Nackt unter Wölfen (2015)

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Filmdaten
OriginaltitelNackt unter Wölfen
ProduktionslandDeutschland
OriginalspracheDeutsch
Erscheinungsjahr2015
Länge105 Minuten
AltersfreigabeFSK 12
Stab
RegiePhilipp Kadelbach
DrehbuchStefan Kolditz
ProduktionNico Hofmann
Benjamin Benedict
Sebastian Werniger
MusikMichael Kadelbach
KameraKolja Brandt
SchnittBernd Schlegel
Besetzung

Nackt unter Wölfen ist ein deutsches Filmdrama von Philipp Kadelbach aus dem Jahr 2015. Es basiert auf dem gleichnamigen Roman von Bruno Apitz, der 1958 im Mitteldeutschen Verlag erschienen ist. Er ist nach einer Fernsehproduktion im Jahr 1960 und der Verfilmung Nackt unter Wölfen von Frank Beyer im Jahr 1963 die dritte filmische Umsetzung der literarischen Vorlage.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im April 1943 wird der politisch im Widerstand aktive Hans Pippig zusammen mit seinem Vater ins KZ Buchenwald eingeliefert. Der Vater fällt schnell der willkürlichen Gewalt der Nazis zum Opfer, als er einem der Aufseher in die Augen blickt. Der Sohn erhält Hilfe vom Kapo André Höfel, der ihm ermöglicht, in der Effektenkammer zu arbeiten. Rund zwei Jahre später sind die Alliierten auf dem Vormarsch. Das KZ Auschwitz wurde bereits befreit und zuvor kamen tausende Häftlinge von dort nach Buchenwald. Ende März rückt auch die Befreiung von Buchenwald näher, die US-amerikanischen Truppen werden in zwei Wochen dort sein.

Während die Nazis darüber diskutieren, wie sie mit der Situation umgehen sollen, übergibt der neu aus Auschwitz eingetroffene polnische Häftling Zacharias Jankowski Pippig einen Koffer. Dieser findet darin einen dreijährigen Jungen. Er zeigt ihn Höfel und Marian Kropinski, der auf Polnisch mit dem Kind sprechen kann. Die Gruppe will dem Jungen helfen, befürchtet aber, dass sie „durch den Kamin geht“, wenn die SS den versteckten kleinen Juden entdeckt. Dadurch ist auch ein geplanter Aufstand gefährdet.

SS-Hauptscharführer Zweiling entdeckt das Kind, aber ein Fliegeralarm unterbricht die kritische Situation und der SS-Mann verrät zunächst nichts. Daraufhin verstecken die Häftlinge den dreijährigen Stefan Jerzy Zweig in der Effektenkammer. Pippig spricht darüber mit Hans Bochow, dem die zahlreichen Häftlinge im KZ wichtiger sind als das einzelne Kind. Denn kurz vor der Befreiung plant die Widerstandsgruppe einen Aufstand. Deshalb veranlasst Bochow beim Lagerältesten Helmut Krämer einen Tausch auf der Liste für den nächsten Transport, um Jankowski mit dem Jungen nach Bergen-Belsen zu bringen.

Pippig widersetzt sich dem Plan und nach einer Ermahnung durch Höfel gibt er Jankowski nur einen leeren Koffer. Als der Pole bemerkt, dass der kleine Sohn seines Freundes nicht im Koffer ist, verzweifelt er und wird erschossen. Zweiling sieht, dass der Junge noch da ist, und schreibt nun eine Nachricht. Es sind zwölf Tage vor der Befreiung. Durch die Nachricht wird die Lagerkommandantur auf das Problem aufmerksam und stellt die Zwangsarbeiter der Effektenkammer zur Rede. Da alle schweigen, werden Höfel und Kropinski in die als „Bunker“ bezeichneten Arrest- und Folterzellen gebracht. Dort werden sie von Mandrill gefoltert, um ihnen Informationen zur Widerstandsgruppe und dem versteckten Kind zu entlocken, doch beide Häftlinge schweigen trotz der enormen Qualen. Währenddessen bringt Pippig Stefan in die Seuchenbaracke. Da die Nazis diesen Teil des Lagers ungern betreten, soll der kleine Jude dort sicherer sein.

50 Kilometer von Buchenwald entfernt befreit die US-Armee das Außenlager Ohrdruf, aber in Kromsdorf ermorden die Nazis noch Zwangsarbeiter. Vor der Seuchenbaracke hat ein Häftling Stefan entdeckt. Nachdem Pippig den Jungen wieder hineingebracht hat, bietet der Häftling die wertvolle Information einem Nazi an. Lagerelektriker Heinrich Schüpp übermittelt hingegen durch versteckte Anspielungen den neusten Stand. Höfel und Kropinski werden im „Bunker“ trotz des Vormarsches der Alliierten mit dem Tod und Seilschlingen um den Hals bedroht. Die Nazis durchsuchen nach dem Hinweis des Verräters die Seuchenbaracke, finden Stefan aber nicht. Trotzdem ist der Junge dort nicht mehr sicher, weshalb Pippig sich mit ihm in einem Brunnenschacht versteckt. Der Verräter August Rose wird in der Folterkammer gezwungen, den am Strang hängenden Kropinski zu töten, obwohl er darauf hinweist, dass es sich bei der Notiz um Zweilings Schrift handelt. Auch außerhalb des „Bunkers“ herrscht weiterhin willkürliche Gewalt.

Am 6. April 1945 verfügt Heinrich Himmler die Räumung des KZ Buchenwald. Krämer berichtet den Widerständlern davon und sie diskutieren das weitere Vorgehen. Am nächsten Tag beginnt die Evakuierung des Lagers. Pippig hat die Durchsage gehört und verlässt mit Stefan den Brunnenschacht. Als er wenig später mit Essen zurückkommt, sieht er den Jungen im Scheinwerferlicht einem Hund gegenüberstehen. Pippig schreit zur Ablenkung die Wachleute an und wird niedergeschossen.

Am Morgen des 11. April sind die Panzer der US-Truppen in Sichtweite. Die Nazis lassen zahlreiche Soldaten antreten und SS-Hauptsturmführer Robert Kluttig fordert, die verbliebenen Häftlinge zu erschießen. Die Widerständler geben das Signal zum Aufstand und holen ihre Waffen aus den Verstecken. Als die ersten amerikanischen Flugzeuge über Buchenwald zu sehen sind, entscheidet sich SS-Untersturmführer Hermann Reineboth, der zuvor die Folterungen angeordnet hatte, zur Aufgabe und befiehlt mit einer Durchsage den Rückzug der SS-Mannschaft. Dabei kommt es noch zu einer Diskussion zwischen dem enttäuschten Kluttig und dem Lagerkommandanten Schwahl, der für sich eine neue Aufgabe im KZ Dachau sieht. Elektriker Schüpp hat in der Zwischenzeit den Strom für den Zaun abgeschaltet. Krämer verkündet die Befreiung über Lautsprecher und appelliert an die Häftlinge, auf Lynchmorde zu verzichten, wie ihn einige Häftlinge gerade an Zweiling begehen wollen. Höfel wird aus dem „Bunker“ gerettet und geht zu Pippig, der ebenfalls noch lebt. Während Höfel mit Stefan weggeht, blickt der schwer verletzte Pippig zum Himmel.

Produktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Film wurde von der in Babelsberg ansässigen Produktionsgesellschaft UFA Fiction produziert.[1][2] Die Kulissen für das KZ Buchenwald wurden in Prag nachgebaut, einzelne Szenen vor dem Tor entstanden am Originalschauplatz.[3] Der Vormarsch der US-Truppen wird mit historischen Filmaufnahmen und entsprechenden Einblendungen dargestellt. Die Erstausstrahlung des Films erfolgte am 1. April 2015 im Rahmen eines Themenabends der ARD zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald. Im Anschluss an den Film wurde eine Dokumentation unter dem Titel Buchenwald – Heldenmythos und Lagerwirklichkeit gezeigt.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Kadelbach und Kolditz interessieren sich für Ideologie ungefähr so wie für Heldentum, nämlich gar nicht. Die psychologische Tiefenschärfe ihrer Version ist trotzdem nicht geringer als die der Beyerschen. Das Ensemble macht das alles mindestens genauso beeindruckend: Wie schnell man schuldig werden konnte, wie da die Grenzen verwischen, wie Solidarität zerbröckelt, wenn es um die eigene Haut geht, wie Verrat entsteht und Menschlichkeit sich trotzdem Bahn bricht. Soll sich keiner sicher sein, auch lernt jeder schnell, wie er sich verhalten hätte inmitten dieses Brennpunkts der Barbarei.

Kadelbach und Kolditz retten »Nackt unter Wölfen« für die Gegenwart. Es ist ein notwendiger Film. Und er macht den anderen notwendigen Film, der sich der sozialistischen Legende des Bruno Apitz verdankt, mit keiner Sekunde überflüssig. Fast ein Wunder.“

Elmar Krekeler, Die Welt[4]

„Was aber mangelt? Schauspiel und Textrespekt. Mit Apitz’ Gestalten wird recht willkürlich umgesprungen. […] Fast durchweg bleiben die Darsteller des neuen Films hinter den Defa-Akteuren zurück. […] Nackt unter Wölfen in der Fassung von 2015 bezeugt die Unschuld der späten Geburt. Dieser Film stammt eben nicht von Zeitgenossen des NS-Regimes, deren Kunst die eigene Generationserfahrung spiegelte. Hier rekonstruieren Nachgeborene Geschichte, deren Lehren sie weitergeben möchten. Das ist so nötig wie ehrenwert. Doch irritiert, und zwar seit Jahren, die Nico-Hofmann-Ästhetik. Dieser monopolistische Produzent inszeniert, Film für Film, die Nazizeit als Melodram – plakativ emotional, mit wallenden Nebeln und penetranter Musik, deren Soße alle Gefühlslücken füllt.“

Christoph Dieckmann, Zeit Online[5]

„Dennoch scheint mit dem Findelkind ein wenig Menschlichkeit an die Stätte von Folter und Mord gekommen zu sein. Das irritiert manche. Vor allem die geheimen Widerstandskämpfer, die ihre Aufstandspläne durch das Kind – nicht zu Unrecht – gefährdet sehen. Und darin liegt die eigentliche Qualität des konventionell gedrehten Films: nämlich zu zeigen, wie Ideologen wankelmütig werden und wie sie ihre Organisation für ein Kinderleben aufs Spiel setzen. Zwar geht es weiter ums nackte Überleben. Jetzt aber nicht nur um das eigene. Ein Wandel, der sich zunächst langsam und wenig heldenhaft in der Figur des Kapo André Höfel vollzieht. Grandios, wie Peter Schneider diese Rückkehr zum Mitgefühl spielt, wie er im bluttriefenden Folterkeller um sein Leben schreit und wimmert, wie er zittert vor Angst – und das Kind dennoch nicht verrät.“

RP ONLINE[6]

„Die Rollen sind bei Kolditz alle etwas zu klar verteilt, vom Feigling über den Chef des Widerstands […] bis hin zur grauen Eminenz der Lagerleitung […]. Doch so wie er immer etwas zu demonstrativ ins Bild gerückt wird, […] so konventionell ist die Dramaturgie eben bisweilen. Gleichwohl vermögen Kameramann und Regisseur ein hohes Maß an emotionaler Spannung zu erreichen, sie scheuen auch nicht vor drastischen Szenen zurück, zeigen Folter und Mord. Aber als ob sie ihrer eigenen Inszenierung nicht trauten, lassen sie zuletzt alle Hemmungen fallen und greifen tief in die Kitsch-Kiste. […] Aber unter Tränen trübt sich eben auch der Blick auf die Historie.“

Daland Segler, Frankfurter Rundschau[7]

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kritisiert, dass der Film die Tatsache verschweigt, dass anstelle des geretteten jüdischen Kindes ein Sinto deportiert und alsdann umgebracht worden war.[8]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nackt unter Wölfen. In: UFA. Abgerufen am 27. Januar 2020.
  2. Der Tagesspiegel: „Gegen das Vergessen – »Nackt unter Wölfen« wird neu verfilmt“ www.tagesspiegel.de vom 19. April 2014, abgerufen 3. Februar 2016
  3. multimediale Dokumentation des MDR
  4. Elmar Krekeler: Die Neuvermessung des antifaschistischen Urmeters. In: Welt Online. 1. April 2015, abgerufen am 15. April 2015.
  5. Christoph Dieckmann: NS-Terror in Degeto-Farben. In: Zeit Online. 1. April 2015, abgerufen am 2. April 2015.
  6. Lothar Schröder: Die Rettung des Buchenwaldkindes. In: RP Online. 2. April 2015, abgerufen am 15. April 2015.
  7. Daland Segler: Gut rasiert in den Tod. In: Frankfurter Rundschau. 1. April 2015, abgerufen am 2. April 2015.
  8. Zentralrat der Sinti und Roma erhebt Vorwürfe gegen ARD (Memento vom 2. April 2015 im Webarchiv archive.today). Nachrichten vom 2. April 2015, auf der Website des Deutschlandfunks.
  9. Nackt unter Wölfen gewinnt in der Kategorie „Bester Fernsehfilm“ Deutscher Fernsehpreis, abgerufen am 14. Januar 2016.
  10. 2016 International Emmy® Awards Nominees (Memento des Originals vom 25. Dezember 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.iemmys.tv, abgerufen am 27. September 2016.