Natur-Erlebnis-Raum

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Natur-Erlebnis-Spielplatz Eglfing (unter anderem mit Wildblumenhügeln, Wasserspielgelände, Feuerstelle, Holzschnitzereien, Felsenkletterwand und Burgberg)

Mit Natur-Erlebnis-Raum, auch NaturErlebnisRaum oder Naturerlebnisraum, wird eine besondere Form der naturnahen Gestaltung von Schulhöfen, Kindergärten und Spielplätzen bezeichnet, die Anfang der 2000er Jahre durch Veröffentlichungen eingeführt wurde.[1] Darunter versteht man die Planung, den Bau und die Pflege eines Natur-Erlebnis-Raumes gemeinsam mit den Benutzern nach dem sogenannten „Dillinger Modell“ der Benutzerbeteiligung.[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Planungsphase eines Natur-Erlebnis-Raumes beinhaltet meistens den Bau eines Arbeitsmodells durch die beteiligten Kinder und Erwachsenen, die dann in der Realisierungsphase in Projekttagen oder Projektwochen das Gelände auch selbst modellieren und gestalten. Danach schließt sich die Pflege an, wobei auch hier die Benutzer über all die Jahre eingebunden werden.

Natur-Erlebnis-Räume weisen unter anderem folgende Merkmale auf: Die Benutzerbeteiligung findet nach dem „Dillinger Modell“ statt; die Landschaft an sich ist „Spielgerät“, wobei große Höhen und Tiefen zu Bewegung und Spiel einladen; und klassische, käufliche Spielgeräte sind eher Ausnahmen. Gebaut wird nach den Grundsätzen und Richtlinien des Naturgartenbaues, wie sie etwa von den Fachbetrieben für naturnahes Grün vorgelegt werden, und bei denen hauptsächlich regionale Baustoffe und Materialien verwendet werden.[3] Die Böden werden in der Regel unkrautfrei angelegt, um artenreiche und vielfältige Nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten zu ermöglichen.

Die Bepflanzung erfolgt mit heimischen Pflanzen; als Richtlinien hierfür gelten die entsprechenden Veröffentlichungen des Bundesamtes für Naturschutz (BfN).[4][5] Die Flora wird überaus artenreich und vielfältig angelegt, es sind nicht nur Gebüsche und Rasen wie bei herkömmlichen Anlagen üblich, sondern auch Ansaaten mit Ein- und Zweijährigen Pflanzen, Blumenbeete aller Standorte, Wildblumensäume, Blumenwiesen, Blumenschotterrasen, Blumenkräuterrasen sowie Zwiebel-, Stauden- und Gehölzpflanzungen.[1]

Voraussetzung für eine langfristige positive Entwicklung von Natur-Erlebnis-Räumen ist eine nachhaltige, naturnahe Pflege, die sich an den Prinzipien der Nachhaltigkeit orientiert. Ziel ist dabei „die Einleitung von dauerhaft positiven, sich selbst erneuernden und tragenden Entwicklungs- und Veränderungsprozessen des gestalteten naturnahen Außenraumes“[6].

Das erste nach diesen Prinzipien verwirklichte Projekt war der 1995 erbaute Natur-Erlebnis-Schulhof in Lauingen.[7] Die Vorgehensweise des „Dillinger Modells“ wurde dann im Jahr 2000 erstmals auf Natur-Erlebnis-Kindergärten und Natur-Erlebnis-Spielplätze übertragen.[8]

Das „Dillinger Modell“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die an der bayerischen Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung[9] in Dillingen entwickelte Umsetzungsmethodik „Dillinger Modell“ sieht eine Auswertung und weitere Planung der von den Kindern als Arbeitsmodell entwickelten und gebauten Vorschläge für „ihren“ Natur-Erlebnis-Raum nach vier verschiedenen Themenschwerpunkten vor:

  • „Spiel und Bewegung“, wie etwa: Vielgestaltige Hügellandschaft mit Wegen, Plätzen, Nischen und artenreicher Bepflanzung; Wasserspiel-Gelände; Bachlauf oder Naturspielteich; Tritt- und Sprungsteine im Wasser; Sandmatschgelände; Balancier-, Kletter- und Sprungbäume; Steigstämme; Baumhäuser; Kletterfelsenwand; sowie Hüpfsteine oder -palisaden.
  • „Naturerlebnis und Artenschutz“, wie etwa: Brücken aus Holzstämmen und Felsen; Felsenfindlinge; Kriechtunnel; Mauern aus Steinen; Trockenhänge, als Staudenbeet oder Blumenwiesen; Blumenbeete; Blumenwiesen und -rasen; Wildobst zum Ernten; Trockenstandorte mit Wildblumen und Kleingehölzen; sowie verschiedene Hecken, Kleingehölze und Spielgebüsche.
  • „Ruhe und Kommunikation“, wie etwa: Natürliche Ruhe- und Sitzplätze aus Holz oder Stein; Bänke und Tische; Arena mit Sitzstufen; Weidenbauten wie Irrgärten und Tippis; sowie Treffpunkte.
  • „Kunst und Kreativität“, wie etwa: Mosaikobjekte; bunte Betonskulpturen; Holzkunst; sowie Metallkunst.

Die Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung Dillingen beschäftigt sich bereits seit längerem mit der kreativen Gestaltung von Schulhöfen und hat dazu auch eine Umsetzungsmethodik entwickelt sowie verschiedene Materialien für Lehrer und Eltern erarbeitet.[10][11]

Praxis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bau von Natur-Erlebnis-Räumen wird in überwiegenden Fällen als kostengünstiger als der von herkömmlichen Anlagen angesehen[12], wobei Natur-Erlebnis-Räume als vielfach kreativer, anregender, naturnäher und für Kinder „spannender“ gelten. Auch ihre Pflege ist nach den bisherigen Erfahrungen kostengünstig. Darüber hinaus fördern sie die geistige, motorische und seelische Entwicklung und die entsprechenden Fähigkeiten von Kindern wesentlich besser als herkömmliche Schulhöfe, Kindergärten oder Spielplätze.[13]

Der gemeinnützige Verein Naturgarten e. V. fördert und unterstützt die Schaffung von Natur-Erlebnis-Räumen, wie unter anderem durch Informationen und Beratung. Darüber hinaus setzt er sich für den Aufbau eines Netzwerkes von eigens ausgebildeten Fachberatern ein, die sowohl ausreichend baulich-fachliche Kompetenz für Planung und Realisierung solcher Anlagen nach den Prinzipien und Richtlinien des Naturgartenbaues haben, als auch über die nötigen pädagogischen Fähigkeiten für eine intensive Beteiligung der erwachsenen und insbesondere der minderjährigen Benutzer verfügen. Der Verein bietet entsprechende Fort- und Ausbildungen in diesem Bereich an.[14][15]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Akademie für Lehrerfortbildung Dillingen: 101 Idee zur Gestaltung des Schulgeländes. Akademie f. Lehrerfortbildung Dillingen, Akademiebericht Nr. 246, 1994. (Homepage der Akademie)
  • Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung Dillingen: „Lebensraum Schulhof“. Der Medienkoffer. Akademie f. Lehrerfortbildung u. Personalführung Dillingen, Dillingen 2002 (= Bestell-Nr. 7017). („Multimedia-Schulhof-Beratungskoffer“; Homepage der Akademie, Publikation Nr. 7017)
  • Annette Dieckmann, Hariet Homm (Verf.); Landesbund für Vogelschutz in Bayern (Hrsg.): Das große LBV Kinder-Garten-Buch. Erstausg., 1. Aufl., Landesbund für Vogelschutz in Bayern e. V. (LBV), Hiltpoltstein 1999, ISBN 3-00-004224-5.
  • Fritz Hilgenstock, Reinhard Witt: Das Naturgarten-Baubuch. Callwey, München 2003, ISBN 3-7667-1542-9.
  • Marcel Kalberer, Micky Remann: Das Weidenbaubuch. Die Kunst, lebende Bauwerke zu gestalten. 3. Aufl., AT-Verlag, Aarau 2002, ISBN 3-85502-649-1.
  • Udo Lange, Thomas Stadelmann: Spiel-Platz ist überall. Lebendige Erfahrungswelten mit Kindern planen und gestalten. 4., aktual. u. erw. Aufl., Luchterhand, Neuwied u.a. 2001 (= Hundert Welten entdeckt das Kind), ISBN 3-472-04670-8. (Frühere Aufl. im Verl. Herder, Freiburg u.a. 1997)
  • Alex Oberholzer, Lore Lässer: Gärten für Kinder. Naturnahe Kindergarten- und Schulanlagen, Hausgärten und Spielplätze. 4., überarb. und neu gestaltete Aufl., Ulmer Verl., Stuttgart 2003, ISBN 3-8001-4138-8.
  • Herbert Österreicher: Praxis der Umweltbildung, in: Norbert Kühne (Hrsg.): Praxisbuch Sozialpädagogik, Band 7, Bildungsverlag EINS, Troisdorf 2009, ISBN 978-3-427-75415-2.
  • Manfred Pappler, Reinhard Witt: Natur-Erlebnis-Räume. Neue Wege für Schulhöfe, Kindergärten und Spielplätze. Kallmeyer Verl., Seelze-Velber 2001, ISBN 3-7800-5268-7.
  • Reinhard Witt: Der Naturgarten. Lebendig, schön, pflegeleicht. Pflanzvorschläge für alle Standorte. 2., durchges. Aufl., blv, München 2005, ISBN 3-405-15948-2.
  • Reinhard Witt: Nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten. Kräuter, Stauden und Sträucher. Für Jahrzehnte erfolgreich gärtnern. Praktisch, naturnah. Erweitertes Unkräuter-Lexikon. NaturGarten, Ottenhofen 2008, ISBN 978-3-00-023586-3.
  • Reinhard Witt: Naturerlebnisschulhof. Naturnahe Gestaltung des Schulgeländes. Domino Verlag Günther Brinek GmbH, München 2008.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Manfred Pappler, Reinhard Witt: Natur-Erlebnis-Räume. Neue Wege für Schulhöfe, Kindergärten und Spielplätze. Kallmeyer Verl., Seelze-Velber 2001, ISBN 3-7800-5268-7.
  2. Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung Dillingen, „Multimedia-Schulhof-Beratungskoffer ‚Lebensraum Schulhof‘“, Dillingen 2002.
  3. Richtlinien (Unterlagen zum Fachbetrieb für naturnahes Grün, Stand 6/07) auf der Webseite der Fachbetriebe für naturnahes Grün
  4. FloraWeb – Daten und Informationen zu Wildpflanzen und zur Vegetation Deutschlands, Online-Informationsangebot des Bundesamtes für Naturschutz
  5. Henning Haeupler, Thomas Muer: Bildatlas der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands. Alle 4200 Pflanzen in Text und Bild. Hrsg. vom BN, Bundesamt für Naturschutz, Ulmer Verl., Stuttgart 2007, ISBN 3-8001-3364-4.
  6. Reinhard Witt: Nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten. Kräuter, Stauden und Sträucher. Für Jahrzehnte erfolgreich gärtnern. Naturnah, praktisch, neu. Mit Unkräuter-Lexikon. NaturGarten, Ottenhofen 2006, ISBN 3-00-017707-8.
  7. NaturErlebnisSchulhof Lauingen
  8. NaturErlebnisKindergarten und NaturErlebnisSpielplatz Notzing
  9. Homepage der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung Dillingen
  10. Natur blüht auf in Bayerns Schulhöfen - Umweltminister Schnappauf und Kultusministerin Hohlmeier stellen neuen Medienkoffer "Lebensraum Schulhof" vor, Pressemitteilung Nr. 73 des Bayerischen Kultusministeriums vom 27. Februar 2002
  11. „Lebensraum Schulhof“. Der Medienkoffer, Publikation Nr. 7017 der bayerischen Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung Dillingen, 2002
  12. Baukosten von NaturErlebnisRäumen
  13. Leben und Lernen. Beitrag über Natur-Erlebnis-Räume in der Zeitschrift Sportpädagogik, Heft 5/2006
  14. „Alles Natur – Erlebnis pur“ – Bericht in dem Magazin Stern, Ausgabe 17/1999, S. 156–164 (berichtet wird darin über den Verein Naturgarten e.V. sowie über Naturgärten, Wildpflanzen, Natur-Erlebnis-Räume, Natur-Erlebnis-Schulhöfe etc.)
  15. Sinnvoll gärtnern. Wild oder gestaltet – die Kunst, den richtigen Weg zu finden. – Bericht von Alexandra Rigos im Greenpeace Magazin, Ausgabe 5/2006, S. 16–31 (unter anderem über Naturgarten e.V., Naturgärten, Wildpflanzen, etc.) (PDF-Datei)