NanoKommission

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Die NanoKommission war ein übergreifendes Beratungsgremium der Bundesregierung, das im Rahmen des so genannten NanoDialogs die Diskussion über Chancen und Risiken der Nanotechnologie koordinieren und zu politischen Empfehlungen zusammenfassen sollte. Die Kommission wurde Ende 2006 vom damaligen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel berufen und umfasste Experten aus den zuständigen Behörden, der Wissenschaft ebenso wie Vertreter der Wirtschaft und ihrer Verbände sowie aus NGOs. In zwei Beratungsphasen erstellte diese Kommission unter der Leitung von Wolf-Michael Catenhusen umfangreiche Berichte zum Kenntnisstand sowie Leitlinien zum verantwortungsvollen Umgang mit Nanomaterialien vor und legte im Januar 2011 ihren Abschlussbericht vor[1].

Gründung und Arbeitsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgehend von der so genannten Forschungsstrategie zu Risiken und Chancen der Nanotechnologie, welche vom Umweltbundesamt (UBA), dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und dem Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) im August 2006 gemeinsam erstellt worden war[2], rief der damaligen Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Sigmar Gabriel (SPD) am 30. November 2006 den so genannten NanoDialog ins Leben, welcher unter Beteiligung von über 120 externen Experten einen interdisziplinären Austausch über die neue Technologie organisieren sollte. Zur Koordination und Zusammenführung dieses Dialogs berief Gabriel die zunächst vierzehn-, später sechzehnköpfige so genannten NanoKommission der Bundesregierung unter der Leitung des früheren Forschungsstaatssekretärs Wolf-Michael Catenhusen, die zu Beginn des Jahres 2007 ihre Arbeit aufnahm und bis zum Ende des folgenden Jahres Empfehlungen für den Umgang mit der neuen Technologie erarbeiten sollte. Unterstützend dazu wurden drei Arbeitsgruppen mit jeweils etwa 15 bis 20 zusätzlichen Fachleuten berufen[3], die die folgenden Themen untersuchten:

  • Arbeitsgruppe 1: "Chancen für Umwelt und Gesundheit"

(Leiter: Ulrich Buller)

  • Arbeitsgruppe 2: "Risiken und Sicherheitsforschung"

(Leiter Arnim von Gleich)

  • Arbeitsgruppe 3: "Leitfaden für einen verantwortungsvollen Umgang mit Nanomaterialien"

(Leiter: Hans-Jürgen Wiegand)

Die NanoKommission ihrerseits leitete und strukturierte die Arbeitsschwerpunkte dieser Arbeitsgruppen, deren Abschlussberichte in die entsprechende zusammenfassende Veröffentlichung der NanoKommission aufgenommen, allerdings überarbeitet und mit ergänzenden Hinweisen vonseiten der Kommission versehen wurden.

Da sich schon während der laufenden Beratungen herausstellte, dass die Zeit für eine umfassende Behandlung der Arbeitsaufträge nicht ausreichend sein würde[4], schloss sich eine zweite Beratungsphase mit leicht erweiterter Besetzung an; neben zusätzlichen Mitgliedern in der NanoKommission selbst wurde die Zahl der begleitenden Expertengremien auf vier erhöht sowie eine außerordentliche Arbeitsgruppe eingerichtet:

  • Themengruppe 1: "Prinzipien zum verantwortungsvollen Umgang"
  • Themengruppe 2: "Nutzen und Risikoaspekte von Nanoprodukten"
  • Themengruppe 3: "Regulierung von Nanomaterialien"
  • Themengruppe 4: "Einschätzung von Nanomaterialien hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Mensch und Umwelt"
  • Ad-hoc-Arbeitsgruppe: "Nachhaltige Nanotechnologien/"green nano""

Mitglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter dem Vorsitz von Wolf-Michael Catenhusen waren in der ersten Arbeitsphase der NanoKommission von Ende 2006 bis Ende 2008 berufen:

Ulrich Buller Fraunhofer Gesellschaft
Helmut Horn Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V.
Michael Jung Nanogate AG
Martin Kayser BASF AG
Holger Krawinkel Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.
Uwe Lahl BMU
Klaus Mittelbach Bundesverband der Deutschen Industrie e. V.
Thomas Müller-Kirschbaum Henkel KGaA
Hanns Pauli DGB
Gerd Romanowski Verband der Chemischen Industrie e. V.
Wolfgang Stöffler BMBF
Arnim von Gleich Universität Bremen
Hans-Jürgen Wiegand Evonik Industries AG
Peter Wolfgardt Ministerium für Umwelt,

Gesundheit und Verbraucherschutz - Bayern

In der zweiten Phase von 2009 bis 2011 gehörten der Kommission an:

Christian Calliess Freie Universität Berlin, Fachbereich Rechtswissenschaft
Patricia Cameron BUND e.V.
MinDirig. Rainer Jansen Bundesministerium für Bildung und Forschung
Michael Jung Nanogate AG
Martin Kayser BASF AG
Holger Krawinkel Verbraucherzentrale Bundesverband
Peter Markus Institut für Kirche und Gesellschaft, Evangelische Akademie Villigst
Thomas Müller-Kirschbaum Henkel AG&Co. KGaA
Hanns Pauli DBG Bundesvorstand
Gerd Romanowski Verband der Chemischen Industrie e.V.
Peter Rudolph (ab 31. März 2010) Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg
Walter Töpner Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
Armin von Gleich Universität Bremen, Fachgebiet Technikbewertung und Technologieentwicklung
Hans-Fürgen Wiegand EVONIK Degussa GmbH
Klaus-Peter Wittern Beiersdorf AG
Peter Wolfgart (bis 31. März 2010) Bayerisches Ministerium für Arbeit und Sozialordnung

Ergebnisse der ersten Beratungsphase 2006–2008[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einem Jahr der Beratungen stellte die NanoKommission am 20. Februar 2008 im Rahmen einer Tagung mit 120 Teilnehmern die Ergebnisse ihrer bisherigen Arbeit vor und diskutierte diese Zwischenresultate im Plenum[5]. Im November desselben Jahres schloss die NanoKommission die erste Phase der Beratungen ab und legte einen Abschlussbericht vor[6].

In ihrem Abschlussbericht zu den zukunftsweisenden Möglichkeiten der Nanotechnologie kam die Arbeitsgruppe 1 zu dem Ergebnis, dass vor allem vier Anwendungsfelder relevante große Chancen durch Nanoprodukte versprächen: Neben den ungleich größeren Speicherkapazitäten im Vergleich zu herkömmlichen Batterien seien positive Anwendungsmöglichkeiten vor allem im Bereich der Energieeffizienz sowie des Umwelt- und Gesundheitsschutzes zu nennen[7].

Die zweite Arbeitsgruppe zum Thema "Risiken und Sicherheitsforschung" legte den Fokus auf die Erstellung einer Prioritätenliste für zukünftige Forschungen im Bereich der Nanomaterialien, um den gegenwärtigen Stand des Wissens und vor allem den dringendsten Informationsbedarf ermitteln zu können. Daneben entwickelte die Arbeitsgruppe Kriterien zur Minimal-Charakterisierung von Nanomaterialien, um die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen besser miteinander vergleichen zu können. Schließlich behandelte die AG 2 exemplarische Anwendungsgebiete von Nanomaterialien und unternahm erste Risikoabschätzungen[8].

Die dritte Arbeitsgruppe, die einen Leitfaden für den verantwortungsvollen Umgang mit Nanomaterialien entwickeln sollte, stellte hierfür fünf Prinzipien auf, die vor allem an die Industrie gerichtet waren[9]:

  • Verantwortung und Management offenlegen ("Good Governance")
  • Transparenz hinsichtlich Nanotechnologie-relevanter Informationen, Daten und Prozesse
  • Bereitschaft zum Dialog mit Interessengruppen
  • Risikomanagement etablieren
  • Verantwortung in der Wertschöpfungskette übernehmen.

Orientiert an den drei Schutzzielen Gesundheit, Umwelt und Nachhaltigkeit sollten diese Prinzipien durch branchenspezifische Leitfäden umgesetzt werden.

Zweite Beratungsphase 2009–2011[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon bei der Tagung zur Zwischenbilanz der ersten Beratungsphase war deutlich geworden, dass die Zeit für eine umfassende Bewertung und Abwägung von Chancen und Risiken der Nanotechnologie nicht ausreichend sein würde, darum enthielt schon der Abschlussbericht vom November 2008 einen Ausblick auf die zukünftigen Beratungsschwerpunkte, die insbesondere in der Bewertung der gewonnenen Erkenntnisse durch Umweltexperten gesehen wurde.

Im April 2009 begann die NanoKommission ihre zweite Arbeitsphase, deren Fortschritt in einem Dialogforum am 17. Februar 2010 öffentlich vorgestellt und mit rund 130 Teilnehmern diskutiert wurde[10].

In der zweiten Arbeitsphase erweiterte und präzisierte die NanoKommission ihre Arbeitsfelder und löste die bisherigen drei Arbeitsgruppen durch insgesamt vier, mit bis zu 32 Mitgliedern[11] stärker besetzten Themengruppen sowie eine Ad-hoc-Arbeitsgruppe ab. Die erste Themengruppe zum "Prinzipienpapier" sollte die praktische Umsetzung der in der ersten Arbeitsphase entwickelten Prinzipien des verantwortungsvollen Umgangs mit Nanomaterialien untersuchen. Die zweite Themengruppe zum Bereich "Nutzen und Risikopotentiale" sollte entsprechende Kriterien zur Bewertung dieser Potentiale herausarbeiten. In der dritten Themengruppe standen die existierenden "Regulierungen" auf nationaler wie europäischer Ebene im Zentrum sowie die Frage nach einem möglichen Erweiterungs- bzw. Konkretisierungsbedarf. Neben der vierten Themengruppe, die anhand von Besorgnis- und Entlastungskriterien eine "vorläufige Einschätzung von Nanomaterialien" liefern sollte, wurde auch eine zusätzliche Arbeitsgruppe eingerichtet, die ein Diskussionspapier zum Thema "Nachhaltigkeit von Nanotechnologien" entwarf.

Zum Abschluss der zweiten Dialogphase veranstaltete die NanoKommission am 2. Februar 2011 eine Abschlusskonferenz[12].

Die erste Themengruppe erstellte einen branchenübergreifenden Katalog mit Prüfkriterien, die den gesamten Lebenszyklus von Nanomaterialien von der Produktion über den Gebrauch bis hin zur Entsorgung umfassen. Parallel dazu entwarf die zweite Themengruppe Kriterien zur vorläufigen Risikoabschätzung vor allem für die toxikologische und ökotoxikologische Bewertung von Nanomaterialien und schlug vor, hierzu eine behördliche Beratungsstelle einzurichten. Die dritte Themengruppe "Regulierung" gelangte nur teilweise zu einheitlichen Empfehlungen, hier insbesondere im Hinblick auf die europäische REACH-Verordnung und im Bereich Arbeitsschutz, Lebensmittelrecht sowie der Biozid-Verordnung; kontrovers diskutiert wurden insbesondere Fragen eines Produktregisters und der Kennzeichnungspflicht[13]. Insgesamt empfahl die NanoKommission der Bundesregierung die Fortsetzung des Dialogs mit den verschiedenen Stakeholdern und regte an, einmal jährlich eine Konferenz zum Informationsaustausch der Beteiligten zu veranstalten[14].

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. nano_schlussbericht_2011_bf.pdf (application/pdf-Objekt). In: bmu.de. Archiviert vom Original am 26. April 2011; abgerufen am 26. April 2011 (PDF; 3,5 MB).
  2. BAuA, BfR, UBA: Nanotechnologie: Gesundheits- und Umweltrisiken. Forschungsstrategie. Dezember 2007, archiviert vom Original am 19. April 2011; abgerufen am 19. April 2011 (PDF; 412 kB).
  3. Die Mitglieder der drei Arbeitsgruppen sind aufgelistet in nanokomm_abschlussbericht_2008.pdf (application/pdf-Objekt). In: bmu.de. S. 68ff., archiviert vom Original am 21. April 2011; abgerufen am 21. April 2011 (PDF; 730 kB).
  4. So Wolf-Michael Catenhusen in seiner Eröffnungsrede zur Abschlusskonferenz der ersten Phase
  5. NanoKommission: 1 Jahr NanoKommission - Zwischenbilanz im Dialog. Ergebnisdokumentation der Zwischenbilanz. Archiviert vom Original am 20. April 2011; abgerufen am 20. April 2011 (PDF; 1,3 MB).
  6. Nanokommission: Verantwortlicher Umgang mit Nanotechnologien. Bericht und Empfehlungen der Nanokommission der Deutschen Bundesregierung 2008. 2008, archiviert vom Original am 19. April 2011; abgerufen am 19. April 2011 (PDF; 730 kB).
  7. nanodialog08_ergebnisse_ag1.pdf (application/pdf-Objekt). In: bmu.de. Archiviert vom Original am 21. April 2011; abgerufen am 21. April 2011 (PDF; 258 kB).
  8. NanoDialog 2006-2008: Ergebnisse der Arbeitsgruppe 2: "Risiken und Sicherheitsforschung. In: bmu.de. Archiviert vom Original am 27. April 2011; abgerufen am 27. April 2011 (PDF; 388 kB).
  9. NanoDialog 2006-2008: Ergebnisse der Arbeitsgruppe 3: Prinzipien für einen verantwortungsvollen Umgang mit Nanomaterialien. In: bmu.de. Archiviert vom Original am 27. April 2011; abgerufen am 27. April 2011 (PDF; 121 kB).
  10. nanokommission_zwischenergebnisse_bf.pdf (application/pdf-Objekt). In: bmu.de. Archiviert vom Original am 21. April 2011; abgerufen am 21. April 2011 (PDF; 78 kB).
  11. Die Mitglieder dieser Themengruppen sind ab S. 64 im Anhang zum Abschlussbericht der NanoKommission namentlich aufgeführt, vgl. Verantwortlicher Umgang mit Nanotechnologien. Bericht und Empfehlungen der NanoKommission 2011. In: bmu.de. Archiviert vom Original am 26. April 2011; abgerufen am 26. April 2011 (PDF; 3,5 MB).
  12. Abschlusskonferenz der NanoKommission. 2. Dialogphase 2009-2011. In: bmu.de. Archiviert vom Original am 27. April 2011; abgerufen am 27. April 2011 (PDF; 743 kB).
  13. Überprüfung der Regulierung von Nanomaterialien und Nanoprodukten. Themengruppe 3 der NanoKommission. In: bmu.de. Archiviert vom Original am 28. April 2011; abgerufen am 28. April 2011 (PDF; 552 kB).
  14. nano_schlussbericht_2011_bf.pdf (application/pdf-Objekt). In: bmu.de. Archiviert vom Original am 28. April 2011; abgerufen am 28. April 2011 (PDF; 3,5 MB).