Narrative Psychologie

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Narrative Psychologie ist innerhalb der Psychologie ein methodischer Ansatz, der sich spezifisch auf die geisteswissenschaftlichen Wurzeln der Psychologie stützt. Die Narrative Psychologie versucht zu verstehen, in welcher Weise Erzählungen und Geschichten von Menschen für eine Sinngebung bzw. Sinnfindung genutzt werden.

Theoretischer Rahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Narrative Psychologie geht davon aus, dass Menschen ihrem Leben Sinn und Bedeutung verleihen, indem sie Erlebnisse in Form von Geschichten und Erzählungen wiedergeben. Einzelne Lebensereignisse werden so nicht − etwa wie von selbst – miteinander verbunden betrachtet: Verbindungen und Plausibilität werden vielmehr erst im Prozess der Narrativierung vom Subjekt geschaffen. Ausgangspunkt für eine Erzählung sind weder die Fakten noch der Glaube daran, dass es wirklich so war, sondern die aktuelle Präsenz des erzählenden Subjektes in Raum und Zeit.

Erzählungen sind sodann nicht das Ergebnis einer wie auch immer gearteten Vergangenheit, sondern der Versuch des Erzählers, aus der Perspektive des hier und jetzt eine − für den Zuhörer und sich selbst − kohärente Geschichte zu formulieren. Erzählt wird dabei in drei Formen der Zeit: Das jeweilige Ereignis stammt aus der Vergangenheit, es wird mit aktuellen Zuständen der Gegenwart verknüpft und in einer Antizipation zur Zukunft gesehen. Ein besonderes Interesse innerhalb der Narrativen Psychologie gilt dabei den Erzählungen einer Person über sich selbst, also ihrer Konstruktion des Selbst und der eigenen Identität.

Herausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Narrative Psychologie hat sich in den frühen achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts aus der Kritik an der klassischen Psychologie entwickelt. Ähnlich wie bei der Wende vom Behaviorismus zum Kognitivismus spielte die Kritik an der Eindimensionalität und Beschränktheit psychologischer Ansätze eine große Rolle. Im Wesentlichen warf man der klassischen, zumeist naturwissenschaftlich geprägten Psychologie vor, sich zwar mit der kognitiven Leistungsfähigkeit des Menschen zu befassen, nicht aber mit der viel wichtigeren Konstruktion von Sinn und Bedeutung.

Ansätze Narrativer Psychologie unterscheiden sich vom Fachgebiet der Narratologie. Narratologen stützen sich in ihrer Arbeit im Allgemeinen auf den linguistischen Strukturalismus, während narrative Psychologen sich von postmodernen bzw. poststrukturalistischen Ansätzen leiten lassen.

Narrative Psychologie kann so als Reaktion der Psychologie auf den linguistic turn in den Sozialwissenschaften bzw. auf das Aufkommen postmoderner Theorien in der Philosophie verstanden werden. Eine entscheidende Rolle hierbei spielten die Entwicklungen im Poststrukturalismus und die damit verbundene Kritik an der klassischen Erkenntnislehre. Statt zu glauben, dass es für die Wissenschaft möglich ist, unabhängig von den subjektiven Überzeugungen und Einstellungen der Forscher nur unter Anwendung der richtigen Methode zu Aussagen zu kommen, die sich der Wahrheit immer weiter annähern, geht die postmoderne Theorie davon aus, dass jedes Verstehen eine Konstruktion unseres Geistes darstellt, die, bedingt durch äußere Einflüsse, ständigen Veränderungen unterworfen ist.

Viele Wissenschaftler verstehen Narrative Psychologie nicht unbedingt als eine Neuschöpfung, sondern vielmehr als das Wiederaufnehmen von durch das Hinwenden zu naturwissenschaftlichen Ansätzen in den Hintergrund gedrängten Ansätzen. Und tatsächlich ist das mit narrativen Ansätzen verbundene Interesse an Geschichten, also daran, wie Menschen ihr Leben erzählen und dadurch subjektive Bedeutungskonstruktionen schaffen, nicht neu. Eines der berühmtesten Beispiele des Befassens mit Geschichten innerhalb der Psychologie sind wohl ohne Zweifel Sigmund Freuds Fallstudien. Auch Gordon Allport in den sechziger und Henry Murray in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts befassten sich bereits mit Erzählungen individueller Lebensläufe.

Angestoßen durch den postmodernen Zweifel an der Fähigkeit positivistischer Wissenschaft, gesellschaftliche Probleme zu lösen, lassen sich Entwicklungen in verschiedensten Bereichen der Psychologie aufzeigen, die schließlich zur Ausbildung einer sich auf Narrationen konzentrierenden Psychologie führen. So etwa im Bereich der psychoanalytischen Theorie mit den Arbeiten Roy Schafers, in der Persönlichkeitspsychologie verbunden mit dem Namen Dan McAdams, in der Kognitionspsychologie und den Arbeiten Jerome Bruners, sowie in der philosophischen Grundlagenreflexion beherrscht durch die Arbeiten zum sozialen Konstruktionismus von Kenneth Gergen. Der Anfang dieser Bewegung wird häufig mit der Publikation einer Aufsatzsammlung, herausgegeben und eingeleitet von Theodore Sarbin, mit dem Titel Narrative Psychology - The Storied Nature of Human Conduct verbunden. Zum ersten Mal wurden dort Psychologen aus völlig unterschiedlichen Arbeitsgebieten zusammengebracht, um ihre jeweilige Spezifizierung unter narrativen Gesichtspunkten zu beleuchten.

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Feld der Narrativen Psychologie hat sich in den Jahren seit Erscheinen der Aufsatzsammlung Sarbins extrem weiterentwickelt und vergrößert. Dennoch lässt sich sagen, dass die allermeisten Wissenschaftler, die sich der narrativen Perspektive zugehörig fühlen, in der konstruktivistischen Auffassung übereinstimmen, dass die Narration das primäre strukturierende Schema ist, durch das Personen ihre Identität und ihr Verhältnis zur Umwelt definieren und mit Sinn und Bedeutung füllen.

Personen, die in ihrem Lebenslauf ein kritisches Lebensereignis oder ein Trauma erlitten haben, sind dadurch oft in ihrem Identitätserleben beeinträchtigt; ebenso Personen mit schwerwiegenden altersbedingten Einbußen. Mit einem angeleiteten Lebensrückblick oder einer Lebensrückblickstherapie kann die Person ein kohärentes Narrativ ihrer Lebensgeschichte erreichen und ihre Identität festigen (siehe Maercker & Forstmeier).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gordon Allport: Letters from Jenny. New York, 1965.
  • Jens Brockmeier, Donal Carbaugh (Eds.): Narrative and Identity: Studies in Autobiography, Self and Culture. John Benjamins, Amsterdam u. Philadelphia 2001.
  • Jerome Bruner: Acts of Meaning. University of Harvard Press, Cambridge 1990.
  • Jacques Derrida: Grammatologie. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1974.
  • Mark Freeman: Rewriting the self: History, Memory, Narrative. Routledge, London 1993.
  • Kenneth Gergen: Konstruierte Wirklichkeiten. Eine Hinführung zum sozialen Konstruktionismus. Kohlhammer, Stuttgart 2002.
  • Wolfgang Kraus: Narrative Psychologie. In: S. Grubitzsch, K. Weber (Hrsg.), Psychologische Grundbegriffe. Ein Handbuch. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1998.
  • Andreas Maercker, Simon Forstmeier (Hrsg.): Der Lebensrückblick in Therapie und Beratung. Springer, Berlin 2013.
  • Henry Murray: Explorations in Personality. A Clinical and Experimental Study of Fifty Men of College Age. New York 1938.
  • Donald Polkinghorne: Explorations of Narrative Identity. In: Psychological Inquiry 7 (1996) S. 363–367.
  • Paul Ricœur: Zeit und Erzählung. Band I-III, Fink, München 1988.
  • Theodore Sarbin (Ed.): Narrative Psychology. The Storied Nature of Human Conduct. New York 1986.
  • Roy Schafer: The Analytic Attitude. New York 1983.
  • Jürgen Straub (Hrsg.): Erzählung, Identität und historisches Bewußtsein. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998.