Anästhesiologie

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Anästhesist ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Für die medizinische Fachzeitschrift siehe Der Anaesthesist.
Chirurgen und Anästhesisten in Dresden (1956)
Ausbildung am Anästhesiesimulator

Die Anästhesiologie, auch Anaesthesiologie (v. altgriech. ἀν- an- „un-, nicht“ und αἴσϑησις aisthesis „Wahrnehmung“) als medizinisches Fachgebiet umfasst Anästhesieverfahren (Allgemein-, Regional- und Lokalanästhesie) einschließlich deren Vor- und Nachbehandlung, die Aufrechterhaltung der vitalen Funktionen während operativer und diagnostischer Eingriffe sowie die Intensivmedizin, die Notfallmedizin und die Schmerztherapie.[1] Durch ihre Tätigkeitsgebiete zeichnet sich die Anästhesiologie durch eine hohe Interdisziplinarität aus.

Die entsprechende Berufsbezeichnung lautet Facharzt für Anästhesiologie, Anästhesist oder Anästhesiologe. Der Facharzt arbeitet mit Fachpflegekräften für Intensivpflege und Anästhesie oder Anästhesietechnischen Assistenten zusammen. „Anästhesie“ ist die Leistung eines Anästhesisten; als Fachbezeichnung ist der Begriff falscher Jargon.

Tätigkeitsgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Fachgebiet der Anästhesiologie und Intensivmedizin umfasst neben den Kerngebieten Anästhesie und Intensivmedizin im Wesentlichen die Notfallmedizin, die akute und chronische Schmerztherapie sowie die Palliativmedizin:[2]

  • Anästhesie mit Vorbereitung und Durchführung von Allgemein- und Lokalanästhesiemaßnahmen, sowie die unmittelbare postoperative Überwachung im Aufwachraum, sog. perioperatives Management. Während chirurgischer Eingriffe geht es in der modernen Anästhesie nicht nur um die „Ausschaltung“ von Schmerzen und Stress, sondern auch um eine lückenlose Überwachung aller Körperfunktionen. Atmung, Kreislauf, Anästhesietiefe und der Grad der Muskelerschlaffung werden kontinuierlich gemessen und entsprechend den Erfordernissen der Operationsphase von Anästhesisten gesteuert.
  • Intensivmedizin auf Intensivtherapiestationen dient zur Intensivüberwachung und -behandlung von Patienten, deren Vital- oder Organfunktionen in lebensbedrohlicher Weise gestört sind und durch intensive therapeutische Verfahren unterstützt oder aufrechterhalten werden müssen. In der Intensivmedizin werden schwerstkranke Patienten im Rahmen lebensbedrohlicher Infektionen, nach Unfällen, großen chirurgischen Eingriffen und bei Versagen lebenswichtiger Organe aus anderen Ursachen von Spezialisten des Fachgebietes der Anästhesie und Intensivmedizin medizinisch behandelt.
  • Notfallmedizin zum Erkennen drohender oder eingetretener Notfallsituationen, Behandlung von Notfällen sowie Wiederherstellung und Aufrechterhaltung akut bedrohter Vitalfunktionen. Das breite Spektrum der zu versorgenden Notfälle verlangt umfassende Kenntnisse der Inneren Medizin, der Neurologie, traumatologischen Erstversorgung, aber auch Kompetenz in der Absolvierung von Kinder- oder geburtshilflichen Einsätzen.
  • Schmerztherapie von chronischen und akuten Schmerzen (z. B. postoperativ). Akute Schmerzen, zum Beispiel nach Verletzung oder Operation haben eine Schutz- und Alarmfunktion für den menschlichen Organismus. Chronische Schmerzen haben diese Schutzfunktion jedoch verloren und können mit schwerwiegenden Funktionsstörungen des Körpers einhergehen. Sowohl akute, als auch chronische Schmerzen müssen adäquat behandelt werden. In beiden Fällen können eine medikamentöse Therapie, Physiotherapie und psychologische Verfahren (z. B. Entspannungstechniken, Schmerzbewältigungsstrategien bis hin zur Psychotherapie) sowie periphere und zentrale Nervenblockaden helfen. Ebenso können komplementärmedizinische Methoden sinnvoll sein und angewendet werden. Durch die zunehmende Alterung der Gesellschaft gewinnt die palliativmedizinische Linderung von Leiden neben der kurativen Medizin immer größere Bedeutung und ergänzt die klassische Schmerztherapie.
  • Bearbeitung des wissenschaftlichen Umfeldes des Fachgebietes

Facharzt-Weiterbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weiterbildung in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anästhesisten sind in Deutschland Fachärzte (Gebietsarzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, die genaue Bezeichnung variiert zwischen den Bundesländern). Der erste Facharzt war Werner Sauerwein vom Bürgerhospital Saarbrücken. Er erhielt seine Facharzt-Anerkennung am 27. Mai 1953.[3] Die berufsbegleitende Facharztweiterbildung ist nach erteilter Approbation in einer der von den Landesärztekammern zugelassenen Weiterbildungsstätten möglich und dauert fünf Jahre. Sie beinhaltet die Abarbeitung eines Katalogs von 1800 Anästhesieverfahren und eine Vollzeitbeschäftigung von einem Jahr auf einer Intensivstation. Parallel zur bzw. im Anschluss an die Facharztweiterbildung können verschiedene Zusatz-Weiterbildungen erworben werden (z. B. die Zusatzbezeichnungen Spezielle Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie). Infos zu Facharzt- und Zusatzweiterbildungen sowie eine Übersicht zu Weiterbildungsstätten bieten der Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA)[4] und die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI).[5] Mit der Nachwuchskampagne „Mein Pulsschlag“ wenden sie sich eigens an junge Mediziner, die sich für eine Karriere in der Anästhesiologie interessieren.[6]

Weiterbildung in Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ausbildung dauert sechs Jahre, wobei es notwendig ist, innerhalb dieser 6 Monate Innere Medizin, 6 Monate Chirurgie sowie ein Jahr Intensivmedizin zu absolvieren. Sie muss mit der praktischen und theoretischen Facharztprüfung abgeschlossen werden. Der Berufstitel lautet Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Die ÖGARI bietet Informationen für junge Anästhesisten an, die vor ihrer Facharztprüfung stehen.[7]

Weiterbildung in der Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Schweiz dauert die Weiterbildung zum Anästhesisten fünf Jahre, gegliedert in vier bis viereinhalb Jahre fachspezifische sowie 6-12 Monate nicht-fachspezifische Weiterbildung (Intensivmedizin). Zudem ist der Besuch eines 2-tägigen Kurses in Notfallmedizin erforderlich. Die Weiterbildung wird mit einer Prüfung, die einen mündlichen sowie einen schriftlichen Teil (schriftliche Prüfung der European Society of Anaesthesiology) umfasst, abgeschlossen.[8] Zur Teilnahme an der Prüfung ist ein schweizerisches oder anerkanntes ausländisches Arztdiplom Voraussetzung. Mit erfolgreichem Abschluss von Weiterbildung und Prüfung wird der Titel Facharzt für Anästhesiologie verliehen.[9]

Weiterbildung in den USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Weiterbildung besteht aus insgesamt vier Jahren, von denen ein Jahr in einem anderen Fachgebiet abgeleistet werden muss. Nach der Weiterbildung ist man board eligible, und kann sich nach bestandener schriftlicher und mündlicher Prüfung board certified nach der American Board of Anesthesiology (ABA) oder der American Osteopathic Board of Anesthesiology (AOBA) nennen. Seit 1999 sind die Zertifikate nur noch zehn Jahre gültig. Danach kann in einem Jahr Fellowship eine subspecialty certification in pain medicine, pediatric anesthesiology, cardiovascular anesthesiology und critical care medicine erworben werden.

Weiterbildung in anderen Ländern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In England wird die Weiterbildung überwacht vom Royal College of Anaesthetists. Die Weiterbildung dauert mindestens sieben Jahre. In Australien und Neuseeland, wird die Weiterbildung vom Australian and New Zealand College of Anaesthetists überwacht.

Eine umfassende europäische (und damit supranationale) Qualifikation kann mit dem Examen der europäischen Fachgesellschaft für Anästhesiologie (European Society of Anaesthesiology) belegt werden, deren Kurzbezeichnung in fast allen Ländern im Anschluss an den Namen geführt werden kann (DESA = Diploma of the European Society of Anaesthesiology, früher DEAA = Diploma of the European Academy of Anaesthesiology). Dieses von einem privaten Verein verliehene Diplom wird allerdings von den deutschen Landesärztekammern nicht als Facharztqualifikation anerkannt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anästhesist (1922)

Die Anästhesiologie hat ihre Wurzeln in der Anästhesie, deshalb wird nachfolgend auch die Entwicklung Anästhesie in Auszügen beschrieben.

Am 30. März 1842 wurde die erste Ätheranästhesie durch Crawford Williamson Long angewendet. Wenige Jahre später, am 16. Oktober 1846, wurde die erste öffentliche und erfolgreiche Äthernanästhesie von dem Zahnarzt William Thomas Green Morton in Boston ausgeführt, der sich nach seinem Erfolg ganz der Anästhesiologie widmete. Die erste Ätheranästhesie im deutschsprachigen Raum nahm Hermann Askan Demme am 23. Januar 1847 in Bern vor.

Innerhalb Deutschland kam die erste erfolgreiche Ätheranästhesie am 24. Januar 1847 durch Heinrich Eduard Weikert und Carl Friedrich Eduard Obenaus in Leipzig zur Anwendung. Am selben Tag bediente sich auch Johann Ferdinand Heyfelder in Erlangen dieser neuartigen medizinischen Technik, erzielte dabei jedoch keine ausreichende Narkose.

Ab 1847 war der Arzt John Snow in Londoner Krankenhäusern ausschließlich als Narkotiseur tätig. Weitere Spezialisten für die Anästhesie und damit Pioniere der Anästhesiologie wurden gab es in England seit dem 19. Jahrhundert. Einer der ersten Narkosespezialisten Deutschlands war der Hamburger Ernst von der Porten.

Die Durchführung von Narkosen ab 1846 war zunächst (und blieb teilweise bis nach 1970) vor allem die Aufgabe von Chirurgen und auch speziell ausgebildeter Pflegepersonen. Chirurgische Wegbereiter der Anästhesie in Deutschland waren u. a. Arthur Läwen (1910) und Albert Lezius (1950). Im Jahr 1928 erschien die erste deutschsprachige Fachzeitschrift Narkose und Anästhesie. Nachdem die Bedeutung der Anästhesie nach dem Krieg stark gestiegen war, wurde am 10. April 1953 die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) gegründet. Nur wenige Wochen später, am 27. Mai 1953, beendete der erste Facharzt für Anästhesie seine Ausbildung.

An der Universität Mainz wurde 1960 ein außerordentlicher Lehrstuhl für Anästhesiologie mit Rudolf Frey eingerichtet. Sechs Jahre später erhielt Karl Horatz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf den ersten deutschen Lehrstuhl des Faches. Mit Peter Lawin initiierte er die Intensivmedizin in Deutschland. In Österreich gehörten nach dem Zweiten Weltkrieg Otto Mayrhofer-Krammel und in der Schweiz Werner Hügin zu Pionieren des Fachs.

Seit 2012 findet in Deutschland alljährlich im Oktober der Weltanästhesie-Tag statt.[10] Ärzte und Kliniken bieten mit Aktionen und Events rund um diesen Tag Aufklärung zu bestimmten Themen des Fachgebiets. Schwerpunktthemen des Weltanästhesie-Tages 2015 sind die beiden Säulen „Narkose“ und „Notfallmedizin“.[11]

Stark vertreten sind Anästhesisten auch bei der „Woche der Wiederbelebung“, die seit 2013 im Rahmen der Kampagne „Ein Leben retten. 100 Pro Reanimation“ jedes Jahr im September mit Unterstützung des Bundesgesundheitsministeriums stattfindet. Ziel dieser Kampagne und der Aktionswoche ist es, die Laienreanimationsrate in Deutschland zu erhöhen.[12]

Museum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Gelände der Bonner Universitätskliniken gibt es seit dem Jahr 2000 auf 300 Quadratmetern eines der wenigen Museen zu diesem Fachgebiet.[13][14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • G. Benad, M. Schädlich: Grundriß der Anästhesiologie. VEB Verlag Volk und Gesundheit Berlin, 1989, ISBN 3-333-00063-6.
  • Christoph Weißer: Anästhesiologie. In: Werner E. Gerabek u.a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 55.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Anaesthesiology – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Anästhesiologie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sinngemäße Definition der deutschen Bundesärztekammer in der (Muster-)Weiterbildungsordnung vom Mai 2003 in der Fassung vom 28. März 2008
  2. ÖGARI - Österreichische Gesellschaft für Anaesthesiologie, Reanimation und Intensivmedizin. In: www.oegari.at. Abgerufen am 8. Juli 2016.
  3. Schüttler, 50 Jahre Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, S. 87
  4. Berufsverband Deutscher Anästhesisten e.V.. Abgerufen am 19. Februar 2015.
  5. Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V.. Abgerufen am 19. Februar 2015.
  6. Informationsseite des BDA zur Nachwuchskampagne "Mein Pulsschlag". Abgerufen am 19. Februar 2015.
  7. ÖGARI - Österreichische Gesellschaft für Anaesthesiologie, Reanimation und Intensivmedizin. In: www.oegari.at. Abgerufen am 8. Juli 2016.
  8. Schweizerisches Institut für ärztliche Weiter- und Fortbildung SIWF: Weiterbildungsprogramm Facharzt für Anästhesiologie vom 1. Januar 2013. Abgerufen am 7. Mai 2015.
  9. Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH: Weiterbildungsordnung (WBO) vom 21. Juni 2000. Revision vom 6. November 2014. Abgerufen am 7. Mai 2015.
  10. Weitere Informationen zum Weltanästhesietag: Serviceseite von BDA und DGAI. Abgerufen am 19. Februar 2015.
  11. Weitere Informationen zum Thema Narkose: Informationsseite des BDA. Abgerufen am 19. Februar 2015.
  12. Webseite zur Kampagne des Bundesgesundheitsministeriums:„Ein Leben retten. 100 Pro Reanimation“. Abgerufen am 19. Februar 2015.
  13. Eckart Roloff und Karin Henke-Wendt: Gegen den Schmerz und für die Rettung von Leben. (Horst-Stoeckel-Museum für die Geschichte der Anästhesiologie) In: Besuchen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Eine Tour durch Deutschlands Museen für Medizin und Pharmazie. Band 1, Norddeutschland. Verlag S. Hirzel, Stuttgart 2015, S. 114–116, ISBN 978-3-7776-2510-2.
  14. Webseite zum Museum: [1]. Abgerufen am 26. November 2015.