Mouhanad Khorchide

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Mouhanad Khorchide (2014)
Khorchide (2. v. l.) beim Podium Theologisches Forum Christentum Islam, 2010

Mouhanad Khorchide (arabisch مُهَنَّد خُورْشِيد Muhannad Churschid, DMG Muhannad Ḫūršīd, * 6. September 1971 in Beirut) ist ein österreichischer Soziologe, Islamwissenschaftler und Religionspädagoge. Er ist Professor für Islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien (CRS) und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Khorchides Großeltern waren aus Palästina in den Libanon geflohen. Seine Eltern zogen von dort weiter nach Riad in Saudi-Arabien, wo Mouhanad Khorchide mit zwei Geschwistern aufwuchs.[2] Er und seine Geschwister durften als Ausländer dort nicht studieren und lernten Deutsch, um später in Deutschland studieren zu können. Doch als Staatenlose erhielten sie kein Visum und entschieden sich dann für Österreich.[3]

Khorchide kam 1989 als 18-Jähriger nach Wien und wurde nach vier Jahren österreichischer Staatsbürger. Nach einem abgebrochenen BWL-Studium in Wien führte er eine Import-Export-Firma, um sich ein autodidaktisches Islam-Studium finanzieren zu können.[3] Von Oktober 1999 bis Dezember 2004 absolvierte er ein Fernstudium[3] an der Universität Imam al-Auzāʿī in Beirut und erwarb dort einen Hochschulabschluss in islamischer Theologie. Von Oktober 2000 bis Februar 2007 studierte er Soziologie an der Universität Wien mit einem Abschluss als Magister der Soziologie.[1]

Von Dezember 2006 bis September 2008 war er Universitätsassistent an der Forschungseinheit Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien. Seit 2007 war er Lehrbeauftragter für den privaten Studiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen. Zugleich war er im In- und Ausland wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Projekten. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind der Islam in Europa, islamischer Religionsunterricht in Europa, Muslime der zweiten Einwanderergeneration, koranische Hermeneutik sowie Islam und Aufklärung. Außerdem lehrte Khorchide in Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Khorchide war Imam einer kleinen Moschee in Wien-Ottakring und hat selbst als Religionslehrer gearbeitet.

Für seine Dissertation Der islamische Religionsunterricht zwischen Integration und Parallelgesellschaft: Einstellungen der islamischen ReligionslehrerInnen an öffentlichen Schulen[4] von 2008 befragte Khorchide rund die Hälfte der 400 islamischen Religionslehrer in Österreich. Eine bedeutende Minderheit der Befragten lehnte demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien ab.[5] Als Reaktion in der Politik gab es Forderungen in allen Parteien nach strengeren Regeln. Die Islamische Glaubensgemeinschaft wehrte sich und sprach von „Diffamierungen“.[6]

Khorchide hat seit dem 20. Juli 2010 als Nachfolger von Sven Kalisch die Professur für Islamische Religionspädagogik inne, mit der die Universität Münster seit Herbst 2010 islamische Religionslehrer ausbildet.[1][7]

Khorchide ist der Herausgeber eines seit Herbst 2018 im Herder-Verlag erscheinenden, auf insgesamt 17 Bände angelegten historisch-kritischen Koran-Kommentars.[8]

Positionen und Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Khorchide stellte in seinem 2012 erschienenen Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ seine Vision von einem modernen, aufgeklärten Islam vor: eine humanistische Religion, die vor allem von Gottesbarmherzigkeit, Gottesliebe und Freiheit geprägt sei. Khorchide liest den Koran als ein Buch aus dem siebten Jahrhundert, dessen einzelne Gebote nicht mehr wörtlich ins heutige Leben übertragen werden können. Er tritt für eine historisch-kritische Koranexegese ein. Trotzdem blieben bei solch einer Auslegung die Kernbotschaften des Propheten Mohammed erhalten.[9]

Ende 2013 protestierten muslimische Verbände (darunter der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion und der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland) gegen Khorchide, dessen historisch-kritische Methode und Thesen zur Barmherzigkeit sie ablehnen.[10] Ihrer Ansicht nach genügten Khorchides theologische Positionen weder wissenschaftlichen Ansprüchen, noch gingen sie mit seiner Selbstverpflichtung zu einer bekenntnisgebundenen Islamtheologie konform. Dadurch sei das Vertrauen der organisierten Muslime in seine Arbeit beschädigt.[11][12]

Weil Khorchide Morddrohungen erhält, steht er unter Polizeischutz. Im Januar 2015 sagte er dazu: „Die Morddrohungen haben zwar abgenommen, aber ich stehe weiterhin unter strengem Polizeischutz.“[13] Im März 2017 wurde nach wie vor berichtet: „Seit Jahren erhält er von Islamisten immer wieder Morddrohungen, deswegen steht er unter Polizeischutz.“[14] Im September 2021 gab Khorchide an, er erhalte zum Beispiel Hassnachrichten von Anhängern der Muslimbruderschaft, und wegen Morddrohungen „aus dem salafistischen Lager“ trete er öffentlich unter Polizeischutz auf. Khorchide erklärte, bei diesen Angriffen gehe es um Macht. Die Urheber hätten „Angst, ihre Deutungshoheit über den Islam zu verlieren“.[15]

Verbandsaktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Khorchide ist Gründungsmitglied des 2015 gegründeten Muslimischen Forums Deutschland.[16]

Auszeichnungen und Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Autor:

  • Der islamische Religionsunterricht zwischen Integration und Parallelgesellschaft. Einstellungen der islamischen ReligionslehrerInnen an öffentlichen Schulen. VS, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-531-16493-9 (Dissertation, Universität Wien, 2008).
  • Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion. Herder, Freiburg im Breisgau 2012, ISBN 978-3-451-30572-6.
  • Scharia – der missverstandene Gott. Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik. Herder, Freiburg im Breisgau 2013, ISBN 978-3-451-30911-3.
  • Gott glaubt an den Menschen: Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus. Herder, Freiburg im Breisgau 2015
  • mit Hamed Abdel-Samad: Zur Freiheit gehört, den Koran zu kritisieren. Herder, 2016, ISBN 978-3-451-27146-5.
  • mit Hamed Abdel-Samad: Ist der Islam noch zu retten?: Eine Streitschrift in 95 Thesen. Droemer, 2017, ISBN 978-3-426-27734-8.
  • Gottes falsche Anwälte. Der Verrat am Islam, Verlag Herder, 2020

Als Herausgeber:

  • Miteinander auf dem Weg. Islamischer Religionsunterricht. Klett, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-12-006030-7.
  • mit Klaus von Stosch: Herausforderungen an die islamische Theologie in Europa. Challenges for Islamic theology in Europe. Herder, Freiburg im Breisgau 2012, ISBN 978-3-451-30712-6.
  • mit Marco Schöller: Das Verhältnis zwischen Islamwissenschaft und islamischer Theologie. Beiträge der Konferenz Münster, 1.–2. Juli 2011. Agenda, Münster 2012, ISBN 978-3-89688-484-8.
  • mit Milad Karimi, Klaus von Stosch: Theologie der Barmherzigkeit? Zeitgemäße Fragen und Antworten des Kalām (= Schriftenreihe Graduiertenkolleg Islamische Theologie. Bd. 1). Waxmann, Münster 2014, ISBN 978-3-8309-2981-9
  • mit Milad Karimi: Jahrbuch für Islamische Theologie und Religionspädagogik. Kalam Verlag, Freiburg (seit 2012). ISBN 978-3-9815572-0-6

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Prof. Dr. Mouhanad Khorchide uni-muenster.de
  2. Ein Mann in heikler Mission faz.net, 31. August 2010.
  3. a b c Mouhanad Khorchide im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
  4. Der islamische Religionsunterricht zwischen Integration und Parallelgesellschaft: Einstellungen der islamischen ReligionslehrerInnen an öffentlichen Schulen in der Datenbank der Österreichischen Nationalbibliothek.
  5. Die Islamlehrer falter.at, 27. Januar 2009.
  6. Regierung lässt die Vorwürfe gegen Islam-Lehrer nochmals prüfen nachrichten.at, 31. Januar 2009.
  7. Khorchide bildet in Münster künftig Religionslehrer aus welt.de, 20. Juli 2010.
  8. Herder verlegt historisch-kritischen Koran-Kommentar, deutschlandfunkkultur.de, 12. Oktober 2018.
  9. Johanna Grillmayer: Das sanfte Gesicht des Islam ORF, abgerufen am 4. September 2021.
  10. Oliver Trenkamp: Streit um Islamgelehrten: Muslimische Verbände attackieren Theologen Khorchide. spiegel.de, 18. Dezember 2013.
  11. Koordinierungsrat der Muslime: Presseerklärung des KRM, 19. Dezember 2013.
  12. Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration: Viele Götter, ein Staat: Religiöse Vielfalt und Teilhabe im Einwanderungsland. Jahresgutachten 2016 (PDF; 5,3 MB), S. 116–118.
  13. Mouhanad Khorchide im Gespräch: „Mit Mahnwachen bekämpft man den Islamismus nicht“ faz.net, 15. Januar 2015.
  14. "Die Reform muss aus Europa kommen" falter.at, 15. März 2017.
  15. »Für die Taliban ist die Scharia die einzige legitime Gesellschaftsordnung« Interview mit Mouhanad Khorchide, spiegel.de, 4. September 2021.
  16. "Muslimisches Forum Deutschland" auf Initiative der Konrad-Adenauer-Stiftung gegründet Pressemitteilung der Konrad-Adenauer-Stiftung, 22. April 2015.
  17. Eine unabhängige Stimme": Toleranzring für islamischen Theologen Prof. Dr. Mouhanad Khorchide uni-muenster.de, 18. November 2019.