Kaffeeähnliches Getränk

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Muckefuck)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Tassenprobe in der Kathreiner Malzkaffee-Fabrik. Um 1900

Als kaffeeähnliches Getränk bezeichnet man ein heißes Aufgussgetränk, dessen Zutaten wie Kaffeebohnen behandelt werden, und das von Farbe und Geschmack Bohnenkaffee ähnelt.

Herstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die Herstellung von kaffeeähnlichen Getränken werden geeignete Pflanzenteile gereinigt, von ungenießbaren und unerwünschten Bestandteilen, wie Schalen, Stielen, Blättern getrennt und getrocknet. Wie Kaffeebohnen werden die Teile anschließend geröstet und gemahlen. Je nach Anforderungen werden die Röstmehle sortenrein oder als Mischungen verwendet.

Varianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Packung Koff von J.J. Darboven aus der Mitte des 20. Jahrhunderts
Kathreiners Malzkaffee-Fabrik gewinnt den Titel Hoflieferant Seiner Heiligkeit (1906)

In der deutschen Warenkunde unterscheidet man Kaffee-Ersatz, Malzkaffee, Getreidekaffee, Muckefuck und Zichorienkaffee.[1]

Kaffee-Ersatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Kaffee-Ersatz wird sowohl der Ersatz für gemahlene Kaffeebohnen als auch das daraus zubereitete Getränk bezeichnet. Der Begriff wird zudem synonym für kaffeeähnliche Getränke und gleichfalls andere Aufgussgetränke wie Malz-, Getreide- und Zichorienkaffee verwendet. In Kriegs- und Notzeiten wurde „gestreckter“ Bohnenkaffee so bezeichnet, der darüber hinaus weitere Pflanzenteile enthielt. Der Begriff Lorke, im eigentlichen Sinn ein mieses Getränk, bezeichnet ebenfalls den Ersatzkaffee.

Als Fruchtkaffee bezeichnet man Mischungen, bei denen Früchte von mehrjährigen Pflanzen verwendet werden, wie Feigen, Eicheln, Bucheckern und Kastanien. Ebenso werden teilweise die Kerne oder Steine von Obstsorten verwendet.

Aus den Wurzeln des Löwenzahns, der mit der Zichorie botanisch nahe verwandt ist, kann ein kaffeeähnliches Getränk hergestellt werden. Dieser Ersatzkaffee wurde früher in einigen Gegenden Bayerns für den Hausgebrauch hergestellt. Einer verbreiteten Verwendung stand entgegen, dass die Wurzeln der Pflanze verhältnismäßig klein sind und ziemlich tief im Boden sitzen und sich schwer ausgraben lassen. Die Wurzeln wurden getrocknet, geröstet und anschließend wie Kaffeebohnen gemahlen.

Für Kaffersatz verwendete Pflanzen sind Kaffeewicke, Lupinen, Möhren, Dattelkerne, Traubenkerne, Erdmandeln, Spargel, Hagebutten, Vogel-Kirschen, Kartoffeln, Mandeln und Zuckerrüben.

Malzkaffee[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dem Namen entsprechend wird dafür gemälzte Gerste verwendet. Es werden Gerstenkörner zum Keimen gebracht und anschließend getrocknet. Durch unterschiedliche Trocknungsdauer und Temperatur kann der Geschmack deutlich variieren. Die erste Verwendung wird auf das Ende des 18. Jahrhunderts datiert, als ab 1781 wegen des preußischen Kaffeemonopols und ähnlichen Regelungen in den Nachbarstaaten, sowie und der Kontinentalsperre ab 1806 Bohnenkaffee zum seltenen und teuren Luxusgut wurde. Darausfolgend wurde nach gleichwertigen Alternativen gesucht.[2]

Getreidekaffee[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der allgemeinere Begriff Getreidekaffee bezeichnet den Bohnenersatz durch ungekeimte Gerste und Roggen. Keine große Verbreitung besitzt der Einsatz von Getreidearten wie Mais und Dinkel.[3]

Muckefuck[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bezeichnung wird unterschiedlich verwendet. Für deren Herkunft existiert die Erklärung, dass die Bezeichnung Mocca faux (französisch für falscher Kaffee) volksetymologisch 1870 während des Deutsch-Französischen Krieges oder während der französischen Besetzung des Rheinlandes unter Napoleon eingedeutscht wurde.[4][5] Der Duden 7 – Das Herkunftswörterbuch[6] benennt als Herkunft die seit dem 19. Jahrhundert im Rheinisch-Westfälischen belegte umgangssprachliche Verwendung Muckefuck als dünner Kaffee. Dies leitet sich aus dem rheinischen Mucken für braunen Holzmulm und dem rheinischen fuck für faul ab.[7] Eine weitere Erklärung ist die Verwendung im Französischen als Synonym für Café prussien (Preußischer Kaffee) einer Mischung aus Bohnenkaffee mit Zichorienwurzel als Streckungsmittel.[8]

Zichorienkaffee[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zichorienkaffee, auch Landkaffee genannt, wird aus den Wurzeln der Gemeinen Wegwarte hergestellt. Die Verwendung als kaffeeähnliches Getränk setzte um 1680 in Mitteleuropa mit der Verbreitung von Bohnenkaffee ein, für den eine preisgünstige Alternative gesucht wurde.[9] Durch unsachgemäße Lagerung wurde um 1870 entdeckt, dass die Triebe der Wurzel des Chicorée als Salat und Gemüse geeignet sind.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zichorienfabrik Ludwig Otto Bleibtreu, Werbung aus dem Jahr 1906
Verschiedene Sorten Caro-Kaffee

Die Herstellung von Getränken aus gerösteten Pflanzenteilen ist bereits lang bekannt. In Babylon und im alten Ägypten wurden Getränke aus gerösteten Körnern genutzt.

Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts bestanden Verbote und Einschränkungen für die Kaffeeherstellung und den Konsum durch das einfache Volk in verschiedenen deutschen Staaten [1]. Während der napoleonischen Kontinentalsperre von 1806 bis 1812 wurden die Bezugsmöglichkeiten der Originalprodute für „arabischen Kaffee“ eingeschränkt. Daraufhin mussten Alternativen für den beliebten Übersee-Kaffee gefunden werden, die sich in der Tradition der ansässigen Getränke ergaben. Die ersten Zichorienfabriken entstanden in Deutschland Ende des 18. Jahrhunderts. Als Erfinder des Zichorienkaffees gelten der Major Christian von Heine aus Holzminden und der Braunschweiger Gastwirt Christian Gottlieb Förster († um 1801). Beide erhielten 1769/1770 eine Konzession für die Produktion von Zichorienkaffee in Braunschweig und Berlin.[10][11] Die Stadt Braunschweig entwickelte sich schnell zu einem frühen Zentrum der Zichorienkaffeeherstellung. Um 1795 bestanden dort 22 bis 24 Betriebe dieser Art.[12] In der Zichorienfabrik Ludwig Otto Bleibtreu wandelte sich ab 1781 die zunächst noch stark handwerklich geprägte Herstellung in eine arbeitsteilige Großproduktion.[11] Zum Teil wurde der teure Bohnenkaffee auch mit Zichorienkaffee vermischt.

Der geröstete Feigenkaffee dürfte seinen Ursprung Mitte des 18. Jahrhunderts in Oberitalien haben. In Deutschland wurde er erstmals im Jahr 1858 erwähnt und im Jahr 1873 von den Unternehmen Kaffeesurrogatfabrik Otto E. Weber in Berlin und Heinrich Franck Söhne in Ludwigsburg hergestellt. „Heinrich Franck Söhne“ erwarben nach 1900 das Heilbronner Unternehmen Emil Seelig, das damals die größte Kornkaffeefabrik in Deutschland war und ebenfalls über eine Feigenkaffee-Fabrik im österreichischen St. Peter verfügte.[13] In Österreich hatte die Firma Imperial in Wien 1880 mit der Produktion von Feigenkaffee begonnen.[14]

Der populäre Köthener Wunderheiler Arthur Lutze erfand Mitte des 19. Jahrhunderts den ersten im Wesentlichen auf Gerstenbasis bestehenden „Gesundheits-Kaffee“ . Sein Produkt wurde in Köthen bis ins 20. Jahrhundert unter dem Namen „Wittigs Gesundheits-Kaffee“ hergestellt. Während des „Dritten Reichs“ (1933–1945) entstand der Begriff Kaffee-Surrogat-Extrakt, dieses Produkt wurde staatlich verwaltet. Die staatliche Verwaltung bestand noch in den Anfängen der Bundesrepublik fort. In der deutschen Nachkriegszeit blieb Bohnenkaffee Mangelware. In Gaststätten fand sich auf der Getränkekarte „Deutscher Kaffee“, eine Umschreibung für Ersatzkaffee. Marktführer war damals „Linde’s Kaffee-Ersatz-Mischung“ (Gebr. Linde G.m.b.H., ab 1973 Nestlé Food Service) gefolgt von „Kathreiner Malzkaffee“. 1954 kam Caro-Kaffee, hergestellt aus Gerste, Malz, Zichorie und Roggen, als erstes Instant-Ersatzkaffeegetränk in Deutschland auf den Markt und verdrängte teilweise die nicht-löslichen Produkte.

Kathreiners Kaffeewerk in Magdeburg war nach Kriegsende enteignet worden und produzierte im Verband der Konsumgenossenschaften weiterhin Malzkaffee. Die Produktion wurde 1954 auf Bohnenkaffee erweitert zum Röstfein-Werk. Während der Kaffeekrise in der DDR[15] war 1976 Bohnenkaffee als Importprodukt kaum noch zu erhalten. Mit dem Kaffeemix wurde eine neue Mischkaffeesorte mit hohem Getreidekaffee-Anteil auf den Markt gebracht. Der Instant-Malzkaffee der DDR-Marke im nu wurde nach der Wende wieder auf den Markt gebracht.

Gesundheitliche Risiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zusammenhang mit der Diskussion um das möglicherweise krebserregende Acrylamid hat der Ruf des Getreidekaffees in den Augen mancher Verbraucher gelitten. So war Getreidekaffeepulver nach Angaben des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) bei Messungen Ende 2002 mit 420 bis 2350 Mikrogramm Acrylamid pro Kilogramm belastet. Diese Werte wurde durch Änderungen im Produktionsablauf gesenkt und betrugen 2008 nur noch 540 µg/kg (Median).[16] Normaler Röstkaffee war bei dieser Untersuchung mit 195 µg/kg Acrylamid belastet. Deutlich höhere Werte zeigten sich in löslichem Kaffeepulver (836 µg/kg).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Muckefuck – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Kaffeeersatz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rimbach, Möhring, Erbersdobler: Lebensmittel-Warenkunde für Einsteiger. S. 285, Springer, 2010, ISBN 9783642044854,e-ISBN 9783642044861.
  2. Eintrag bei Lebensmittellexikon.de für Malzkaffee
  3. Eintrag bei Lebensmittellexikon.de für Getreidekaffee
  4. Günter Bergmann: Kleines sächsisches Würterbuch. Bibliographisches Institut, Leipzig 1989, ISBN 3-323-00008-0.
  5. Ewald Harndt: Französisch im Berliner Jargon. Stapp Verlag, Berlin 1977, 9. Auflage, 1987, ISBN 3-87776-403-7, S. 44–45.
  6. Duden 7 – Das Herkunftswörterbuch. Dudenverlag, Mannheim 2007, S. 571.
  7. MuckefuckDuden, Bibliographisches Institut; 2016
  8. Muckefuck – Erklärung im Berliner Dialekt von Berlin.de, letzte Änderung am 18. August 2016
  9. Eintrag bei Lebensmittellexikon.de für Zichorienkaffee.
  10. Christian Gottlieb Förster: Geschichte von der Erfindung des Cichorien-Caffee. Georg Ludewig Förster, Bremen 1773.
  11. a b Hans-Jürgen Teuteberg: Kaffee. In: Thomas Hengartner, Christoph Maria Merki (Hrsg.): Genußmittel. Ein kulturgeschichtliches Handbuch. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 1999, ISBN 3-593-36337-2, S. 109–112.
  12. Carl Philipp Ribbentropp: Vollständige Geschichte und Beschreibung der Stadt Braunschweig. Band 2, Braunschweig 1796, S. 146–148.
  13. Christhard Schrenk und Hubert Weckbach: „… für Ihre Rechnung und Gefahr“ – Rechnungen und Briefköpfe Heilbronner Firmen, Stadtarchiv Heilbronn 1994, S. 108.
  14. Imperial Bohnen- und Feigenkaffee abgerufen am 5. Dezember 2011.
  15. Kosta, Rondo, Kaffeemix – Honeckers Kaffeekrise auf mdr.de.
  16. Übersicht Acrylamidgehalte des BVL, PDF 29 kB, abgerufen am 5. März 2011.
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!