Moschus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Sibirisches Moschustier (Moschus moschiferus)[1]
Moschusbeutel
Phantasierte Abbildung eines Moschustiers im Gart der Gesundheit. Mainz 1485

Moschus (deutsch seit dem 17. Jahrhundert; wie lateinisch muscus; von griechisch μόσχος moschos und dies laut Walde und Hofmann[2] über altpersisch musk von altindisch muskah, ‚Hoden‘) ist das getrocknete, pulverförmige und stark riechendes Sekret, ein Duftstoff aus dem haarigen Moschusbeutel (Präputialdrüse zwischen Nabel und Penis) vom männlichen Moschustier.[3]

Zur Sekretgewinnung musste man bis Ende der 1950er Jahre noch die Moschushirsche töten; heute werden in China Moschusfarmen betrieben, wo durch Ausschaben der Drüse jährlich etwa 10 Gramm Sekret pro Moschushirsch gewonnen werden. Allerdings ist hier die Qualität viel schlechter und die Menge deutlich geringer. Zudem werden die Hirsche traumatisiert und können dann auch sterben.[4][5] Die rötlich-braune, salbige Masse (der Moschus) wird nach dem Trocknen, bröcklig und dunkelbraun. Die bis etwa 50 Gramm schweren Beutel enthalten bei wilden Tieren etwa zur Hälfte den Moschus.[6] Heute werden industriell hergestellte Ersatzstoffe bei Herstellung von Parfümen und Seifen verwendet. Moschus enthält Bestandteile, die Strukturähnlichkeiten mit Pheromonen haben und aphrodisierend wirken sollen.[7]

Moschusduft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Bestandteil von Parfüms soll der Duft von Moschus eine „animalische“ und eine „strahlend-süße“ Duftnote vereinen. Das „animalische Element“ vermittle beim Menschen Wärme und damit Empfindungen der Geborgenheit sowie des sexuellen Reizes. Der Duftstoff soll dabei sparsam und unterhalb der Grenze bewusster Wahrnehmung eingesetzt werden.[8] Moschusnoten werden nicht nur als Duftstoffe eingesetzt, sondern finden sich vereinzelt auch als Aromen in Lebensmittel. So werden z. B. in Australien Süßigkeiten mit Moschusgeschmack vertrieben.[9][10]

Natürlicher Moschus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der deutsche Chemiker Heinrich Walbaum (1864–1946) konnte im Jahre 1906 die Hauptkomponente von Moschus in Form weißer Kristalle isolieren.[11] Er nannte die Verbindung Muscon, die Struktur wurde 1926 von Lavoslav Ružicka geklärt.[12]

Natürliches Muscon wird aus Moschus gewonnen, der schon seit Jahrhunderten als Parfum dient. Es ist eine ölige Flüssigkeit, die in der Natur als Enantiomer (R)-(−)-3-Methylcyclopentadecanon vorgefunden wird. Ursprünglich wurde nur das Sekret aus einer Drüse am Bauch des Moschustiers vor den Geschlechtsorganen „Moschus“ genannt. Bereits im Altertum war Moschus über die Vermittlung durch die Perser bekannt; Moschushirsche lebten an den Ostgrenzen ihres Reiches.[13][14]

Der Begriff „Moschus“ wird auch auf Drüsensekrete anderer Tiere und auf Pflanzensäfte, die einen ähnlichen Geruch haben, angewandt.[15] Unter den Tieren sondern Moschusochsen, Moschusböcke, Bisamratten, Desmane und Moschusenten solchen „falschen Moschus“ ab; bei den Pflanzen sind dies die Gauklerblume und der Abelmoschus, sowie z. B. Olearia argophylla (australisches Bisamholz), die Duftende Bisamblume, die Moschus-Malve, die Rosa moschata (gefüllte Sorten) oder das Moschuskraut u. a.[16]

Pharmaziegeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abbildung und Text zum Kapitel Muscus im Tacuinum sanitatis in medicina, 12. Jh.[17]

Die europäischen Medizinschriftsteller der Antike, so auch Dioskurides, Plinius und Galen, erwähnten den Moschus nicht. Erst die arabischen Ärzte berichteten über diese als äußerst kostbar angesehene Droge, die von einem in „Indien“, also im Himalaya, lebenden gazellenähnlichen Tier stamme, das „zwei weiße lange Zähne wie zwei Hörner“ habe. Nach der Säftelehre wurde der Moschus als „Warm und Trocken im Zweiten Grad“ eingestuft. Man schrieb ihm bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zu, allgemein kräftigend und belebend sowie nervenstärkend und krampflösend zu wirken.

Quelle: Arabisches Mittelalter [18][19][20][21][22] Lateinisches Mittelalter [23][24][25][26] 17.–18. Jahrhundert[27][28][29] 19.–20. Jahrhundert[30][31]

Anwendung im Sport[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die orale Anwendung von Moschus gehört zur chinesischen Volksmedizin, erhöht den Testosteronspiegel und gilt daher als Doping. Das fanden Forscher des Kölner Anti-Doping-Labors eher zufällig heraus, die bei erhöhten Testosteronwerten die Personen nach der Quelle befragten und dann mit Hilfe des Kölner Zoos Original-Moschus testeten und die Aussagen überprüften.[32]

Künstlicher Moschus und Ersatzstoffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Künstlicher Moschus

Dem Chemiker Albert Baur gelang 1888 als erstem die Herstellung von künstlichem Moschus (Moschus Baur).[33] Etwas später folgte das billigere Konkurrenzprodukt Tonquinol. Heutzutage werden Moschus und Muscon (Hauptduftstoff von Moschus) aus Gründen des Artenschutzes synthetisch hergestellt. Der Begehrtheit des tierischen Originalmoschus tut dies allerdings wenig Abbruch, vor allem, da er auch in der Traditionellen Chinesischen Medizin Bedeutung hat und dort kein synthetischer Ersatzstoff eingesetzt wird. Synthetisch hergestelltes Muscon ist ein Racemat, besteht also aus einem 1:1-Gemisch von (R)-(−)-3-Methylcyclopentadecanon und (S)-(+)-3-Methylcyclopentadecanon.[1]

Künstliche Ersatzstoffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Industriell werden vor allem polycyclische Moschusersatzstoffe statt des natürlichen Moschus für Kosmetika und die Parfümierung von Waschmitteln eingesetzt. Es handelt sich dabei meist um Gemische aus Substanzen mit den Handelsnamen Galaxolid (HHCB) und Tonalid, seltener auch Celestolid und Pantolid.[34][35] Früher wurde auch häufig Moschusxylol verwendet. Die künstlichen Ersatzstoffe sind allerdings nicht ganz unbedenklich.[36]

Umweltverträglichkeit der Ersatzstoffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Polycyclische Moschusersatzstoffe (vgl. Cashmeran) sind kaum wasserlöslich und haben eine geringe Polarität.[37] Durch diese lipophilen Eigenschaften reichern sie sich im Fettgewebe an (Bioakkumulation).[37] Ihre Verwendung in Kosmetikprodukten ist daher umstritten. Aufgrund ihrer schweren Abbaubarkeit werden sie durch die Abwasseraufbereitungsprozesse in kommunalen Kläranlagen nur teilweise aus den Abwässern entfernt. Daher sind Galaxolid und Tonalid, untergeordnet auch Celestolid und Pantolid, in Wasser, Sedimenten und Schwebstoffen aller deutschen Flüsse nachweisbar.

Zusammensetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Strukturformel von Muscon

Bestandteile von Moschus sind:

Literatur und Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lukas Schröck: Historia moschi. Ad normam academiæ naturæ curiosorum conscripta. Göbel, Augsburg 1682.
  • Tilman Achtnich: Der Geruch des Todes. Moschus – vom teuersten Duft der Welt. Südwestrundfunk, 2001 (Filmdokumentation).
  • D. J. Rowe: Chemistry and technology of flavors and fragrances. Blackwell, Oxford u. a. 2005, S. 143–165 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Moschus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Bernd Schäfer: Naturstoffe in der chemischen Industrie. Spektrum Akademischer Verlag, 2007, ISBN 978-3-8274-1614-8, S. 118–119.
  2. Alois Walde: Lateinisches etymologisches Wörterbuch. 3. Aufl. besorgt von Johann Baptist Hofmann, I–III, Heidelberg 1938–1965, II, S. 134.
  3. Ruth Spranger: Zur Verwendung des Moschus (Bisam) und seiner Ersatzstoffe in der mittelalterlichen Medizin, insbesondere im ‚Breslauer Arzneibuch‘. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 17, 1998, S. 181–186, hier: S. 181 f.
  4. Musk Deere bei Tibet Nature Environmental Conservation Network , abgerufen am 7. Juni 2018.
  5. Anya H. King: Scent from the Garden of Paradise. Brill, 2017, ISBN 978-90-04-33624-7, S. 21.
  6. Fred Winter: Handbuch der gesamten Parfumerie und Kosmetik. Springer, 1927, ISBN 978-3-662-37394-1 (Reprint), S. 88.
  7. Johannes Friedrich Diehl: Chemie in Lebensmitteln Rückstände, Verunreinigungen, Inhalts- und Zusatzstoffe. John Wiley & Sons, 2012, ISBN 978-3-527-66084-1 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. Moschus – König der Düfte. In: gesundheit.de. 4. Juli 2017, abgerufen am 5. März 2018.
  9. Lifesaver Musk - Candy Blog. Abgerufen am 5. März 2018.
  10. The Lone Baker - Journal - Musk Sticks. Abgerufen am 5. März 2018 (englisch).
  11. H. Walbaum: Das natürliche Moschusaroma. In: Journal für Praktische Chemie. 73, 1906, S. 488, doi:10.1002/prac.19060730132.
  12. L. Ruzicka: Zur Kenntnis des Kohlenstoffringes VII. Über die Konstitution des Muscons. In: Helvetica Chimica Acta. 9, 1926, S. 715, doi:10.1002/hlca.19260090197.
  13. Georg Schwedt: Betörende Düfte, sinnliche Aromen. John Wiley & Sons, 2012, ISBN 978-3-527-64118-5 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  14. Goutam Brahmachari: Chemistry and Pharmacology of Naturally Occurring Bioactive Compounds. CRC Press, 2013, ISBN 978-1-4398-9167-4, S. 16 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  15. Ruth Spranger: Zur Verwendung des Moschus (Bisam) und seiner Ersatzstoffe in der mittelalterlichen Medizin, insbesondere im ‚Breslauer Arzneibuch‘. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 17, 1998, S. 181–186.
  16. Eduard Martiny: Naturgeschichte der für die Heilkunde wichtigen Thiere... Leske, 1847, S. 75, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
  17. = Ibn Butlan. 11. Jh. Taqwim es-sihha. Tacuinum sanitatis in medicina. Druck in lateinischer Übersetzung. Johann Schott. Straßburg 1531, S. 111, (Digitalisat).
  18. Avicenna. 10.-11. Jh. Kanon der Medizin. Überarbeitung durch Andrea Alpago (1450–1521). Basel 1556. Buch II. Einfache Arzneimittel Kapitel 460: De Muscho (Digitalisat).
  19. Konstantin der Afrikaner. 11. Jh. Liber des gradibus simplicium = Übersetzung von Liber des gradibus simplicium des Ibn al-Dschazzar. 10. Jh. Druck. Opera. Basel 1536, S. 354, (Digitalisat).
  20. Circa instans. 12. Jh. Druck. Venedig 1497, Blatt 203v (Digitalisat).
  21. Pseudo-Serapion. 13. Jh. Druck. Venedig 1497, Blatt 123r (Digitalisat)
  22. Abu Muhammad ibn al-Baitar. 13. Jh. Kitāb al-jāmiʿ li-mufradāt al-adwiya wa al-aghdhiya - Große Zusammenstellung über die Kräfte der bekannten einfachen Heil- und Nahrungsmittel. Übersetzung. Joseph Sontheimer unter dem Titel Große Zusammenstellung über die Kräfte der bekannten einfachen Heil- und Nahrungsmittel. Hallberger, Stuttgart Band II 1842, S. 513–516, (Digitalisat).
  23. Konrad von Megenberg. 14. Jh. Hauptquelle: Thomas von Cantimpré, Liber de natura rerum. Ausgabe. Franz Pfeiffer. Konrad von Megenberg. Buch der Natur. Aue, Stuttgart 1861, S. 151, (Digitalisat).
  24. Gart der Gesundheit. Peter Schöffer, Mainz 1485, Kapitel 272, (Digitalisat).
  25. Hortus sanitatis. Jacobus Meydenbach, Mainz 1491, De animalibus, Kapitel 100 (Digitalisat).
  26. Hieronymus Brunschwig. Liber de arte distillandi de compositis. Johann Grüninger, Straßburg 1512, S. 80r (Digitalisat).
  27. Nicolas Lémery: Dictionnaire universel des drogues simples, contenant leurs noms, origines, choix, principes, vertus, étymologies, et ce qu’il y a de particulier dans les animaux, dans les végétaux et dans les minéraux. Laurent d'Houry, Paris, 1699 Deutsche Übersetzung: Vollständiges Materialien-Lexicon. Vollständiges Materialien-Lexicon. Zu erst in Frantzösischer Sprache entworffen, nunmehro aber nach der dritten, um ein grosses vermehreten Edition […] ins Hochteutsche übersetzt / Von Christoph Friedrich Richtern, […]. Leipzig: Johann Friedrich Braun, 1721, S. 744–746 (Digitalisat).
  28. Johann Baptista du Halde. Ausführliche Beschreibung des Chinesischen Reichs und der grossen Tartarey. 3. Teil. Johann Christian Koppe, Rostock 1749, S. 517–519: Von dem Musc oder Bisam (Digitalisat)
  29. William Cullen. Lectures on the materia medica. Deutsch. J. P. Ebeling, Weygand, Leipzig 1781, S. 429, (Digitalisat).
  30. Theodor Husemann.: Handbuch der gesammten Arzneimittellehre. Springer, Berlin 1873–1875, Springer, 2. Aufl., Berlin 1883, Band II, S. 930–933 (Digitalisat) 3. Aufl., Springer, Berlin 1892, S. 490–492 (Digitalisat).
  31. Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis. 9. unveränderter Abdruck, Julius Springer, Berlin 1920, S. 406–409, (Digitalisat).
  32. M. Thevis, W. Schänzer, H. Geyer u. a.: Traditional Chinese medicine and sports drug testing: identification of natural steroid administration in doping control urine samples resulting from musk (pod) extracts. In: Br. J. Sports Med. 47(2), 2013, S. 109–114, vgl. Arnd Krüger: Naturmedizin. In: Leistungssport (Zeitschrift). 42, 5, 2012, S. 31. (PDF).
  33. Wolfgang Legrum: Riechstoffe, zwischen Gestank und Duft. 2. Auflage, Springer, 2015, ISBN 978-3-658-07309-1, S. 167.
  34. Peter Brandt: Berichte zur Lebensmittelsicherheit 2007 Lebensmittel-Monitoring. Springer-Verlag, 2009, ISBN 978-3-7643-8913-0, S. 76 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  35. Günter Fred Fuhrmann: Toxikologie für Naturwissenschaftler Einführung in die Theoretische und Spezielle Toxikologie. Springer Science & Business Media, 2006, ISBN 3-8351-0024-6, S. 331 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  36. Künstliche Moschus-Duftstoffe (PDF), bei Greenpeace, abgerufen am 7. Juni 2018.
  37. a b Umweltbundesamt: Fact Sheet Polymoschusverbindungen (Memento vom 12. November 2011 im Internet Archive) (PDF; 35 kB).