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Nala und Damayanti

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Pahari-Malerei zum Nala-und-Damayanti-Motiv, 18. Jhd.

Nala und Damayanti (Sanskrit-Titel: नलोपाख्यान Nalopākhyāna, d. h. „Episode von Nala“) ist eine Episode aus dem indischen Epos Mahabharata. Sie handelt von König Nala (नल Nala) und seiner Frau Damayanti (दमयन्ती Damayantī): Nala verliert im Würfelspiel sein Königreich und muss mit seiner treuen Gattin in die Verbannung in den Wald ziehen, wo Damayanti von Nala verlassen wird. Voneinander getrennt erleiden die Beiden mannigfache Abenteuer, ehe sie schließlich glücklich vereint werden und Nala sein Königreich wiedererlangt.

Nala und Damayanti gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Episoden des Mahabharata. Es ist in Indien vielfach rezipiert worden und wird auch im Westen als eines der wertvollsten Werke der indischen Literatur angesehen.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Mahabharata, ein gewaltiges Werk von über 100.000 Doppelversen, enthält neben der Haupthandlung, die vom mythischen Kampf der Pandavas und Kauravas, zweier verwandter Fürstenfamilien, berichtet, zahlreiche teils ineinander verschachtelte Nebenepisoden. Neben dem religiös-philosophischen Lehrgedicht Bhagavadgita und der Savitri-Legende gehört Nala und Damayanti zu den bekanntesten dieser Episoden. Sie kommt im Aranyakaparvan, dem dritten von 18 Büchern des Epos, vor[1] und umfasst rund 1100 Doppelverse (Shlokas) in 26 Kapiteln.

Auf der Erzählebene der Haupthandlung hat Yudhishthira, der älteste der fünf Pandava-Brüder, soeben sein Königreich im Würfelspiel an die Kauravas verloren und musste mit seinen Brüdern für zwölf Jahre in die Verbannung ziehen. Dort begegnet Yudhishtira dem Seher Brihadashva und fragt diesen, ob es je einen unglücklicheren Mann als ihn selbst gegeben habe, woraufhin Brihadashva ihm die Geschichte von Nala erzählt, der ebenfalls sein Reich im Würfelspiel verlor, es schlussendlich aber zurückerlangte.

Inhaltsangabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nala, der heldenhafte Sohn des Virasena, ist König von Nishadha. Zugleich lebt in Vidarbha die schöne Damayanti am Hofe ihres Vaters, des Königs Bhima. Nala und Damayanti hören voneinander und verlieben sich, ohne einander gesehen zu haben. Eine Wildgans übermittelt Damayanti eine Liebesbotschaft von Nala, woraufhin diese krank vor Sehnsucht wird. König Bhima erkennt, dass für seine Tochter die Zeit gekommen ist, zu heiraten. Alle Könige werden zur Svayamvara-Zeremonie zusammengerufen, bei der Damayanti ihren Gatten selbst erwählen soll. Selbst die Götter Indra, Agni, Varuna und Yama machen sich auf nach Vidarbha. Unterwegs treffen sie Nala und tragen ihm auf, ihnen als Bote zu dienen. Unwillig muss der König von Nishadha bei der von ihm begehrten Damayanti für die Götter werben, doch diese gesteht Nala ihre Liebe und gelobt, ihn als Gatten zu wählen. Bei der Selbstwahlzeremonie versuchen Indra, Agni, Varuna und Yama, die Tochter Bhimas zu überlisten, indem sie Nalas Gestalt annehmen, sie aber beschwört so inständig ihre Liebe für den Nishadha-König, dass die Götter ein Einsehen haben und sich zu erkennen geben. Damayanti erwählt Nala, woraufhin ihre Hochzeit gefeiert wird. Die Beiden ziehen in Vidarbha ein, wo Nala als gerechter König herrscht und Damayanti ihm zwei Kinder gebiert.

Die Götter kehren in den Himmel zurück und treffen unterwegs auf Dvapara und Kali, zwei Dämonen des Würfelspiels, die auch unterwegs zur Selbstwahl Damayantis sind. Als Kali erfährt, dass er zu spät kommt und Damayanti bereits Nala gewählt hat, schwört er zornentbrannt Rache. Zwölf Jahre wartet er auf seine Gelegenheit, ehe es ihm gelingt, von Nala Besitz zu ergreifen. Vom Dämon besessen lässt sich der König auf ein Würfelspiel mit seinem Bruder Pushkara ein. Durch niemandes Warnungen lässt sich Nala abbringen und verspielt im Würfelrausch sein Königreich und seinen gesamten übrigen Besitz an seinen Bruder. Als Pushkara schließlich Damayanti als Einsatz fordert, gibt Nala auf und zieht mittellos in den Wald. Seine treue Gattin folgt ihm. Der Fluch der Würfel verfolgt den König weiter in Form von zwei Vögeln, die sein Gewand stehlen. Vom Dämonen Kali verleitet, der immer noch in ihm lebt, verlässt Nala seine Gattin schweren Herzens heimlich des Nachts.

Von ihrem Mann im Stich gelassen, irrt Damayanti auf der Suche nach Nala allein durch den schrecklichen Wald. Vor einer Schlange, die ihr Leben bedroht, rettet sie ein Jäger, der ihr aber seinerseits nachstellt. Nachdem sie vielerlei Gefahren überstanden und wehklagend den Wald durchwandert hat, schließt Damayanti sich einer Karawane an und erreicht nach weiteren Abenteuern das Land Chedi, wo sie unerkannt von der Königinmutter am Hofe aufgenommen wird. Unterdessen hat Nala im Wald den Naga-König Karkotaka vor einem Waldbrand gerettet. Als Dank verleiht dieser Nala eine neue Gestalt und rät ihm, zum König Rituparna nach Ayodhya zu gehen. Nala gibt sich als Wagenlenker Vahuka aus und tritt in den Dienst Rituparnas. Er unterweist den König in der Kunst des Pferdelenkens und erfährt von diesem im Gegenzug das Geheimnis der Würfel, so dass der Fluch des Dämons Kali von Nala weicht.

Damayantis Vater Bhima sendet Brahmanen aus, um nach Nala und seiner Tochter zu suchen. Nachdem der Brahmane Sudeva Damayanti in Chedi entdeckt hat, kehrt diese nach Vidarbha ins Vaterhaus zurück. Nach drei Jahren der Trennung erfährt Damayanti durch einen Boten, der in Ayodhya nach Nala forschte, von Vahuka und schöpft den Verdacht, es könnte sich bei ihm um ihren Gatten handeln. Damayanti ersinnt eine List und lässt Rituparna ausrichten, sie würde eine neue Selbstwahl veranstalten. So macht sich der König auf nach Vidarbha und mit ihm Nala als sein Wagenlenker. Weil Nala glaubt, Damayanti habe ihn verstoßen und wolle einen neuen Mann heiraten, gibt er sich nicht zu erkennen. Damayanti ist verwirrt von der fremden Gestalt des Vahuka, die Nala angenommen hat, und lässt den Wagenlenker ausforschen. Nachdem sie sich davon vergewissert hat, dass es sich um Nala handelt, ruft sie ihn zu sich und überzeugt ihn von ihren hehren Motiven. Nala nimmt wieder seine wahre Gestalt an und ist nun wieder mit Damayanti vereint.

Nach einem Monat zieht Nala nach Nishadha, wo er erneut im Würfelspiel gegen Pushkara antritt und sein Königreich wiedergewinnt. Großmütig verzeiht Nala seinem Bruder. Er holt Damayanti heim und lebt glücklich mit ihr zusammen als Herrscher von Nishadha.

Literaturgeschichtliche Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Analyse und Deutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nala und Damayanti umfasst 26 Kapitel, die eine künstlerische und absichtsvolle Komposition aufweisen: Über die Einleitung (Kapitel 1–5), die von Nalas und Damayantis Liebe und Heirat berichtet, steigert sich die Handlung zu den drei Hauptteilen: Der Verlust des Königreichs im Würfelspiel und Nalas Verbannung (Kapitel 6–10), Damayantis Abenteuer im Wald (Kapitel 11–13) und die Ereignisse bis zur Wiedervereinigung der Gatten (Kapitel 14–21). In der glücklichen Vereinigung Nalas und Damayantis kulminiert die Geschichte, um in den Schlusskapiteln (Kapitel 22–26) auszuklingen.[2]

Ein Wendepunkt der Erzählung ist an der Stelle erreicht, an der Nala die schlafende Damayanti heimlich verlässt. Indem er seine Gattin, die einen Anspruch auf Fürsorge und Schutz hat, im Stich lässt, verstößt der König gegen das Gebot von „Recht und Sitte“ (Dharma) – ein Konzept, das im indischen Denken eine zentrale Rolle spielt. So beklagt Damayanti zu Recht: „Weißt du etwa nicht, was Recht und Sitte gebieten? Wie konntest du mich im Schlaf verlassen und weggehen, nachdem du mir feierlich versprochen hast (du würdest mich nicht verlassen)?“.[3] Nalas Verstoß gegen den Dharma gibt dem Dichter aber erst die Möglichkeit, Damayanti als Verkörperung der untadeligen Ehefrau darzustellen, die auch dann dem Gatten treu bleibt, wenn er sie ungerecht behandelt.[4] Eine sehr ähnliche Konstellation findet sich im zweiten großen indischen Epos, dem Ramayana: Hier ist Sita, die Gattin des Helden Rama, der Inbegriff der treuen Ehefrau. Das Motiv der Liebe der Trennung ist in der indischen Dichtung sehr beliebt. Neben Nala und Damayanti und dem Ramayana ist es etwa auch Gegenstand des bekanntesten indischen Dramas, Kalidasas Shakuntala.

Auch das zweite Hauptmotiv – der Verlust von Hab und Gut im Würfelspiel – begegnet mehrfach in der indischen Literatur: Außer in der Geschichte von Nala kommt es auch in der Haupthandlung des Mahabharata vor (mit der die Nala-Episode in Analogie gesetzt wird) und begegnet auch schon im „Würfellied“[5] des Rigveda, des ältesten Werkes der indischen Literatur.

Herkunft und Alter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Mahabharata vereint zahlreiche verschiedene Elemente unterschiedlichen Ursprungs und Alters in sich. Die Nala-Episode erweist sich durch die Art der Einbettung – die Geschichte von Nala wird einem Protagonisten der Haupthandlung erzählt – deutlich als bewusste Interpolation. Die Einheitlichkeit von Inhalt und Aufbau weisen Nala und Damayanti als ursprünglich eigenständige Heldendichtung und Überrest einer alten Bardentradition dar. Einzig der Monolog des Brahmanen Sudeva im 16. Kapitel ist eine spätere Einfügung und stammt aus dem Ramayana.[6]

Die Frage nach dem Alter der Nala-und-Damayanti-Episode lässt sich ebenso wenig mit Sicherheit beantworten, wie die nach dem Alter des Mahabharata. Das Epos wurde im Zeitraum zwischen 400 v. Chr. und 400 n. Chr. zusammengestellt, die verarbeiteten Stoffe können aber weitaus älter sein und schildern teils Verhältnisse der vedischen Zeit (ca. 1400–600 v. Chr.). Die Nala-Episode dürfte innerhalb des Mahabharata „zu den älteren, wenn auch nicht zu den ältesten Bestandteilen“ gehören.[7] So kommen in der Erzählung nur Götter des vedischen Pantheons wie Indra, Agni, Varuna und Yama vor, nicht aber jüngere Götter wie Vishnu und Shiva.

Der Nala-Stoff tritt in dieser Episode des Mahabharata erstmals in der indischen Literatur auf. Ein „König Nada aus Nishidha“ (Naḍa Naiṣidha), der gewiss mit „Nala aus Nishadha“ identisch ist, kommt aber bereits im Shatapatha-Brahmana vor.[8] Von Nada wird berichtet, er trage „Tag für Tag den (Todesgott) Yama nach Süden“. Demnach könnte er ein König gewesen sein, der zu jener Zeit lebte und Kriegszüge nach dem Süden unternahm, was wiederum auf ein hohes Alter der Nala-Legende hinweist.[9]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitere Verwendung des Stoffes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Indien ist Nala und Damayanti vielfach rezipiert worden. Die indische Kavya-Kunstdichtung, die ihre Blütezeit im 1. Jahrtausend n. Chr. erlebte, griff auf bekannte mythologische Stoffe zurück, um sie kunstvoll auszuschmücken. Auch die Episode von Nala und Damayanti erfreute sich hierbei einiger Beliebtheit. Die wichtigsten Bearbeitungen des Stoffes in chronologischer Folge sind:[10]

  • Das Sammelwerk Kathakosha („Schatzkammer der Erzählungen“), ein Werk der Jaina-Literatur mit unbekanntem Autor, enthält neben zahlreichen weiteren Märchen und Legenden auch eine jainistische Bearbeitung des Nala-und-Damayanti-Stoffes.
  • Das Kunstepos Nalodaya („Erfolg Nalas“) hat ebenfalls die Nala-Episode zum Inhalt. Es ist in vier Gesängen überliefert und wurde in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts verfasst. Autor ist wahrscheinlich Ravideva, möglicherweise Vasudeva. Früher wurde es fälschlicherweise dem berühmten Dichter Kalidasa zugeschrieben.
  • Dem Champu-Genre, einer Mischung aus kunstvoller Prosa und metrischer Dichtung, gehört das Nalachampu („Champu von Nala“) an. Das Werk ist auch unter dem Titel Damayantikatha („Geschichte von Damayanti“) bekannt und stammt von Trivikramabhatta (um 900).
  • Das Raghavanaishadhiya („[Geschichte] von dem Nachfahren des Raghu und dem König von Nishadha“) des Haradatta Suri vertritt das Genre der sogenannten „krummen Rede“ (vakrokti). Unter Nutzung der im Sanskrit vorhandenen Möglichkeiten zur Doppelsinnigkeit erzählt das Werk in geradezu sprachakrobatischer Weise gleichzeitig die Geschichte von Rama und von Nala.
  • Auch die Märchensammlung Kathasaritsagara („Meer der Erzählungsströme“), die zwischen 1063 und 1081 von Somadeva verfasst wurde, erzählt eine Version der Nala-Geschichte.
  • Die bekannteste Bearbeitung ist das Naishadhacharita („Taten des Nishadha-Königs“). Das Kunstepos schildert in 22 Gesängen in einem äußerst gekünstelten Stil die Ereignisse bis zur Selbstwahl Damayantis. Es wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts von Shriharsha in Kannauj verfasst.
  • Das 15 Gesänge umfassende Kunstepos Sahridayananda behandelt ebenfalls den Nala-und-Damayanti-Stoff. Es wurde wahrscheinlich im 13. Jahrhundert von Krishnananda verfasst, von dem auch ein Kommentar zum Naishadhacharita stammt.
  • Eine weitere Bearbeitung des Stoffes ist das Nalabhyudaya, das Vamanabhattabana im 15. Jahrhundert verfasste.
  • Eine tamilische Version der Nala-Geschichte ist das Epos Nalavenba des Autors Pugalendi aus dem 12./13. Jahrhundert.
  • Eine persische Bearbeitung des Nala-Stoffes unternahm der Dichter Faizi (1547–1595) auf Veranlassung von Kaiser Akbar.[11]
  • Die Geschichte erlebte unter dem Titel Nala Damayanti zahlreiche Verfilmungen in allen großen indischen Sprachen, zuerst 1920 mit einem Stummfilm der Filmgesellschaft Madan Theatres unter der Regie des Italieners Eugenio de Liguoro mit Patience Cooper als „Damayanti“.
  • Nal'i Damajanti op. 47, Oper in drei Akten von Anton Arenski, Libretto von Modest Tschaikowski (dem Bruder von Pjotr Iljitsch Tschaikowski), dem Mahabharata in Wassili Schukowskis Übersetzung ins Russische, Uraufführung 9. Januarjul./ 22. Januar 1904greg. in Moskau.

Rezeption im Westen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Westen wird Nala und Damayanti als „eine der reizendsten Schöpfungen indischer Dichtkunst“[12] hoch geachtet. So äußerte sich der deutsche Schriftsteller und Indologe August Wilhelm Schlegel folgendermaßen über das Werk:

„Hier will ich nur so viel sagen, daß nach meinem Gefühl dieses Gedicht an Pathos und Ethos, an hinreißender Gewalt und Zartheit der Gesinnungen schwerlich übertroffen werden kann. Es ist ganz dazu gemacht, alt und jung anzusprechen, vornehm und gering, die Kenner der Kunst und die, welche sich bloß ihrem natürlichen Sinne überlassen. Auch ist das Märchen in Indien unendlich volksmäßig, ... dort ist die heldenmütige Treue und Ergebenheit der Damayantī ebenso berühmt als die der Penelope unter uns; und in Europa, dem Sammelplatze der Erzeugnisse aller Weltteile und Zeitalter, verdient sie es ebenfalls zu werden.“[13]

Nala und Damayanti gehörte zu den ersten Werken, welche die aufkommende Indologie im frühen 19. Jahrhundert entdeckte: 1819 veröffentlichte Franz Bopp in London die Erstausgabe samt lateinischer Übersetzung unter dem Titel Nalus, carmen sanscritum e Mahābhārato, edidit, latine vertit et adnotationibus illustravit Franciscus Bopp. Seitdem ist es mehrfach ins Deutsche übersetzt und umgedichtet worden: Die erste metrische Übersetzung ins Deutsche durch Johann Gottfried Ludwig Kosegarten erschien bereits ein Jahr später (Nala, aus dem Sanskrit im Versmaße der Urschrift übersetzt und mit Anmerkungen begleitet, Jena 1820). Weitere deutsche Übersetzungen stammen unter anderem von Friedrich Rückert (Nal und Damajanti, Eine indische Geschichte, Frankfurt 1828), Ernst Heinrich Meier (Die klassischen Dichtungen der Inder, Stuttgart 1847, I. Teil) und Hermann Camillo Kellner (Nala und Damayantī, Ein altindisches Märchen aus dem Mahābhārata, 1886). Bis heute ist Nala und Damayanti wegen seiner Schönheit und der Einfachheit der Sprache an westlichen Universitäten traditionell die bevorzugte Anfangslektüre für Studierende des Sanskrit.

Insgesamt ist Nala und Damayanti in mindestens zehn europäische Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Schwedisch, Tschechisch, Polnisch, Russisch, Neugriechisch und Ungarisch) übersetzt worden.[14] Der italienische Dichter und Orientalist Angelo De Gubernatis schuf sogar eine Bühnenadaption des Stoffes (Il re Nala, 1869). Auch Johann Wolfgang von Goethe, der großes Interesse an der indischen Literatur zeigte, beschäftigte sich mit Nala und Damayanti und äußerte 1821 in den Tages- und Jahresheften:

„Auch Nala studierte ich mit Bewunderung und bedauerte nur, daß bei uns Empfindungen, Sitten und Denkweise so verschieden von jener östlichen Nation sich ausgebildet haben, daß ein so bedeutendes Werk unter uns nur wenige, vielleicht nur Leser vom Fache, sich gewinnen möchte.“[15]

Stochastische Elemente[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen Mathematikhistoriker, sich mit Hinweisen auf stochastische Ideen im alten Indien, vor allem dem Würfelspiel, das in vielen Geschichten vorkommt, zu beschäftigen. Die Geschichte von Nala und Damayanti ist etwas Besonderes; denn in ihr werden neben Würfelspielen zwei weitere stochastische Themen erwähnt: Zum einen die Kunst des raschen Zählens, eine Art Schluss von einer Stichprobe auf die Gesamtheit[16] sowie ein uns heute unbekannter Zusammenhang zwischen Würfelspielen und dieser Schlussweise.[17] Es wird von zwei Würfelspielen berichtet, die Nala gegen seinen Bruder Pushkara durchführt. Im ersten verliert er sein Königreich und muss fliehen, im zweiten gewinnt er es zurück. Nala wird im ersten Würfelspiel als ein von Spielsucht Besessener dargestellt. Nach der Erzählung liegt der Rückgewinn seines verlorenen Königreiches beim zweiten Würfelspiel darin begründet, dass er das von König Rituparna erlernte Wissen erfolgreich anwenden konnte.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mahabharata III, 52–79.
  2. Albrecht Wezler: Nala und Damayanti, Eine Episode aus dem Mahabharata, Stuttgart: Reclam, 1965, S. 84.
  3. Kapitel 11 (Mahabharata III, 60, 4); Übersetzung nach Albrecht Wezler
  4. Wezler 1965, S. 85.
  5. Rigveda 10,34desa
  6. V. S. Sukthankar: "The Nala Episode and the Rāmāyaṇa", in: V. S. Sukthankar Memorial Edition I, Critical Studies in the Mahābhārata, Bombay 1944, S. 406–415
  7. Moriz Winternitz: Geschichte der indischen Litteratur, Bd. 1, Leipzig: Amelang, 1908, S. 327.
  8. Shatapatha-Brahmana II, 3, 2, 1 f.;
  9. Winternitz 1908, S. 326 f.
  10. siehe hierzu Franz F. Schwarz: Die Nala-Legende I und II, Wien: Gerold & Co., 1966, S. XVI f.
  11. Alam, Muzaffar:“Faizi's Nal-Daman and Its Long Afterlife”, in: Alam, Muzaffar, und Subrahmanyam, Sanjay: Writing the Mughal World, New York: Columbia University Press, 2012.
  12. Winternitz 1908, S. 16.
  13. A. W. v. Schlegel: Indische Bibliothek I, S. 98 f., zitiert nach Winternitz 1908, S. 325.
  14. Winternitz 1908, S. 327.
  15. Zitiert nach Wezler 1965, S. 87.
  16. R. Haller, Zur Geschichte der Stochastik, In: Didaktik der Mathematik 16, S. 262–277
  17. I. Hacking, The emergence of probability. London: Cambridge Press, 1975, S. 7, ISBN 0-521-31803-3
    R. Ineichen, Würfel und Wahrscheinlichkeit, Berlin: Spektrum Verlag 1996, S. 19, ISBN 3-8274-0071-6

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieser Artikel wurde am 27. April 2008 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.