Naturalismus (Bildende Kunst)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Arnold Lyongrün: Die Quelle (Ölgemälde 1911)

Der Naturalismus in der Kunst ist eine Strömung von circa 1850 bis 1900, ist aber als Epochenbegriff in der Bildenden Kunst weniger scharf als in der Literatur. Neben dem Naturalismus als Epochenbegriff, als Entsprechung zum Naturalismus in der Literatur, spricht man auch allgemeiner von Naturalismus als einer Darstellungsweise, unabhängig von Zeit und weltanschaulichem Hintergrund. Wenn es um die Absichten geht, die mit einer solchen Darstellungsweise verfolgt werden, spricht man oft eher von Realismus.

Definitionen[Bearbeiten]

Naturalismus als Epoche[Bearbeiten]

Als programmatische Schrift am Anfang des Naturalismus stand Jules Antoine Castagnarys Manifest La philosophie du salon de 1857 (1858), das sich auf Malerei bezog, aber auch großen Einfluss auf die Literatur (namentlich auf Émile Zola) hatte. Das Ziel des naturalistischen Künstlers ist eine Abbildung der gegenständlichen Welt, ohne das sozial Niedrige, das einfache Leben auszusparen. Die äußere Richtigkeit bietet allerdings keine Garantie für innere Wahrheit. Daher ist der bildnerische Naturalismus des 19. Jahrhunderts ebenso wie der literarische mit sozialem Engagement gekoppelt.

Die Begriffe Naturalismus und Realismus sind in diesem Kontext nicht präzise voneinander abzugrenzen. Realismus kann bedeuten, dass die Darstellungsweise trotz ihres sozialen Engagements noch stärker der Romantik verhaftet ist. Der Realismus hat den Anspruch, über das Äußerliche hinweg zum Wesentlichen, zur inneren Wahrheit vorzudringen. Naturalismus kann auch etwa bedeuten, dass der Freilichtmalerei gegenüber der Ateliermalerei der Vorzug gegeben wird. In dieser kunsttheoretischen Auseinandersetzung spielte der französische Maler Gustave Courbet seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Rolle des Wegbereiters.

Naturalismus als Darstellungsweise[Bearbeiten]

Im übertragenen Sinne spricht man in der Kunstgeschichte unabhängig von einer Epoche von einer Tendenz zum Naturalismus oder einer naturalistischen Darstellungsweise, wenn Künstler in ihrer Arbeit teilweise naturalistische Ziele verfolgen, also eine gleichsam positivistische, wertneutrale Abbildhaftigkeit in ihren Werken zeigen. Beispiele finden sich etwa in den spätmittelalterlichen Handschriften und Tapisserien, in der altniederländischen Malerei, sowie bei einigen Malern des 19. Jahrhunderts, die es auf diese Weise vermieden haben – im Gegensatz zum Realismus – mit ihrer Kunst gesellschaftliche Positionen zu beziehen.

Definition nach Georg Schmidt[Bearbeiten]

Darstellungsmittel[Bearbeiten]

Der Kunsthistoriker Georg Schmidt versuchte in einer Zeit der werkimmanenten Interpretation nach dem Zweiten Weltkrieg, den bildnerischen Naturalismus vom Sozialen und Weltanschaulichen zu lösen. So kam er zu relativ zeitunabhängigen Definitionen. Dem Naturalismus komme es nicht auf die „Wahrheit“, sondern auf die „Richtigkeit“ an. Folgende Kriterien seien für ihn bestimmend:

Drei Illusionen[Bearbeiten]

  • Räumlichkeit (Zentral-, Farb-, Luftperspektive, Schlagschatten usw.)
  • Körperlichkeit (Linearperspektive, Schattenmodellierung)
  • Stofflichkeit (korrekte Darstellung des Stoffes, Materials etc., haptische Oberflächenbeschaffenheit durch Lichtreflexion)

Drei Richtigkeiten[Bearbeiten]

  • zeichnerische Richtigkeit (Schärfegrad des Auges)
  • anatomische Richtigkeit (Einzel- und Gesamtform)
  • farbliche Richtigkeit (Gegenstands-/Lokalfarbe (bei neutralem Licht); Erscheinungsfarbe)

Naturalismus – Realismus – Idealismus[Bearbeiten]

Ferner versuchte Schmidt, den Begriff Naturalismus von den Begriffen Realismus und Idealismus abzugrenzen. Während der Naturalismus quasi wertfrei nach „äußerer Richtigkeit“ strebe, also nach dem perfekten Abbild, komme es dem Realismus auf „innere Wahrheit“ an, also auf das Wesentliche. Dem Idealismus gehe es um „Erhöhung der Wirklichkeit“, zum Beispiel um Verklärung einer mythologischen Szene, während der Realismus nach „Erkenntnis der Wirklichkeit“ und deren geistiger Durchdringung strebe. So kam Schmidt zu folgenden Kombinationen aus diesen drei Begriffen:

  • Realistischer Naturalismus: griechische Klassik, italienische Kunst (14./15. Jahrhundert), deutsche und niederländische Kunst (15. Jahrhundert).
  • Realistischer Antinaturalismus: Abbau der einzelnen Elemente des Naturalismus (Rembrandt van Rijn, Vincent van Gogh, Paul Klee, Pablo Picasso).
  • Idealistischer Antinaturalismus: Maya, Inka, archaische/frühchristliche/byzantinische Kunst (frühe Hochkulturen).
  • Idealistischer Naturalismus: Widerspruch zwischen künstlerischem Mittel und Gesinnung: Kitsch.

Künstler des Naturalismus Ende des 19. Jahrhunderts / Anfang des 20. Jahrhunderts[Bearbeiten]

Die Liste ist in chronologischer Reihenfolge nach den Geburtsdaten der Künstler geordnet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Georg Schmidt: Naturalismus und Realismus (1959) in: Ders., Umgang mit Kunst Ausgewählte Schriften 1940–1963. Verein der Freunde des Kunstmuseums, Basel 1976.
  • Gabriel P. Weisberg: Beyond Impressionism – the Naturalist Impulse in European Art 1860–1905. London 1992, ISBN 0500236437.
  • Gabriel P. Weisberg: Illusions of reality – Naturalismus 1875–1918. Ausstellungskatalog, Belser Verlag, ISBN 3763025774.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Naturalismus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien