Muse (Mythologie)

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Muse mit Kithara auf dem Helikon, attische Lekythos, 440–430 v. Chr.

Die Musen (griechisch Μοῦσαι Mousai, Einzahl Μοῦσα Mousa) sind in der griechischen Mythologie Schutzgöttinnen der Künste. Die Überlieferung der uns heute bekannten neun Musen stammt von Hesiod.

Die Musen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Original des sogenannten „Musenarkophags“ (zweites Jahrhundert n. Chr.), gefunden an der Via Ostense, heute im Louvre, Paris

Noch in der homerischen Odyssee wird die Muse im einsetzenden Vorgesang, dem Proömium, als Namenlose im Singular angerufen: „Nenne mir, Muse…“[1]

Die olympischen Musen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fresko des Parnaso (um 1510) aus den Stanzen des Raffael, Apostolischer Palast, Rom: Zu beiden Seiten Apollons sind die neun klassischen Musen unter Vorsitz der Kalliope (links) und Erato (rechts) dargestellt. Den äußeren Kreis der Dargestellten bilden Lyriker, Epiker und Prosaschriftsteller aus Antike, Mittelalter und früher Neuzeit.

Hesiod (sechstes Jahrhundert v. Chr.) hat die Zahl der Musen in seiner Theogonie[2] auf neun festgelegt: Nach ihm sind sie die Töchter der Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung, und des Zeus, und auch die von ihm genannten Namen sind kanonisch. Sie werden Mnemoniden oder olympische Musen genannt.[3] Allerdings wies Hesiod ihnen noch keine speziellen Zuständigkeitsbereiche und Attribute zu. Diese werden erst später unterschieden; doch auch dann wechselten die Zuschreibungen von Funktionen und Attributen noch einigermaßen willkürlich. Erst nach und nach gab es eine sich festigende Zuordnung von Name, Funktion und Attribut:

  1. Klio (Κλειώ), die Rühmende, ist die Muse der Geschichtsschreibung (Attribute: Papierrolle und Schreibgriffel);
  2. Melpomene (Μελπομένη), die Singende, ist die Muse der Tragödie (Attribut: ernste Theatermaske, Weinlaubkranz, wahrscheinlich auch ein Schwert oder eine Keule);
  3. Terpsichore (Τερψιχόρη), die fröhlich im Reigen Tanzende, ist die Muse für Chorlyrik und Tanz (Attribut: Leier);
  4. Thalia (Θάλεια), die Festliche, die Blühende, ist die Muse der Komödie (Attribut: lachende Theatermaske, Efeukranz und Krummstab, denn auch die heitere bukolische Poesie gehört zu ihr);
  5. Euterpe (Ἐυτέρπη), die Erfreuende, ist die Muse der Lyrik und des Flötenspiels (Attribut: Aulos, die Doppelflöte);
  6. Erato (Ἐρατώ), die Liebevolle, Sehnsucht Weckende, ist die Muse der Liebesdichtung (Attribut: Saiteninstrument, Leier);
  7. Urania (Οὐρανία), die Himmlische, ist die Muse der Astronomie (Attribut: Himmelskugel und Zeigestab);
  8. Polyhymnia (Πολύμνια), die Hymnenreiche (Liederreiche). Sie ist die Muse des Gesangs mit der Leier (kein spezifisches Attribut, manchmal die Leier);
  9. Kalliope (Καλλιόπη), die mit der schönen Stimme, ist die Muse der epischen Dichtung, der Rhetorik, der Philosophie und der Wissenschaft (Attribut: Schreibtafel und Schreibgriffel).[4]


Die drei oder vier titanischen Musen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine vermutlich ältere Musentrias überlieferte der Reiseschriftsteller Pausanias (um 115–180 n. Chr.) unter den folgenden Namen und Zuständigkeitsbereichen:

  • Melete („Übung, Fertigkeit“),
  • Mneme („Gedächtnis“),
  • Aoide („Gesang, Musik“).[5]

Als Musen wurden auch die titanischen Musen (Μοῦσαι Τιτανίδες, Moûsai Titanídes)[6] genannt. Cicero unterschied deren vier:

Sie sollen die Töchter von Zeus (oder Uranos) und der Plusia gewesen sein, daher ihr Name. Platon gruppiert hingegen Hesiods Terpsichore, Erato, Kalliope und Urania zur Vierzahl.[8]

Apollon als Anführer der neun Musen und ein dionysischer Thiasos, alexandrinischer Bucheinband, sechstes Jahrhundert

Die drei oder vier apollonischen Musen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als drei apollonische Musen (Μοῦσαι Απολλωνίδες, Moûsai Apollōnídes)[3] oder auch delphische Musen wurden drei Töchter des Apollon bezeichnet:

Sie stellen die drei Saiten der Lyra des Apollo dar und sollen auf dem Helikon gewohnt haben. Der erste Namenssatz geht auf Eumelos von Korinth (siebtes Jahrhundert v. Chr.) zurück[9], der zweite auf Plutarch[10], er gibt dort darüber hinaus eine vierte Muse an:

Nete, Mese, Hypate spielen als Elemente der Tetraktys eine bedeutsame Rolle in der antiken Musiktheorie. Als vierte kam gelegentlich die Paramese hinzu, da die Saitenzahl der Lyra und die sich an ihr orientierende Musiktheorie variabel waren.

Die sieben oder neun pierischen Musen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In anderer Tradition existierte eine Gruppe von sieben Musen, die nach Johannes Tzetzes von Epicharmos (fünftes Jahrhundert v. Chr.) erwähnt worden sein sollen, die sogenannten pierischen Musen oder Pieriden mit den folgenden Namen:

Diese sieben sollen die Töchter des Pieros, Stammvaters des thrakischen Volks der Píeres oder Piereíes (Πίερες Θράκες, Πιερείες), die später von den Makedonen ins nördliche Küstengebiet jenseits des Strymon vertrieben wurden.[12], und einer pimpleischen Nymphe namens Antiope gewesen sein (Cicero, de natura deorum, III 54). Das antike Städtchen Pimpleia wird an der Stelle des heutigen Litochoro vermutet und gab den Musen außerdem den Beinamen der Pimpleiden.[13]

Hingegen kennt Ovid neun pierische Musen, deren Mutter Euippe gewesen sein soll; sie stammen aus Ägypten und fordern die „jüngeren“ olympischen Musen heraus (Wettstreit der Mnemoniden und Pieriden). Nach ihrer Niederlage werden sie zur Strafe für ihr anmaßendes Verhalten in Elstern verwandelt.[14] Diese neun Töchter des Pieros wurden auch Vögeln gleichgesetzt und trugen gelegentlich die Namen: Colymbas, Lyngx, Cenchris, Cissa, Chloris, Acalanthis, Nessa, Pipo und Dracontis.

Entwicklung und Rezeption des Musenbegriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Musensarkophag nach Meyers Konversationslexikon, 1888

Während die Namen der Musen bei Hesiod lediglich Aspekte der Tanz- und Dichtkunst betonen, werden sie in der späteren Antike auf unterschiedliche Musikinstrumente und Gattungen bezogen, woraus die angegebene kanonische Zuordnung von „Aufgabengebieten“ der Musen hervorgeht.

Apollo und die Musen auf dem Helikon (oder Parnass), Ölgemälde von Claude Lorrain, 1680

Die zum Gefolge Apollons zählenden Musen sollen am böotischen Berg Helikon bei der Quelle Hippokrene zu finden sein, die durch einen Hufschlag des geflügelten Musenrosses Pegasos freigelegt wurde. Daher rührt der zum Teil für sie benutzte Name Helikoniades. Anderen Angaben zufolge wohnen die Musen auf dem – dem Apollon geweihten – Parnass oberhalb von Delphi, bei der kastalischen Quelle, deren Wasser Begeisterung und Dichtergabe verleihen soll.

Die Heiligtümer der Musen heißen Museion (woraus das heutige Wort Museum entstand), auch das deutsche Wort Musik – von μουσική τέχνη, der „Kunst der Musen“ – verdankt seinen Namen den Göttinnen. Als Personifizierung oder Werkzeug einer Muse kann die Muse betrachtet werden. Die Römer setzten die Musen mit den Camenae gleich.[15]

Homer, Raffaels Fresko im Vatikan, um 1510

Musenanruf in der Dichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Anfang antik-griechischer Epen und Hymnen steht oft eine Anrufung der Muse. So beginnt Homers Odyssee mit den berühmten und vielzitierten Versen: Nenne mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, / Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung. [16] Auch etliche römische Dichter bitten die Muse um Inspiration (Vergil in der Aeneis), oder um Dauer für ihr Gedicht (Catull in den Carmina).

Natias Neutert inmitten zweier Musen, Mixed Media Show im Kunsthaus Hamburg, 1968

Nach der Ächtung der Musen durch die mittelalterliche Kirche folgten Dichter der Neuzeit wie Dante, Shakespeare, Milton diesem Gebrauch wieder.[17] Die neun Gesänge von Goethes Hermann und Dorothea tragen die Namen der neun Musen. Macht Klopstock in seinem Messias von der Anrufung Gebrauch, indem er statt der Muse die unsterbliche Seele andichtet („Sing’, unsterbliche Seele, der Menschheit Erlösung“), so spielt Vladimir Nabokov im Titel seiner autobiographischen Schrift Speak, Memory zugleich auf Mnemosyne, Göttin der Erinnerung und Mutter aller Musen, an.[18] Nach der sexuellen Revolution im Rahmen der Studentenbewegung von 1968 zielte in der jüngeren Dichtung auch die poetische Anrufung manchmal nicht mehr auf mythische, sondern auf ganz und gar sinnlich und körperlich fassbare Musen ab wie beispielsweise in Natias Neuterts Gedicht Anrufung:

                         O ihr Musen,
                         pegasüsse Kreatürchen
                         lasst uns tanzen, singen, schmusen
                         bis es wie am Schnürchen
                         läuft bei mir, ja überschäumt,
                         weil sich die Wünschelrute bäumt.
                         So lasst mich euer Rotkehlchen sein
                         und ab und zu euer Trüffelschwein.[19]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Übersichtsdarstellungen in Handbüchern

Gesamtdarstellungen und Untersuchungen

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Muse – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Musen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. die unterschiedlichen Übersetzungen. http://www.klassikerforum.de/index.php?topic=2681.40;wap2
  2. Hesiod: Theogonie 76-80; 917.
  3. a b Mousai Apollonides, theoi.com
  4. Oskar Bie: Musen. In: Wilhelm Heinrich Roscher (Hrsg.): Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Bd. 2,2, Leipzig 1897, Sp. 3238–3295. – Wer sich die Namen merken will, nutze folgende Eselsbrücke (in welcher allerdings nur der Name der Muse Klio vollständig erscheint): Klio, Me, Ter, Thal, Eu, Er, Ur, Po, Kal (Kliometerthal, euer Urpokal!).
  5. Pausanias 9,29,2
  6. Mousai Titanides, theoi.com
  7. Cicero: De Natura Deorum 3.21
  8. Plato: Phaedrus 259.
  9. Eumelus: Frag. 35, Tzetzes.
  10. Plutarch: Symposium 9.14.
  11. Johannes Tzetzes: Über die Entstehung der Götter zu Hes. 23.
  12. Pieriden. Myth Index.
  13. Eintrag Pimpleia. In: William Smith: Dictionary of Greek and Roman Geography, illustrated by numerous engravings on wood. Walton and Maberly, London 1854.
  14. Ovid: Metamorphosen, V 294-678
  15. Berühmt ist der Anfang von Horazens Epistelbuch (Epist. 1,1,1): Prima dicte mihi, summa dicende Camena; vgl. dazu Oskar Bie: Musen. In: Wilhelm Heinrich Roscher (Hrsg.): Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Bd. 2,2, Leipzig 1897, Sp. 3238–3295.
  16. Vgl. die unterschiedlichen Übersetzungen. http://www.klassikerforum.de/index.php?topic=2681.40;wap2
  17. Vgl. en:Muse#Function in literature.
  18. Vgl. en:Speak, Memory#Various publications.
  19. Öffentlich vorgetragen bei der Mixed Media Show (1968), später publiziert in: Natias Neutert: Was ist und was sein soll. Gedichte. Pozzo Press Edition, Karlsruhe 1977, S. 17.