Nasr Hamid Abu Zaid

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Nasr Hamid Abu Zaid (arabisch ‏نصر حامد أبو زيد‎, DMG Naṣr Ḥāmid Abū Zaid; * 10. Juli 1943 in Qufaha bei Tanta, Ägypten; † 5. Juli 2010 in Kairo) war ein ägyptischer Koran- und Literaturwissenschaftler und einer der führenden liberalen Denker des Islam.

Leben[Bearbeiten]

Nasr Hamid Abu Zaid (auch Abu Zayd geschrieben) wurde 1943 in Quhafa bei Tanta, Ägypten, geboren. Nach einer technischen Ausbildung arbeitete er in der National Communications Organization in Kairo. Gleichzeitig begann er das Studium der Arabistik an der Universität Kairo (BA 1972).

Koran-Studien[Bearbeiten]

In seiner Magister-Arbeit (1977) beschäftigte sich mit der rationalen Koranauslegung der Muʿtazila sowie ihrem Verständnis metaphorischer Ausdrucksweise (Madschāz) im Koran, die er als Konsequenz der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Zeit zu deuten versuchte. Seine 1981 vorgelegte Dissertation handelte von der allegorischen Koraninterpretation (taʾwīl) bei dem andalusischen Mystiker Ibn Arabi.[1] Im Anschluss an die Promotion nahm Abu Zaid am dortigen Institut für arabische Sprache und Literatur seine Lehrtätigkeit auf, zuerst als Lehrbeauftragter, seit 1982 als Assistenzprofessor und ab 1987 als außerordentlicher Professor.

1990 veröffentlichte Abu Zaid als sein Hauptwerk die Studie mit dem Titel „Der Begriff des Textes” (Mafhūm an-Naṣṣ), in der er programmatisch eine Wiederherstellung der Verbindung von Koran- und Literaturwissenschaften forderte.[2] Hierbei berief er sich auf Amīn al-Chūlī (1896–1967), der Mitte des 20. Jahrhunderts eine neue Richtung der Exegese begründet hatte, die auf die Analyse des Korans mit modernen literaturwissenschaftlichen Methoden setzte. Als Mittel für die Entdeckung des eigentlichen Sinns der Botschaft des Koran empfahl Abu Zaid die Methoden der Hermeneutik und Linguistik.[3] Sehr wichtig für seine Koraninterpration war außerdem die Tatsache, dass sich der Koran selbst (z. B. in Sure 53:4f.) als waḥy bezeichnet. Aus der Tatsache, dass waḥy in der arabischen Kultur eine Form der non-verbalen Kommunikation bezeichnet, schloss er, dass auch die Offenbarung des Korans an Mohammed in einer nicht-sprachlichen Form erfolgt sein muss. Hieraus wiederum leitete er ab, dass der Korantext als bereits versprachlichte Rede keinen transzendenten Charakter mehr hat, sondern der menschlichen Seite des Kommunikationsprozesses zugehört und damit auch für rationale Analysen zugänglich ist.[4] Mit dieser Interpretation knüpfte Abu Zaid an bestimmte muʿtazilitische Positionen zum Koran an.[5]

Die „Affäre Abu Zaid”[Bearbeiten]

1992 mischte sich Abu Zaid mit seinem Buch „Kritik des religiösen Diskurses” (Naqd al-ḫiṭāb ad-dīnī) in die Auseinandersetzung zwischen der ägyptischen Regierung und der islamistischen Opposition ein. Beide Seiten, so meinte er, stützten sich in ihrer religiösen Argumentation auf ein vernunftfeindliches und rückwärtsgewandtes Koranverständnis. Das Buch richtete sich allerdings weniger gegen den fundamentalistischen, als vielmehr gegen den ägyptischen „Staatsislam” mit seiner asch'aritischen Ausrichtung, so wie er zu dieser Zeit über die Medien und das Bildungssystem in ganz Ägypten verbreitet wurde.[6] Abu Zaid kritisierte, dass sich die Theologen nach Art eines Priestertums (kahnūt) ein Auslegunsmonopol der religiösen Texte angemaßt hätten, das eine freie, pluralistische Entwicklung des Islams behinderte.[7]

Als Abu Zaid im Mai 1992 an der Universität Kairo seine Beförderung vom Assistenzprofessor zum ordentlichen Professor beantragte, erstellte ʿAbd as-Sabūr Schāhīn, ein Professor an der Kairoer Hochschule Dār al-ʿulūm, der gleichzeitig ein bekannter Freitagsprediger war und den Abu Zaid in seinem Buch indirekt angegriffen hatte,[8] ein Negativ-Gutachten, woraufhin ihm die Beförderung verweigert wurde. Schāhīn urteilte in seinem Gutachten, dass Abu Zaids Schriften eine abscheuliche Beleidigung für die Religion darstellten, und machte diese Aussagen auch publik.[9] Dadurch kam die „Affäre Abu Zaid“ in Gang, die einen großen Tumult sowohl im ägyptischen Inland als auch bei ausländischem fachkundigen Publikum verursachte. Abu Zaids kritische Analysen des Koran, in denen er diesen auf dem Hintergrund seiner Entstehungszeit interpretiert, führten zu heftigen öffentlichen Diskussionen und letztlich zum Vorwurf, ein Apostat, das heißt ein vom Islam Abgefallener (Murtadd) zu sein, was 1995 die Ablehnung seiner Ernennung zum ordentlichen Professor und die Zwangsscheidung von seiner Frau, der Romanistikdozentin Ibtihal Yunis, zur Folge hatte.[10]

Konservative islamische Gelehrte versuchten, ihn als Apostat anzuklagen. Da dies nach ägyptischem Strafrecht nicht zulässig ist und bei einem Universitätsprofessor in der Hauptstadt auch nicht durchsetzbar war, wurde ein juristischer Trick angewandt. Das Ehe- und Scheidungsrecht wird in Ägypten von religiösen Gerichten verhandelt. Für Muslime gilt dabei die Schari'a. Daher wurde vor einem Ehegericht die Annullierung der Ehe von Abu Zaid mit der Begründung beantragt, eine Muslima dürfe nach der Schari'a nur mit einem Muslim verheiratet sein. Wenn aber Abu Zaid durch Abfall kein Muslim mehr sein sollte, dürfte seine Frau nicht mehr mit ihm verheiratet sein. Das Gericht ließ sich auf dieses Vorgehen ein, traf eine Feststellung über die Apostasie von Abu Zaid und erklärte die Ehe für ungültig. Aufgrund des Verfahrens und der damit verbundenen Publizität erhielt Abu Zaid zahlreiche Morddrohungen.

Im europäischen Exil[Bearbeiten]

Seitdem lebte er im niederländischen Exil. Er lehrte zunächst als Gastprofessor Islamwissenschaft an der Universität Leiden. In den akademischen Jahren 2002/2003 und 2003/2004 war er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.[11] Seit 2004 hatte er den Ibn-Rushd-Lehrstuhl für Humanismus und Islam an der Universität in Utrecht inne. Im Jahr 2005 erhielt er den Ibn-Ruschd-Preis für Freies Denken, Berlin.

Werke[Bearbeiten]

Ein Leben mit dem Islam[Bearbeiten]

Das Buch Ein Leben mit dem Islam beruht auf Gesprächen von Navid Kermani und Chérifa Magdi mit Abu Zaid, die von Chérifa Magdi übersetzt und von Navid Kermani ediert und zu einer Biographie zusammengestellt wurden. Im Rahmen dieser Biographie werden auch verschiedene Themen abgehandelt, die Abu Zaid am Herzen lagen, sodass dieses Buch einen ersten Einblick in sein Denken ermöglicht.

Inhalt des Buches Ein Leben mit dem Islam
Kapitel Biographisches Thematisches Zitate
1 Kindheit, Halbwaise mit 14 Jahren, Erfahrungen in der Koranschule (kuttâb) Die Koranrezitation (tadschwid); der Koran als gesprochener Text; verschiedene Lesearten des Koran „Eine Religion ohne die physische Erfahrung des Rituals ist kaum mehr als ein Gedankengebäude, ein Konstrukt. Jede Religion bedarf sinnlicher oder ästhetischer Erfahrungen. Im Islam ist es vor allem die Koranrezitation, die diese Funktion erfüllt. Sie ist ein spiritueller Vorgang und ritueller Akt: Indem der Gläubige die Rede Gottes hört, hört er den Sprecher selbst – er hört Gott.“ (S. 19)

„Der mündliche Vortrag des Korans ist sehr wichtig, denn er ist seiner Natur nach kein Lesetext.“ (S. 21)

2 Erfahrungen an der christlichen Grundschule, an der Taufiqiyya-Mittelschule, an der Berufsschule, Berufstätigkeit in der Funk-Abteilung des Verkehrsministeriums Das Zusammenleben von Muslimen und Kopten

Die Muslimbrüder

Sayyid Qutb

„Das Gewebe der ägyptischen Gesellschaft ist beschädigt – aber es ist nicht zerstört.“ (S. 32)

„Die Muslimbrüder in unserem Dorf waren freundliche und ehrliche Menschen, die den Armen halfen und sich für Gerechtigkeit einsetzten. […] [Sie] haben auch nie schlecht über Christen oder andere Religionsgemeinschaften gesprochen. Nur über die Kolonialisten schimpften sie“ (S. 42)

„Sayyid Qutb hat kein Verbrechen begangen. Er hat ein Buch geschrieben. Seine Hinrichtung ist für mich bis heute abstoßend.“

3 Religion, Staat und Gesellschaft „Es ist ein Unterschied, ob man einen Text als religiöse Autorität anerkennt und seine zivilisationsstiftende Funktion hervorhebt oder ihn als die Autorität schlechthin für alle Fragen des Lebens behandelt. Bedauerlicherweise müssen wir erleben, daß ein Dogma entstanden ist, wonach die Autorität des Korans über den Glauben hinausgeht und alle Bereiche der Gesellschaft und des Wissens erfaßt.“ (S. 49)
4 Der Tod der Mutter 1982 Die Rolle der Frau im Islam „Es ist unmöglich, dem Koran eine Bevorzugung des absolut Männlichen vor dem absolut Weiblichen zuzuschreiben.“ (S. 86)
5 Studienzeit in Kairo Traditionen der Koran-Exegese (100-110) „Wenn ich den Koran als literarisches Werk bezeichne, reduziere ich ihn nicht auf seine poetischen Elemente“ (S. 100)
6 Auslandsaufenthalte (USA, Sudan, Japan), Erfahrung mit anderen Kulturen Die Hermeneutik

Hermeneutische Interpretation des Koran nach Ibn Arabi

7 Tätigkeit als Professor Niedergang der Universitäten in Ägypten
8 Die zweite Ehe Kulturelle Unterschiede zwischen Landbevölkerung (Fellachen) und Aristokratie
9 Der Prozess der Zwangsscheidung (14. Juni 1995), die Emigration „Ich habe immer wieder erklärt, daß ich ein gläubiger Muslim bin. Kein Mensch hat das Recht, das Gegenteil zu behaupten.“ (S. 174)

„Der Koran verbietet es nicht, den Islam aufzugeben.“ (S. 175)

10 Das Leben im niederländischen Exil Islamische Mystik (Sufismus) „Wenn ich unter anderen Bedingungen nach Leiden gekommen wäre, um hier für einige Jahre zu arbeiten, wäre ich der glücklichste Mensch der Welt.“ (S. 195)

„Der Islam ist ein einfacher Glaube, ohne Komplikationen.“ (S. 206)

Literatur[Bearbeiten]

  • Thomas Hildebrandt: "Nasr Hamid Abu Zaid, Ägypten/Niederlande" in Katajun Amirpur, Ludwig Ammann (Hrsg.): Der Islam am Wendepunkt. Liberale und konservative Reformer einer Weltreligion. Freiburg/Br. 2006. S. 127–135.
  • Navid Kermani: Offenbarung als Kommunikation. Das Konzept waḥy in Naṣr Hāmid Abū Zayds Mafhūm an-naṣṣ. Frankfurt/Main 1996.
  •  Jörn Thielmann: Nasr Hâmid Abû Zaid und die wiedererfundene hisba. Scharî'a und Qânûn im heutigen Ägypten. Ergon, Würzburg 2003, ISBN 3-89913-290-4 (Kultur, Recht und Politik in muslimischen Gesellschaften; 3).
  • Stefan Wild: "Die andere Seite des Textes: Nasr Hamid Abu Zaid und der Koran." in Die Welt des Islam 33 (1993) 256-261.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Kermani 26f.
  2. Vgl. Kermani 12.
  3. Vgl. Kermani 13.
  4. Vgl. Kermani 39–52.
  5. Vgl. Kermani 64.
  6. Vgl. Hildebrandt 133 und Kermani 52f.
  7. Vgl. Kermani 91.
  8. Vgl. Kermani 91.
  9. Vgl. Kermani 104.
  10. Vgl. Hildebrandt 134.
  11. siehe Frühere Fellows alphabetisch. Wiko-Berlin, archiviert vom Original am 6. September 2012, abgerufen am 4. Januar 2014.