Nachtigall

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Nachtigall
Nachtigall (Luscinia megarhynchos)

Nachtigall (Luscinia megarhynchos)

Systematik
Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeri)
Familie: Fliegenschnäpper (Muscicapidae)
Unterfamilie: Schmätzer (Saxicolinae)
Gattung: Luscinia
Art: Nachtigall
Wissenschaftlicher Name
Luscinia megarhynchos
Brehm, 1831
Gedenktafel für Ringelnatz und die Nachtigall vom Sachsenplatz am heutigen Brixplatz in Berlin-Charlottenburg.

Die Nachtigall (Luscinia megarhynchos) ist eine Vogelart aus der Ordnung der Sperlingsvögel (Passeriformes), Unterordnung Singvögel (Passeres). Nach neueren molekularbiologischen Erkenntnissen zur Phylogenese der Singvögel wird sie heute meist zur Familie der Fliegenschnäpper (Muscicapidae) gestellt. Manchmal findet man sie aber auch heute noch bei den Drosseln (Turdidae) eingeordnet. Die nordöstliche Schwesterart der Nachtigall ist der Sprosser.

In Deutschland war die Nachtigall 1995 Vogel des Jahres.[1]

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Tiername „Nachtigall“, über mittelhochdeutsch nachtegal(e) von althochdeutsch nahtagala, geht wahrscheinlich auf ein westgermanisches Wort nahtagalōn mit der Bedeutung „Nachtsängerin“ zurück. Der zweite Wortteil ist verwandt mit „gellen“ und gehört zu althochdeutsch galan („singen“).[2]

Aussehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine ausgewachsene Nachtigall misst vom Schnabel bis zur Schwanzspitze etwa 16,5 cm, ist also etwa so groß wie ein Haussperling (Passer domesticus) und wiegt 18 bis 27 Gramm. Das Gefieder ist relativ unscheinbar und unauffällig, aber fein. Die Körperoberseite der Nachtigall ist von einem leicht rötlichen, warmen Hellbraun, der Schwanz deutlicher rotbraun; die Unterseite (Bauch, Brust) weißlich oder von einem sehr hellen Grau, das zum Teil, besonders an der Brust, leicht meliert ist in einem ähnlichen Hellbraun wie die Oberseite; die schwarzen Augen sind weiß umrandet, der Schnabel rosa und gelb, auch die Beine gelblich-rosa. Männchen und Weibchen sind bei der Nachtigall gleichfarbig.

Die Nachtigall hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Sprosser (Luscinia luscinia) und kann mit ihm verwechselt werden. Doch ist der Sprosser dunkler gefärbt und hat eine graubraune Brustfleckung.

Nahrung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nachtigall ernährt sich von Insekten und deren Larven, Würmern oder Raupen, manchmal auch von Spinnen oder anderen wirbellosen Tieren. Im Herbst und auch im Sommer sind Beeren ihre hauptsächliche Nahrung.

Gesang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Singende Nachtigall
Klang-Beispiel 1: Gesang eines Nachtigall-Männchens in Teign Valley, Devon, England (5:02 min)
Klang-Beispiel 2: Gesang eines Nachtigall-Männchens (2:50 min)

Es singen nur die Männchen. Der Gesang der Nachtigall ist reich, wohltönend und laut und wird von Menschen als sehr angenehm und schön empfunden. Der Gesang ist überaus komplex, verschiedenartig, unvorhersehbar und „fantasievoll“, besteht aus Strophen dicht gereihter Einzel- oder Doppeltöne. Es kommen gezwitscherte und geflötete Laute vor, Tonrepetitionen sowie trillerartige und in der Kehle geschlagene Bildungen, deren Intervall-Umfang ganz verschieden sein kann (z. B. Terz, Quarte usw.). Die Stimme hat einen großen Umfang, hohe Töne oder Passagen wechseln sich mit solchen einer tiefen oder mittleren Lage ab. Auch die Dynamik ist sehr variabel und wechselt von leisen zu lauten Passagen, manchmal auch in Crescendo-Effekten. Neben schnellen und schnellsten Koloraturen von einem scheinbar fröhlichen oder gar witzigen Ausdrucksgehalt kommen auch langgezogene Töne mit besonders wohlklingender Stimme und Tonwiederholungen vor, die klagend oder sehnsüchtig wirken und als besonders charakteristisch gelten.

Im zeitigen Frühjahr singen unverpaarte Nachtigallmännchen etwa ab elf Uhr nachts bis in den Morgen; der Nachtgesang dient wohl vor allem zum Anlocken einer Brutpartnerin und wird nach erfolgter Paarbildung eingestellt. Ab Mitte Mai singen deshalb meist nur noch unverpaarte Männchen nachts. Während der ganzen Brutsaison bis Mitte Juni singen Nachtigallmännchen aber auch tagsüber, und zwar häufig aus der Deckung heraus.[3] Der Gesang während der Morgendämmerung dient wohl vor allem zur Verteidigung des Revieres gegen andere Männchen. Nachtigallmännchen erlernen ihren Gesang während der frühen Jugend von benachbarten Vögeln und beherrschen zwischen 120 und 260 unterschiedliche Strophentypen, die meistens zwei bis vier Sekunden lang sind. Das extrem umfangreiche Repertoire ist damit unter den europäischen Singvögeln fast einzigartig. Der Nachtigallgesang ist vor allem aufgrund seiner Komplexität Gegenstand intensiver verhaltensbiologischer Forschung.

Neben der Rolle bei der Revierbildung geht es in neueren experimentellen Studien insbesondere um die Frage, wie und wann arttypische Gesangsstrophen von den Jungvögeln gelernt werden,[4] in welcher Form sie diese später reproduzieren und wie Abschnitte wie Strophen und deren Untereinheiten neu kombiniert werden.[5] Daraus ergeben sich neue Einsichten in die Funktion des Gedächtnisses bei Singvögeln.

Gesang: historisch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine relativ genaue Beschreibung und Analyse des Nachtigallgesanges wurde bereits von Athanasius Kircher in seiner Musurgia universalis (Buch I, Kapitel XIV, § 4 Philomela sive Luscinia, Rom, 1650) unternommen. Er untersuchte auch die Kehle des Vogels und unterschied verschiedene Ton- und Trillerbildungen, die er – je nachdem, wie sie hervorgebracht werden – Pigolismus (mit klarer heller Stimme), Teretismus („Murmeln“) und Glazismus (abgesetzt, gestoßen) nannte; diese können jedoch auch in allen möglichen Mischungen erscheinen, „so dass eine schier unendliche Vielfalt von harmonischen Modulationen entsteht“.[6] Kircher veröffentlichte in der Musurgia auch einen kleinen von ihm aufgezeichneten Gesang einer Nachtigall,[7] betonte jedoch auch, dass jede Nachtigall einen eigenen Gesang habe.

„In der Nachtigall hat die Natur mit Recht gleichsam die Idee der gesamten Musik sichtbar gemacht, so dass die Gesangsmeister bei ihr lernen können, wie man auf vollkommene Weise den Gesang ordnen und die Töne in der Kehle bilden muss. Die Nachtigall verwendet nicht weniger Ehrgeiz darauf, die Köstlichkeit ihres Gesangs den Zuhörern darzubieten, als der Pfau die Schönheit seines Schweifes. Sie ist nicht nur φιλόμουσος (musik- und kunstliebend), sondern auch φιλόδοξος (liebt Brillanz, Pracht, auch das Merkwürdige, Komische).“

Athanasius Kircher: Musurgia universalis, Rom 1650[8]

Früher galt der Gesang der Nachtigall als schmerzlindernd und sollte dem Sterbenden einen sanften Tod und dem Kranken eine rasche Genesung bringen. Auch der Name der Nachtigall leitet sich von ihrem Gesang ab – ahd. gal bedeutet Gesang, die Nachtigall ist also ein Nachtsänger.

… die Nachtigall hat just italienische Manieren, das meiste sind Triller und Läufe mit der Stimme, sie klagt überhaupt nicht, sondern singt aus vollem Halse ihre stolzen Bravour-Arien.

Hans Christian Andersen[9]

Lebensraum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachtigallen sind Zugvögel. Sie sind in Asien, Europa und Nordafrika heimisch. Die mitteleuropäischen Nachtigallen überwintern in Afrika. In Australien wurden die Nachtigallen durch europäische Siedler eingeführt. Nachtigallen besiedeln dichtes Gebüsch, oft am Waldrand und in feuchtem Gelände, aber auch in Feldgehölzen (Gebüschwald).

Fortpflanzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eier der Nachtigall, Sammlung Museum Wiesbaden

Die Brutzeit ist in Mitteleuropa von Mitte April bis Mitte Juni. In der Regel gibt es nur eine Brut pro Jahr. Unter günstigen klimatischen Bedingungen wird zweimal gebrütet. Das Gelege besteht aus vier bis sechs grünlich braunen Eiern. Die Eier werden täglich abgelegt und vom Weibchen 13 bis 14 Tage bebrütet. Die Jungen werden von beiden Eltern gefüttert. Nach 11 bis 12 Tagen verlassen die Jungen das Nest, werden aber 14 bis 15 Tage weiterhin betreut.

Nest[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nester werden oft am Buschrand oder an Wegrändern im Krautsaum direkt am Boden gebaut. Der Boden besteht aus Laub, innen befinden sich Moos und Halme. Das Weibchen baut das Nest allein.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nachtigall als Symbol[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Volkstraditionen kündigt die Nachtigall den Frühling an, sie ist der Vogel des Monats Mai, aber auch und besonders ein Symbol der Liebe. In der persischen Literatur ist die angeblich in die Rose verliebte Nachtigall das Symbol des Liebenden, des Dichters und des Gottsuchers schlechthin (so wie die Rose Symbol alles Schönen, auch als Manifestation des Göttlichen,[10] ist).

Dichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nachtigall ist unter anderem bekannt durch die Zeilen „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, / Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang.“ aus Shakespeares Romeo und Julia; ebenso durch die berlinerische Redewendung „Nachtigall, ick hör’ dir trapsen“, die aus Des Knaben Wunderhorn stammt. (Parodie der Anfangszeilen der ersten und zweiten Strophe: „Nachtigall, ich hör dich singen“ und „Nachtigall, ich seh dich laufen“. Bezeichnet wird damit eine Vorahnung.)[11] „Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall“ ist eine niederdeutsche Redewendung; der Gesang beider Vögel ist unterschiedlich und gefällt unterschiedlichen Menschen.

In der Antike beschrieb Ovid im sechsten Buch seiner Metamorphosen die Geschichte von Tereus, Prokne und Philomela, an deren Ende alle drei Hauptfiguren in Vögel verwandelt werden – je nach Version wird eine der beiden Frauen zu einer Nachtigall. Daher wurde später in der Dichtung der Name Philomele metonymisch für die Nachtigall gebraucht.

Um 1200 verband Walther von der Vogelweide im Gedicht Under der linden den Gesang der Nachtigall mit den Liebenden („schône sanc diu nahtegal“). Hans Sachs rühmte Martin Luther in seinem gleichnamigen Gedicht als die „Wittenbergische Nachtigall“. Der Barockdichter Friedrich Spee schrieb ein Gedicht Trutznachtigall,[12] nach dem er auch eine ganze Gedichtsammlung Trutznachtigall oder geistlich-poetisch Lustwäldlein, benannte, die 1649 kurz nach dem 30-jährigen Krieg erschien.[13]

„Doch süßer noch erklinget / Ein sonders Vögelein, / So seinen Sang vollbringet / Bei Mond- und Sonnenschein. …

Trutznachtigall mans nennet, / Ist wund von süßem Pfeil, / In Lieb es lieblich brennet, / Wird nie der Wunden heil. …“

Friedrich von Spee: Trutznachtigall[14]

Die Nachtigall kommt auch in dem Märchen Jorinde und Joringel vor. In Hans Christian Andersens Märchen Des Kaisers Nachtigall heilt der Gesang der Nachtigall den todkranken Kaiser von China. John Keats schrieb die Ode an eine Nachtigall und von Oscar Wilde stammt die Geschichte Die Nachtigall und die Rose.

Auch Theodor Storm widmete der Nachtigall ein Gedicht, Die Nachtigall: „Das macht, es hat die Nachtigall die ganze Nacht gesungen. Da sind von ihrem süßen Schall, da sind in Hall und Widerhall, die Rosen aufgesprungen“.[15]

Harper Lees Romantitel To Kill a Mockingbird (etwa: Eine Spottdrossel töten) wurde nur in der deutschen Übersetzung zu Wer die Nachtigall stört geändert.

Der irische Dichter Eugene McCabe untermalt in seinem Roman Tod und Nachtigallen (Originaltitel: Death and Nightingales) die Handlung, die im Jahre 1883 während der irischen Nationalbewegung spielt, mit Vogelstimmen.

In dem Gedicht „OH“, rief ein Glas Burgunder … von Joachim Ringelnatz aus dem Zyklus Die Schnupftabaksdose, Stumpfsinn in Versen (1912), gießt der Mond sein Licht angeblich „wie sengende Glut/Hin über das nachtigallige Land --“. Als Ringelnatz in den 1920er Jahre am Sachsenplatz im Berliner Westend lebte (heute Brixplatz), schrieb er Folgendes: „Es sang eine Nacht.../ Eine Nachti.../ Ja Nachtigall am Sachsenplatz/ Heute morgen. – Hast du in Berlin/ Das je gehört? – Sie sang, so schien/ Es mir, für mich, für Ringelnatz.“[16] Daran erinnert eine Gedenktafel an der Mauer des heute noch stark von Nachtigallen besuchten Brixplatzes zur Reichsstraße hin.

Die Nachtigall ist der offizielle Nationalvogel des Iran. In der mittelalterlichen persische Literatur hat der vergnügliche Gesang der Nachtigall sie zu einem Symbol für den beredten, leidenschaftlichen und zur vergeblichen Liebe verdammten Liebhaber gemacht.[17] In der persischen Poesie ist das Objekt der Zuneigung der Nachtigall die Rosen, die sowohl die Vollkommenheit irdischer Schönheit als auch die Arroganz dieser Vollkommenheit verkörpert. Der Dichter Hafis verkörpert das Bild in "Gutes Ende" (persisch: "فرشگرد") zu Nachtigalls Liebe und Leidenschaft für die Rose im Sonett 232[18] seines Divān:

"Die Tiefe des Herzens ist kein Ort der Gesellschaft von Gegnern,
Dass wenn der Teufel ausgeht, kann der Engel im Inneren kommen.
O' Die liebevolle Nachtigall, bitte um Leben; denn am Ende,
Grün wird zum Garten und zur Blüte wird die rote Rose kommen."

Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nachtigall als besonders „musikalischer“ und zugleich poetisch konnotierter Vogel inspirierte besonders viele Musikwerke. Dabei stechen besonders Stücke mit Gesang – insbesondere für hohe Stimme(n) – oder für verschiedene Arten von Flöten hervor, aber es gibt auch Werke für andere Instrumente.

In Liedern oder Chansons in Mittelalter und Renaissance wurde der Vogel, wenn überhaupt, in erster Linie mithilfe einer eleganten Melodik charakterisiert. Dies ist auch noch in Clément Janequins Chanson Va rossignol, amoureux messagier (8me Livre..., Paris, Attaignant, 1540) der Fall, wo die Nachtigall als Liebesbote angesungen wird und nur kleine Umspielungen in den verschiedenen Stimmen eventuell den Vogelgesang andeuten. Janequin ist für einige Stücke bekannt, in denen er wirkliche Imitationen des Nachtigallengesanges versuchte: 1537 erschienen bei Attaignant sein eher melancholisches Le rossignol („Die Nachtigall“; mit dem Textbeginn En escoutant),[19] und der fröhliche Chant des oiseaux („Gesang der Vögel“).[20][21] Im zweiten Stück imitiert er u. a. auch Amsel (merle), Lerche (stournelle) und Kuckuck, doch ist die Nachtigallenimitation besonders ausgedehnt und findet mitten in der folgenden Strophe statt, auf den Silben Frian, frian...:

Rossignol du boys ioly, A qui le voix resonne, Pour vous mettre hors d’ennuy Vostre gorge iargonne: Frian, frian, frian... Fyez regrez, pleurs et souci, Car la saison l’ordonne.

Nachtigall im hübschen Wald, deren Stimme erklingt; um Euch die Langeweile zu vertreiben, plappere Eure Kehle: Frian, frian, frian... Fliehet Leid, Tränen und Sorge, wie es die Jahreszeit gebietet...“

Clément Janequin: Va rossignol, amoureux messagier (8me Livre contenant XIX chansons nouvelles..., Paris, Attaignant, 1540)[22]

Im Madrigal Vaghi boschetti („Schöne Boskette“) im 7. Madrigalbuch (1581) von Giaches de Wert ist das Wort rossignuoli das letzte Wort des Textes (von Ariost), aber in der Musik hört man den Nachtigallengesang schon am Beginn. Im Lute Book (1616–1645) von Jane Pickering findet sich ein die Nachtigall imitierendes Musikstück La Rossignol für zwei Lauten.[23] Claudio Monteverdi inspirierte sich vielleicht am Madrigal von de Wert, als er 1638 sein 5-stimmiges Madrigal Dolcissimo uscignolo („Süßeste Nachtigall“) in seinem 8. Madrigalbuch (1638) veröffentlichte, in welchem er die poetische Vorstellung von einem melancholischen, aber süßen Gesang des Vogels mithilfe von eleganten Koloraturen und einer Oberstimme in hoher Lage ausdrückt.

Berühmt sind Jacob van Eycks virtuose Variationen über das Lied Engels Nachtegaeltje („Englische Nachtigall“) für Blockflöte, in denen stellenweise auch bereits Imitationen des Vogelgesangs anklingen (veröffentlicht 1644–1656 im Fluyten Lust-hof).

Möglichst realistisch imitierte der Violinvirtuose Heinrich Ignaz Franz von Biber die Nachtigall neben anderen Vögeln (Kuckuck, Henne/Hahn, Wachtel) und Tieren (Frosch, Katze) in seiner humoristischen und insgesamt eher bizarren Sonata representativa für Violine solo (handschriftlich überliefert in Kremsier).

Zum Teil humoristisch ist auch Alessandro Pogliettis sogenannter Rossignolo, eine Sammlung von Cembalostücken, die der Komponist der Kaiserin Eleonore Magdalena Theresia nach ihrer Hochzeit mit Leopold I. (1676) als Geschenk überreichte. Poglietti machte darin auch mehrfach den Versuch einer echten Vogelimitation, u. a. in der Aria bizzara del Rossignolo und der abschließenden Imitatione del medesimo Uccello.[24] Dabei kannten höchstwahrscheinlich sowohl Poglietti als auch Biber Kirchers oben erwähnte Beispiele des Nachtigallengesangs in dessen Musurgia universalis (1650, Rom), zumal die Habsburgerkaiser Ferdinand III. und Leopold I. auch Kircher und seine Publikationen unterstützten.

In barocken Orgeln, Positiven und Claviorgana gibt es manchmal ein Nachtigallenregister, das den Vogelgesang zu imitieren sucht und das man bei geeigneten Stücken und je nach Belieben dazuschalten kann.

Zu den berühmtesten Stücken von François Couperin zählt Le Rossignol-en-amour („Die verliebte Nachtigall“) mit Double, das sowohl als solistisches Cembalostück interpretiert werden kann, aber auch mit Traversflöte und Basso continuo. Es ist eigentlich ein stilisiertes melodisches Porträt, aber mit eingestreuten Imitationen von Vogelgesang, und leitet seinen 14. Ordre (im 3. Buch Pièces de clavecin, 1722) ein, in dem es noch mehrere andere Vogelstücke gibt, darunter auch Le Rossignol-vainqueur („Die siegreiche Nachtigall“).[25]

Antonio Vivaldi nannte sein Violinkonzert A-dur RV 335a Il Rosignuolo („Die Nachtigall“), dessen erster Satz einige Floskeln verwendet, die an das weit berühmtere Konzert RV 90 Il gardellino („Der Distelfink“) erinnern. Il Rosignuolo wurde in einer leicht geänderten Version[26] 1720 in England unter dem Namen The Cuckow („Der Kuckuck“, RV 335) gedruckt und war dort eines der beliebtesten Werke Vivaldis; mehrere Fachleute haben jedoch darauf hingewiesen, dass das Konzert gar keine typischen Kuckucksimitationen enthält, stattdessen jedoch viele lebhafte und virtuose Passagen, wie sie zur Nachtigall passen – der handschriftlich überlieferte Titel Il Rosignuolo dürfte also der originale sein.[27][28]

Georg Friedrich Händel schrieb mehrere Werke über die Nachtigall: Das bekannteste ist wohl sein Orgelkonzert Nr. 13 „Der Kuckuck und die Nachtigall“ (The Cuckoo and the Nightingale). In seinem Oratorium Solomon (1749) gibt es einen sogenannten „Nachtigallen-Chor“ (May no rash intruder, Ende Akt I,2). Die Arie Se nel bosco resta solo, rusignolo col suo canto[29] in seiner Oper Arianna (1733) ist eines der melancholischsten Nachtigallenstücke und enthält nur wenige und sehr subtile Anspielungen an den realen Vogel; sie war ursprünglich für Händels Lieblingssängerin Anna Strada del Po gedacht.[30] Eine regelrechte Naturschilderung bietet dagegen die Sopran-Arie Sweet bird („Süßer Vogel“) in Händels L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato (HWV 55), wo vor allem die solistische Traversflöte relativ realistische Vogelimitationen auszuführen hat; der Text basiert auf Gedichten von John Milton:

Sweet bird, that shun'st the noise of Folly, Most musical, most melancholy, Thee, Chantress, of the woods among, I woo to hear thy evensong. Or missing thee, I walk unseen, On the dry smooth shaven green, To behold the wand'ring moon, Riding near her highest noon.

Lieber Vogel, der Du den Lärm der Torheit meidest, Überaus musikalisch, überaus melancholisch, Dich, Zauberin der Wälder rings umher, Umwerbe ich, dein Abendlied zu hören. Verfehl ich Dich, so geh ich ungesehn Über das trockne weiche geschorene Gras, Zu schauen den wandernden Mond, der nahe seinem Zenit dahingleitet.“

G. F. Händel: L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato[31]

Nachtigallen-Arien waren schon zuvor im Barock ziemlich beliebt, bereits Carlo Francesco Pollarolo ahmte den Gesang des Vogels nach in Usignoli che cantate („Nachtigallen, die ihr singt“) in seiner Oper Onorio in Roma (1692),[32] ebenso Alessandro Scarlatti in der Arie O sentite quel rossignolo (in Le nozze con l’inimico, 1695).[33] Jean Philippe Rameau lässt in der Air Rossignols amoureux, répondez à nos voix („Verliebte Nachtigallen, antwortet unseren Stimmen“) in seiner Tragédie lyrique Hippolyte et Aricie (1733) die Singstimme mit Flöten und Solovioline wetteifern. Ein hochvirtuoses und zugleich poetisches Bravourstück für den berühmten Soprankastraten Farinelli war Geminiano Giacomellis Arie Quell'usignolo für seine Oper Merope (1734). Der Sänger hinterließ selber auskomponierte Kadenzen für diese Arie, wo er den Gesang der Nachtigall zu imitieren versuchte.[34]

Noch im zweiten Teil von Joseph Haydns Die Schöpfung (1797) besingt der Erzengel Gabriel (Sopran) die Nachtigall (neben Adler, Lerche und Tauben) in der Arie „Auf starkem Fittige“ mit folgenden Worten: „Aus jedem Busch und Hain erschallt der Nachtigallen süße Kehle, noch drückte Gram nicht ihre Brust, noch war zur Klage nicht gestimmt ihr reizender Gesang“.

Im zweiten Satz von Ludwig van Beethovens 6. Sinfonie Pastorale (1808) gibt es eine Nachtigallen-Imitation.

Die bekannte Romanze Solowei (auch französisch: Le Rossignol („Die Nachtigall“)) des russischen Komponisten Alexander Alexandrowitsch Aljabjew gehört zum Repertoire mancher Koloratursoprane, wie Edita Gruberova oder Natalie Dessay; das Stück wurde von Franz Liszt für Piano solo bearbeitet. Von Léo Delibes gibt es ein Kammermusikwerk Le Rossignol für Sopran, Flöte und Klavier.

Igor Strawinsky schrieb eine Oper Le rossignol (1914) und in Anlehnung daran auch eine symphonische Dichtung Le chant du rossignol („Der Gesang der Nachtigall“, 1917). Das Letztere wurde auch als Ballett aufgeführt, die Uraufführung fand statt am 2. Februar 1920 an der Opéra in Paris, mit einer Choreographie von Leonid Massine und Bühnenbildern von Henri Matisse; später machte auch George Balanchine eine neue Choreographie dazu.

Ottorino Respighi verwendet in seiner symphonischen Dichtung Pini di Roma (1924) im 3. Satz I Pini del Gianicolo,[35] eine echte Aufnahme des Nachtigallengesangs. Für den 4. Satz L’usignuolo („Die Nachtigall“) von Respighis Werk Gli Uccelli („Die Vögel“) diente van Eycks oben erwähnte Engels Nachtegaeltje als Vorbild.

Koreanischer Hoftanz (Chunaengjeon)

Es gibt einen koreanischen Hoftanz (jeongjae) namens Chunaengjeon oder „Tanz der Frühlings-Nachtigall“ (춘앵전), der bereits im 17. Jahrhundert existiert haben soll, aber erst 1848 im Jinchan Uigwe („Manual of Court Banquet“) erwähnt wurde.[36] Die erste überlieferte Choreographie dazu stammt von 1893 (in: Jeongjae Mudo Holgi = Manual of Court Dance); es handelt sich um den einzigen Solotanz innerhalb der koreanischen Hoftänze. Als Begleitmusik dient die koreanische Hofmusik pyeongjo hoesang.

Der koreanische Nachtigallentanz basierte laut Jinchan Uigwe (1848) auf einem viel älteren chinesischen Vorbild: In der chinesischen Enzyklopädie Yuanchien Leihan von 1701 wird erwähnt, dass der Tang-Kaiser Tang Gaozong (gest. 683), nachdem er dem Gesang der Nachtigall gelauscht hatte, seinen Hofmusiker Po Ming Chien beauftragte, ein Musikstück darüber zu komponieren, zu dem auch Tänzerinnen auftraten.[37]

In der Geschichte der Musik wurden mehrere Sänger mit der Nachtigall identifiziert, so nannte man den Kastraten Matteuccio „die Nachtigall von Neapel“ (il rosignuolo di Napoli), und Jenny Lind, eine der berühmtesten Sopranistinnen des 19. Jahrhunderts, ist bekannt als „schwedische Nachtigall“.

Die Autorin Christine Wunnicke nannte ihr Buch über den Kastraten Filippo Balatri Die Nachtigall des Zaren.[38] Ganz allgemein wurden/werden vor allem leichte Koloratur-Soprane oder Soubretten manchmal als „Nachtigall“ bezeichnet, in moderneren Zeiten (20. und 21. Jahrhundert) manchmal auch abfällig.

Nightingale Classics ist ein CD-Label, das vor allem bekannt ist für Aufnahmen von Belcanto-Opern von Gioachino Rossini, Vincenzo Bellini und Gaetano Donizetti mit der Koloratur-Sopranistin Edita Gruberova.

Weiteres[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Asteroid des äußeren Hauptgürtels (713) Luscinia wurde nach der lateinischen Bezeichnung der Singvogelart Nachtigall (Luscinia) benannt.[39]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Nachtigall (Luscinia megarhynchos) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Nachtigall – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vogel des Jahres (Deutschland): 1995
  2. Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin/ New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 500.
  3. Elke Brüser: In der Deckung singen * Flügelschlag und Leisetreter. In: Flügelschlag und Leisetreter. 21. Mai 2020, abgerufen am 27. Mai 2020 (deutsch).
  4. Sarah Kiefer, C. Scharff, H. Hultsch & S. Kipper: Learn it now, sing it later? Field an laboratory studies on song repertoire acquisition and song use in nightingales. In: Naturwissenschaften. Band 101, Nr. 11. Springer, 2014, ISSN 0028-1042, S. 955–963.
  5. Henrike Hultsch: Tracing the memory mechanisms in the song acquisition of nightingales. In: Netherlands Journal of Zoology. Band 43, Nr. 1-2, 1992, S. 155–171.
  6. Athanasius Kircher: „Musurgia universalis“, erste vollständige Übersetzung ins Deutsche von Günter Scheibel (Revision: Jacob Langeloh unter Mitarbeit von Frank Böhling, hrsg. von Markus Engelhardt und Christoph Hust), im Internet: Digitalisat auf der Website der Musikhochschule Leipzig, Seite 51–54, (Zitat: Seite 54 oben). Zuletzt eingesehen am 22. April 2018.
  7. Athanasius Kircher: „Musurgia universalis“, erste vollständige Übersetzung ins Deutsche von Günter Scheibel, …, im Internet: Digitalisat auf der Website der Musikhochschule Leipzig, Noten auf Seite 56 des Digitalisats. Zuletzt eingesehen am 22. April 2018.
  8. Athanasius Kircher: „Musurgia universalis“, erste vollständige Übersetzung ins Deutsche von Günter Scheibel, …, im Internet: Digitalisat auf der Website der Musikhochschule Leipzig, Seite 51. Zuletzt eingesehen am 22. April 2018.
  9. Hans Christian Andersen: Die frühen Reisebilder, Kiepenheuer Verlag, 1984, S. 205
  10. Alexandra Lavizzari: Anmerkungen. In: Ayyuqi: Warqa und Gulschah. Übertragung aus dem Persischen und Nachwort von Alexandra Lavizzari. Unionsverlag, Zürich 2001, S. 158–160; hier: S. 158
  11. Nachtigall ick hör dir trapsen auf wissen.de
  12. Text „Trutznachtigall“ online, zuletzt gesehen am 22. April 2018
  13. Friedrich von Spee: Trutz-Nachtigall (Köln 1649), hrsg. v. Theo G. M. van Oorschot. Bern: Francke 1985 (Ndr. d. Ausg. Köln 1649) Digitalisat der Ausgabe Leipzig 1879 (Memento des Originals vom 17. Januar 2012 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/dlibra.up.krakow.pl
  14. Friedrich von Spee: Trutz-Nachtigall (Köln 1649), hrsg. v. Theo G. M. van Oorschot. Bern: Francke 1985
  15. Deutsche Gedichtebibliothek Joachim Ringelnatz:: Am Sachsenplatz. Die Nachtigall. Abgerufen am 10. April 2021.
  16. Joachim Ringenatz: Am Sachsenplatz.Die Nachtigall. In: Deutsche Gedichtebiblioihek.
  17. BOLBOL “nightingale”. Encyclopaedia Iranica.
  18. غزل شمارهٔ ۲۳۲. Abgerufen am 2. Juli 2021.
  19. Das Stück wird auch manchmal Le chant du rossignol („Der Gesang der Nachtigall“) genannt.
  20. Originaledition mit beiden Stücken von 1537: auf IMSLP, gesehen am 22. April 2018
  21. Moderne Noten des Chant des oiseaux auf: IMSLP, gesehen am 22. April 2018
  22. Textbuch zur CD: Clément Janequin: La Chasse et autres chansons. Harmonia mundi 1988. S. 16
  23. Frederick Noad: The Renaissance Guitar (= The Frederick Noad Guitar Anthology. Teil 1.) Ariel Publications, New York 1974; Neudruck: Amsco Publications, New York/London/Sydney, UK ISBN 0.7119.0958.X, US ISBN 0.8256.9950.9, S. 46 f.
  24. Denkmäler der Tonkunst in Österreich, Bd. 27, Jahrgang XIII/2 (A. Poglietti, F. T. Richter, G. Reutter d. Ä. - Klavier- und Orgelwerke). Hrsg. v. Guido Adler und Hugo Botstiber. Akademische Druck und Verlagsanstalt Graz, Graz 1906/1959, S. XVI (Vorwort) und S. 27–31.
  25. François Couperin: Troisième Livre de Pièces de Clavecin. 1722. Hrg. von Jos. Gát. Schott, Mainz 1970–1971, S. 23 ff, 30 f.
  26. Die englische Fassung hat einen anderen, schlichteren zweiten Satz und eine Orgelstimme, statt einer gelegentlichen zweiten Solo-Violine.
  27. Giorgio Fava: Text zur CD: Vivaldi – Concerti della natura. Mit Giuliano Carmignola, Sonatori della Gioiosa Marca. Erato, Paris 2000, S. 7–8 (italienisches Original) und S. 24–25 (deutsche Übersetzung). Dies ist eine Einspielung der handschriftlichen Version mit dem Titel Il Rosignuolo in der Biblioteca Benincasa in Ancona.
  28. Michael Talbot, Text zur CD: Vivaldi – Violin Concertos, op. 6 + Concerto „The Cuckoo“. Mit Andrew Manze, The Academy of Ancient Music, Christopher Hogwood. Decca, London 2000, S. 17. Dies ist eine Einspielung der in England als The Cuckoo verbreiteten Fassung; trotzdem weist Talbot in seinem Text auf die Unstimmigkeit des Titels hin.
  29. „Wenn sie im Wald alleine bleibt, die Nachtigall mit ihrem Gesange“
  30. Rodolfo Celletti: Geschichte des Belcanto. Bärenreiter-Verlag, Kassel u. a. 1989, S. 101 f.
  31. Textbuch zur CD: Händel: L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato. The King’s Consort, Robert King. Hyperion. S. 19
  32. Rodolfo Celletti: Geschichte des Belcanto. Bärenreiter-Verlag, Kassel u. a. 1989, S. 59.
  33. Rodolfo Celletti: Geschichte des Belcanto. Bärenreiter-Verlag, Kassel u. a. 1989, S. 59.
  34. Arias for Farinelli. Vivica Genaux, Akademie für Alte Musik Berlin, René Jacobs. Harmonia mundi, 2002/2003. Siehe auch das Textbuch, S. 50.
  35. Der Gianiculo ist einer der Hügel Roms.
  36. Il-ji, Moon: Ch'unaengjŏn (Nightingale Dance), a Korean Court Dance. In: Yearbook for Traditional East Asian Musics (15 ed.), (1983), S. 71–88.
  37. Il-ji, Moon: Ch’unaengjŏn (Nightingale Dance), a Korean Court Dance. In: Yearbook for Traditional East Asian Musics (15 ed.), (1983), S. 71–88.
  38. Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren. Das Leben des Kastraten Filippo Balatri. München 2001.
  39. Lutz D. Schmadel: Dictionary of Minor Planet Names. Fifth Revised and Enlarged Edition. Hrsg.: Lutz D. Schmadel. 5. Auflage. Springer Verlag, Berlin, Heidelberg 2003, ISBN 978-3-540-29925-7, S. 186 (englisch, 992 S., link.springer.com [ONLINE; abgerufen am 21. Juli 2021] Originaltitel: Dictionary of Minor Planet Names. Erstausgabe: Springer Verlag, Berlin, Heidelberg 1992): “Discovered 1911 Apr. 18 by J. Helffrich at Heidelberg.”