Russisch-Orthodoxe Kirche

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Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau

Als Russisch-Orthodoxe Kirche (russisch Русская Православная Церковь, wiss. Transliteration Russkaja Pravoslavnaja Cerkov) werden die autokephale orthodoxe Kirche von Moskau und Russland (Patriarchat von Moskau und ganz Russland) einschließlich der Diözesen der Diaspora, die ihr verbundenen "autonomen Kirchen" und einige der von ihr abgespaltenen Kirchen (Altorthodoxe, Russische Auslandskirche) bezeichnet.

Die orthodoxen Kirchen des Patriarchats von Moskau bilden gemäß dem nicäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis zusammen mit den anderen orthodoxen Kirchen die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische Kirche. Größter russisch-orthodoxer Kirchenbau ist die Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktor Wasnezow: Taufe Wladimirs (1890)

Aufgebaut wurde die Russisch-Orthodoxe Kirche, nachdem Großfürst Wladimir I., Herrscher der Kiewer Rus, 988 die Taufe empfangen hatte, ein Ereignis, das am Beginn der Christianisierung der Rus (russ. Крещение Руси) stand, in deren Verlauf auch die Bevölkerung getauft wurde. Die Annahme des griechisch-orthodoxen Christentums mit Dogma, Kultus, Kirchenlehre, Kirchenrecht und Verfassung prägte die Kultur der Ostslawen in vielfältiger Weise. Die herrschaftsstützende Lehre der Russisch-Orthodoxen Kirche, dass alle Obrigkeit von Gott komme, festigte die Stellung des Fürsten von Kiew erheblich. Durch die Annahme des Glaubens steigerte sich das Prestige der Kiewer Fürsten, wodurch das Kiewer Reich Ebenbürtigkeit mit den anderen christlichen Völkern erhielt. Besonders während der Tatarenherrschaft wurde das Zusammenwachsen der russischen Fürstentümer unter Moskauer Führung durch den einigenden Glauben vorangetrieben. Gleichzeitig grenzte sich das Kiewer Reich durch die Annahme des Christentums griechisch-orthodoxer Glaubensrichtung vom lateinisch geprägten Abendland ab. Diese religiöse Grenze führte zu einer Eigenentwicklung der russischen Kultur, die sich erst ab dem 18. Jahrhundert unter den Säkularisierungsbemühungen Peters I. verringerten.[1]

Der untere, schräge Querbalken des russisch-orthodoxen Kreuzes symbolisiert den Übergang von der „Hölle“ zum „Himmel“. Eine weitere Deutung ist, dass Jesus gezwungen wurde darauf seine Füße abzustellen und somit der Eindruck einer demütigenden Position des Knieens erweckt wurde.
Die Sophienkathedrale im Nowgoroder Kreml ist der zweitälteste erhaltene russisch-orthodoxe Kirchenbau.

Die Kirche Kiews wurde als Teilkirche des Patriarchates von Konstantinopel zunächst von Exarchen verwaltet, was keine Auswirkungen auf die politische Selbständigkeit der Kiewer Großfürsten hatte. Die ersten Metropoliten kamen noch aus Griechenland und Bulgarien. Metropolitensitz war als erstes Kiew, ab 1326 auf Wunsch des Metropoliten Peter Moskau. Der letzte griechische Metropolit war Isidor von Kiew, der 1441 wegen seiner Zustimmung zur Kirchenunion von Florenz vom Moskauer Großfürsten Wassili II. abgesetzt wurde. Am 15. Dezember 1448, fünf Jahre vor dem Fall des bereits zunehmend handlungsunfähigen Konstantinopel, wählte die Synode der russischen Bischöfe ohne voriges Einverständnis des Patriarchen von Konstantinopel Bischof Iona von Rjasan zum „Metropoliten von Kiew und ganz Russland“, was eine faktische Trennung von der byzantinischen Mutterkirche bedeutete. Im Januar 1589 schlug eine Moskauer Kirchensynode dem Zaren Fjodor I. drei Kandidaten für die Besetzung des neu errichteten Patriarchats in Moskau vor. Der Zar wählte den bisherigen Moskauer Metropoliten Iov. Eine ökumenische Synode in Konstantinopel unter Beteiligung aller Patriarchen der Ostkirche bestätigte 1590 die Errichtung des neuen Patriarchats in Moskau und wies ihm – nach Jerusalem – den fünften Rang zu.

Aufgrund seiner vielen Kirchen und Klöster und seiner Bedeutung für die orthodoxe Christenheit war Kiew seit dem Mittelalter als Jerusalem des Nordens bezeichnet worden, oder auch Jerusalem des Ostens. Ferner wird Kiew aufgrund seiner geschichtlichen Rolle als Mutter aller russischen Städte bezeichnet.

Spaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1652 initiierte der damalige Patriarch Nikon die erste Reform des russischen Ritus. Es wurde behauptet, der russische Ritus wäre – wegen Fehlern beim Kopieren der Kirchenbücher – abgewichen vom griechischen Urtext und Ritus. Dieser Standpunkt diente für Nikon und seine Anhänger als Rechtfertigung, Kirchenreformen durchzuführen. Diejenigen, die die Rechtmäßigkeit dieser Revisionen bestritten, wurden auf dem Konzil von 1666 bis 1667 mit dem Anathema belegt. Diese Ereignisse haben zu einem Schisma geführt, und seitdem existieren die Altorthodoxen (auch Altritualisten oder Altgläubigen genannt) getrennt von der Großkirche. Gegner dieser Kirchenreformen wurden verfolgt, und Zehntausende wurden hingerichtet. 1971 hat die Großkirche vom Patriarchat Moskau den Fluch über den altrussischen Ritus aufgehoben.

Abschaffung des Patriarchats[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits 1721, 132 Jahre nach Gründung des Patriarchats, wurde der Patriarch unter dem westlich denkenden Zaren Peter I. nach deutsch-lutherischem Vorbild durch einen Heiligen Synod ersetzt, der weltlicher Kontrolle unterstand. Die Folge war eine immer stärkere Verweltlichung der Kirche und ihre Verquickung mit dem russischen Establishment; als Sprecherin der Armen und Unterdrückten fiel sie damit weitgehend aus.

Wiedereinführung des Patriarchats[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der ersten russischen Revolution 1905 entstanden in der Kirche allmählich weitreichende Reformbestrebungen. Daraufhin wurde 1917 das Patriarchat wieder eingeführt und mit dem Erzbischof Tichon besetzt, der als modern und tatkräftig galt; 1918 wurde die Trennung von Kirche und Staat in Russland vollzogen. Die meisten weiteren geplanten Reformen fanden wegen der einsetzenden Verfolgung nicht mehr statt, die damaligen Pläne werden aber teilweise seit dem Ende der Sowjetunion vorsichtig wieder aufgegriffen.

Nach der Oktoberrevolution[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Oktoberrevolution von 1917 war das Verhältnis zwischen Kirche und Staat gespannt, sie vertraten gegensätzliche Positionen. Die Sowjetmacht sah in der Russisch-Orthodoxen Kirche einen Verbündeten des russischen Zarentums, der trotz dessen Sturz die ausbeutende Gesellschaftsordnung, die sie beseitigen wollte, weiter verfocht. Die Kirche wiederum war durch Herkunft, Erziehung und Besitz mit der überkommenen Ordnung verbunden. Sie sah ihre gesellschaftliche Vorrangstellung mit den Privilegien, Wirkungsmöglichkeiten und Besitzrechten als Voraussetzung für ihren Dienst zum Heil des Menschen. Die auf die Verwirklichung menschlicher Grundanliegen ausgerichtete Zielrichtung der Revolution wurde von der kirchlichen Hierarchie und den kirchlichen Laien verkannt.

Die Deklaration vom 2. November 1917 über die Rechte der Völker Russlands hob alle religiösen Vorrechte auf, auch die Privilegien der russischen Kirche. Das Grundsatzdekret vom Januar 1918 „Über die Trennung der Kirche vom Staat und der Schulen von der Kirche“ verordnete einerseits Gewissensfreiheit und freie Religionsausübung, verbot andererseits den Glaubensgemeinschaften das Eigentumsrecht sowie das zwangsweise Erheben von Geldbeiträgen. Alle staatlichen Zahlungen an Kirchen, Geistliche und Religionslehrer wurden 1918 eingestellt. Zwei Dekrete von 1917 über das Eigentum an Grund und Boden betrafen nicht nur Ländereien von Gutsbesitzern und Krone, sondern auch die von Kirche und Klöstern, die bis dahin deren wichtigste materielle Grundlage gebildet hatten. Im Vergleich zur Zeit vor 1917, als es 54.174 Kirchen, etwa 26.000 Kapellen und 1.025 Klöster gab, blieben 1936 nur etwa 100 Kirchen, in denen noch regelmäßig die Liturgie gelesen wurde („arbeitende Kirchen“), und kein einziges Kloster. Tausende kirchlicher Gebäude fielen einer Art Bildersturm zum Opfer, indem man sie abriss oder profan umfunktionierte. Die Bolschewiki betrieben besonders in den frühen Jahren der Sowjetunion massive Christenverfolgungen, unter Lenin und Stalin gab es Massenhinrichtungen und Deportationen in den Gulag.

Um die Patriatskirche zu konsolidieren und eine staatliche Anerkennung zu erhalten, musste das Verhältnis zum Sowjetstaat geordnet werden. Dazu musste sich die Patriatskirche neu orientieren und die gesetzlich festgelegte Trennung von Kirche und Staat verwirklichen. Im Juni 1927 konnte Metropolit Sergi eine behördliche Registrierung der Russisch-Orthodoxen Kirche erreichen. Eine Deklaration vom Juni 1927 verlieh der Haltung der Kirche gegenüber Staat und Gesellschaft neu Ausdruck. Darin wurde betont, rechtgläubig bleiben und gleichzeitig auch der Sowjetmacht loyal dienen zu wollen. Die Sowjetunion müsse als bürgerliche Heimat anerkannt werden.

In den Randgebieten zur Sowjetunion, aber auch in anderen Teilen der Welt, gab es zahlreiche Gemeinden, auch solche, die sich nach der Revolution aus Emigranten des ehemaligen Zarenreichs gebildet hatten. 1920 schufen sie eine auslandsrussische Kirchenleitung, der etwa 1.000 Gemeinden und 24 Klöster unterstanden. Diese Russisch-Orthodoxe Auslandskirche betrachtete sich weiterhin als unabtrennbaren Teil der russischen Gesamtkirche. Nach der serbischen Stadt ihrer Bischofskonferenz Sremski Karlovci wurde sie die „Karlowitzer Richtung“ genannt wurde. Obwohl die Deklaration von 1927 vom Metropoliten Sergi als Stellvertreter des Patriarchatsverwesers und den acht Mitgliedern des provisorischen Heiligen Synod unterzeichnet worden war, wies sie diese als „Loyalitätserklärung“ zurück. Das „eindeutig antisowjetische Auftreten einiger unserer Oberhirten und Hirten im Ausland habe den Beziehungen zwischen Regierung und Kirche sehr geschadet“, war darin zu lesen. Daraufhin trennte die Russisch-Orthodoxe Auslandskirche ihre Verwaltungsbindungen an die russische Mutterkirche auf und verwaltete sich selbst.

Engagement im Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein deutlicher Schwenk im Verhältnis zwischen Staat und Kirche trat erst nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion ein, sodass sich ab 1941 das Glaubensleben erneut entfaltete. Das gläubige Volk eröffnete etwa 10.000 Kirchen wieder, ohne von den deutschen Besatzern daran gehindert zu werden.

Stalin reagierte darauf positiv auch mit Hinblick auf die politische Perspektive des Nahen Ostens und Osteuropas. Am 4. September 1943 führten drei hochrangige Bischöfe ein nächtliches Gespräch mit Stalin, bald danach wurde der Patriarchatsverweser Metropolit Sergi zum Patriarchen gewählt. Dabei festigten Solidaritätserklärungen von Bischöfen gegenüber dem angegriffenen Vaterland und seiner kommunistischen Führung die Reputation der Kirche. Metropolit Sergi zu Spenden für die Finanzierung einer Panzerkolonne aufgerufen hatte, wurde diese Einheit 1944 in die Rote Armee eingegliedert. Im Januar 1945 wurde Alexij I. zum Patriarchen gewählt.

Höhlenkloster von Kiew

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Kirche wieder eingeschränkt geduldet, stand aber unter strenger staatlicher Kontrolle und hatte stets mit Unterdrückungsmaßnahmen zu rechnen. Die kommunistische Führung in Moskau setzte die Kirchenleitung im Sinne eigener außenpolitischer Interessen ein, erst anti-ökumenistisch (Konzil 1948), ab 1961 im Weltkirchenrat pro-ökumenistisch. Im In- und Ausland befand sich die Kirche und vor allem ihre offizielle Leitung in einer ambivalenten Situation. Den Verfolgungen unter Chruschtschow Anfang der 1960er Jahre folgte weitere Bedrängnis in der Breschnew-Ära. Die Zahl der Kirchen nahm von etwa 14.000 im Jahre 1948 wieder stetig ab, auf 6.794 im Jahre 1987.

Russische Orthodoxie im Ausland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Gemeinden im kommunistischen Machtbereich (Osteuropa, Ostdeutschland) in das Moskauer Patriarchat eingegliedert.

Patriarch Alexi wiederholte 1945 Tichons Aufforderung an die Angehörigen der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland, zur Mutterkirche zurückzukehren. Im Lauf der Jahre kehrten viele Gemeinden und Geistliche auch zurück, die offizielle Wiedervereinigung mit dem Patriarchat Moskau, als autonome Kirche, fand aber erst 2007 statt.

In anderen Ländern, vor allem in Deutschland, USA, Südamerika und Australien, bildeten sich nach 1945 etwa 400 neue Flüchtlings-Gemeinden.

Heiliges Land[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Besonders scharf war der von der sowjetischen Politik bedingte Konflikt im Heiligen Land. Im 19. Jahrhundert hatte sich in Russland ein sehr aktives Pilgerwesen mit Reisen an die alten heiligen Stätten entwickelt und die Zaren betrachteten sich gegenüber dem Osmanischen Reich als Schutzherren der orthodoxen Christen im Heiligen Land, welche dort die Mehrheit der Christen darstellen. Auch hatte die russische Kirche, und der russische Staat, umfangreichen Landbesitz in Palästina, darunter viele Klöster mit russischen Mönchen.

Nach der Anerkennung Israels durch die Sowjetunion 1948 wurde russisch-orthodoxes Kircheneigentum durch den Staat Israel an den Sowjetstaat übergeben. Mönche und Nonnen flohen nach Jordanien, kamen aber auch nach England. Am 27. Januar 1964 verkaufte die Sowjetunion das in Israel befindliche Eigentum der Russisch-Orthodoxen Kirche im Umfang von 4,5 Mio. US-Dollar an Israel. Nach dem Sechstagekrieg 1967 übereignete Israel zwar keine auslandsrussischen kirchlichen Besitztümer in Ostjerusalem und den besetzten Gebieten an die UdSSR.[2] Dies unternahm jedoch die palästinensische Autonomiebehörde unter Arafat: Die Klöster in Hebron 1997 und Jericho 2000 wurden gewaltsam eingenommen, wodurch der 1993–1997 angelaufene Annäherungsprozess zwischen den beiden Teilen der Russischen Kirche empfindlich gestört wurde. Die Vorgespräche, die zwischen den beiden russisch-orthodoxen Diözesen in Deutschland stattfanden, wurden unterbrochen.[3]

Im neuen Russland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Russland war ein neues Verhältnis zwischen Kirche und Staat bereits im Zuge der Vorbereitungen zur 1000-Jahr-Feier der Taufe Russlands im Jahr 1988 deutlich geworden, um dann mit der Auflösung der Sowjetunion im Jahre 1991 neu geschrieben zu werden.[4]

Auf dem Moskauer Konzil vom Jahre 2000 wurde die Heiligsprechung von Neumärtyrern, die zum offiziellen Moskauer Patriarchat in Opposition gestanden hatten, vorgenommen. Weiterhin erklärte die neue „Sozialdoktrin“ die Positionen der „Loyalitätserklärung“ von 1927 faktisch für ungültig. Beide Seiten unternahmen Schritte zur Annäherung, zunächst durch zwei historische Konferenzen, 2001 in Szentendre/Ungarn und 2002 in Moskau. 2004 kam es zur Einsetzung von Dialog-Kommissionen, deren Arbeit von den Konzilien beider Teile der russischen Kirche angenommen wurden, so dass im „Akt der kanonischen Gemeinschaft“ die durch die Sowjetzeit bedingte Trennung am 17. Mai 2007 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale, in Gegenwart des New Yorker Metropoliten Laurus (Lawr, Laurus Schkurla) und des Patriarchen Alexius II. und im Beisein von Russlands Präsident Wladimir Putin, offiziell für beendet erklärt wurde.[5]

Das Landeskonzil von 1991 wählte Alexius II. zum Patriarchen der russischen orthodoxen Kirche. Nach dessen Tod am 5. Dezember 2008 wurde Metropolit Kyrill von Smolensk und Kaliningrad am 6. Dezember 2008 als übergangsweiser Statthalter („locum tenens“) des Patriarchenamtes für eine Amtszeit von maximal sechs Monaten gewählt. Am 27. Januar 2009 wurde Kyrill von Smolensk und Kaliningrad zum neuen Patriarchen der russischen orthodoxen Kirche gewählt.[6]

Patriarch Kyrill I. bei seiner Inthronisation 2009

Seit dem Niedergang der Sowjetunion erlebt die Russisch-Orthodoxe Kirche eine Renaissance. Heute hat sie wieder etwa 150 Millionen Mitglieder[7] und hat mit dem Wiederaufbau und Neubau mehrerer großer Kathedralen begonnen. Hierzu gehört beispielsweise die Kaliningrader Christ-Erlöser-Kathedrale.

Eines der bekanntesten russisch-orthodoxen Klöster ist das seit 1993 als Weltkulturerbe ausgezeichnete Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad.

Nach der Entstehung unabhängiger Staaten aus der Sowjetunion bildeten sich eigene nationale orthodoxe Kirchen. Die Weißrussisch-Orthodoxe Kirche, die Moldauisch-Orthodoxe Kirche, die Russisch-Orthodoxe Kirche in Kasachstan und die die autonome Ukrainisch-Orthodoxe Kirche blieben beim Patriarchat Moskau. Andere Kirchen wie die estnische orthodoxe Kirche lösten sich.

Innerkirchlich stark umstritten war die Heiligsprechung des letzten Zaren und seiner Familie, die unter Lenin getötet worden waren. Als Kompromiss wurden sie zwar heiliggesprochen, aber nicht offiziell als Märtyrer benannt. Wladimir Putin gibt sich heute betont gläubig.

In ihren ökumenischen Kontakten distanziert sich die Kirche von anderen Kirchen, deren Amtsträger nicht im Einklang mit russisch-orthodoxen Vorstellungen über die Rollen von Männern und Frauen leben (so z. B. Gene Robinson und Margot Käßmann).[8]

Im Juli 2008 beschloss die russische orthodoxe Kirche ihre Grundlagenlehre über die Würde, die Freiheit und die Menschenrechte.[9] Dieses Lehrdokument knüpft an die im August 2000 verabschiedete Sozialdoktrin[10] an und dient als Basis des gesellschaftlichen Dialogs zu Menschenrechtsfragen auf nationaler und internationaler Ebene.[8] An der Ausarbeitung der russischen Erklärung der Menschenrechte,[11] die 2006 vom Weltkonzil des Russischen Volkes beschlossen wurde, hatte die russische orthodoxe Kirche wesentlichen Anteil.[12]

Hinsichtlich der Beziehungen zum Staat orientiert sich die Russisch-Orthodoxe Kirche, der orthodoxen Tradition entsprechend, am Ideal der Symphonie zwischen Kirche und Staat.[13]

Bildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2006 ist der Religionsunterricht in russischen Schulen wieder eingeführt. Die Russisch-Orthodoxe Kirche plädiert auch für eine Stärkung des russischen Staates und eine Entwicklung von nationalen geistigen Werten.

Die bedeutendsten Bildungseinrichtungen der Russisch-Orthodoxen Kirche sind die Moskauer Geistliche Akademie, die Geistliche Akademie Sankt Petersburg sowie die 1990 gegründete Orthodoxe Universität „Hl. Johannes der Theologe“ in Moskau.[14] Daneben existieren das Orthodoxe Seminar St. Tichon, die Orthodoxe Universität Wolgograd, die Höhere Theologische Schule St. Philaret und die Theologische Fakultät Minsk.[15]

Rückgabe von Kircheneigentum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im November 2010 verabschiedet die russische Duma ein Gesetz zur Rückgabe von 1917 enteignetem Kircheneigentum.[16] Dieses Gesetz sorgte insbesondere in der Oblast Kaliningrad, die 1917 nicht zu Russland gehörte und wo die Russisch-Orthodoxe Kirche keinen Besitz hatte, für Diskussionen, da dort ehemals von evangelisch-lutherischen oder römisch-katholischen Gemeinden genutzte Besitztümer an die orthodoxe Kirche fielen. Dies wurde damit begründet, dass die genannten Glaubensrichtungen im Gegensatz zur orthodoxen Kirche heute nicht mehr in großem Maße in dieser Region präsent seien.

Diözesen der Diaspora[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außerhalb der Russischen Föderation bestehen in 21 Staaten Europas, Nord- und Südamerikas Eparchien des Patriarchats von Moskau.

Die deutsche Eparchie hat ihren Sitz in Berlin. Sie wird geleitet von Erzbischof Feofan (Galinski). Sie wurde 1992 aus den vormals drei in Deutschland bestehenden Diözesen des Moskauer Patriarchats gebildet. Insgesamt gibt es in Deutschland über 70 aktive russisch-orthodoxe Gemeinden.[17] Eine weitere Diözese mit dem Titel Berlin und Deutschland hat ihren Sitz in München. Sie gehört zur russisch-orthodoxen Auslandskirche. Zu ihr gehört auch ein Vikarbischof mit Sitz in Stuttgart. Die Russisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats ist in Deutschland als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt.

Die Eparchie in Österreich hat ihren Sitz in Wien. Mittelpunkt ist die dortige Kathedrale, die größte russisch-orthodoxe Kirche Mitteleuropas. Die russisch-orthodoxe Kirche ist hier eine „staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft“.

Autonome Kirchen innerhalb des Patriarchats von Moskau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Russisch-Orthodoxen Kirche gehören auch die ihr angeschlossenen "autonomen Kirchen", die Weißrussisch-Orthodoxe Kirche, Moldauisch-Orthodoxe Kirche, die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche und die orthodoxe Kirche in Japan. Diese sind kirchenrechtlich selbstständig, jedoch hat das Moskauer Patriarchat ein Mitspracherecht bei der Wahl wichtiger Amtsträger.


Glaubensgemeinschaften außerhalb des Patriarchats von Moskau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Spas – der Kirche nahestehender religiöser TV-Sender

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen und Eigendarstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Hauptmann, Gerd Sticker: Die orthodoxe Kirche in Rußland. Dokumente ihrer Geschichte (860–1980). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1988, ISBN 3-525-56179-2.
  • Erzpriester Michail Pomazanskij: Orthodoxe Dogmatische Theologie. Hrsg. Kloster des hl. Hiob von Pocaev, München, ISBN 3-926165-96-0.
  • Metropolit Pitirim von Volokolamsk und Jurjev (Hrsg.): Die russische orthodoxe Kirche. De Gruyter – Evangelisches Verlagswerk GmbH, Berlin – New York 1988. (= Die Kirchen der Welt Bd. 19).
  • Kloster des hl. Hiob von Pocaev, München (Hrsg.): Die Russisch Orthodoxe Kirche im Ausland unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Diözese.
  • Kloster des hl. Hiob von Pocaev, München (Hrsg.): Verantwortung in der Diaspora. Die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Andrea Hapke, Evelyn Scheer: Moskau und der Goldene Ring: Altrussische Städte an Moskva, Oka und Volga, S. 18
  2. Gernot Seide, Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland von der Gründung bis in die Gegenwart, Wiesbaden 1983; G. Seide, Monasteries and Convents of the Russian Orthodox Church Abroad, München 1990.
  3. Bote der deutschen Diözese der russischen Auslandskirche, 1997–1998 und 2000.
  4. Dmitry Konstantinow, Die Kirche in der Sowjetunion nach dem Kriege, München 1973; Tausend Jahre Kirche in Russland, Evangelische Akademie Tutzing 1987; Ieromonach Damaskin (Orlovskij), Mučeniki, ispovedniki i podvižniki blagočestija Russkoj Pravoslavnoj Cerkvi XX stoletija, Bd. 3, Einleitung, S. 6–36, Tver 1999.
  5. Bote der deutschen Diözese der Russischen Auslandskirche, 2002–2007.
  6. n-tv:Kirill ist neuer Patriarch
  7. Русская церковь объединяет свыше 150 млн. верующих в более чем 60 странах – митрополит Иларион Interfax.ru 2 March 2011
  8. a b Michael Brinkschröder: Menschenrechte oder traditionelle Werte. Homosexualität und die Russische Orthodoxe Kirche. In: Werkstatt schwule Theologie 16 - Menschenrechte und Macht. 2013. ISSN 1430-7170, S. 54–87.
  9. Die Grundlagen der Lehre der Russischen Orthodoxen Kirche über die Würde, die Freiheit und die Menschenrechte (englisch)
  10. Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche (englisch)
  11. The Russian Declaration of Human Rights (deutsche Übersetzung)
  12. Human Rights and Moral Responsibility. Paper read by Metropolitan Kirill of Smolensk and Kaliningrad, Chairman of the Department of External Church Relations of the Moscow Patriarchate, at the X World Russian People’s Council
  13. Interfax: Russian Orthodox Church will continue crafting “symphony” with state – priest (updated)
  14. Vgl. http://www.pro-oriente.at/?site=ps20051021072958
  15. Vgl. http://www.rondtb.msk.ru/info/en/education_en.htm
  16. Sueddeutsche:Russland gibt Kirche Eigentum zurück
  17. Russisch-orthodoxe Gemeinden in Deutschland

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein

Gemeinden und Institutionen in Deutschland

Spezielle Themen