherheitsbehörden die über Jahre geplanten und ausgeführten Verbrechen weder aufdecken noch verhindern konnten.“[74]

In einer zentralen Gedenkfeier im Konzerthaus Berlin am 23. Februar 2012 bat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Angehörigen der Opfer um Verzeihung für die falschen Verdächtigungen. Sie nannte die Morde „eine Schande für unser Land“ und stellte in Bezug auf die Täter die Frage „[…] wer oder was […] solche extremistischen Täter“ präge. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, kritisierte die Gedenkfeier. Was Politiker anlässlich der Brandanschläge von Mölln und Solingen in den 1990er Jahren gesagt hätten, würde auch heute gelten. Kolat vermisste eine klare Strategie der Bundesregierung gegen den gesellschaftlichen Rassismus.[75]

Der Vater des Opfers Halit Yozgat, İsmail Yozgat, sprach im Namen der Angehörigen der Serie auf der zentralen Gedenkveranstaltung. Er bat dabei, die Holländische Straße, in der sein Sohn geboren und ermordet worden war, in Halit-Straße umzubenennen. Außerdem regte er an, dass im Namen der Opfer der Serie eine Stiftung für Krebskranke gegründet werden solle und alle angebotenen finanziellen Hilfen für die Hinterbliebenen in diese Stiftung fließen sollen.[76]

Am 13. April 2013 demonstrierten kurz vor dem geplanten Prozessbeginn mehrere tausend Menschen gegen Rassismus und erinnerten gleichzeitig an die Todesopfer der Taten.[77] Am Abend kam es zu einer Sachbeschädigung am Gebäude des Bayerischen Flüchtlingsrats, die mutmaßlich von Neonazis begangen wurde.[78]

Gedenkorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenkstele in Kassel, Halitplatz
Gedenkstele in Nürnberg, Kartäusertor gegenüber vom Opernhaus
Gedenktafel für Theodoros Boulgarides in der Münchener Trappentreustrasse

Die Oberbürgermeister von Kassel, Nürnberg, München, Rostock, Dortmund und Heilbronn sowie der Erste Bürgermeister von Hamburg verständigten sich darauf, dass in ihren Städten Gedenktafeln an die Opfer der Taten erinnern sollen. In einer gemeinsamen Erklärung vom 3. April 2012 wurde mitgeteilt, mit einer einheitlichen Botschaft und der namentlichen Nennung aller Opfer würden die Taten „in angemessener Weise als Serie und erschreckende Taten von ausländerfeindlichem Charakter gekennzeichnet.“[79] Umgesetzt wurde diese Verständigung mit der Aufstellung von verschiedenartigen Stelen, auf denen jeweils die Namen und Todesdaten der zehn Opfer aufgeführt sind, am 1. Oktober 2012 in Kassel auf dem neu eingeweihten Halitplatz, am 21. März 2013 in Nürnberg Kartäusertor und am 13. Juli 2013 in Dortmund in einer Grünanlage am Hauptbahnhof. Doch schon die gemeinsame Erklärung enthält für İsmail Yaşar ein falsches Todesdatum, und auch bei den Gedenktafeln kam es zur Eingravierung falscher Todesdaten.[80]

Bereits am 24. September 2012 wurde in Dortmund durch Oberbürgermeister Ullrich Sierau ein Gedenkstein für den getöteten Mehmet Kubaşık in der Nähe des von ihm betriebenen Kiosk enthüllt. Sierau entschuldigte sich für die Ermittlungsfehler bei den Angehörigen Kubaşıks. Es seien falsche Anschuldigungen gegenüber der Familie gemacht worden. Die türkische Generalkonsulin Şule Özkaya äußerte sich bei der Gedenkveranstaltung besorgt zur Lage der türkischen Zuwanderer.[81]

Am 1. Oktober 2012 wurde zum Gedenken an Halit Yozgat in Kassel der Halitplatz eingeweiht.[82]

In Hamburg-Bahrenfeld in der Schützenstraße wurde im Dezember 2012 ein Gedenkstein gesetzt, im Mai 2013 benannte man eine Straße nördlich der Bahrenfelder Kühnehöfe nach Süleyman Taşköprü.[83]

Im Juni 2013 beschloss die Rostocker Bürgerschaft neben einem Gedenkstein auch ein Kunstwerk in Erinnerung an Mehmet Turgut zu errichten.[84]

Im November 2013 wurden in München-Ramersdorf und in München-Westend Gedenktafeln für die Münchener Opfer der Taten enthüllt.[85][86]

Die Begriffe „Döner-Morde“ und „Mordserie Bosporus“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Mordserie wurde erstmals am 31. August 2005 in der Überschrift eines Artikels der Nürnberger Zeitung als „Döner-Morde“ bezeichnet. Ab dem 8. April 2006 verbreitete sich diese Bezeichnung nach dem Mord an Halit Yozgat bundesweit durch eine DPA-Meldung, die zuerst durch die Frankfurter Allgemeine und die Neue Zürcher Zeitung, einige Tage später durch die Boulevardmedien Abendzeitung und Bild aufgegriffen wurde, woraufhin sich die Bezeichnung in der deutschsprachigen Medienlandschaft – bis hin zur taz – etablierte.[87] Am 17. Januar 2012 wählte die Jury der Sprachkritiker aus der Gesellschaft für deutsche Sprache den Begriff „Döner-Morde“ zum deutschen Unwort des Jahres 2011:[88]

„Mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechts-terroristischen Mordserie würden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden […]. Der Ausdruck stehe prototypisch dafür, dass die politische Dimension der Serie jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert wurde.[89]

Zuvor waren die Bezeichnung sowie verschiedene falsche Spekulationen zu den Taten („Wettmafia“, „Halbmond-Mafia“) unter anderen vom Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, kritisiert worden, da sie wenig mit der Realität (nur zwei der Opfer arbeiteten in einem Dönergeschäft) zu tun hätten, allerdings eine stereotype Meinung der Mehrheitsgesellschaft über Migranten, insbesondere aus der Türkei, widerspiegeln würden.[90] Die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane, bezeichnete die Begriffe „Döner-Morde“ und „Mordserie Bosporus“ als „stereotype rassistische Klassifikationen“ und verletzend für die Opfer und ihre Angehörigen.[91] Als die Hintergründe der Taten durch die Ermittlungen seit November 2011 aufgedeckt wurden, hinterfragten auch Medien ihre Begrifflichkeiten. Unter der Überschrift „Ausgrenzung durch Sprache“ nannte Stefan Kuzmany im Nachrichtenmagazin Der Spiegel den Begriff „Döner-Morde“, den das Magazin selbst lange verwendet hatte, einen „traurigen Beweis für den latenten Rassismus der deutschen Gesellschaft.“ Er sei entmenschlichend, klischeehaft und ausgrenzend.[92]

Die Tagesspiegel-Journalistin Hatice Akyün attestierte dem Begriff, er sei so gewählt, dass er „wie eine interne Angelegenheit unter Türken wirkt“. Er berge die Versuchung, sich von den Geschehnissen distanzieren zu können, ohne die Deutungshoheit über sie verlieren zu müssen.[93] Das Deutsche Institut für Menschenrechte erklärte, Begriffe wie „Döner-Morde“ würden „mindestens Vorurteile, womöglich rassistische Einstellungen“ spiegeln und das Erkennen rassistischer Motive erschweren.[94]

Auch die Bezeichnung Mordserie Bosporus nach dem Namen der von 2005 bis 2008 ermittelnden Sonderkommission wurde nach der Identifizierung der mutmaßlichen Täter kritisch hinterfragt: Damit sei das Klischee der Ausländerkriminalität bedient und zugleich die lange verfolgte Täter-Theorie des aus dem Süden kommenden organisierten Kriminellen verfestigt worden.[95] Der Generalbundesanwalt bezeichnete die Verbrechen im November 2011 als Ceska-Morde.[96]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Nationalsozialistischer Untergrund – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Frank Jansen: Bundesanwalt verliest Anklage gegen Beate Zschäpe. In: Der Tagesspiegel, 14. Mai 2013.
  2. a b Ermittler finden Tatwaffe der Döner-Morde. In: Spiegel Online, 11. November 2011.
  3. Offener Brief: Herkunft der Opfer richtig benennen! In: Kurdische Gemeinde Deutschland (Website).
  4. Hans Leyendecker: Kampf gegen rechten Terror: „Mörder zündeln nicht, die fackeln ab“. In: Süddeutsche Zeitung, 5. Dezember 2011.
  5. Claus Peter Müller, Axel Wermelskirchen, David Klaubert: Verbrechensserie vor der Aufklärung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. November 2011.
  6. a b c d e f g Oliver Bendixen, Matthias Fink: Auf der Suche nach dem „Dönerkiller“ (Memento vom 16. September 2012 im Internet Archive) ARD-Radio-Feature des BR von 2010 (PDF; 333 kB).
  7. a b Olaf Przybilla: Mysteriöse Mordserie: Es geschah am helllichten Tag. In: Süddeutsche Zeitung, 6. August 2010.
  8. a b c Gregor Staltmaier: „Halbmond“ ermittelt in Mordserie. In: Die Welt, 10. November 2001.
  9. Stefan Aust, Dirk Laabs: Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU. Pantheon, München 2014, S. 570 f.
  10. Frank Pergande: Neonazi-Verbrechen: Der fünfte Mord. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. November 2011.
  11. Gisela Friedrichsen: Kripo-Beamter zu NSU-Mord: „Ich habe so etwas noch nicht gesehen“. In: Spiegel Online, 23. Oktober 2013.
  12. Martin Debes: Die zehn Mordopfer des NSU: Ismail Yasar. In: Thüringer Allgemeine, 5. Mai 2013.
  13. Mordserie gegen türkische Kleinunternehmer. In: Süddeutsche Zeitung, 10. Juni 2005.
  14. Andreas Winkelsträter: Kioskmord 2006 nahe am Nazi-Treff „Deutscher Hof“ in der Nordstadt. In: Der Westen, 17. November 2011.
  15. Rechter Terror: Dortmunder Nordstadt nach Mordaufklärung nicht nur beruhigt. In: Ruhr Nachrichten, 15. November 2011 (DPA-Meldung).
  16. Andrea Kinzinger: Neun tote Männer und ein mysteriöser Verfassungsschützer. In: Der Spiegel. 14. Juli 2006, abgerufen am 25. März 2015.
  17. a b Christian Denso: Auf der Jagd nach einem mörderischen Phantom. 30. Mai 2006. Abgerufen am 6. September 2013.
  18. a b Conny Neumann, Andreas Ulrich: Düstere Parallelwelten. In: Der Spiegel. Nr. 8, 2011 (online21. Februar 2011).
  19. Opferwitwe: "Sogar mich hatte die Polizei im Verdacht", Tagesspiegel, 15. November 2011
  20. Thomas Knellwolf: Die Pistole der Zwickauer Zelle kostete damals 1250 Franken. In: tagesanzeiger.ch. Tages-Anzeiger, 17. November 2011, abgerufen am 27. November 2011.
  21. Thomas Knellwolf: Die Pistole der Zwickauer Zelle kostete damals 1250 Franken. Tages-Anzeiger, 17. November 2011
  22. Maik BaumgärtnerTatwaffe der NSU-Terroristen: Die Spur der Ceska Spiegel, 18. November 2012
  23. Ceska 83 mit Schalldämpfer? Waren wohl Sammler Die Welt, 16. Oktober 2013
  24. 6 von 13 Beschuldigten im NSU-Verfahren kooperieren mit Ermittlern. In: Der Spiegel. 19. August 2012, abgerufen am 25. März 2015.
  25. Kampf gegen rechten Terror „Mörder zündeln nicht, die fackeln ab“, Süddeutsche Zeitung, 5. Dezember 2011
  26. Ausgrenzung durch Sprache. Deutsche und Döner, Spiegel online, 16. November 2011
  27. Als sei Habil Kiliç ein Mafioso gewesen Die Zeit, 11. Juli 2013
  28. Der fünfte Mord, Frankfurter Allgemeine, 15. November 2011
  29. Sieben Tote, eine Waffe – die Spur des Mörders, Hamburger Abendblatt, 23. Juni 2005
  30. Mordserie gegen türkische Kleinunternehmer, Die Süddeutsche:10. Juni 2005
  31. NSU-Ausschuss macht Behörden massive Vorwürfe, Süddeutsche Zeitung, 4. Juli 2013
  32. Neun tote Männer und ein mysteriöser Verfassungsschützer, Spiegel, 14. Juli 2006
  33. Beckstein verzehnfacht Belohnung für Hinweise auf Serienmörder, Süddeutsche Zeitung, 26. April 2006
  34. Polizei lockte Mörder mit eigenem Döner-Imbiss. Die Zeit, 10. Mai 2012
  35. Markus Decker:Polizei ging mit Döner-Bude auf Verbrecherjagd Frankfurter Rundschau, 11. Mai 2012
  36. Chiffren eines tödlichen Codes, Süddeutsche, 6. August 2006
  37. Veronica Frenzel, Der Mann mit dem richtigen Riecher, Bayerische Staatszeitung, 13. Januar 2012, S.3.
  38. Eine erschreckende Bilanz taz, 16. Mai 2013
  39. Dönermorde: Die SoKo wird erheblich verkleinert. Ermittlungen sollen aber weiter laufen. In: Nürnberger Zeitung. Nürnberg 1. Februar 2008 (Online [abgerufen am 6. September 2013]).
  40. Presseerklärung der Hamburger Polizei, Hansestadt Hamburg, 18. Juli 2007
  41. Veit Medick: Rechtsterrorismus: Polizei suchte mit Geisterbeschwörer nach NSU-Mördern. www.spiegel.de, 14. Juni 2012
  42. Conny Neumann, Sven Röbel, Andreas Ulrich: Spur der Döner-Mörder führt zur Wettmafia. Spiegel Online, 12. Dezember 2009.
  43. „Kalte Spur“ im Wettskandal (Memento vom 18. Januar 2010 im Internet Archive), Süddeutsche Zeitung, 15. Dezember 2009
  44. Conny Neumann, Andreas Ulrich: Versteck in der Schweiz. In: Der Spiegel. Nr. 34, 2011 (online22. August 2011).
  45. Barbara Hans, Birger Menke und Benjamin Schulz: Bekennervideo der Zwickauer Zelle: 15 Minuten Sadismus. In: Spiegel Online. 14. November 2011, abgerufen am 25. März 2015..
  46. Presseerklärung der Bundesanwaltschaft vom 13. November 2011, abgerufen am 15. November 2011
  47. Presseerklärung der Bundesanwaltschaft vom 29. Mai 2005
  48. Presseerklärung des Generalbundesanwalts vom 8. November 2012, abgerufen am 7. Februar 2014
  49. SPD-Politiker Edathy. Neustart mit Hindernissen. In: Spiegel Online, 18. Januar 2012. Abgerufen am 19. Januar 2012.
  50. Vernehmung zur Aktenvernichtung: Eklat im NSU-Ausschuss des Bundestags (Memento vom 18. Oktober 2012 im Internet Archive), tagesschau.de vom 18. Oktober 2012
  51. faz.net: Verfassungsschützer in „Döner-Morde“ verwickelt?, 14. Juli 2006
  52. Stefan Aust, Dirk Laabs: Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU. Pantheon Verlag München 2014, S. 603f
  53. Stefan Aust, Per Hinrichs, Dirk Laabs: Wie nah war der Verfassungsschutz den NSU-Mördern? In: Welt.de, 1. März 2015.
  54. Warten auf die Aussage von Beate Z. In: Hamburger Abendblatt, 16. November 2011.
  55. „Kleiner Adolf“ doch kein Rechter?, hr-online vom 16. November 2011.
  56. Olaf Kern: NSU-Prozess: Neonazi Benjamin G. bekam Geld vom Land. In: FNP.de, 13. März 2015.
  57. Deutscher Bundestag, Drucksache 17/14600, S. 843 (PDF).
  58. Andreas Speit: NSU-Opfer „Schmarotzer“ genannt. In: Die Tageszeitung, 1. Mai 2013.
  59. Deutscher Bundestag, Drucksache 17/14600, S. 575 (PDF).
  60. Beispielhaft Bayerischer Landtag, Drucksache 16/17740, S. 141 ff. (PDF).
  61. Ich will Antworten, keine Betroffenheit. In: Tagesschau.de, 17. Februar 2013.
  62. Nächste NSU-Panne: Polizei zahlte Erbe an falsche Frau. In: Focus.de, 17. Juni 2014.
  63. Deutscher Bundestag, Drucksache 17/14600, S. 992 (PDF); Bayerischer Landtag, Drucksache 16/17740, S. 141 (PDF).
  64. Behörden und Politik wussten seit 2000 vom rechten Terrortrio. In: SWR.de, 21. Mai 2013, abgerufen am 21. Mai 2013.
  65. NSU seit 2000 als Terrortrio bekannt (Memento vom 22. Mai 2013 im Internet Archive). In: Tagesschau.de, 21. Mai 2013, abgerufen am 21. Mai 2013.
  66. Eva Berger und Konrad Litschko: „Eine Bande aus den Bergen Anatoliens“. In: taz vom 19./20. November 2011, S. 3. http://www.taz.de/!82269/
  67. 50.000 rocken gegen Rechts, Spiegel Online vom 3. Dezember 2012
  68. Rock ’n’ Roll-Arena Jena – Für die bunte Republik Deutschland (Memento vom 1. Januar 2012 im Internet Archive) mdr.de vom 2. Dezember 2011
  69. Stefan Kuzmany: ARD-Doku über Neonazi-Opfer: Die Schande. In: Der Spiegel. 12. Dezember 2011, abgerufen am 25. März 2015.
  70. Pascal Beucker: Eine Mordserie im Hintergrund. In: die tageszeitung. 10. Juni 2006
  71. Mordserie in Deutschland: Gedenken an die Opfer rechter Gewalt. In: Die Zeit. 13. November 2011
  72. Edgar S. Hasse & Florian Hanauer: „Die Morde machen uns Angst“. In: Die Welt. 17. November 2011
  73. Christian Unger: Unternehmer: „Sind die Behörden auf dem rechten Auge blind?“. In: Hamburger Abendblatt. 17. November 2011
  74. Rechtsextremismus: Bundestag bittet Angehörige der Opfer um Verzeihung. In: Die Zeit. 22. November 2011
  75. Opfer des Rechtsterrors: Merkel bittet Angehörige um Verzeihung. In: Spiegel Online. 23. Februar 2012
  76. Mely Kiyak: Kolumne: Lieber Ismail Yozgat! In: Frankfurter Rundschau. 25. Februar 2012
  77. Tausende erinnern bei Demo an die Opfer der NSU. In: Augsburger Allgemeine. vom 13. April 2013.
  78. Gebäude des Bayerischen Flüchtlingsrats beschädigt. In: nordbayern.de 15. April 2013.
  79. Daniel Bax: Kommunen gedenken an NSU-Opfer: Ein Halit-Platz für Kassel. In: die tageszeitung. 3. April 2012
  80. Mahnmal für NSU-Opfer fehlerhaft, dradio.de vom 17. Juli 2013
  81. Morde der NSU – Gedenkstein für Dortmunder Opfer der NSU-Mordserie enthüllt. In: Hamburger Abendblatt. 24. September 2012
  82. Kassel: Halitplatz erinnert an NSU-Opfer. In: Hessischer Rundfunk. 1. Oktober 2012.
  83. Lee Hielscher: De/Realität des Terrors. Eine stadträumliche Dokumentation von Blickachsen an ehemaligen Lebensmittelpunkten der Opfer des NSU Terrors. In: movements. Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung. Band 2, Nr. 1, 26. September 2016 (movements-journal.org [abgerufen am 28. September 2016]).
  84. Gedenkstein und Kunstwerk für Mehmet Turgut (Memento vom 22. Februar 2014 im Internet Archive), ndr.de vom 16. Juni 2013
  85. Gedenktafeln für NSU-Opfer enthüllt, in: Süddeutsche Zeitung, 8. November 2013
  86. Seite des bayerischen Kultusministeriums für die Gedenktafeln
  87. Christian Fuchs, John Goetz: Die Zelle. Rechter Terror in Deutschland. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2012, S. 182 f.
  88. Unwort des Jahres 2011. In: Spiegel Online, 17. Januar 2012.
  89. Pressemitteilung der GfdS zum Unwort des Jahres 2011.
  90. Vorsitzender der Türkischen Gemeinde: „Der Begriff Döner-Morde macht mich wütend“. In: Frankfurter Rundschau, 15. November 2011.
  91. Julia Kuttner: Interview zur Mordserie an Migranten: „Dieses Gelaber ist so unwürdig“. In: Tagesschau.de, 16. November 2011; Ramona Ambs: Alles Döner oder was? In: Publikative.org, 14. November 2011.
  92. Stefan Kuzmany: Ausgrenzung durch Sprache: Deutsche und Döner. In: Spiegel Online, 16. November 2011.
  93. Hatice Akyün: Mein Glaube an den Staat ist erschüttert. In: Der Tagesspiegel, 21. November 2011.
  94. Durch Sprache wurden Opfer symbolisch ausgebürgert. In: Der Tagesspiegel, 19. November 2011.
  95. Ausgrenzung durch Sprache. Deutsche und Döner. In: Spiegel Online, 16. November 2011.
  96. Weitere Festnahme im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen Mitglieder und Unterstützer der terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)“. Pressemitteilung des Generalbundesanwalts, 29. November 2011.