Museumsdorf Cloppenburg

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Museumsdorf Cloppenburg
Ea h4 5 wehlburg.jpg
Die Wehlburg im Museumsdorf Cloppenburg
Daten
Ort Cloppenburg
Art Freilichtmuseum
Website www.museumsdorf.de

Das Museumsdorf Cloppenburg – Niedersächsisches Freilichtmuseum in der niedersächsischen Kreisstadt Cloppenburg ist eines der ältesten Freilichtmuseen Deutschlands. Das Museum hat vor allem die Aufgabe, die ländlichen Baudenkmäler und die Alltagskultur des Bundeslandes Niedersachsen zu erforschen und in Beispielen originalgetreu zu dokumentieren.

Das Niedersächsische Freilichtmuseum ist eine Non-Profit-Organisation. Das Museumsdorf Cloppenburg hat mehr Besucher als jedes andere Museum in Niedersachsen (rund 250.000 pro Jahr).[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Museumsdorf entstand ab Anfang der 1930er Jahre auf Initiative des Cloppenburger Studienrats Heinrich Ottenjann, der auch erster Museumsdirektor wurde. Die Anlage wurde am Himmelfahrtstag 1936 feierlich eröffnet[2] und wuchs in den Folgejahren weiter. Am 13. April 1945 wurden sechs Häuser des Museumsdorfs durch Artilleriefeuer zerstört, darunter auch der Quatmannshof. Der Hof wurde bis 1962 detailgetreu rekonstruiert. Nachfolger Heinrich Ottenjanns als Museumsdirektor wurde 1961 sein Sohn Helmut Ottenjann. Von 1996 bis 2018 war Uwe Meiners Direktor des Freilichtmuseums. Seit 2018 leitet Julia Schulte to Bühne das Museum.

Aufgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Niedersächsische Freilichtmuseum fungiert heute als Bildungs- und Forschungseinrichtung zur Kultur- und Landwirtschaftsgeschichte Niedersachsens. Konkret hat es „die Aufgabe, die ländlichen Baudenkmäler des Bundeslandes Niedersachsen zu erforschen und in den wichtigsten Beispielen wirklichkeitsgetreu zu dokumentieren […], gleichzeitig sollen auch in möglichst vollständiger Reihe die verschiedensten Arten des alten Handwerks im ländlichen Raum gesammelt, erforscht und demonstriert werden.“[3] Die museumspädagogischen Angebote sollen handlungs- und produktorientiert sein.[4]

Um die Häuser, Möbel, Geräte und andere Gegenstände des alltäglichen Lebens sachgerecht ausstellen zu können, betreibt das Museumsdorf auch eigene Forschung. Beteiligte Fachrichtungen sind Volkskunde, Regionalgeschichte und Hausforschung. Ein Team von drei Wissenschaftlern, unterstützt durch Volontäre und Projektpartner, konzipiert Ausstellungen und begleitet den Aufbau neuer Häuser. Dokumentiert wird diese Arbeit in wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die das Museumsdorf zum großen Teil in den eigenen Schriftenreihen publiziert.[5] Unterstützt wird das wissenschaftliche Personal durch Handwerker, die zahlreiche Häuser instand halten und den Besuchern traditionelle Arbeitsweisen demonstrieren.[6]


Herrenhaus Arkenstede

Angebote[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wehlburg (Artländer Bauernhof)
Gute Stube im Quatmannshof
Hof Awick (Gulfhaus)
Fachwerkkirche aus Klein-Escherde
Moorpflug "Oldenburg" neben dem Museumsdorf-Parkplatz

Das Niedersächsische Freilichtmuseum zeigt auf einem Areal von ca. 20 ha die Geschichte des ländlichen Raumes Niedersachsens vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. In fast 60 historischen Gebäuden mit den zugehörigen bäuerlichen Gärten und auf sonstigen landwirtschaftlichen Nutzflächen wird der Wandel im Verhältnis Mensch-Umwelt thematisiert.[4]

Anfangs wurde die Form des Wiederaufbaus gewählt, der die Häuser als Prototypen im Ur-Bauzustand zeigte. Wesentliche Bautypen des niederdeutschen Hallenhauses und des ostfriesischen Gulfhauses werden so präsentiert. Seit den 1970er Jahren werden Häuser unter Bewahrung der Spuren ihrer Geschichte und mit Bezügen zu den Biographien ihrer Bewohner wiederhergestellt.

Neben Bauwerken, die der Landwirtschaft und dem Handwerk dienten, und Wohnhäusern der Landarbeiter befinden sich auf dem Gelände des Museumsdorfs Cloppenburg auch eine Fachwerkkirche aus Klein-Escherde (1698 erbaut) und eine Bauerschaftsschule aus Renslage (erbaut 1751).

Außerhalb des eigentlichen Museumsdorfsgeländes ist vor der Ausstellungshalle nördlich der Höltinghauser Straße unter anderem der große Moorpflug „Oldenburg“ aufgestellt.

Landwirtschaft und Handwerk – Wohn- und Wirtschaftsbauten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die vielen ländlichen Gebäude sind überwiegend zu Hofanlagen zusammengestellt. Zu nennen sind insbesondere der Hof Quatmann (aus Elsten, erbaut 1805) und der Hof Wehlburg (aus Wehdel, erbaut 1750), aber auch Hof Hoffmann (aus Goldenstedt, erbaut 1835/1840). Bei diesen Häusern handelt es sich um Niederdeutsche Hallenhäuser. Gulfhäuser sind der Hof Awick (aus Scharrel, erbaut 1822) und das Haus Meyer (aus Firrel, erbaut um 1900). Als jüngstes Gebäude kam 2011 das Wohnhaus einer Stellmacherei aus Westerstede hinzu (mit Bauteilen aus dem Jahre 1566).

Im Museum finden sich neben Bauern-, Heuer- und Landarbeiterhäusern zahlreiche Beispiele des ländlichen Handwerks, wie es bis weit in das 20. Jahrhundert hinein ausgeübt wurde: Drechslerei, Zinngießerei, Huf- und Wagenschmiede, Kupferschmiede, Lederschuhmacherei, Holzschuhmacherei, Tischlerei, Zimmermannswerkstatt, Brauhaus, Böttcherei, Blaufärberei, Sattlerei, Töpferei, Gold- und Silberschmiede sowie technische Kulturdenkmäler wie Mühlen und Kraftmaschinen. Somit wird ein großer Teil des traditionellen Handwerks im ländlichen Raum dokumentiert.

Mühlen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2008 ist das Museumsdorf eine Station an der Niedersächsischen Mühlenstraße. Den Reisenden auf dieser Ferienstraße bietet es:

Sammlungen und Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zehntscheune: Eingang zum eigentlichen Museumsdorf und Ausstellungsraum

Nur ein Teil der Sammlungen des Museumsdorfs ist in den Häusern auf dem Gelände zu sehen. Ein Großteil der Möbel, Arbeitsgeräte, Fuhrwerke, Textilien, Zinngegenstände und Archivalien wird dagegen in den Depots aufbewahrt und dem Publikum anhand ausgewählter Beispiele in wechselnden Sonderausstellungen in der Burg Arkenstede, der Ausstellungshalle beim Parkplatz und der Münchhausenscheune museumsdidaktisch aufbereitet präsentiert. Längerfristig zu sehen sind Ausstellungen über Landwirtschaft und Technik, über historische Möbel und den Adel in Nordwestdeutschland.

Auf dem Gelände werden, außer in den Wintermonaten, auch traditionelle Haustierrassen wie das Bentheimer Landschwein und der Westfälische Totleger präsentiert.

Veranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2002 findet alljährlich zwischen Christi Himmelfahrt und dem Sonntag vor Pfingsten eine „Gartenpartie“ auf dem Gelände des Museumsdorfs Cloppenburg statt.[9]

Im Jahr 2011 wurden im Museumsdorf Cloppenburg erstmals eine „historische Dorfkirmes[10] und ein Nikolausmarkt[11] aufgebaut.

Museumsgründung in der Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gründung des Museums in der Zeit des Nationalsozialismus (1934) gibt Anlass zu der Frage, ob sie vor dem Hintergrund nationalsozialistischer Blut-und-Boden-Mythologie erfolgt sei. So stellt Sabine J. S. Bardenhofer-Paul 2009 in ihrer Diplomarbeit[12] lapidar ohne nähere Begründung fest: „Als erstes großes deutsches Freilichtmuseum gilt das Museumsdorf Cloppenburg in Niedersachsen, das im Jahr 1936 unter der Leitung von Heinrich Ottenjann eröffnet wurde. Dass dies mit Hilfe der nationalsozialistischen Regierung geschah und deren ideologischen Zwecken diente, ist evident.“

Die Gründung des Museumsdorfs Cloppenburg ist insbesondere im Kontext der Geschichte der Heimatbewegung zu betrachten:[13] Diese entstand bereits um 1880 als Reflex der Verstädterung Deutschlands und des Interesses vieler Städter an einer Erinnerung an ihre bäuerlichen Wurzeln. Aus dieser Bewegung heraus waren im Land Oldenburg 1910 bereits das Ammerländer Bauernhaus in Bad Zwischenahn und 1912 die Rauchkate in Neuenburg als sinnlich erlebbare Erinnerungsstätten entstanden. In Cloppenburg selbst wurde 1922 ein Heimatmuseum gegründet.

So entwickelte Heinrich Ottenjann bereits vor 1933 das Konzept des Museumsdorfs Cloppenburg, das er dann 1934 realisieren konnte. Zugleich ließ sich Ottenjann von dem ganzheitlich ausgerichteten Konzept der skandinavischen Freilichtmuseen inspirieren, die die in Objekten dokumentierte Geschichte der ländlichen Bevölkerung in ihren funktionalen Zusammenhängen darzustellen versuchten.[14]

Die Nationalsozialisten befürworteten die Idee der Förderung der Heimatpflege und instrumentalisierten[15] und ideologisierten die im Entstehen begriffene volkskundlich-agrarhistorische Anlage. Unter der Schirmherrschaft des Gauleiters Carl Röver sollte das Museumsdorf eine Sammlung von idealtypischen Bauernhäusern des Oldenburger Münsterlandes werden, die gleichsam als „gebaute Baufibel“ den „rechte[n] Sinn und rechte Gesinnung“ für das Handwerk und die Ideologie eines „neuen, gesunden Bauerntums“ vermitteln sollten.[16] Gleichwohl wurde das Museumsdorf Cloppenburg nie in dem Sinne zu einer NS-Kultstätte wie etwa das ebenfalls von Röver unterstützte Projekt Freilichtbühne Stedingsehre in Bookholzberg, und es gab in Kreisen der NSDAP auch Gegner des Museumsdorf-Projekts.

Heute finden im Museumsdorf regelmäßig Veranstaltungen statt, die über nationalsozialistischen Ungeist informieren sollen.[17] Auch die Mitarbeiter des Museumsdorfs selbst werden aufklärerisch tätig: Beispielsweise kommentieren sie die These, die Pferdeköpfe auf niedersächsischen Bauernhäusern (Hallenhäusern) seien ursprünglich Überbleibsel von Pferdeopfern gewesen, damit, dass das ein von den Nationalsozialisten verbreiteter Mythos sei, der kritischer wissenschaftlicher Überprüfung nicht standhalte.[18]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinrich Ottenjann: Das Museumsdorf in Cloppenburg und die Idee des Freilichtmuseums in Deutschland. In: Heimatkalender für das Oldenburger Münsterland. Bd. 7. 1958. S. 76–80 (online)
  • Hermann Kaiser und Helmut Ottenjann – Museumsdorf Cloppenburg – Niedersächsisches Freilichtmuseum, Selbstverlag, Cloppenburg 1985
  • Hermann Kaiser, Helmut Ottenjann: Museumsführer Museumsdorf Cloppenburg – Niedersächsisches Freilichtmuseum. Stiftung Museumsdorf Cloppenburg 1995, ISBN 3-923675-14-3.
  • Hermann Kaiser: Ein Haus und eine Familie in schweren Zeiten: Der Wiederaufbau der Hofanlage Wübbe M. Meyer aus Firrel, Ostfriesland im Museumsdorf Cloppenburg. Stiftung Museumsdorf Cloppenburg 2003, ISBN 3-923675-92-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Museumsdorf Cloppenburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heinrich Kaiser: 250.000 Gäste im Museum. „Oldenburgische Volkszeitung“. 30. Dezember 2009. S. 14
  2. Hubert Gelhaus: Das politisch-soziale Milieu in Südoldenburg von 1803 bis 1936. Dissertation 1999/2001, S. 1630
  3. Hermann Kaiser: Geschichte des Niedersächsischen Freilichtmuseums Museumsdorf Cloppenburg (PDF-Datei; 40 kB)
  4. a b Niedersächsischer Bildungsserver: FÖJ-Einsatzstellenliste 2004/2005, S. 113 (Memento vom 7. Juli 2004 im Internet Archive)
  5. Publikationsverzeichnis des Museumsdorfes
  6. Homepage des Museumsdorfs. Abschnitt Zimmern, Hobeln, Malen - Die Handwerker des Museums
  7. Eine Zeichnung eines Dreschblocks findet sich auch auf der Internetseite "Dreschen und Reinigen" (Memento des Originals vom 24. August 2011 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.bauernhilfe-russland.de. Dort wird diese Erfindung dem Mühlenbauer Andrew Meikle zugeordnet.
  8. Landkreis Cloppenburg: Pressemitteilung vom 23. Mai 2007 zum 14. Deutschen Mühlentag (Memento vom 3. März 2012 im Internet Archive)
  9. Homepage der Gartenpartie
  10. Reiner Kramer: Museum macht Rummel um den Rummel@1@2Vorlage:Toter Link/www.nwzonline.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.. Nordwestzeitung. 8. Juni 2011
  11. Angelika Hauke: Nikolausmarkt: Romantisch, aber ganz ohne Kitsch@1@2Vorlage:Toter Link/www.vbcloppenburg.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.. Münsterländische Tageszeitung. 6. Oktober 2011
  12. Sabine J. S. Bardenhofer-Paul: „A Museum, wo a gaunzes Dorf ausgstöllt is!“ Der Sammler Josef Haubenwallner und sein Dorfmuseum Mönchhof (PDF-Datei; 3,17 MB). Universität Wien, Dezember 2009, S. 26.
  13. Suche nach Geborgenheit. Heimatbewegung in Oldenburg. Ausstellung im Museumsdorf Cloppenburg (Memento des Originals vom 19. Juli 2011 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.heimatbewegung.de
  14. Artikel „Heinrich Ottenjann“ (Memento des Originals vom 17. Mai 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.lb-oldenburg.de (PDF-Datei; 3,50 MB). In: Hans Friedl u. a. (Hrsg.): Biographisches Handbuch zur Geschichte des Landes Oldenburg. Isensee, Oldenburg 1992, S. 545 ff.
  15. Hubert Gellhaus: Das politisch-soziale Milieu in Südoldenburg von 1803 bis 1936. Dissertation 1999/2001, insbesondere der Abschnitt 1.3.4: Die politische Instrumentalisierung der traditionellen Heimatbewegung, S. 1613–1635
  16. Heinrich Stiewe: Hallenhaus, Heimatstil und Hakenkreuz. Ländliches Bauen im Nordwesten zwischen 1920 und 1950. Bericht über das 20. Treffen der AG Haus- und Gefügeforschung in Arnheim (Niederlande, 4. bis 6. April 2008).
  17. Carola Lipp, Uwe Meiners, Waldemar Röhrbein, Ira Spieker (Hrsg.): Volkskunde in Niedersachsen. Referate der Tagung vom 28. Februar bis 2. März 2001 im Museumsdorf Cloppenburg – Niedersächsisches Freilichtmuseum, insbesondere das Fachreferat von Heidi Rosenbaum, Oliver Doetzer und Sigrid Anna Friedreich zum Thema Zum Stellenwert biographischer Forschung in der Sozialgeschichte von Familie und Kindheit – am Beispiel des Projekts „Kinderalltag im Nationalsozialismus“.
  18. Kirsten Reinhardt: Warum haben die Niedersachsen Pferdeköpfe am Dach? In: Der Tagesspiegel, 27. März 2006.

Koordinaten: 52° 50′ 56″ N, 8° 3′ 4″ O