Mozart-Effekt

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Als Mozart-Effekt wird im engen Sinn eine wissenschaftliche Hypothese bezeichnet, nach der nach dem Anhören eines bestimmten Stückes von W.A. Mozart (Sonate D-Dur für zwei Klaviere, KV 488) eine vorübergehende Leistungssteigerung in der visuell-räumlichen Verarbeitung auftreten soll. Im weiteren Sinn werden unter dem Mozart-Effekt alle möglichen Arten von kognitiver Leistungssteigerung verstanden, die auf die Exposition an Musik von Mozart, oder an klassische Musik allgemein, zurückgeführt werden.

Das Konzept des Mozart-Effektes wurde erstmals vom französischen Forscher Alfred A. Tomatis in seinem Buch Pourquoi Mozart? (1991) beschrieben[1]. Die Hypothese geht auf eine Forschungsarbeit der University of California, Irvine zurück, deren Ergebnisse 1993 in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurden[2]. Der Name „Mozart-Effekt“ entstand in der journalistischen Berichterstattung über die Studie und wurde später von Don Campbell patentiert[1].

Wissenschaftliche Debatte zum Mozart-Effekt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die wissenschaftliche Debatte hinsichtlich der Existenz des Mozart-Effekts im engeren Sinne, geschweige den eines möglichen Effekts im eben beschriebenen weiteren Sinn, wird kontrovers geführt. Es finden oder fanden sich hier Vertreter*innen für alle drei der folgenden Thesen: (1) Es gibt keinen Mozart-Effekt; (2) Es gibt so etwas wie einen Mozart-Effekt, jedoch ist dieser weder spezifisch für klassische Musik oder Musik überhaupt, noch ist er spezifisch für die Qualität der visuell-räumlichen Verarbeitung oder kognitive Fähigkeiten überhaupt (Arousal-and-Mood-Hypothese; Thompson, Schellenberg, & Husain, 2001) und folglich ist der Mozart-Effekt im eigentlichen, spezifischen Sinn weder theoretisch noch praktisch relevant[3];(3) Es gibt einen spezifischen Mozart-Effekt und dieser ist theoretisch und praktisch relevant.

Die Ausgangsstudie und ihr Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundlage für die Annahme des Mozart-Effekts war ein Artikel der Forschergruppe um Frances Rauscher vom Center for Neurobiology of Learning and Memory an der University of California, Irvine, in dem von einem Experiment berichtet wurde, bei dem 36 Studenten in einem so genannten Messwiederholungsdesign in je drei Sitzungen (1) Mozarts Sonate D-Dur für zwei Klaviere (KV 488) anhörten, (2) eine Aufnahme mit Entspannungs-Instruktionen anhörten (3) 10 Minuten in Stille verbrachten, woraufhin sie in jeder Sitzung eine Reihe von Aufgaben zur Messung des visuell-räumlichen Verarbeitungsvermögen aus dem Stanford-Binet-Intelligenztest bearbeiteten. Laut den Autor*innen des Artikels zeigten die Teilnehmer*innen nach dem Anhören des Mozartstücks eine visuell-räumliche Verarbeitungsleistung, die ihre Leistung nach dem Anhören der Entspannungsinstruktionen und nach der Stille um das Äquivalent von 8 (Entspannung) beziehungsweise 9 (Stille) IQ-Punkte überstieg.

Der Kürze des ursprünglichen Artikels ist es geschuldet, dass viele Fragen zum Studiendesign und zu den theoretischen Annahmen hinter der Studie nach der Veröffentlichung offenblieben (Schellenberg, 2012)[4]. Wie die Autor*innen in einer späteren Publikation (Rauscher, Shaw & Ky, 1995) klarstellten[5], basierte die Studie auf spezifischen neurologischen Annahmen aus dem so genannten Trion-Modell. Aufgrund der Ausklammerung jeglicher theoretischer Annahmen im Original-Artikel befasste sich die nachgehende wissenschaftliche Debatte jedoch sehr wenig mit den ursprünglichen zugrundeliegenden Annahmen und mehr damit, ob der von den Autor*innen gefundene Effekt in Folgestudien repliziert werden kann. Eine Ausnahme bilden Glenn Schellenberg und Lynn Waterhouse (Schellenberg, 2005[6]; Waterhouse, 2006[7]), die den aus dem Trion-Modell abgeleiteten theoretischen Hintergrund der Originalstudie als eine Art Priming-Effekt verstehen und diskutieren. Laut Schellenberg steht die Annahme eines Priming-Effekts über nicht direkt miteinander verbundene Bereiche (Musik, räumliche Verarbeitung) im Konflikt mit der bestehenden Forschungsliteratur, laut der ein Priming-Effekt in erster Linie bei eng miteinander verwandten Stimuli zu erwarten ist. Waterhouse betont, dass die Annahmen im Gegensatz zu bisherigen Erkenntnissen aus der Forschungsliteratur zum Lernen stehen, sie möchte aber nicht ausschließen, dass ein Priming-Effekt existiert, wie er in der Originalarbeit angenommen wird. Sie beruft sich hierbei auf eine Studie von Koelsch, Kasper, Sammler, Schulze, Gunter & Friederici (2004)[8] und argumentiert, dass ein Priming-Effekt von Musik auf die räumliche Verarbeitung möglich sein kann, vorausgesetzt es besteht eine Überlappung zwischen den neuronalen Schaltkreisen.

Auch am Design der Originalstudie ist Kritik erhoben worden, so ist zum Beispiel laut Schellenberg (2012)[4] unklar, ob die Reihenfolge, in der die Teilnehmer*innen die Bedingungen Musik, Entspannung und Stille durchliefen sowie die Reihenfolge, in der ihnen die drei verschiedenen Gruppen von Intelligenztestaufgaben vorgelegt wurden, gegenbalanciert wurden um Übungs-, Ermüdungs- und Frustrationseffekte zu kontrollieren.

Mediale Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl die Autoren der ursprünglichen Studie betonen, dass die Leistungssteigerung nur 10–15 Minuten anhielt und noch zu testen ist, ob die Leistungssteigerung auch für andere kognitive Fähigkeiten und bei anderer Musik beobachtet werden kann, fand die Studie in verkürzter Form schnell Einzug in amerikanische Zeitungen und die Bildungspolitik. Während die New York Times verkündete, dass Mozart nun Beethoven den Rang abgelaufen habe, da Mozarts Musik intelligenter mache, veranlasste der Gouverneur von Georgia, dass jede Mutter eines Neugeborenen eine Klassik-CD geschenkt bekomme. Und in Florida wurde gesetzlich erlassen, dass in öffentlichen Kindergärten täglich eine Stunde Klassik gehört werden sollte. In den Regalen kam der Mozart-Effekt spätestens mit dem populärwissenschaftlichen Buch mit dem für sich sprechenden Titel Mozart Effect: Tapping the Power of Music to Heal the Body, Strengthen the Mind and Unlock the Creative Spirit[1] von Don Campbell sowie zahlreichen Mozart-Effekt-CDs an. Don Campbell meldete für den Begriff „Mozart Effect“ ein Patent an.

Folgestudien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie eine Recherche von Schellenberg (2012)[4] zeigt, wurden in den Jahren nach Veröffentlichung der Originalstudie sehr viele Artikel zu dem Thema veröffentlicht, wobei sich allerdings seiner Ansicht nach ein Trend abzeichnet, nach dem die wissenschaftlichen Journals, in denen Studien zum Mozart-Effekt erschienen, in ihrer Qualität mit der Zeit abnahmen. Ein früher wichtiger Artikel, der starke Skepsis am Mozart-Effekt äußerte, kam von Steele, Dalla Bella, Peretz, Dunlop, Dawe, Humphrey, Shannon, Kirby und Olmstead (1999), die versuchten, die Original-Studienergebnisse von Rauscher et al. genau nach deren eigener Anleitung zu replizieren. Sie fanden keinen statistisch signifikanten Mozarteffekt[9].

Die zahlreichen anderen Folgestudien führten eine Befundlage zutage, die als gemischt bezeichnet werden muss, wobei manche Studien einen Mozart-Effekt replizieren konnten und andere nicht. Darüber hinaus konnten einzelne Studien einen Effekt auf andere kognitive Fähigkeiten zeigen (z. B. Kreativität: Schellenberg, Nakata & Hunter, 2007)[10]. Manche Studien berichteten ähnliche Effekte für andere Musikstücke (z. B. 'Schubert-Effekt'; Nantais & Schellenberg, 1999)[11], andere wiederum nicht[4].

Metaanalysen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Publikation des Artikels von Rauscher et al. wurden drei Metaanalysen zum Mozart-Effekt publiziert, die zu drei verschiedenen Schlussfolgerungen kamen, die in etwa den eingangs charakterisierten drei Thesen entsprechen. Chabris (1999) legte eine Metaanalyse von 16 Studien vor mit dem Ergebnis, dass der Mozart-Effekt höchstens eine kleine, temporäre Verbesserung bringe, welche schlichtweg durch ein erhöhtes Arousal-Niveau zu erklären sei. Arousal bezeichnet den Erregungszustand, der laut Chabris in der rechten Hirnhemisphäre eintreten würde und in Kombination mit der guten Stimmung aufgrund von als angenehm empfundener Musik das Lösen räumlicher Aufgaben erleichtern könne. Hetland (2000)[12] hingegen schließt aus der metaanalytischen Zusammenfassung der von ihm identifizierten relevanten Studien, dass es einen robusten, moderaten Mozart-Effekt auf die räumliche Verarbeitungsfähigkeit (speziell Aufgaben des mentalen Rotierens) gibt. Pietschnig, Voracek & Formann (2010) hingegen argumentieren auf Basis ihrer eigenen metaanalytischen Ergebnisse, dass es keine Belge für die Existenz eines spezifischen Mozart-Effekts gibt[13].

Kritik an der Forschung zum Mozart-Effekt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Howard, Lau, Maxwell, Venter, Lundy und Sweeny (2009) sowie Sweeney (2007) kritisieren die Forschung zum Mozart-Effekt, die ihrer Ansicht nach in besonderem Ausmaß durch den so genannten Publikationsbias verzerrt ist. Mittels einer Simulation versucht Sweeney (2007) zu illustrieren, dass Metaanalysen, die die bestehende Forschungsliteratur zum Mozart-Effekt mit neuen Studien integrieren wollen, aufgrund der bereits bestehenden Verzerrung nur sehr wenig von neuen, negativen Befunden beeinflusst wären und dass das simple Durchführen weiterer Studien zu dem Thema und deren metaanalytische Zusammenfassung deshalb vermutlich nicht dazu führen wird, dass die Frage nach der Existenz des Mozart-Effekts geklärt wird.

Die Arousal-and-Mood-Hypothese als Alternativerklärung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schellenberg (2005, 2012) und Chabris (1999) bieten eine Alternativ-Erklärung für den Mozart-Effekt: Nach ihnen ist die positive Evidenz für den Mozart-Effekt auf eine sog. Mediation zurückzuführen, bei der Musik einen optimaleren Erregungszustand (Arousal) und eine positivere Stimmung hervorruft und diese wiederum die beobachtete Leistungssteigerung verursachen. Der Mozart-Effekt wäre somit, entsprechend der 2. These (siehe wissenschaftliche Debatte zum Mozart-Effekt), nicht spezifisch und würde folglich der bestehenden Literatur zum Thema nichts Neues hinzufügen. Allerdings erklärt das nicht, warum viele Studien keinen Effekt gefunden haben. Außerdem würde es ein Problem für die Arousal-and-Mood-Hypothese bedeuten, wenn der Mozart-Effekt sich tatsächlich als auf die visuell-räumliche Verarbeitung beschränkt erweisen sollte. Zwar konnten Mozart-Effekte auf die Kreativität und auf die Verarbeitungsgeschwindigkeit gezeigt werden (Schellenberg et al., 2007)[10] und auch Pietschnig et al. (2010)[13] sprechen sich für einen unspezifischen Effekt aus, weitere Forschung wäre hier aber vonnöten, um zu klären, wie spezifisch der Mozart-Effekt tatsächlich ist.

Fazit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zusammenfassend ist die Evidenz nicht ausreichend, um einen Zusammenhang zwischen dem Hören von (ausschließlich) Mozarts Musik und der Verbesserung einer Leistung festzustellen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Don G. Campbell: The Mozart effect : tapping the power of music to heal the body, strengthen the mind, and unlock the creative spirit. 1st ed. Avon Books, New York 1997.
  2. Frances H. Rauscher, Gordon L. Shaw, Katherine N. Ky: Music and spatial task performance. In: Nature. Band 365, 1993, S. 611.
  3. William Forde Thompson, E. Glenn Schellenberg, Gabriela Husain: Arousal, Mood, and The Mozart Effect. In: Psychological Science. Band 12, Nr. 3, 2001, ISSN 0956-7976, S. 248–251, doi:10.1111/1467-9280.00345 (sagepub.com [abgerufen am 18. September 2019]).
  4. a b c d Glenn Schellenberg: Cognitive Performance After Listening to Music: A Review of the Mozart Effect. In: Raymond MacDonald, Gunter Kreutz, Laura Mitchell (Hrsg.): Music, Health, and Wellbeing. Oxford: University Press, 2012 (google.de [abgerufen am 18. September 2019]).
  5. Frances H. Rauscher, Gordon L. Shaw, Katherine N. Ky: Listening to Mozart enhances spatial-temporal reasoning: towards a neurophysiological basis. In: Neuroscience Letters. Band 185, 1995, S. 44–47.
  6. E. Glenn Schellenberg: Music and Cognitive Abilities. In: Current Directions in Psychological Science. Band 14, Nr. 6, 1. Dezember 2005, ISSN 0963-7214, S. 317–320 (sagepub.com [abgerufen am 18. September 2019]).
  7. Lynn Waterhouse: Multiple Intelligences, the Mozart Effect, and Emotional Intelligence: A Critical Review. In: Educational Psychologist. Band 41, Nr. 4, Dezember 2006, ISSN 0046-1520, S. 207–225 (tandfonline.com [abgerufen am 18. September 2019]).
  8. Stefan Koelsch, Elisabeth Kasper,Daniela Sammler, Katrin Schulze, Thomas Gunter, Angela D. Friederici: Music, language and meaning: brain signatures of semantic processing. In: Nature Neuroscience. Band 7, S. 302–307.
  9. Kenneth M. Steele, Simone Dalla Bella, Isabelle Peretz, Tracey Dunlop, Lloyd A. Dawe, G. Keith Humphrey, Roberta A. Shannon, Johnny L. Kirby, C. G. Olmstead: Prelude or requiem for the ‘Mozart effect’? In: Nature. Band 400, 1999, S. 827.
  10. a b E. Glenn Schellenberg, Takayuki Nakata, Patrick G. Hunter, Sachiko Tamoto: Exposure to music and cognitive performance: tests of children and adults. In: Psychology of Music. Band 35, Nr. 1, 1. Januar 2007, ISSN 0305-7356, S. 5–19, doi:10.1177/0305735607068885 (sagepub.com [abgerufen am 18. September 2019]).
  11. Kristin M. Nantais, E. Glenn Schellenberg: The Mozart Effect: An Artifact of Preference. In: Psychological Science. Band 10, Nr. 4, 1. Juli 1999, ISSN 0956-7976, S. 370–373, doi:10.1111/1467-9280.00170 (sagepub.com [abgerufen am 18. September 2019]).
  12. L. Hetland: Listening to music enhances spatial-temporal reasoning: evidence for the Mozart effect. In: Journal of Aestethic Education. Band 34, 2000, S. 105–148.
  13. a b . Pietschnig, M. Voracek, A. K. Formann: Mozart Effect—Shmozart Effekt: A meta-analysis. In: Intelligence. Band 38, 2010, S. 314–323.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.): Macht Mozart schlau? Die Förderung kognitiver Kompetenzen durch Musik. Bildungsforschung Band 18, Bonn und Berlin 2006. PDF
  • Tanja Gabriele Baudson; Macht klassische Musik schlau? – Warum Mozart hören allein nicht reicht. In: MinD-Magazin, 97, Dezember 2013.
  • Lois Hetland: Listening to music enhances spatial-temporal reasoning: evidence for the „Mozart Effect“. In: Journal of Aesthetic Education 34. 2000, 3/4, S. 105–148.
  • Vesna J. Ivanov und John G. Geake: The Mozart effect and primary school children. In: Psychology of Music 31. 2003, 4. S. 405–413.
  • Catherine S. Jackson, Michael Tlauka: Route-learning and the Mozart effect. In: Psychology of Music 32. 2004,2. S. 213–220.
  • Peter Markl: Doch noch kein Requiem für den "Mozart-Effekt?" In: Österreichische Musikzeitschrift 61. 2006,1/2. S. 38–47.
  • Frances H. Rauscher: Prelude or requiem for the Mozart effect?. In: Nature Vol. 400, 26. August 1999, S. 827–828.
  • E.G. Schellenberg: Long-term positive associations between music lessons and IQ. In: Journal of Educational Psychology, 98 (2006) 457–468.
  • Lynn Waterhouse: Multiple Intelligences, the Mozart Effect, and Emotional Intelligence: A critical review. In: Educational Psychologist, 41 (2006) 207–225.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]