Mountaintop Removal Mining

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1. Abräumen
2. die obere Flözgruppe wird gewonnen, das Zwischenmittel in Tälern aufgehaldet
3. das liegende Flöz wird mit Schürfkübelbaggern gewonnen und die Berge aufgehaldet
4. parallel zum Fortschreiten des Abbaus wird die neue Tagesoberfläche konturiert
5. nach Abschluss der Gewinnung wird die endgültige Oberflächenkontur hergestellt und das Gebiet rekultiviert.
Sprengungen auf einer teilweise abgetragenen Bergkuppe

Mountaintop removal mining (auch: mountaintop mining, dt. Bergbau durch Gipfelabsprengung, im weiteren: MTR) ist eine spezielle Form des Tagebaus in den USA. Angewandt wird dieses Verfahren vor allem in den Appalachen, einem großflächigen Mittelgebirge im Osten der Vereinigten Staaten - hier vorwiegend im Bereich des Appalachen-Plateaus; betroffen sind die Bundesstaaten Kentucky, Ohio, Pennsylvania, Tennessee, Virginia und West Virginia. Bedingt durch die Lagerungsverhältnisse der Steinkohle besteht der Abraum aus Bergkuppen, die die Steinkohlenflöze überdecken.

Wegen der ökologischen Auswirkungen des mountaintop removal minings ist dieses Bergbauverfahren umstritten.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird in den Appalachen Kohle im Tiefbau gewonnen. Einen Höhepunkt erreichte die Kohleförderung in der Region zur Zeit des Ersten Weltkriegs - in bis zu 12.000 Bergwerken wurden rund 700.000 Arbeiter beschäftigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging wegen zunehmender Energiegewinnung aus Erdöl und Gas der zu teure Bergbau in den Appalachen stark zurück. Erst mit der Möglichkeit, Berggipfel abzutragen, konnte ab den 1960er Jahren - zunächst nur vereinzelt - wieder konkurrenzfähig Kohle gewonnen werden. Mountaintop removal wurde 1977 unter Jimmy Carter vom Surface Mining Control and Reclamation Act (SMCRA, 30 U.S.C. §1201) reguliert. 1988 wurde mittels einer umstrittenen Ergänzung zum Clean Water Act (CWA, 33 U.S.C. §1252) die Möglichkeit geschaffen, sämtlichen beim Tagebau anfallenden Abraum in Täler zu verfüllen. Diese Gesetzesänderung, steigender Energiebedarf, Erschöpfung oberflächennaher Flöze im Tiefbau sowie die technische Entwicklung (besonders bei Schürfkübelbaggern) führten zu vermehrtem Abbau per mountaintop removal mining. Seit den 1990er-Jahren ist das Gipfelabsprengen die verbreitetste Kohlegewinnungsart in den Appalachen.[1]

Abbautechnik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das wenige Meter bis zu etwa 120 Meter mächtige Hangende bzw. Deckgebirge der Lagerstätte wird gesprengt und anschließend mit Baggern und Groß-Muldenkippern abgeräumt. Die beim Abbau der oberen Flözgruppe durch die Zwischenmittel anfallenden Berge werden in der Regel in einem benachbarten Tal aufgehaldet. Danach wird die Kohle des unteren Flözes abgebaut. Der zwischen oberer Flözgruppe und tiefem Flöz anfallende Abraum wird auf dem Liegenden des unteren Flözes abgekippt. Bereits während des Abbaues kann mit der Rekultivierung (Ausbringung von Dünger und Buschklee-Saatgut)[2] begonnen werden.[3] Ist die Kohle eines Gebietes abgebaut, bleibt ein künstliches Bergplateau zurück, das renaturiert oder anderen Nutzungen zugeführt werden kann.[4]

Abbauverluste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch die geringe Überdeckung bei vergleichsweise hohen Kohlemächtigkeiten ist die Gewinnung im Tagebau kostengünstiger als ein Abbau im Tiefbau. Es entstehen kaum Abbauverluste, die beim untertägigen Abbau (beispielsweise im room-and-pillar-Verfahren) bis zu 50 % betragen können. Der Einsatz von Tagebaugeräten senkt den Personaleinsatz erheblich und steigert somit die Förderleistung pro Beschäftigtem.

Bergschäden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Untertägiger Abbau ist bei diesen Lagerungsverhältnissen oftmals geomechanisch nicht beherrschbar. Würde die Kohle abgebaut werden, ginge die Bergkuppe darüber zu Bruch. Ein solches Bruchfeld würde eine Gefahr für Mensch und Tier darstellen und müsste somit gegen Betreten gesichert werden. Rutschungen wären nicht auszuschließen. Bergschäden im engeren Sinne entstehen nicht, da Veränderungen in der Substanz des Abbaugebietes nur den Besitz des abbauenden Unternehmens betreffen.

Umweltauswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der MTR-Kohleabbaus führt zu erheblichen Eingriffen in Ökologie, Natur und Landschaft. Sie manifestieren sich vor Allem in einer Veränderung des Landschaftsbildes - mit einhergehenden Auswirkungen für Flora und Fauna - sowie der Grundwasserqualität.

Landschaftsveränderungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einer Studie der US-Umweltbehörde Environmental Protection Agency (EPA) sollen in den Appalachen bis zum Jahr 2012 rund 5.700 Quadratkilometer Land (überwiegend Waldflächen) betroffen sein.[5] Seit dem Beginn des mountaintop removal minings wurden in den Appalachen von den 1970er Jahren bis 2008 rund 500 Bergkuppen abgetragen.[6] Die Landschaft werde großflächig zerstört und durch das Abtragen der Bergspitzen in ihrem Charakter tiefgreifend verändert.[7] Im Wise County in Virginia sind die MTR-Tagebaue nach den Wäldern bereits zweitgrösster Flächennutzer des Counties.[8] Nach Vorgaben der EPA sollen die abgeflachten Berge nach Abbau der Kohle renaturiert werden.[4] Die getroffenen Renaturierungsmassnahmen sind jedoch nicht geeignet, die vormals auf den Bergspitzen vorhandenen Wälder zu ersetzen.[9]

Wasserhaushalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch die Verkippung des Abraums in die angrenzenden Täler (englisch valley fills), die häufig Flussläufe führen,[10] kann es zu massiven Eingriffen in den Wasserhaushalt kommen.[5][11] Diese Eingriffe führen zu einer Beschädigung der biologischen Qualität der betroffenen Gewässer.[12] Nach Angaben der EPA wurden von 1992 bis 2014 etwa 1200 Meilen (entspricht rund 1900 Kilometern) Flussläufe von Abraum verschüttet.[1] Das Verkippen der Täler ist genehmigungspflichtig und unterliegt verschiedenen amerikanischen Gesetzen wie dem „Clean Water Act“ (CWA) und dem „Surface Mining Control and Reclamation Act“ von 1977 (SMCRA).[4] Mit dem Abraum können Substanzen wie Selen, Quecksilber, Arsen und Aluminium in Oberflächen- und Grundgewässer gelangen.[13][6][14]

Gesundheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Umweltschützer und Mediziner verweisen auf die vom mountaintop removal mining ausgehenden Gefahren für die Gesundheit der Bewohner angrenzender Gebiete. So weisen verschiedene medizinische Studien eine starke Zunahme von Fehlbildungen an Säuglingen sowie Herz-, Lungen- und Nierenerkrankungen nach.[15][16]

Flora und Fauna[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Appalachen sind zu 80 % bewaldet. Die Wälder sind von globaler Bedeutung;[17] sie haben eine der höchsten Biodiversitäten in der gemäßigten Klimazone.[7] Sie enthalten rund 40 kommerziell verwertbare Baumarten.[17] Der zu bewirtschaftende Baumbestand ist durch das MTR erheblich zurückgegangen. Die durch den Surface Mining Control and Reclamation Act (SMCRA) verpflichtend vorzunehmenden Renaturierungsmassnahmen erschöpfen sich zumeist in der Schaffung dichter, krautiger Vegetationen auf den vormaligen Abbauflächen; eine spätere Kolonialisierung durch einheimische Bäume wird dadurch erschwert.[17]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die starken Umweltauswirkungen des MTR-Bergbaus führen seit Jahren in den Vereinigten Staaten und zunehmend auch in Europa zu Kritik an Betreibern, deren Geschäftspartnern und Aufsichtsbehörden.

Auch die Bevölkerung steht dem Kohleabbauverfahren skeptisch gegenüber. So lehnten bei einer im Jahr 2011 im Auftrag von CNN durchgeführten Umfrage[18] die Mehrheit der US-Amerikaner MTR ab.[19] Immer wieder kommt es zu Protestaktionen gegen den Abbau.[8]

Verstromung von Appalachenkohle in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Organisationen Urgewald und FIAN kritisieren in Zusammenarbeit mit „Keepers of the Mountains“ den Steinkohleimport aus den Vereinigten Staaten und anderen Ländern durch deutsche Energieunternehmen. Gefordert wird unter anderem Transparenz sowie verbindliche und überprüfbare Sozial- und Umweltstandards.[20]

Finanzierung von MTR-Investitionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zunehmend werden auch Banken für ihre Finanzierung des MTR kritisiert. Die UBS wird bereits seit dem Jahr 2010 von Aktivisten angeprangert.[7] Sie gehört zu den wichtigsten Geldgebern der Branche.[9] Die Credit Suisse schloss dagegen bereits im Jahr 2010 gemäß den eigenen Richtlinien eine Finanzierung von Unternehmen aus, die in der MTR-Industrie tätig sind.[7] In einer Presseerklärung stellte die Deutsche Bank im Sommer 2015 fest, dass sie nicht in die Finanzierung des Kohleabbaus eingebunden sei, sondern allenfalls Kredite zur Rekultivierung bzw. zur Finanzierung entsprechender Anleihen bereitstellen würde.[21]

Klage von Mingo Logan gegen EPA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Mingo Logan gegen EPA

Von 2009 bis 2014 beschäftigte eine juristische Auseinandersetzung um den Widerruf einer bereits erteilten Abbaugenehmigung im MTR-Verfahren mehrere Gerichte in Washington D.C. Der mehrjährige Streit, in dem die Verschmutzung von Wasserressourcen zu beurteilen war, wurde zugunsten der Beklagten (EPA) entschieden. Medien und Umweltschutzorganisationen werteten den Ausgang als richtungsweisend für die Zukunft des MTR-Bergbaus.

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2014 erschien der Roman Gray Mountain von John Grisham, dessen Handlung im Umfeld des MTR-Kohlebergbaus in den Appalachen stattfindet. Sowohl die kohleabbauenden Unternehmen wie auch deren Rechtsvertreter werden in dem Bestseller[22] negativ dargestellt; die Umweltzerstörung durch das Abbauverfahren hervorgehoben.[23]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Mountaintop removal mining – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Claudia Copeland, Mountaintop Mining: Background on Current Controversies, 20. April 2015, Congressional Research Service (Englisch)
  2. Bob Sloan: Moving Mountains. In: Earth Island Journal. 2007, abgerufen am 13. September 2015 (englisch).
  3. Mountaintop Mining/Valley Fill Process. In: Mid-Atlantic Mountaintop Mining. United States Environmental Protection Agency (EPA), abgerufen am 10. August 2013 (englisch).
  4. a b c What is mountaintop mining? In: Mid-Atlantic Mountaintop Mining. United States Environmental Protection Agency (EPA), abgerufen am 10. August 2013 (englisch).
  5. a b Weg mit den Bergen. In den USA wächst der Widerstand gegen eine brutale Form des Steinkohleabbaus. In: Die Zeit. 18. Oktober 2007, abgerufen am 10. August 2013.
  6. a b Dietmar Ostermann: Virginia. Die Kuppen fliegen weg. In: Frankfurter Rundschau. 1. Juli 2008, abgerufen am 10. August 2013 (html).
  7. a b c d Andres Wysling: Obama-Effekt erreicht Bergbau und Banken: UBS überprüft ihre Geschäftspolitik in den «geköpften Bergen», 22. Dezember 2010, Neue Zürcher Zeitung
  8. a b Charles C. Geisler, Who Owns Appalachia?: Landownership and Its Impact, University Press of Kentucky, 2015, ISBN 978-0-8131-6193-8, S. 119ff.
  9. a b UBS versorgt brachiale Kohlefirmen mit Krediten, 2. Mai 2012, Handelszeitung
  10. Elena A. Turner et al., Assessing Different Mechanisms of Toxicity in Mountaintop Removal/Valley Fill Coal Mining-Affected Watershed Samples Using Caenorhabditis elegans, 16. September 2013, bei: Public Library of Science, (Englisch)
  11. M. A. Palmer et al., Mountaintop Mining Consequences, in: Science Magazine, 327 (5962), 2010, S. 148f. (Englisch)
  12. Gregory J. Pond et al., Downstream effects of mountaintop coal mining: comparing biological conditions using family- and genus-level macroinvertebrate bioassessment tools, 8. Juli 2008, bei: The North American Benthological Society, 27(3): S. 717–737 (Englisch)
  13. Mountaintop Removal: Pervasive and irreversible” Damage in Appalachia, Physicians for Social Responsibility (Englisch)
  14. Thomas von Grünigen: Umweltschäden durch Kohleabbau. die Rolle der UBS. In: Rundschau. Schweizer Radio und Fernsehen, 2. Mai 2012, abgerufen am 10. August 2013.
  15. Melissa M. Ahern, Michael Hendryx, Jamison Conley, Evan Fedorko, Alan Ducatman, Keith J. Zullig: The association between mountaintop mining and birth defects among live births in central Appalachia, 1996–2003. 23. Juni 2011, abgerufen am 10. August 2013.
  16. David C. Holzman, Mountaintop Removal Mining: Digging Into Community Health Concerns, Environ Health Perspect, November 2011, 119 (11), a476–a483 (Englisch)
  17. a b c Carl E. Zipper et al., Restoring Forests and Associated Ecosystem Services on Appalachian Coal Surface Mines, 11. April 2011, in: Environmental Management (2011), 47, S. 751ff., Springer Science+Business Media (Englisch)
  18. Die von CNN in Auftrag gegebene Umfrage wurde von ORC International vom 18. bis zum 20. Juli 2011 durchgeführt. 1009 volljährige US-Amerikaner wurden am Telefon befragt: 57% lehnten MTR ab, 36% befürworteten das Abbauverfahren, 7% enthielten sich
  19. Michelle Rozsa und Robert Howell, Poll: Majority oppose controversial coal mining practice, 11. August 2011, CNN (Englisch)
  20. Bitter Coal. Ein Dossier über Deutschlands Steinkohleimporte. urgewald, FIAN Deutschland, April 2013, abgerufen am 10. August 2013 (PDF,1,35 MB).
  21. Kohlebergbau, 9. Juli 2015, Pressemitteilung der Deutschen Bank, abgerufen am 21. September 2015
  22. John Grisham's 'Gray Mountain' remains No. 1 on U.S. bestseller list, 31. Dezember 2014, Reuters, (Englisch)
  23. Patrick Anderson, Book review: John Grisham’s ‘Gray Mountain’ is a searing look at Big Coal, 19. Oktober 2014, The Washington Post (Englisch)