Multihalle

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Multihalle
Deckenkonstruktion der Multihalle

Deckenkonstruktion der Multihalle

Daten
Ort Mannheim, Herzogenriedpark
Architekt Frei Otto, Carlfried Mutschler, Joachim Langner
Bauherr Stadt Mannheim
Baustil Organische Architektur
Baujahr 1975
Höhe 20 m
Grundfläche 10.500 m²
Besonderheiten
Holzgitterschale als Dachtragwerk

Die Multihalle ist eine Mehrzweckhalle im Mannheimer Herzogenriedpark, die zur Bundesgartenschau 1975 errichtet wurde. Das Bauwerk wurde von Frei Otto entworfen, es ist bis heute die größte frei geformte Holzgitterschalenkonstruktion der Welt. Die Multihalle gilt als ein Hauptwerk organischer Architektur und steht seit 1998 unter Denkmalschutz.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Multihalle ist eine Halle mit einem mehrfach gekrümmten Gitter aus Holzleisten, die von den Mannheimer Architekten Carlfried Mutschler und Joachim Langner ausgeführt und 1975 fertigstellt wurde. Die Planung des Tragwerks und die Nachweise der Standsicherheit wurden durch das Büro Ove Arup & Partners aus London erbracht (heute Arup Group Ltd.). Unter der gemeinsamen Überdachung aus zwei ineinander übergehenden Kuppeln befindet sich die eigentliche Veranstaltungshalle sowie ein erweiterter Bereich mit Durchgängen und einem Restaurant. Durch die teilweise lichtdurchlässige Folie wird der Innenraum mild und gleichmäßig durch das Tageslicht ausgeleuchtet.

Allgemeine Daten

  • Tragkonstruktion: Holzlatten, kreuzweise in zwei bzw. vier Latten übereinander verlegt. Abstand voneinander 50/50 cm. Lattenquerschnitt 5/5 cm (Holz: Hemlocktannen, Kiefern)
  • Dachfläche: 9.500 m²
  • Bohrlöcher an den Kreuzungspunkten: 144.000, 34.000 Bolzen
  • Randumfang: 685 m (seilgestützter Rand: 35 m, Bögen: 135 m)
  • Seilnetz: 7.150 m
  • Bedachung: Trevira-Gewebe, geschwärzt, PVC-beschichtet, Bahnenware, an den Stößen überlappt und geschweißt, auf Nagellatten mit Bukamaklammern
  • Hallengröße: 10.500 m³
  • Gesamtlänge: 160 m
  • Gesamtbreite: 115 m
  • Kuppelhöhe: 20 m
  • Größte Querspannweite: 60 m

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwei Vorgängerbauten wurden von der Stuttgarter Baufirma Wolff & Müller in Montreal gebaut. Maßgeblich beteiligt war das Institut für leichte Flächentragwerke der Universität Stuttgart, das auch mit den japanischen Architekten Takeshi Hasegawa und Kenzō Tange zusammenarbeitete.

Nachdem im Januar 1970 die Entscheidung fiel, die Bundesgartenschau des Jahres 1975 in Mannheim stattfinden zu lassen, wurden zwei Wettbewerbe ausgeschrieben, bei denen Architekten und Landschaftsarchitekten ihre Ideen für die beiden Gartenschaugelände Herzogenriedpark und Luisenpark vorstellen sollten.

Preisträger für den Bereich des Herzogenriedparks war das Architekturbüro Carlfried Mutschler + Partner, Mannheim. Der Wettbewerbsplan sah als zentralen Bereich einen großen, überdachten Treffpunkt für verschiedene Aktivitäten und ein Café mit Sitzterrasse am Wasser vor. Für das Café war eine luftige Holzkonstruktion vorgesehen. Der Treffpunkt sollte mit großen Schirmen überdacht werden, die an Gasballons aufgehängt werden sollten. Dies war zwar technisch möglich, doch baurechtliche Einwände ließen dieses Projekt scheitern. Außerdem hätten die Ballons ab Windstärke 7 eingezogen werden müssen.

Es wurden die verschiedensten Arten von pneumatischen Konstruktionen untersucht, die allerdings zu hohe Material- und Zuschnittskosten verursacht hätten. Luftdicht abgeschlossene Traglufthallen kamen ebenfalls nicht in Frage, so dass die verschiedenartigen Zeltkonstruktionen diskutiert wurden.

Da auch künstliche Hügel aus Leimbinderkuppeln nicht zufriedenstellen konnten, kam die Idee der Gitterschalen des Stuttgarter Professors Frei Otto ins Gespräch. Zeitgleich mit der Wahl der Konstruktion wurden die Standorte der verschiedenen Funktionen festgelegt. Die Besucher sollten auf zwei Ebenen – der des Aerobusbahnhofs und der des Parks – in die Halle geführt werden.

Ausgangsbasis für die Gitterschale war das Drahtmodell des Vorentwurfs. In diesem Modell 1:500 konnte die endgültige Form allerdings nur grob vorgegeben werden. Mit Hilfe von Zwirnsfaden konnte immerhin die Länge und Breite der Fläche annähernd abgewickelt werden. Dieses hängende Netz simulierte die Gittermaschen des späteren Gitterrostes aus Holz.

Bevor das Knüpfen des Netzes begann, musste die Richtung, in der es liegen sollte, festgelegt werden, um dann mit Hilfe von Stecknadeln und einer weichen Unterlage die Glieder und Ringe aneinanderzureihen. Im hängenden Kettenmodell stand die Schale auf dem Kopf, die Ebene des späteren Fußbodens wurde weggelassen.

Am Ende wurde mit einem 1:1-Modell ein Belastungstest durchgeführt, bei dem gefüllte Wassertonnen an ein Gittermodell gehängt wurden.

In einem Dokumentarfilm bekannte Otto im Jahr 2005, dass er die Multihalle für seinen „kühnsten Bau“ hielt, „viel kühner als das Olympiadach“. Der Bauingenieur Ian Liddell fügte hinzu, den Naturstoff Holz als mehrfach gekrümmtes Dachtragwerk einzusetzen, wäre ohne Vorläufer und Geschichte gewesen, „wie eine Idee von einem anderen Stern“.[1]

Aktueller Zustand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stützen am Dachrand
Stützträger im Inneren

Eigentlich sollte die Multihalle als temporäres Bauwerk nur für die Dauer der Bundesgartenschau 1975 Bestand haben. Die bis heute größte Holzgitterschalenkonstruktion der Welt wurde jedoch nicht abgerissen und im Jahr 1998 aus wissenschaftlichen und heimatgeschichtlichen Gründen als Kulturdenkmal unter Denkmalschutz gestellt.

Das Foliendach bestand ursprünglich aus einer PVC-Folie mit Gewebe-Einlage. 1981 war es notwendig, die Halle mit einer neu entwickelten Kunststoffdichtungsbahn zu beziehen. Mittlerweile ist diese teilweise porös, so dass eindringendes Wasser das Holz der Dachkonstruktion beschädigt und die Tragfähigkeit beeinträchtigt. Zudem verschiebt sich die tragende Holzkonstruktion, wenn auch nur minimal. Um dies möglichst zu verhindern, wurde aus statischen Gründen 2008 in der Halle ein großes Stützgerüst errichtet. Seit 2011 ist die eigentliche Halle gesperrt, die Wege unter der Bedachung sind weiterhin begehbar.

Auch die Dachkonstruktion außerhalb der eigentlichen Halle wurde bereits mit Stützen stabilisiert. Der bauliche Zustand verschlechtert sich weiterhin. Die Sanierung ist bereits seit einigen Jahren ein Thema. Die Kosten dafür werden mittlerweile (Stand: Mai 2016) auf zwischen 3,39 Millionen Euro für Konservierung und 11,6 Millionen für eine Generalsanierung kalkuliert. Die Kosten für einen eventuellen Abriss werden mit 1,02 Millionen Euro beziffert. Dagegen spricht u. a. dass der denkmalrechtliche Status eines „Kulturdenkmals von besonderer Bedeutung“ zu erwarten steht.[2] Im Juni 2016 stimmte der Gemeinderat der Stadt bei nur einer Gegenstimme einem Abriss zu, sollte nicht bis Ende 2017 ein namhafter Betrag zugunsten einer Sanierung über externe Zuschüsse, Sponsoring oder ein Crowdfunding zusammenkommen.[3]

Am 23. Juni 2017 stimmte die Mehrheit des Mannheimer Gemeinderats für einen Aufschub einer endgültigen Entscheidung über die Zukunft der Multihalle bis Ende 2019. Damit bis dahin in der Halle weiterhin kulturelle und sportliche Veranstaltungen stattfinden können, bewilligten die Gemeinderäte 158.000 Euro. Eine international angelegte Spendenkampagne soll den Hauptanteil der erforderlichen Sanierungskosten in Höhe von 11,6 Millionen Euro einbringen, dann werde auch die Stadt Mannheim einen Anteil beisteuern. Baubürgermeister Lothar Quast kalkulierte für die Kampagne eine Dauer von drei bis acht Jahren ein. [4] Ein Ziel sei es, die Multihalle bis zur Bundesgartenschau 2023 in Mannheim zu retten.[5]

Rettungsinitiativen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für den Erhalt und die Bekanntmachung der Multihalle gründeten 2017 die baden-württembergische Architektenkammer und die Stadt Mannheim einen Förderverein.[6] Erste Workshops wurden im Frühjahr 2017 in der Multihalle angeboten, um die Besonderheiten dieser neuartigen Schalenbau-Architektur verständlich zu machen.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Frei Otto (Hrsg.): Multihalle Mannheim. Mitteilungen des Instituts für Leichte Flächentragwerke, IL 13. Krämer, Stuttgart 1978, 276 S., zahlreiche Illustrationen, ISBN 3-7828-2013-4.
  • Irene Meissner, Eberhard Möller: Frei Otto: forschen, bauen, inspirieren / a life of research, construction and inspiration. Detail, München 2015, ISBN 978-3-95553-252-9, S. 82f., (deutsch/englisch), Leseprobe.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Frei Otto. Von Seifenblasen und Zelten. Dokumentarfilm, Deutschland, 2005, 60 Min., Buch und Regie: Louis Saul, Produktion: SWR, arte, Erstausstrahlung: arte, 22. April 2005, Produktion: megaherz, SWR, arte, Inhaltsangabe von megaherz. (Memento vom 24. Juni 2015 im Internet Archive).
    Darin ab 38:10 Min.: Frei Otto in Begleitung von Joachim Langner und anderen besichtigen und untersuchen den Bauzustand der damals noch intakten Multihalle.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Multihalle – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Videos

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Frei Otto. Von Seifenblasen und Zelten. (Memento vom 24. Juni 2015 im Internet Archive). In: megaherz, 2005.
  2. Peter W. Ragge (pwr): Architekten sollen helfen. (Memento vom 25. Juni 2017 im Webarchiv archive.is). In: Mannheimer Morgen, 1. Juni 2016, S. 19.
  3. Gerhard Bühler: Mannheims Multihalle soll abgerissen werden. In: Rhein-Neckar-Zeitung. 11. Juni 2016, abgerufen am 25. September 2016.
  4. Gerhard Bühler: Hilft Sir Norman Foster bei der Rettung der Multihalle? Internationale Architekten für Spendenkampagne gesucht – Kulturdenkmal wird vorerst nicht abgerissen. In: RNZ, 24. Juni 2017.
  5. Annika Wind: Die Gedanken sind Frei. Ideen zur Weiternutzung der Multihalle in Mannheim. In: BauNetz, 7. April 2017.
  6. Verein Multihalle Mannheim
  7. Uschi Götz: Frei Ottos Multifunktionshalle gerettet? Das Wunder von Mannheim. In: Deutschlandfunk Kultur, 13. Juni 2017.

Koordinaten: 49° 30′ 16″ N, 8° 28′ 47″ O