Muʿāwiya I.

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Muʿāwiya I. [muˈʕaːwija] (arabisch معاوية بن أبي سفيان, DMG Muʿāwiya b. Abī Sufyān; * 603 in Mekka; † 18. April 680 in Damaskus) war der erste Kalif der Umayyaden (661–680) und Begründer dieser Dynastie. Er gilt als einer der bedeutendsten Herrscher der arabischen Geschichte.

Nach der Eroberung Syriens ließ Muʿāwiya weiterhin byzantinische Münzen prägen, wobei er jedoch die Kreuze durch Kugeln oder Balken ersetzen ließ.[1]

Statthalter von Syrien (639–661)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Muʿāwiya ibn Abi Sufyan wurde 603 als Mitglied der einflussreichen Sippe der Umayyaden in Mekka geboren. Sein Vater Abū Sufyān ibn Harb war der Führer der Quraisch gegen den Propheten Mohammed. Seine Mutter war Abu Sufyans dritte Frau, Hind bint Utbah, eine einflussreiche mekkanische Priesterin, die zusammen mit Abu Sufyan 630 zum Islam übertrat.[2][3] Muʿāwiya diente anschließend als Mohammeds Sekretär. Später nahm er an der Eroberung von Syrien teil und wurde 639 von Kalif Umar ibn al-Chattab zum Statthalter dieser Provinz ernannt. Als solcher organisierte er den Aufbau einer muslimischen Flotte im Mittelmeer, mit der die byzantinische Flotte im Jahr 655 erstmals in der Schlacht von Phoinix besiegt werden konnte. Im Jahr 663 konnte er auch durch Anatolien bis zum Bosporus vorstoßen.

Nach der Ermordung von Kalif ʿUthmān ibn ʿAffān (656) schlossen sich dessen Anhänger teilweise Muʿāwiya an. Dieser verweigerte dem neu gewählten Kalifen Ali ibn Abi Talib (656–661) die Anerkennung und warf ihm vielmehr vor, an der Ermordung seines Vorgängers mitverantwortlich zu sein. Die Auseinandersetzungen gipfelten in der Schlacht von Siffin; da diese aber zu keiner Entscheidung führte, ließ sich Ali auf Verhandlungen ein. Die darauf folgende Spaltung der Partei Alis (Schia) stärkte die Position Muʿāwiyas.

Kalif (661–680)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem ʿAlī im Januar 661 durch den Charidschiten Ibn Muldscham ermordet worden war, rückte Muʿāwiya mit seinen Truppen gegen den Irak vor, wo Hasan ibn ʿAlī zum Kalifen erhoben worden war. Durch größere Summen Geldes, die Überlassung der Tributeinkünfte einer persischen Provinz und die Anerkennung seines Rechtes auf die Thronnachfolge konnte Muʿāwiya Ende Juli Hasan dazu bewegen, abzudanken und ihm seinerseits den Treueid zu leisten.[4] Als Statthalter über Kufa setzte er al-Mughīra ibn Schuʿba ein, als Statthalter über Basra im Frühjahr 662 seinen Verwandten ʿAbdallāh ibn ʿĀmir.[5] Das politische Zentrum des Reiches verlagerte sich nach Damaskus, womit Medina endgültig seine politische Bedeutung verlor.

Verwaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Später reorganisierte Muʿāwiya das Reich mit Hilfe von ʿAmr ibn al-ʿĀs in Ägypten und Ziyād ibn Abī Sufyān im Irak. Ziyād, der einen eigenen Diwan einrichtete, ließ Kopien von Registern anfertigen und stellte Sekretäre an, die die Korrespondenz führten. Einige von ihnen waren Araber, andere Mawālī.

In der Verwaltung des Kalifenreichs waren noch lange Zeit Christen tätig, die mit der effektiven spätrömischen Verwaltungspraxis vertraut waren. Sie bekleideten auch hochrangige Posten, wie etwa der einflussreiche Sarjun ibn Mansur und sein Sohn, der später als Johannes von Damaskus bekannt wurde. Erst um 700 wurden Christen aus der Verwaltung weitgehend verdrängt.

In der Finanzpolitik machte Muʿāwiya einen klaren Unterschied zwischen dem Einkommen, das durch Erhebung der Grundsteuer (ḫarāǧ) erzielt wurde, und den Erträgen der Staatsdomänen (ṣawāfī). Das durch die Grundsteuer erwirtschaftete Einkommen blieb zum größten Teil in den Provinzen, nur die Erträge der Staatsdomänen standen ihm und seiner Familie zu. Da mehrere der Staatsdomänen in der Hand von Angehörigen seiner Familie waren, war er stark von der in Syrien erhobenen Grundsteuer abhängig. Um diese Abhängigkeit zu verringern, ordnete er an, dass jede Provinz einen Anteil der Einnahmen aus der Grundsteuer an ihn zu transferieren hatte.[6]

Expansion und Landgewinnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter der Herrschaft Muʿāwiyas wurde die islamische Expansion wieder aufgenommen. So begann unter Uqba ibn Nafi die Unterwerfung des Maghreb. Auch die Eroberung des Ostiran wurde weitergeführt, wo sich teilweise Widerstand formiert hatte (→ Peroz von Persien). Der Gouverneur von Zypern schloss einen Vertrag mit dem Kalifen, der ihm gegen regelmäßige Tributzahlungen den Frieden sicherte. Allerdings scheiterte mit den erfolglosen Belagerungen von Konstantinopel ab 667[7] und 674–678 die Eroberung des Byzantinischen Reiches, auch wenn dieses für kurze Zeit den Muslimen Tribute zu entrichten hatte.

Im Jahr 661 übertrug Muʿāwiya seinem Klienten ʿAbdallāh ibn Darrādsch die Eintreibung der Charādsch-Steuer im Irak. Er legte durch die Anlage von Dämmen die Sümpfe (baṭāʾiḥ) trocken, die bei der großen Flut im Jahre 627/28 entstanden waren. Das Gebiet gehörte formal noch der früheren sassanidischen Königsfamilie und war noch nicht der Charādsch-Steuer unterworfen. Muʿāwiya beauftragte Ibn Darrādsch, diese Ländereien einzuziehen und ein Inventar von ihnen anzulegen. Ibn Darrādsch führte diesen Auftrag aus und konnte auf diese Weise die Erträge Muʿāwiyas aus dem Einzugsgebiet von Kufa und dem irakischen Bewässerungsland (sawād) auf 50 Millionen Dirham steigern.[8]

Designation Yazids und Verlust der Legitimität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwar agitierten die Anhänger ʿAlīs und die Charidschiten weiter gegen Muʿāwiya, doch wurde seine Herrschaft ansonsten allgemein anerkannt. Dies änderte sich jedoch, als Muʿāwiya gegen Ende seines Lebens seinen Sohn Yazīd als Thronfolger designierte und damit den Vertrag brach, den er mit al-Hasan ibn ʿAlī abgeschlossen hatte. ʿAbd ar-Raḥmān, der Sohn Abū Bakrs, warf Muʿāwiya vor, eine erbliche Dynastie nach Art der Byzantiner und Sassaniden errichten zu wollen.[9] Die alten Ressentiments gegen den bis zuletzt heidnisch gebliebenen Clan Umayya lebten jetzt überall wieder auf. Als der Umayyade Marwān die Prophetengefährten dazu aufrief, Yazīd den Treueid zu leisten, wetterte ʿĀ'ischa, dass der Gottesgesandte seinen Vater verflucht habe und dieser Fluch weiter an ihm hafte.[10] Viele bekannte Prophetengefährten, darunter auch ʿAbdallāh ibn ʿAmr, wandten sich in dieser Zeit von Muʿāwiya ab.[11] Andere zogen sich in den Hedschas zurück, um Yazīd nicht den Treueid leisten zu müssen. Auf diese Weise büßte Muʿāwiya am Ende seiner Herrschaft viel von seiner politischen Legitimität ein. Er starb am 18. April 680 in Damaskus, wo er auch bestattet wurde.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ulrich Haarmann: Geschichte der arabischen Welt. Herausgegeben von Heinz Halm (= Beck’s historische Bibliothek). 5. überarbeitete und erweiterte Auflage. Verlag C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-47486-1.
  • Martin Hinds: Art. „Muʿāwiya I“. In: Encyclopaedia of Islam, Band 7. 2. Auflage, S. 263–268.
  • Marek Jankowiak: The first Arab siege of Constantinople. In: Travaux et Mémoires du Centre de Recherche d’Histoire et Civilisation de Byzance, Band 17. Paris 2013, S. 237–320.
  • Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the sixth to the eleventh century. 2. Auflage. Longman, Harlow u. a. 2004, ISBN 0-582-40525-4.
  • Gernot Rotter: Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg (= Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes 45, 3). Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1982, ISBN 3-515-02913-3.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Umayyadischer arabo-byzantinscher Solidus (oben) geprägt unter Muʿāwiya (661–680) nach dem Vorbild eines Solidus des Kaisers Herakleios (610–641). Siehe auch Maronitische Chronik Quote AG 971 [660] ... Mu'awiya prägte auch Gold und Silber, aber es wurde nicht akzeptiert weil kein Kreuz darauf war...
  2. Antonius Lux (Hrsg.): Große Frauen der Weltgeschichte. Tausend Biographien in Wort und Bild. Sebastian Lux Verlag, München 1963, S. 228.
  3. Gerhard Konzelmann: Die großen Kalifen 1990, ISBN 3881997458. Seite 89 ff.
  4. Vgl. Leone Caetani: Chronographia Islamica. Bd. II. Paris 1912, S. 461f.
  5. Vgl. Leone Caetani: Chronographia Islamica. Bd. II. Paris 1912, S. 462, 464.
  6. Vgl. Daniel C. Dennett, Jr.: Conversion and the Poll Tax in Early Islam. Harvard Univ. Pr. u.a., Cambridge, Mass. u.a. 1950; Reprint Idarah-i Adabyat-i Delli, Delhi, 2000. S. 30-32.
  7. Marek Jankowiak: The first Arab siege of Constantinople. In: Travaux et Mémoires du Centre de Recherche d'Histoire et Civilisation de Byzance. Bd. 17. Paris 2013, S. 237–320.
  8. Vgl. Dennett 29f.
  9. Vgl. az-Ziriklī: al-Aʿlām s.v. ʿAbd ar-Raḥmān ibn ʿAbdallāh 53/673.
  10. Zu den Worten, die ʿĀ'ischa bei dieser Gelegenheit benutzt haben soll, vgl. Edward William Lane: Arabic-English Lexicon (1876), s.v. faḍaḍ.
  11. Vgl. az-Ziriklī: al-Aʿlām s.v. ʿAbdallāh ibn ʿAmr 65/684.
Vorgänger Amt Nachfolger
ʿAlī ibn Abī Tālib Kalif der Umayyaden
661–680
Yazid I.