Multihalle

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Westlicher Eingang bei der ehemaligen Hochbahn

Die Multihalle ist ein Gebäude im Mannheimer Herzogenriedpark, das zur Bundesgartenschau 1975 errichtet wurde. Das von Frei Otto geplante, unter Denkmalschutz stehende Bauwerk ist bis heute die größte frei geformte Holzgitterschalenkonstruktion der Welt und gilt als ein Hauptwerk organischer Architektur.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deckenkonstruktion der Multihalle

Die Multihalle ist eine Halle mit einem mehrfach gekrümmten Gitter aus Holzleisten, die von den Architekten Carlfried Mutschler, Joachim Langner und Frei Otto geplant und im Jahr 1975 fertigstellt wurde. Die Planung des Tragwerks und die Nachweise der Standsicherheit wurden durch das Büro Ove Arup & Partners aus London erbracht (heute Arup Group Ltd.). Unter der gemeinsamen Überdachung aus zwei ineinander übergehenden Kuppeln befindet sich die eigentliche Veranstaltungshalle sowie ein erweiterter Bereich mit Durchgängen und einem Restaurant. Durch die teilweise lichtdurchlässige Folie wird der Innenraum mild und gleichmäßig durch das Tageslicht ausgeleuchtet.

Allgemeine Daten:

  • Tragkonstruktion: Holzlatten, kreuzweise in zwei bzw. vier Latten übereinander verlegt. Abstand voneinander 50/50 cm. Lattenquerschnitt 5/5 cm (Holz: Hemlock Pine)
  • Dachfläche: 9.500 m²
  • Bohrlöcher an den Kreuzungspunkten: 144.000, 34.000 Bolzen
  • Randumfang: 685 m (seilgestützter Rand: 35 m, Bögen: 135 m)
  • Seilnetz: 7.150 m
  • Bedachung: Trevira-Gewebe, geschwärzt, PVC-beschichtet, Bahnenware, an den Stößen überlappt und geschweißt, auf Nagellatten mit Bukamaklammern
  • Hallengröße: 10.500 m³
  • Gesamtlänge: 160 m
  • Gesamtbreite: 115 m
  • Kuppelhöhe: 20 m
  • Größte Querspannweite: 60 m

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innenraum Multihalle, große Halle
Detail Dachkonstruktion, Holzleisten

Zwei Vorgängerbauten wurden von der Stuttgarter Baufirma Wolff & Müller in Montreal gebaut. Maßgeblich beteiligt war das Institut für leichte Flächentragwerke der Universität Stuttgart, das auch mit den japanischen Architekten Takeshi Hasegawa und Kenzō Tange zusammenarbeitete.

Nachdem im Januar 1970 die Entscheidung fiel, die Bundesgartenschau des Jahres 1975 in Mannheim stattfinden zu lassen, wurden zwei Wettbewerbe ausgeschrieben, bei denen Architekten und Landschaftsarchitekten ihre Ideen für die beiden Gartenschaugelände Herzogenriedpark und Luisenpark vorstellen sollten.

Preisträger für den Bereich des Herzogenriedparks war das Architekturbüro Carlfried Mutschler + Partner, Mannheim. Der Wettbewerbsplan sah als zentralen Bereich einen großen, überdachten Treffpunkt für verschiedene Aktivitäten und ein Café mit Sitzterrasse am Wasser vor. Für das Café war eine luftige Holzkonstruktion vorgesehen. Der Treffpunkt sollte mit großen Schirmen überdacht werden, die an Gasballons aufgehängt werden sollten. Dies war zwar technisch möglich, doch baurechtliche Einwände ließen dieses Projekt scheitern. Außerdem hätten die Ballons ab Windstärke 7 eingezogen werden müssen.

Es wurden die verschiedensten Arten von pneumatischen Konstruktionen untersucht, die allerdings zu hohen Material- und Zuschnittskosten verursacht hätten. Luftdicht abgeschlossene Traglufthallen kamen ebenfalls nicht in Frage, so dass die verschiedenartigen Zeltkonstruktionen diskutiert wurden.

Da auch künstliche Hügel aus Leimbinderkuppeln nicht zufriedenstellen konnten, kam die Idee der Gitterschalen des Stuttgarter Professors Frei Otto ins Gespräch. Zeitgleich mit der Wahl der Konstruktion wurden die Standorte der verschiedenen Funktionen festgelegt. Die Besucher sollten auf zwei Ebenen – der des Aerobusbahnhofs und der des Parks – in die Halle geführt werden.

Ausgangsbasis für die Gitterschale war das Drahtmodell des Vorentwurfs. In diesem Modell 1:500 konnte die endgültige Form allerdings nur grob vorgegeben werden. Mit Hilfe von Zwirnsfaden konnte immerhin die Länge und Breite der Fläche annähernd abgewickelt werden. Dieses hängende Netz simulierte die Gittermaschen des späteren Gitterrostes aus Holz.

Bevor das Knüpfen des Netzes begann, musste die Richtung, in der es liegen sollte, festgelegt werden, um dann mit Hilfe von Stecknadeln und einer weichen Unterlage die Glieder und Ringe aneinanderzureihen. Im hängenden Netzmodell stand die Schale auf dem Kopf, so dass die Ebene des späteren Fußbodens nicht dargestellt wurde.

Aktueller Zustand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stützen am Dachrand

Eigentlich sollte die Multihalle als temporäres Bauwerk nur für die Dauer der Bundesgartenschau 1975 Bestand haben. Die bis heute größte Holzgitterschalenkonstruktion der Welt wurde jedoch nicht abgerissen, sondern im Jahr 1998 aus wissenschaftlichen und heimatgeschichtlichen Gründen als Kulturdenkmal unter Denkmalschutz gestellt.

Das Foliendach bestand ursprünglich aus einer PVC-Folie mit Gewebe-Einlage. 1981 war es notwendig, die Halle mit einer neu entwickelten Kunststoffdichtungsbahn zu beziehen. Mittlerweile ist diese teilweise porös, so dass eindringendes Wasser das Holz der Dachkonstruktion beschädigt und die Tragfähigkeit beeinträchtigt. Zudem verschiebt sich die tragende Holzkonstruktion, wenn auch nur minimal. Um dies möglichst zu verhindern, wurde aus statischen Gründen 2008 in der Halle ein großes Stützgerüst errichtet. Seit 2011 ist die eigentliche Halle gesperrt, die Wege unter der Bedachung sind weiterhin begehbar.

Auch die Dachkonstruktion außerhalb der eigentlichen Halle wurde bereits mit Stützen stabilisiert. Der bauliche Zustand verschlechtert sich weiterhin. Die Sanierung ist bereits seit einigen Jahren ein Thema. Die Kosten dafür werden mittlerweile (Stand: Mai 2016) auf zwischen 3,39 Millionen Euro für Konservierung und 11,6 Millionen für eine Generalsanierung kalkuliert. Die Kosten für einen eventuellen Abriss werden mit 1,02 Millionen Euro beziffert. Dagegen spricht u. a. dass der denkmalrechtliche Status eines „Kulturdenkmals von besonderer Bedeutung“ zu erwarten steht.[1] Im Juni 2016 stimmte der Gemeinderat der Stadt bei nur einer Gegenstimme einem Abriss zu, sollte nicht bis Ende 2017 ein namhafter Betrag zugunsten einer Sanierung über externe Zuschüsse, Sponsoring oder ein Crowdfunding zusammenkommen.[2]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Institut für leichte Flächentragwerke (IL): IL 13 Multihalle Mannheim. Stuttgart 1978, ISBN 3782820134

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Multihalle – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Deutsches Architekturmuseum Modellsammlung, Multihalle Mannheim
  • Eda Schaur: Auf den Kopf gestellt. Gitterschale Mannheim. In: Zuschnitt. Nr. 19, 2005, S. 12 f. (proholz.at [abgerufen am 25. September 2016]).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Peter W. Ragge: Architekten sollen helfen. In: Mannheimer Morgen. 1. Juni 2016, S. 19 (morgenweb.de [abgerufen am 25. September 2016]).
  2. Gerhard Bühler: Mannheims Multihalle soll abgerissen werden. In: Rhein-Neckar-Zeitung. 11. Juni 2016, abgerufen am 25. September 2016.

Koordinaten: 49° 30′ 16″ N, 8° 28′ 47″ O