Nagelbomben-Attentat in Köln

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Lückenhaft In diesem Artikel oder Abschnitt fehlen noch folgende wichtige Informationen:
Auswirkungen der verleumdenden Ermittlungen (Drogensuchhunde, als Journalisten auftretende Polizisten, etc.), Retraumatisierung (Stichwort "zweiter Anschlag") und Stigmatisierung
Hilf der Wikipedia, indem du sie recherchierst und einfügst.
Keupstraße (2007)
Der türkische Außenminister Ahmet Davutoğlu besucht den Ort des Attentats (2011).

Bei dem Nagelbomben-Attentat in Köln detonierte am 9. Juni 2004 in der Köln-Mülheimer Keupstraße, die als Zentrum des türkischen Geschäftslebens bekannt ist,[1] eine ferngezündete Nagelbombe. Dabei wurden 22 Menschen verletzt, vier davon schwer. Der Friseursalon, vor dem die Bombe explodierte, wurde von der Explosion und einem Feuer verwüstet, mehrere weitere Ladenlokale und zahlreiche parkende Autos durch die Explosion und herumfliegende Nägel erheblich beschädigt. Seit November 2011 wird der Anschlag der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zugeordnet.

Tathergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bombe war auf dem Gepäckträger eines Fahrrads montiert und dieses vor dem Friseurladen Kuaför Özcan abgestellt worden. Es war eine mit Schwarzpulver und etwa 10 Zentimeter langen Tischlernägeln gefüllte Drei-Kilo-Gasflasche, die durch eine Glühlampe ohne Glashülle gezündet wurde. Die Täter zündeten die Bombe mit einer handelsüblichen Funkfernsteuerung; sie waren also im Umfeld des Tatorts.[2][3] Sie zündeten die Bombe, als gerade zwei südländisch aussehende junge Männer an dem Fahrrad vorbeigingen.[4]

Ermittlungen und unabhängige Beobachtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Ermittlungserfolge erbrachten die Aufzeichnungen einer Überwachungskamera. Diese war am Gelände des ums Eck liegenden Fernsehsenders Viva angebracht und hatte einen Mann gefilmt, der kurz vor dem Anschlag mit einem Fahrrad an der Zentrale vorbeilief. Zeugen bestätigten, dass es sich um den Mann handelte, der das Fahrrad in der Keupstraße abgestellt hatte. Das Bild zeigte einen etwa 30-jährigen Mann, vermutlich mitteleuropäischer Herkunft, mit einer tief ins Gesicht gezogenen Baseballkappe. Er konnte nicht identifiziert werden. Allerdings wurden im Juni 2005, nach dem Mord an İsmail Yaşar, dem fünften Opfer der NSU-Mordserie, in Nürnberg Phantombilder von Verdächtigen angefertigt und die Ähnlichkeit eines Mannes mit dem hiesigen Bild festgestellt. Als weitere Gemeinsamkeit wurde die Benutzung von Fahrrädern gewertet.[5]

Clemens Binninger, CDU-Obmann im ersten Bundestags-NSU-Untersuchungsausschuss, bezeichnete es als „fast schon skandalös“, dass zwei Polizisten, die in unmittelbarer Nähe des Anschlags auf Streife waren, erst neun Jahre später vernommen wurden.[6]

Im Juli 2013 teilte Rechtsanwalt Yavuz Selim Narin, der die Familie des 2005 getöteten Theodoros Boulgarides im Prozess gegen Beate Zschäpe u. a. vertritt, folgendes mit: Mehrere Videoaufnahmen zeigen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt beim Platzieren der Nagelbombe in der Kölner Keupstraße 2004. Aber das Videomaterial wurde nur lückenhaft beachtet, es muss in Gänze betrachtet werden. Beim stundenlangen Sichten hat Narin beim Bundeskriminalamt die vollständigen Videoaufzeichnungen entdeckt. Dort in den Akten liegt deutlich mehr Bildmaterial von Überwachungskameras des Musiksenders, als die eine bisher mitgeteilte Sequenz eines radschiebenden einzelnen Mannes. Auf sechs Videokassetten sollen nach Narin Täter-Aktivitäten am 9. Juni zu sehen sein, zusätzlich auf sieben Festplatten. Narin kritisiert, dass das Bildmaterial bis 2013 nicht vollständig ausgewertet worden sei. Insgesamt wurden Mundlos und Böhnhardt an diesem Tag fünfmal von zwei verschiedenen Kameras des Senders aufgenommen. Ein Video zeigt das Vorgehen der Täter sogar im Detail: Ab 14:18 Uhr sind die beiden in den Aufnahmen zu sehen. Um 15:10 Uhr passiert Mundlos, ein Damenrad schiebend, den Eingang von Viva Richtung Keupstraße. Auf dem Gepäckträger befindet sich ein Hartschalenkoffer, in dem sich die Nagelbombe befindet. Das ist das bisher bekannte Bild. Vor dem Friseursalon Özcan stellte Mundlos dieses Fahrrad ab. Zuvor ist Böhnhardt zu sehen, wie er zwei Mountainbikes durch die Straße schiebt; es sind die Fahrräder, mit denen beide Männer sich nach der Bombenzündung entfernen. Gegen 15:50 Uhr sind beide Täter samt Rädern wieder auf der Straße zu sehen. Sechs Minuten später zünden sie die mit mindestens 5,5 Kilogramm Schwarzpulver und über 700 Zimmermannsnägeln bestückte Bombe per Fernsteuerung. Um 15:57 Uhr ist einer der beiden erneut zu sehen. Er passiert den Eingang des Musiksenders Viva und fährt dann schnell weg.[3]

Hintergründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über das Motiv gab es zahlreiche Vermutungen – so wurde über einen Racheakt, ein Streit im Drogen- oder Rotlichtmilieu, Schutzgelderpressung oder ein Anschlag der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) spekuliert – die jedoch bald wieder verworfen wurden.[7] Wenige Tage nach dem Anschlag gab es jedoch eine Expertise der Abteilung Rechtsterrorismus im Bundesamt für Verfassungsschutz, welches Parallelen zwischen den Combat 18 zugerechneten Bombenanschlägen in London 1999 und dem Anschlag in der Keupstraße gezogen hat. Dieser Ermittlungspfad wurde aber nicht weiter verfolgt.[8] Bundesinnenminister Otto Schily erklärte im Rahmen einer Pressekonferenz mit seinem französischen Amtskollegen de Villepin in Kehl: "„Die Erkenntnisse, die unsere Sicherheitsbehörden bisher gewonnen haben, deuten nicht auf einen terroristischen Hintergrund, sondern auf ein kriminelles Milieu, aber die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, sodass ich eine abschließende Beurteilung dieser Ereignisse jetzt nicht vornehmen kann.“ Im Weiteren versuchten die Ermittlungsbehörden in ihrer Öffentlichkeitsarbeit glaubhaft zu machen, dass keine fremdenfeindliche Motivation bestand und dass es sich nicht um einen terroristischen Akt aus dem Umfeld des islamistischen Terrorismus gehandelt habe.[9] Anwohner und Betroffene vermuteten hinter der Tat rechtsextremistische Motive, was jedoch als Mutmaßung und Spekulation abgetan wurde.[10]

Im November 2011 konnte der Anschlag durch ein mutmaßlich von Beate Zschäpe versandtes Bekennervideo der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ zugeordnet werden.

Am Tag des Nagelbombenanschlags war Andreas Temme, der Beamte des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz, der im April 2006 beim NSU-Mord an Halit Yozgat in Kassel am Tatort anwesend war, in Köln, um eine Tagung zu besuchen.[11]

Juristische Aufarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erst nach der Selbstenttarnung der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) im November 2011 und der Versendung von Bekennervideos durch ihr Mitglied Beate Zschäpe, in dem sich der NSU zu den Taten bekannte, wurde der rechtsextreme und ausländerfeindliche Hintergrund der Tat bekannt. Im November 2011 übernahm der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof die Ermittlungen und ließ durch das Bundeskriminalamt die Umstände auch dieses Anschlags aufklären. Im folgenden NSU-Prozess ab Mai 2013 muss sich Zschäpe als Hauptangeklagte verantworten und ist als Mittäterin auch des Nagelbombenanschlags angeklagt. Die 22 Opfer des Anschlags haben sich der Anklage als Nebenkläger angeschlossen. Während des Prozesses wurde 2015 bekannt, dass eine der Nebenklägerinnen erfunden war. Nach Angaben der Zeit handelt es sich bei Meral K. um die sich seinerzeit nicht am Tatort befindliche Mutter eines anderen Opfers.[12]

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kundgebungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im November 2013 fand in Berlin eine Kundgebung unter dem Motto „NSU-Terror: Staat und Nazis Hand in Hand“ statt, bei der die Polizei die Lautsprecheranlage beschlagnahmte und Verfahren wegen „Verunglimpfung des Staates“ einleitete. Die Verfahren wurden jedoch von der Staatsanwaltschaft eingestellt, und ein Gericht stellte die Rechtswidrigkeit der Beschlagnahmung fest.[13] Am 3. Juni 2014 ließ dieselbe Abteilung durch dieselbe Polizeieinheit den Satz „NSU: Staat & Nazis Hand in Hand“ aus einem mehreren Meter hohen Wandbild zum NSU-Bombenanschlag an einem Haus in der Manteuffelstraße entfernen. Polizeibeamte stellten abermals Anzeigen wegen „Verunglimpfung des Staates“.[14] Bereits eine Woche später bewertete die Staatsanwaltschaft die strittige Aussage als eine im Kontext der Erkenntnisse zum NSU-Komplex zulässige Meinungskundgabe, die vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt sei.[15]

Gedenkfestival Birlikte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vom 7. bis 9. Juni 2014 fand in Köln das Gedenkfestival Birlikte – Zusammenstehen mit ca. 70.000 Besuchern statt.[16] Auf dem Festival traten unter anderem Wilma Elles, Hardy Krüger, Udo Lindenberg, die Fantastischen Vier, BAP, Aynur, Bläck Fööss, Brings, Carolin Kebekus, Eko Fresh, Peter Maffay, Sertab Erener und Demir Demirkan auf. Sandra Maischberger übernahm die Moderation.[17]

Bundespräsident Joachim Gauck und Bundesjustizminister Heiko Maas besuchten am 9. Juni 2014 das Festival. Gauck besuchte auch den Attentatsort, den Frisörsalon Kuaför Özcan, und sprach später mit zwölf Attentatsopfern. Auf der Abschlusskundgebung sprach Gauck vor 70.000 Besuchern. Er schilderte dabei auch seine Begegnungen mit NSU-Opfern und ihren Angehörigen. Bei einer Podiumsdiskussion auf dem Festival sagte Maas: „Ich schäme mich dafür, dass der deutsche Staat es nicht geschafft hat über so viele Jahre, dafür zu sorgen, dass unbescholtene Bürgerinnen und Bürger besser geschützt wurden.“[18]

Das Festival findet seitdem jährlich statt.

Denkmal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um der Opfer des Anschlags zu gedenken, wurde der Beschluss gefasst, ein Denkmal zu errichten, das an beide Sprengstoffanschläge des NSU in Köln, also den von 2001 in der Probsteigasse und den von 2004 in der Keupstraße, erinnern soll. Nach einem Wettbewerb wurde im November 2016 der Denkmalsentwurf Ulf Amindes ausgewählt, ein der Begegnung dienendes „virtuelles Haus“ nahe der Keupstraße.[19] Im Juni 2018 berichteten die Macher des Favoriten-Festivals, das Projekt komme nicht voran, weil beim vorgesehenen Grundstück Investoreninteressen vorrangig geworden seien.[20]

Filmografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dostluk Sinemasi: Von Mauerfall bis Nagelbombe – Der NSU-Anschlag auf die Kölner Keupstraße im Kontext der Pogrome und Anschläge der neunziger Jahre. Amadeu-Antonio-Stiftung, Berlin 2014, ISBN 978-3-940878-16-8.
  • Landtag Nordrhein-Westfalen, 16. Wahlperiode, Drucksache 16/14400: Schlussbericht des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses III, 27. März 2017, Kapitel B.II: „Nagelbombenanschlag in der Keupstraße in Köln“, S. 329–416 (PDF).
  • Antonia von der Behrens (Hrsg.): Kein Schlusswort. Nazi-Terror – Sicherheitsbehörden – Unterstützernetzwerk. Plädoyers im NSU-Prozess. VSA, Hamburg 2018, ISBN 978-3-89965-792-0, darin zur Keupstraße die Plädoyers S. 139–184 (Alexander Hoffmann, Arif S., Stephan Kuhn, Berthold Fresenius, Muhammet Ayazgün).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Elizabeta Jonuz, Erika Schulze: Vielfalt als Motor urbaner Entwicklungen. Das Beispiel Keupstraße in Köln. In: Wolf-Dietrich Bukow, Gerda Heck, Erika Schulze, Erol Yildiz (Hrsg.): Neue Vielfalt in der urbanen Stadtgesellschaft. 2009, S. 36.
  2. Kölner Stadt-Anzeiger Zünder aus dem Modellbaukasten, Artikel vom 15. Juni 2004
  3. a b Bilder, die keiner sehen wollte. In: Die Tageszeitung, 24. Juli 2013.
  4. FASZ 8. März 2015, S. 55: Damit das alles einen Sinn ergibt
  5. Sieben Tote, eine Waffe – die Spur des Mörders. In: Hamburger Abendblatt, 23. Juni 2005.
  6. wdr.de 25. April 2013: Weitere Pannen nach NSU-Anschlag.
  7. Kölner Stadt-Anzeiger: War es ein Racheakt, ein Streit im Drogenmilieu oder die Tat eines wirren Einzeltäters?, Artikel vom 12. Juni 2004
  8. Heike Kleffner: „Generation Terror“ – Der NSU und die rassistische Gewalt der 1990er Jahre in NRW. In: Dostluk Sinemasi: Von Mauerfall bis Nagelbombe. Der NSU-Anschlag auf die Kölner Keupstraße im Kontext der Pogrome und Anschläge der neunziger Jahre, Amadeu Antonio Stiftung, Berlin 2014, S. 33.
  9. Kölner Stadt-Anzeiger: Stochern im Nebel, Artikel vom 30. Juli 2004
  10. Peter Schilder: Keine Anzeichen für einen terroristischen Hintergrund. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Juni 2004.
  11. Pitt von Bebenburg: NSU-Ausschuss: „Alle Theorien offen“. In: Frankfurter Rundschau, 3. Juli 2016.
  12. Tom Sundermann: „Und keinem fiel was auf“. In: Zeit Online, 2. Oktober 2015.
  13. Polizei zensiert NSU-Plakat wegen Verunglimpfung des Staates. In: MiGAZIN, 4. Juni 2014.
  14. Ärger um Wandbild zum NSU-Bombenanschlag. In: Zeit Online, Störungsmelder, 3. Juni 2014.
  15. NSU-Schlappe für Polizei: Staat & Nazis Hand in Hand verunglimpft Staat nicht. In: Glokal.org.
  16. Birlikte 2015: Birlikte 2015: Kürzer, aber mit genauso viel Programm. 29. Januar 2015. Abgerufen am 15. Februar 2015.
  17. Birlikte! Köln steht zusammen, Bild, Artikel vom 11. Juni 2014
  18. Gauck trifft Opfer des NSU-Anschlags – Miteinander der Verschiedenen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Juni 2014.
  19. Helmut Frangenberg: NSU-Terror: So soll das Denkmal für die Opfer aus der Keupstraße aussehen. Kölner Stadt-Anzeiger, 7. November 2016.
  20. Ulf Aminde und Tribunal „NSU-Komplex auflösen“. In: Favoriten-Festival.
  21. Offizieller Trailer auf YouTube

Koordinaten: 50° 57′ 55,8″ N, 7° 0′ 34,7″ O