Nakba

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Demonstration am „Tag der Nakba“, Hebron, Westjordanland, 2010

Als Nakba oder an-Nakba (arabisch النكبة), deutsch Katastrophe oder Unglück, wird im arabischen Sprachgebrauch die Flucht und Vertreibung von etwa 700.000 arabischen Palästinensern aus dem früheren britischen Mandatsgebiet Palästina bezeichnet, das zu einem Teil am 14. Mai 1948 als Staat Israel seine Unabhängigkeit erlangte. Der UN-Teilungsplan für Palästina sah die Gründung eines jüdischen Staates vor, der mehr als die Hälfte des Mandatsgebiets ausmachen sollte. Der Exodus der arabischen Bevölkerung begann während des arabisch-jüdischen Bürgerkriegs, der der Annahme des UNO-Teilungsplans im November 1947 folgte. Er setzte sich im unmittelbar nach der Erklärung der Unabhängigkeit des Staates Israel von den arabischen Staaten begonnenen arabisch-israelischen Krieg fort. Aus israelisch-jüdischer Sicht, der sich die meisten westlichen Staaten angeschlossen haben, werden die Kriege als „israelischer Unabhängigkeitskrieg“ bezeichnet. Die Gründe, die zur Flucht von rund der Hälfte der arabischen Bevölkerung des seinerzeitigen britischen Mandatsgebietes Palästina führten, waren umstritten.

Palästinenser gedenken der Nakba jährlich am 15. Mai, dem Tag nach der israelischen Unabhängigkeitserklärung, als „Tag der Nakba“, während in Israel und in vielen jüdischen Gemeinden der Diaspora die Gründung Israels nach dem jüdischen Kalender als „Jom haAtzma’ut“, als Nationalfeiertag Israels, gefeiert wird.

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geprägt wurde der Ausdruck Nakba von Constantin Zureik, einem Geschichtsprofessor an der Amerikanischen Universität Beirut. Er verwendete ihn erstmals in seinem 1948 erschienenen Buch Ma'nā an-Nakba, deutsch: die Bedeutung des Unglücks. Im Kontext der Vertreibung der Palästinenser lässt der Begriff sich bereits im Juli 1948 erstmals nachweisen auf einem arabischsprachigen Flugblatt der Hagana an arabische Bewohner von Tirat Haifa.[1] Zusammen mit Naji al-Alis Hanzala (dem barfußlaufenden Kind, das immer von hinten gezeichnet ist) und dem symbolischen Schlüssel zum Haus in ihrer alten Heimat, den viele palästinensische Flüchtlinge noch immer aufbewahren, ist die Nakba vielleicht das wichtigste Symbol des palästinensischen Diskurses.[2]

Nach Angaben der UNRWA von 2010 machen palästinensische Flüchtlinge etwa 40 % der gesamten Bevölkerung der israelisch besetzten Gebiete sowie 2/3 der Bewohner Gazas aus. Unter den Palästinensern seien sie im stärkeren Ausmaß von Armut, Arbeitslosigkeit und Unsicherheit bei der Lebensmittelversorgung betroffen.[3]

Der „Tag der Nakba“ (15. Mai) hat im palästinensischen Kalender eine besondere Stellung als Gedenktag. An ihm soll die Geschichte Palästinas thematisiert und vergegenwärtigt werden und der historischen Ereignisse gedacht werden.[4][5]

In Anlehnung an die Nakba wird jüdischerseits die Vertreibung von Juden aus arabischen Ländern, größtenteils nach Israel, manchmal als jüdische Nakba bezeichnet.[6]

Zochrot[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 2002 wurde in Israel ein Verein mit dem Namen „Zochrot“, deutsch erinnern in der weiblichen Form, gegründet, der sich zum Ziel gesetzt hat, der jüdischen Bevölkerung Israels die Problematik der Nakba näherzubringen. Hierzu gibt der Verein eine Zeitschrift mit dem Titel „Sedek“ (deutsch: Riss) heraus, veranstaltet Führungen zu ehemals palästinensischen Dörfern und Stadtquartieren und informiert mit Veranstaltungen zum Thema der Nakba.[7] Des Weiteren verteilt er Unterrichtsmaterial über die Nakba an interessierte Lehrer und Hochschulreferenten.[8]

Israelische Gesetzgebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2008 verbot das israelische Ministerium für Kultur und Sport die Verwendung des Wortes Nakba in arabischsprachigen Schulbüchern. Minister Gideon Saar erklärte, es gebe keinen Grund, die Gründung des Staates Israel in offiziellen Unterrichtsprogrammen als Katastrophe darzustellen.[9] Rechtsgerichteten Israelis sind die Gedenkfeiern arabischer Israelis ein Dorn im Auge, da diese des Nakba-Tages am israelischen Unabhängigkeitstag gedenken. Im März 2011 beschloss die Knesset daher ein kontroverses Gesetz, das zwar nicht das Gedenken verbietet, aber jene Institutionen bestraft, die solche Gedenkfeiern abhalten oder unterstützen. Das Nakba-Gesetz, das im Januar 2012 vom Obersten Gericht bestätigt wurde, erlaubt es dem Finanzministerium, staatliche Förderungen für solche Institutionen zu kürzen. Betroffen ist auch, wer Israel nicht als jüdischen Staat anerkennen will.[10]

Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Jewish Virtual Library wird der Exodus der palästinensischen Bevölkerung als großenteils freiwillig dargestellt: Sie sei vor dem Krieg geflohen oder weil sie von der arabischen Führung dazu aufgefordert worden sei. Von Vertreibungen sei nur eine kleine Minderheit betroffen gewesen.[11]

Von einigen Wissenschaftlern, darunter die Neuen israelischen Historiker Benny Morris und Ilan Pappe, wird die Nakba dagegen als ethnische Säuberung dargestellt.[12] Auch mehrere Journalisten vertreten diese Ansicht.[13] Der kanadische Menschenrechtsanwalt David Matas weist diese Einordnung zurück, da angesichts des erheblichen Anteils von Arabern an der israelischen Bevölkerung von einer „Säuberung“ keine Rede sein könne; die, die gegangen seien, seien vor dem Krieg geflohen; zudem habe ja der UN-Teilungsplan für Palästina von 1947 ethnisch getrennte Siedlungsgebiete vorgesehen.[14]

Von dem britischen Soziologen Martin Shaw und von der Webseite des Center for Constitutional Rights, einer amerikanischen Menschenrechtsorganisation, wird die Nakba als Völkermord bezeichnet.[15] Eine solche Gleichsetzung mit dem Holocaust findet sich gehäuft im deutschen Rechtsextremismus.[16] Der israelische Historiker Omer Bartov hält die Beschreibung der Nakba als Völkermord für unzulässig: Zum einen werde der Begriff Völkermord dadurch so weit ausgedehnt, dass er bedeutungslos werde; vielmehr gelte es, zwischen Völkermorden und ethnischen Säuberungen zu differenzieren. Zum anderen sei die These, der Staat Israel sei 1948 mit einem Völkermord gegründet worden, nicht durch eine historische Beweisführung motiviert, sondern von dem „Drang, die bloße Existenz des Staates Israel zu delegitimieren.“[17]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Benny Morris: The Birth of the Palestinian Refugee Problem Revisited. Cambridge University Press, Cambridge 2003 ISBN 0-521-00967-7.
  • Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas, aus dem Englischen von Ulrike Bischoff. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2007, 6. Auflage Februar 2009, ISBN 978-3-86150-791-8.
  • Marlène Schnieper: Nakba – die offene Wunde. Die Vertreibung der Palästinenser 1948 und die Folgen. Rotpunktverlag, Zürich 2012, ISBN 978-3-85869-444-7.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Nakba – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eitan Bronstein Aparicio: Ohne Erinnerung keine Zukunft. Die Nakba auf Hebräisch. In: Rosa-Luxemburg-Stiftung Israel Office. 14. September 2016, abgerufen am 4. März 2017 (Historische Zusammenfassung des Nakba-Diskurses innerhalb der israelischen Gesellschaft von einem Zochrot-Mitbegründer).
  2. Nadine Picadou: The Historiography of the 1948 Wars. In: Jacques Semelin (Hrsg.): Online Encyclopedia of Mass Violence. 2008, S. 2–14.
  3. UN agency for Palestinian refugees seeks $323 million for 2010. UN News Centre, abgerufen am 27. Juni 2010.
  4. Karin Wenger: An-Nakba – die unvergessene Katastrophe der Palästinenser. NZZ Online, 5. Juni 2009, abgerufen am 5. März 2017.
  5. Anneliese Fikentscher, Andreas Neumann: Ein Versuch Israels, die Erinnerung der Palästinenser auszulöschen. Nakba-Gedenken bald strafbar? Neue Rheinische Zeitung, 5. Juni 2009, abgerufen am 5. März 2017.
  6. Lyn Julius: Recognising the Jewish ‘Nakba’. Acknowledging the plight of Jewish refugees from Arab countries – written out of history – could be the key to Middle East peace, The Guardian, 25. Juni 2008.
  7. FAZ vom 24. August 2010, Seite 29
  8. »Man kann Gedenken nicht verbieten«. Interview mit Eitan Bronstein, Direktor der israelischen Organisation Zochrot (Erinnern), Neues Deutschland. 4. November 2010. 
  9. Ian Black: 1948 no catastrophe says Israel, as term nakba banned from Arab children's textbooks, The Guardian, 22. Juli 2009, zugriff am 25. Juni 2017.
  10. Minister tells Israeli university to rethink ceremony marking Palestinian Nakba, Ha-Aretz am 13. Mai 2012
  11. Mitchell Bard: Behauptungen und Tatsachen: Die Flüchtlinge. jewishvirtuallibrary.org, Zugriff am 2. Juli 2017.
  12. Ari Shavit: Survival of the Fittest? An Interview with Benny Morris, logosjournal.com (2004), Zugriff am 25. Juni 2017; Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas. Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2014; Yasmeen Abu-Laban: The „Israelization“ of social sorting and the „Palestinianization“ of the racial contract. Reframing Israel/Palestine and the war on terror. In: dieselbe, Elia Zureik und David Lyon: Surveillance and Control in Israel/Palestine. Population, Territory and Power. Routledge, New York 2011, S. 281 ff.; Petra Wild: Apartheid und ethnische Säuberung in Palästina. Der zionistische Siedlerkolonialismus in Wort und Tat. Promedia, Wien 2013, S. 17.
  13. Ian Black: Memories and maps keep alive Palestinian hopes of return. The Guardian, 26. Oktober 2010, Zugriff am 25. Juni 2017; Marlène Schnieper: Nakba – die offene Wunde. Die Vertreibung der Palästinenser 1948 und die Folgen. Rotpunktverlag, Zürich 2012; Gideon Levy: Ethnic Cleansing of Palestinians, Or, Democratic Israel at Work. haaretz.com, 12. Mai 2011, Zugriff am 2. Juli 2017; so auch die Broschüre Verein Flüchtlingskinder im Libanon e.V. (Hrsg.): Begleitheft zur Wanderausstellung „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“, S. 13.
  14. David Matas: Aftershock: Anti-zionism and Anti-semitism. Dundurn Press, Toronto 2005, S. 55 f.
  15. Martin Shaw: Palestine and Genocide. An International Historical Perspective Revisited. In: Holy Land Studies 12, Nr. 1 (2013), S. 1–7; The Genocide of the Palestinian People: An International Law and Human Rights Perspective, 25. August 2016. Webseite des Center for Constitutional Rights, Zugriff am 25. Juni 2017.
  16. Fabian Virchow: Gegen den Zivilismus. Internationale Beziehungen und Militär in den politischen Konzeptionen der extremen Rechten. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, S. 184 f.
  17. Martin Shaw and Omer Bartov: The question of genocide in Palestine, 1948. In: Journal of Genocide Research 12, Nr. 3–4 (2010), S. 248, 252 und 258.