Muhlenberg-Legende

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Als Muhlenberg-Legende wird die Legende bezeichnet, nach der es zur Zeit der Gründung der Vereinigten Staaten eine Gesetzesvorlage gegeben haben soll, Deutsch als offizielle Landessprache in Pennsylvanien einzuführen. Das Gesetz soll an einer einzigen Stimme gescheitert sein, nämlich am Widerspruch des Deutschamerikaners Muhlenberg. Die Muhlenberg waren eine in der US-amerikanischen Politik sehr bekannte Familie deutscher Abstammung. Die Legende wurde daher an die Person des Sprechers des Repräsentantenhauses Frederick Muhlenberg (1750–1801) angeheftet. Dessen Bruder General Peter Muhlenberg (1746–1807) spielt dabei ebenfalls eine Rolle.

Das Gerücht entstand um 1840 und fand durch Franz von Löhers 1847 veröffentlichtes Buch Geschichte und Zustände der Deutschen in Amerika weite Verbreitung. Löher schildert darin, dass bei einer Abstimmung, ob Deutsch die Amtssprache in Pennsylvanien werden solle, die Stimmen gleich gefallen seien. Der Sprecher des Landtags, ein Mühlenberg, habe durch seine Stimme den Ausschlag für das Englische gegeben.[1] Er soll dazu erklärt haben: „Je schneller die Deutschen Amerikaner werden, desto besser.“

Hintergründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Vereinigten Staaten waren aus englischen Kolonien hervorgegangen. Gerichts- und Verwaltungssprache war Englisch. Deutsch und weitere Sprachen wurden im privaten und im kirchlich-öffentlichen Bereich häufig verwendet. Der Anteil der deutschsprachigen Einwanderer in den Vereinigten Staaten lag um 1830 bei einem Drittel in Pennsylvanien und bei knapp neun Prozent in den gesamten USA.[2] Es hat in den USA oder auch in einzelnen Bundesstaaten niemals eine Abstimmung über eine Amtssprache stattgefunden. Die Vereinigten Staaten haben bis heute keine Amtssprache eingeführt und sind weltweit eines der wenigen Länder ohne De-jure-Amtssprache (wobei als De-facto-Amtssprache Englisch fungiert). Besonders in jüngerer Zeit haben allerdings etliche Gliedstaaten Englisch als Amtssprache definiert (vgl. Amtssprachen in den US-Bundesstaaten).

Anknüpfungspunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Löher nennt keine Quellen für seine Geschichte. Der Landtag müsste die in Philadelphia tagende Landesversammlung von Pennsylvanien sein. In Philadelphia tagte von 1790 bis 1800 auch der Bundeskongress. Welchen Muhlenberg von Löher meinte, blieb ungesagt. Frederick Muhlenberg (1750–1801) war 1780–83 Mitglied und Sprecher der pennsylvanischen Landesversammlung, 1787 Präsident des pennsylvanischen Konvents zur Ratifizierung der Bundesverfassung sowie 1789–97 Mitglied des Repräsentantenhauses im Bundeskongress und in den Jahren 1789–91 und nochmals 1793–95 Sprecher des Repräsentantenhauses. Muhlenbergs entscheidende Stimme für den Jay-Vertrag mit dem Königreich Großbritannien im Jahr 1794 verursachte soviel böses Blut, dass sein eigener Schwager Bernard Schaeffer zwei Tage nach der Ratifikation des Vertrags mit dem Messer auf ihn einstach und dass er 1796 nicht wieder in den Kongress gewählt wurde.[3] General Peter Muhlenberg (1746–1807), dessen Bruder, war gleichfalls Kongress-Abgeordneter und befürwortete die Einführung des Englischen anstelle des Deutschen als Kirchensprache in der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Philadelphia gegen Heinrich Helmuth.[4]

Deutsche Einwanderer aus Virginia richteten am 9. Januar 1794 eine Petition an das Repräsentantenhaus mit der Forderung, bestimmte[5] oder alle[2][6][7][8] Gesetzestexte künftig auch in deutscher Sprache zu veröffentlichen, um es Deutschen, die kein Englisch sprachen, zu erleichtern, die Gesetze ihrer neuen Heimat zu verstehen. Die Petition wurde in einem Ausschuss verhandelt, der zuerst aus den Abgeordneten Preston aus Virginia sowie Hiester und Peter Muhlenberg aus Pennsylvania, später aus Moore aus Virginia, Baldwin aus Georgia und Hiester bestand.[9] Der Ablauf und Ausgang der Entscheidung wird unterschiedlich beschrieben: der Antrag wurde direkt abgelehnt[8] oder an den Hauptausschuss verwiesen, der ihn mit 42 zu 41 Stimmen ablehnte.[5] Frederick Muhlenberg, der Sprecher des Repräsentantenhauses, nahm an der Abstimmung nicht teil, enthielt sich[2] oder gab die entscheidende 42. Stimme ab.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Franz von Löher: Geschichte und Zustände der Deutschen in Amerika, Cincinnati und Leipzig 1847, S. 198. Online
  2. a b c Deutsch als Amtssprache der USA von Bastian Sick, Kolumne Zwiebelfisch auf Spiegel Online, 19. Mai 2004
  3. National Archives: Brief von Frederick Muhlenberg an Thomas Jefferson, 11. Februar 1801, mit Kommentaren. Online
  4. Daniel Jay Grimminger: Sacred Song and the Pennsylvania Dutch, Rochester, NY : University of Rochester Press, 2012, ISBN 978-1-58046-383-6, S. 42. Online
  5. a b Das Zünglein an der Waage von Christoph Drösser, Kolumne Stimmt’s? in der Zeit, Nr. 35/1997
  6. Urban Legend: German almost became the official language of the US (englisch)
  7. Max Kade Institute: German-American Language Myths: German as the Official Language of the US (englisch)
  8. a b Die Indiana University-Purdue University Indianapolis Library zur Muhlenberg-Legende (englisch)
  9. Wolf 1932, S. 285
  10. Ceryx.de: Die Mühlenberg-Legende: Deutsch als Staatssprache der USA?