Naturphilosophie

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Die Naturphilosophie versucht, die Natur in ihrer Gesamtheit aufzufassen und in ihren allgemeinen wie partikulären Strukturen zu beschreiben, theoretisch zu erklären und zu deuten. Naturphilosophie thematisiert die Charakteristika und Bedingungen der Möglichkeit der heutigen wissenschaftlichen und lebensweltlichen Naturauffassungen und geht deren gegenseitigen Abhängigkeiten (Interdependenzen) nach. Ihr Aufgabenfeld lässt sich, entsprechend der traditionellen Gliederung der Philosophie, dreiteilen in die Analyse von Natur als Inhalt bzw. Gegenstand theoretischer, praktischer und ästhetischer Urteile.[1] Sie widmet sich seit der Moderne auch dem Verhältnis zwischen verschiedenen Naturbegriffen.

Im europäischen Kulturkreis ist die ionische Naturphilosophie ein Ausgangspunkt der antiken Philosophie überhaupt. Die moderne systematische Naturphilosophie ist ein Teilgebiet der Ontologie und überschneidet sich mit der Philosophie der Physik, der Philosophie der Biologie und der Philosophien anderer Naturwissenschaften bzw. umfasst diese als Teildisziplinen. Darüber hinaus umfasst Naturphilosophie – wenn man sie nicht im engen, 'analytischen' Sinne als Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaften begreift – auch die Reflexion auf nicht-wissenschaftliche Naturauffassungen, in denen Natur kein kausales Wirkungsgefüge, sondern ein ästhetischer oder ethischer Gegenstand, ein Symbol usw. ist.

Bestimmungen von Begriff und Methode von „Naturphilosophie“[Bearbeiten]

„Natur“[Bearbeiten]

Die europäische Naturphilosophie hat ihren Ursprung im antiken Griechenland. Der griechische Begriff für Natur, „physis“, weist dabei zwei Verwendungsweisen auf. Zum einen bezieht sich „physis“ auf die Gesamtheit aller von selbst entstandenen Dinge – dies aber erst seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. Zuerst meint das (von phyein – wachsen (lassen), entstehen - abgeleitete) Substantiv „physis“ die Natur von etwas, das „Wesen“, die Essenz einer Sache.[2] Dabei wird das Dynamische, das innere Prinzip des Wirkens, etwa der Bewegung, betont. Es geht um Prinzipien der Entfaltung, Erscheinung und des Wandels. Dies berührt insbesondere das Phänomen des Lebens. Die Bestimmung des Wesens des Menschen wird in der philosophischen Disziplin der Anthropologie behandelt, die insofern auch als ein Teilgebiet der Naturphilosophie verstanden werden kann. Auch die Grundlagen der menschlichen Natur für die Ethik, z. B. die Tugenden als natürliche Dispositionen, gehören zur Naturphilosophie.

Der Ausdruck „Natur“ und entsprechende Ableitungen („natürlich“, „naturwüchsig“, u. a. m.) werden immer im Gegensatz zu einem anderen Seinsbereich (z. B. Kunst/Artefakte), Prinzip (z. B. Freiheit) oder Vermögen (z. B. Vernunft) bestimmt, oftmals als Gegensatz zu „Kultur“, insofern letztere sich auf Artefakte bezieht, die durch menschliche Kunst oder Technik hervorgebracht sind (materiale Kultur).[3]

Eine weitere häufig anzutreffende Gegensatzbildung ist die von „Natur“ und „Übernatur“, die typisch für das christliche Mittelalter ist (u. a. bei Bonaventura): Natur galt als durch Gottes Eingreifen auch immer wieder als extern veränderbar. Während beispielsweise die neuzeitliche Naturphilosophie auf Objekte und Methodik naturwissenschaftlicher, empirischer Erkenntnismöglichkeiten verpflichtet ist, galt dies nach einer klassischen Unterscheidung für die spezielle Metaphysik nicht. Diese diskutiert vielmehr Thematiken wie Seele, Emanation, Gottheit und Göttliches. Unterschiedliche Klassiker ziehen diese Grenze aber unterschiedlich streng. Aristoteles beispielsweise unterscheidet als zwei Werke, Disziplinen und Gegenstandsbereiche die „Physik“ und die „Metaphysik“, behandelt nach heutiger Wissenschaftssystematik aber in der „Physik“ auch Themen der Ontologie und in der „Metaphysik“ auch naturwissenschaftliche Themen – etwa solche der Kosmologie. Im griechischen Denken gibt es keine Übernatürlichkeit.

„Naturphilosophie“ bzw. „Philosophie der Natur“[Bearbeiten]

Der deutsche Ausdruck „Philosophie der Natur“ kommt erst im 18. Jahrhundert auf und ist eine Übersetzung von dem seit der Antike gebrauchten lateinischen Ausdruck philosophia naturalis, der traditionell für die Lehre von den sinnlich wahrnehmbaren Dingen gebraucht wurde.[4] Er wird im Deutschen einerseits sehr weit verwendet, so dass er beispielsweise anthropologische und phänomenologische Spekulationen zum Verhältnis von Mensch und Natur überhaupt mit umfasst, andererseits wird mehr und mehr eine enge Verwendung üblich, wie sie sich im englischsprachigen Raum schon lange etabliert. Demnach bezeichnet „Philosophie der Natur“ den Teilbereich der theoretischen Philosophie, welcher sich mit der Struktur der Natur inklusive der Interpretation unserer besten wissenschaftlichen Theorien darüber befasst. In beiden Verwendungsweisen ist oft ein Unterschied zur Verwendung des Ausdrucks „Wissenschaftstheorie“ üblich. „Wissenschaftstheorie“ bezieht sich dann auf allgemeinere erkenntnistheoretische (epistemologische), methodologische und spezifische Fragen zu Struktur und Wesen wissenschaftlicher Erkenntnis überhaupt. Da im englischen „science“ oft im engen Sinne von rein naturwissenschaftlicher Forschung verstanden wird und andere Wissenschaften beispielsweise als „humanities“ bezeichnet werden, kann „Wissenschaftstheorie“ aber so verwendet werden, dass Themen der Philosophie der Natur mit umfasst werden.

Historische Entwicklung[Bearbeiten]

Antike[Bearbeiten]

Die Anfänge der Naturphilosophie liegen in der griechischen Antike. Die Vorsokratiker suchten nach allgemeinen, konstanten Konstitutions- und Erklärungsprinzipien der Erscheinungswelt. Dabei wurden meist ein oder mehrere einheitliche materielle Prinzipien angenommen, die einen gemeinsamen Ursprung (arché) bilden. Thales führte dazu das Wasser an, Anaximenes die Luft, Empedokles vier Elemente. Leukippos und Demokrit postulierten kleinste Teilchen: Atome. Anaximander sprach von einem Apeiron (das Unbestimmte), was evtl. mit Feuer oder Äther in Verbindung zu bringen ist. Insbesondere versuchen die Vorsokratiker die Ursachen der Bewegung der Himmelskörper zu bestimmen, was zur Entwicklung der Astronomie im antiken Griechenland führte.

Viele griechische Philosophen, zuvorderst Aristoteles, schrieben eine Abhandlung mit dem Titel „Über die Natur“ (perì phýseōs). Aufgabe der Naturphilosophie ist nach Aristoteles die Betrachtung der sinnlich wahrnehmbaren Substanzen, insofern sie bewegt und begrifflich erfassbar sind. Aus dieser Tradition entwickelte sich der Begriff Physik als Inbegriff der späteren Naturwissenschaften, wenngleich die antiken Denker einen weiten Naturbegriff hatten. Zenon von Kition grenzt grenzt einen natürlichen Teil der Philosophie von Logik und Ethik ab. Diese Einteilung lässt sich über Cicero bis hin zu Augustin und Isidor von Sevilla nachweisen.[5]

Gegenstandsbereiche antiker Naturphilosophie waren u. a. Themen der Mathematik, Astronomie und Astrologie, Kosmologie, Physik, Geographie, Psychologie, Medizin, Botanik und Zoologie.

Chinesische Naturphilosophie[Bearbeiten]

Zur Zeit der Streitenden Reiche wurde in China eine 5-Phasen- bzw. 5-Elemente-Lehre ausgeprägt (wuxing), die mit Wasser, Feuer, Holz, Metall und Erde die Grundbegriffe der chinesischen Kosmologie benennt.[6]

Arabisch-persische Naturphilosophie[Bearbeiten]

Das Ziel der arabischen Naturphilosophie war es, das Gesamt des Kosmos einschließlich aller metaphysischen Fragen in ein durchrationalisiertes System zu bringen und nach dem Vorbild der späthellenistischen alexandrinischen Philosophie Neuplatonismus und Aristotelismus zu verschmelzen - freilich immer mit dem Ziel der „Verähnlichung mit Gott“. Seit dem 12. Jahrhundert macht sich der Einfluss der rational argumentierenden, den Zweifel als Methode einsetzenden arabischer Arztphilosophen auf die lateinische Scholastik bemerkbar. Der Arzt, Naturforscher und Philosoph Avicenna hielt jedoch trotz zahlreicher methodisch sorgfältiger Einzelstudien von Naturphänomen in Wesentlichen an der Metaphysik des Aristoteles fest. Adelard von Bath wurde geradezu zu einem „Propagator des Arabismus“ in der Auseinandersetzung mit den Autoritäten; auch Wilhelm von Conches und Siger von Brabant forderten, diese forschende und zweifelnde Haltung einzunehmen.[7] Die persische Illuminationsphilosophie des 12. Jahrhunderts, die bis ins 20. Jahrhundert nachwirkte, zählt nicht zu den Naturphilosophien, obwohl die Begriffe Licht und Erleuchtung in ihr eine große Rolle spielen; sie stellt vor allem die sich auf Aristoteles berufende Erkenntnistheorie durch die Betonung der Bedeutung spontan-intuitiver Erkenntnis in Frage.

Mittelalter[Bearbeiten]

Johannes Scottus Eriugena bezeichnet Eriugena die gesamte Wirklichkeit, also Gott und die Welt, die seienden und die nichtseienden Dinge als „Natur“. Das durch Sinneswahrnehmung (die raum-zeitlicher Veränderung unterliegenden Naturdinge) oder gedanklich Erfassbare (die Ideen) bezeichnet er als seiend, das den Sinnen und auch dem Intellekt Unzugängliche als nichtseiend. Wilhelm von Conches entwickelte eine Theorie der Elemente, die an der Atomtheorie Demokrits orientiert war. David von Dinant entwickelte als erster ein eigenes naturphilosophisches System, wonach die „Substanz“ mit Gott identisch und als Ursprung aller Körper „Materie“, als Ursprung aller Seelen „Geist“ heißt. Ein für die Entwicklung der Naturphilosophie wichtiger Streitpunkt der Zeit war die Frage nach dem Zusammenspiel von Herz, Leber und Gehirn im menschlichen Körper. David gelangt zu einer physiologischen Theorie des Traums, wobei er an Aristoteles Lehre von der überragenden Funktion des Herzens im Körper anknüpft. Trotz eines Verdikts auf der Synode von Paris 1210, durch das auch die Philosophie Davids ebenso wie die gerade erst übersetzte Naturphilosophie Aristoteles aus dem Unterricht verbannt wurde, kam es einige Jahrzehnte später unter dem Einfluss der Schriften des Averroes zu einer Anerkennung des Primats der Naturphilosophie. Roger Bacon kommentierte als einer der ersten die libri naturales des Aristoteles und fordert dass Schlussfolgerungen der Naturphilosophie experimentell überprüft werden sollen. Unabhängig davon trat Robert Grosseteste für eine enge Verbindung mathematischer und naturphilosophischer Betrachtung ein. Für Albertus Magnus war die Naturphilosophie, die von den natürlichen beweglichen Körpern handelt, neben Metaphysik und Mathematik eine von drei wichtigen Teilen der Realphilosophie. In der Naturphilosophie versuchte er die unsystematisch überlieferten Schriften des Aristoteles in einer Ordnung zu bringen. Für Thomas von Aquin sind Naturphilosophie und Naturwissenschaft Synonyme; deren Gegenstand bildet das bewegliche Seiende, nicht der bewegliche Körper wie bei Albertus.[8]

Wilhelm von Ockham reduzierte die physische Realität auf Individualdinge, Substanzen und Qualitäten. Quantität, Bewegung, Raum und Zeit besitzen für ihn aber keine beobachtbaren physikalischen Referenzobjekte; er verliert sich daher in sophistischen Kalkulationen, ohne ein wirkliches Verständnis der Natur zu erlangen. Johannes Buridan entwickelte eine antiaristotelische Impetustheorie, die bahnbrechend auch für das Verständnis der Bewegung der Himmelskörper wurde, insofern sie die Annahme eines intelligenten Bewegers verwirft. Die Einsicht von Nikolaus Cusanus, dass das Universum keine auffindbaren Grenzen besitze, auch wenn es nicht unendlich sei, dynamisiert das gesamt Weltbild und führt zur Verwerfung der Annahme von der Erde als eines stabilen Zentrums des Universums. In einem solchen Universum gibt es keine ruhendes Bezugssystem, also auch keine absolute Bewegung. Zugleich beschreibt er eine erfahrungswissenschaftliche Methodik, die andeutet, dass die exakte Naturwissenschaft an die Stelle der Naturphilosophie treten wird.[9]

Vor allem Nikolaus von Autrecourt versucht verschiedene Aspekte der Naturphilosophie des Aristoteles zu widerlegen. Er kritisiert den Gedanken des Werdens und Vergehens der Materie und postuliert ihre Unzerstörbarkeit; er behauptet die Existenz des Vakuums und sieht das Licht als einen Teilchenstrom an.[10]

Frühe Neuzeit[Bearbeiten]

Auch bei grundsätzlich empiristischer Ausrichtung kam es in der frühen Neuzeit immer wieder zum Rückgriff auf ältere Theoreme und zur Kritik am Vorrang des Bewegungsbegriffs der aristotelisch geprägten Naturphilosophie. Bernardino Telesio versuchte, die aristotelische Philosophie der Materie und Form durch eine dynamische Theorie antithetischer Kräfte zu ersetzen. Diese Kräfte identifizierte er in seinem Hauptwerk „De natura rerum natura juxta propria pricipia“ (1565) mit Wärme, die vom Himmel kommt, und Kälte, die von der Erde herrührt. Seine Lichtphilosophie wird zu einem Vorläufer der Aufklärung.

Giordano Bruno bestritt die Autorität der Bibel in allen naturphilosophischen Fragen und öffnete das Feld für die astronomische Forschung.[11] Francis Bacon entwickelte einen Begriff von Naturphilosophie, der sowohl theoretisch-spekulative Elemente als auch praktisch-technische Aspekte umfasste. Der spekulative Teil der Naturphilosophie wird mit Hilfe aristotelischer Kriterien untersucht, die experimentell verfahrende Naturphilosophie versucht aus dem Experiment Kausalursachen zu identifizieren und mit Hilfe kausaler Erklärungen neue Experimente zu deren Überprüfung zu generieren. Dabei steht die Nutzanwendung der Naturphilosophie im Vordergrund. Thomas Hobbes verwirft die spekulativ-metaphysischen Grundlagen der Naturphilosophie vollständig. Stattdessen solle sie sich auf die mathematischen Voraussetzungen konzentrieren. Ihren Niederschlag finden diese Tendenzen im Programm der Royal Society. Isaac Newton rehabilitiert jedoch das theologische Interesse an den Forschungsergebnissen und sucht nach einer nicht rein mechanischen „Ersten Ursache“, wogegen sich George Berkeley wendet. David Hume, Giambattista Vico und andere bestreiten - von verschiedenen Positionen ausgehen - den Wert einer Beweisführung auf geometrische Art an, wie sie Descartes als ideale Methode postuliert und für das Zeitalter des Barock zum Leitparadigma wurde: Sie sei zum Verständnis einer nicht von Menschen geschaffenen und daher von ihnen nicht verstehbaren Welt ungeeignet.[12]

Aufklärung, Klassik und Romantik[Bearbeiten]

Die Naturphilosophie der Aufklärung wurde einerseits wesentlich durch die Erforschung der Elektrizität und des Lichts sowie durch neue medizinische Erkenntnisse stimuliert (siehe Aufklärung und Naturphilosophie), andererseits durch die Weiterentwicklung des erkenntniskritischen Apparats.

Kant untersucht in seiner Kritik der reinen Vernunft die grundsätzlichen Entwürfe des Subjekts, die eine Naturerscheinung als Objekt möglicher Erkenntnis ausweisen. Gestützt auf seine Kenntnis des Newtonschen Systems, der Einwände Humes gegen die Möglichkeit, aus vergangenheitsbezogenen Beobachtungen naturwissenschaftliche Gesetze abzuleiten und in Abgrenzung zu rationalistischen Theorien wie der von Christian Wolff schließt er, dass die Newtonsche Mechanik, die präzise Voraussagen der Himmelsbewegungen erlaubte, weder mathematisch-mechanisch herzuleiten noch allein durch empirische Untersuchungen bestätigt werden konnte. Er scheidet eine Reihe von Theorien als a priori unzulänglich bzw. ungeeignet aus und gelangt zu der Notwendigkeit synthetischer a-priori-Urteile als Voraussetzung der Naturforschung. Diese - so Wolfgang Stegmüller - könnte man heute als „methodologische Prinzipien“ deuten, die aber ebenfalls nicht empirisch begründet wären, sondern apriorisch festgesetzt werden müssten.[13]

In Kants Metaphysik der Natur (Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft) wird die Objektivität der Naturgegenstände hingegen vorausgesetzt. Darin werden vier Perspektiven auf den Materiebegriff entworfen: die Phoronomie (die Lehre von der mathematischen Konstruktion von Gesamtbewegungen aus Teilbewegungen), die Dynamik (die Lehre von der begrenzten Teilbarkeit und Elastizität der Materie, den auf sie wirkenden Attraktions- und Repulsionskräften und ihrer dadurch bedingten Dichte), die Mechanik (die Lehre von der Relativität der Bewegung) und die Phänomenologie (die Lehre von der Materie als Erfahrungsgegenstand). Mit dieser dynamischen Theorie der Materie löst sich Kant vom mechanistisch-mathematischen Modell der Erklärung ihrer Bewegung durch äußere Kräfte, wie es im Barockzeitalter dominierte: Attraktion und Repulsion sind der Materie ursprünglich innewohnende Kräfte;[14] was bereits Rugjer Josip Bošković auf der Grundlage einer mathematisch weiterentwickelten Monadologie postuliert hatte. Kant wandte sich jedoch gegen den Versuch Spinozas, aus der Natur „ein verständiges Wesen zu machen“.[15] Lebendige Gebilde sind nach Kant nur so zu verstehen, „als ob“ sie sich zweckmäßig verhielten; sie alle sich selbst organisierenden Wesen verkörpern einen „Naturzweck“.[16]

Im Zeitalter des Klassizismus (um 1770–1830) und der Romantik wird – oftmals aus spinozistischer Perspektive – eine spekulative Einheit von Natur und Geist entworfen. Diese Tendenz kennzeichnet die Naturphilosophie u. a. – in unterschiedlicher jeweiliger Ausrichtung – von Goethe, Schelling und Hegel. Schellings Naturphilosophie stellt den Versuch dar, die Kantische Position zu überwinden, die vom Standpunkt der Identität von Vernunft und Natur als reflexionsphilosophisch bezeichnet wird. Er erhebt den Anspruch, eine im substantiellen Gesetztsein des Lebendigen gründende „positive“ Philosophie zu entwickeln, die im Gegensatz zu einer rein „negativen“, im Begriff verharrenden, Transzendentalphilosophie Seinsaussagen über die Naturerscheinungen macht. Die Naturphilosophie hat für ihn den Stand einer Fundamentallehre. Leitendes Motiv ist die Entstehung des Ganzen einer Naturerscheinung aus dem Kampf polarer Gegensätze. So ist der Magnet die Einheit des Kraftfeldes, welches aus der Polarität der entgegengesetzten magnetischen Pole resultiert. Dieser Gedanke wurde von dem Physiker Oerstedt, einem Schüler Schellings, zur Akzeptanz gebracht und technisch verfügbar gemacht.[17]

Auch in Hegels Werk nimmt die Naturphilosophie eine bedeutende Stellung ein. Wie Schelling will er das reflexionsphilosophische Denken überwinden. Die Hegelsche Naturphilosophie bildet den mittleren Teil seines enzyklopädischen Systems, dessen erster Teil die Logik oder Kategorienlehre und dessen dritter Teil die Philosophie des Geistes ausmacht. Aufgabe der Naturphilosophie ist nach Hegel die „begreifende Betrachtung“ der Natur,[18] wozu auch die Analyse der Grundkategorien der Naturwissenkategorien der Naturwissenschaften (Raum, Zeit, Bewegung, Beschleunigung, Gravitation in Anlehnung an Galilei und Newton, ferner Licht, Leben usw.) gehört, und zwar „nach der Selbstbestimmung des Begriffs“, also als Begriffe im Sinn absoluten Wissens, nicht als empirische Beschreibungen. Darin ist eine methodische Schwäche der Ausarbeitung Hegels zu sehen.[19] Weiterhin bestimmt er die Natur als die „Idee in der Form des Andersseins“. Der Zusammenhang der Nebeneinander und nacheinander vorkommenden natürlichen Ereignisse wird durch „Notwendigkeit und Zufälligkeit“ bestimmt. Während dem Geist absolute Notwendigkeit eignet, überlässt die Natur die Ausführung des Besonderen äußerer Bestimmbarkeit. Keines des Produkte der Natur kann daher seinem eigenen Begriff vollkommen adäquat sein.[20] Hegel entwickelt die dynamische Theorie der Materie bei Kant und Schelling mit ihrer Annahme einer polaren Spannung bei Kant und Schelling weiter zu einer dialektischen Theorie der sich auseinander entwickelnden Naturgestalten und versucht damit ein Fundament für die positiven Wissenschaften zu legen. Auf einer höheren Stufe als derjenigen der Gestaltbildung der Körper sei die Kontraktion als „Schwere“, die Expansion als „Licht“ anzunehmen. Das Licht als selbstständiges Wesen erfordere eine besondere Wissenschaft, die der Optik, das Wesen des Klangs die Akustik. Weitere Themen sind Wärme, Elektrizität und der chemische Prozess. In der Individualität des tierischen Organismus tritt die Subjektivität hervor, die in der Koordination der Glieder im Rahmen eines Ganzen deutlich wird.[21]

Für Fichte galt die Natur als kein eigentlicher Gegenstand der Philosophie.

Die Romantik ist in ihren Naturbegriffen durch drei Tendenzen gekennzeichnet: zum einen eine Auslagerung der Naturbetrachtung in den Bereich der Ästhetik, zum anderen eine vor-materialistische Aufhebung der Natur im Konzept der Produktivität (vgl. Schellings Konzept einer natura naturans); schließlich durch eine Reaktion gegen das sich durchsetzende wissenschaftstheoretische Programm der neuzeitlichen Naturwissenschaft. Nicht entlang der vom Verstand gesetzten Regeln sollen die Naturtatsachen konstruiert werden, sondern vom Standpunkt der ungezwungenen Erfahrung und produktiven Einbildungskraft sollen sie ganzheitlich erfasst werden, so der Physiologe Johannes Müller. Alexander von Humboldt orientiert sich an der Idee des Kosmos als Leitfaden der Naturbeschreibung: die Einzelheiten sind nur im Rahmen einer Totalität interpretierbar. Auch die Entdeckung des Energieerhaltungssatzes durch Robert Mayer in den 1840er Jahren basiert auf seiner Annahme, dass mechanische Energie und Wärme auf ein gemeinsames Kraftprinzip zurückzuführen seien, dass quantitativ unzerstörbar, aber qualitativ wandelbar sei.[22]

Ein Vorläufer der modernen Phänomenologie und analytischen Philosophie war der er Mathematiker, Philosoph und Priester Bernard Bolzano mit seiner vierbändigen Wissenschaftslehre. In seinem umfangreichen Werk bearbeitete er auch Fragen der Logik, Ästhetik und Ethik.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts[Bearbeiten]

Anders als im Deutschen Idealismus erschien im aufkommenden Materialismus mit Karl Marx und Friedrich Engels eine Naturphilosophie für verzichtbar. Sie interessierten sich vor allem für die Prozesse, durch die sich der Mensch aus seinem natürlichen Umfeld heraushebt: durch die Produktion seiner Lebensmittel.[23] Aufgrund des „Imperialismus der mächtigen Naturwissenschaften“ kam es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend zu einer Verachtung der Philosophen. Diese ergriff auch die Wissenschaften ergriff, die die menschliche Natur untersuchten wie die Psychologie und nötigte sie zu einem Bruch mit der spiritualistischen Philosophie, um ihre wissenschaftliche Reputation zu retten.[24] Die Natur wurde nun zunehmend in physikalischen, chemischen und thermodynamischen Kategorien begriffen. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert wurde auch die naturgeschichtliche Komponente der Naturphilosophie in die Evolutionstheorie integriert.

Gegen den Materialismus, zugleich aber auch gegen die Hegelschule und die religiösen Weltdeutungen wandten sich die Vertreter des Neukantianismus um 1860. Zu nennen ist hier neben Helmholtz Friedrich Albert Lange. Der Neukantiantianismus entschärfte den Kampf der Weltanschauungen und brach mit der idealistischen Philosophie, indem er das Reich des Geistes und die Welt der Naturwissenschaft getrennt gegenüberstellten.

20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Zu deutschen Naturphilosophen des 20. Jahrhunderts gehören Adolf Meyer-Abich, Georg Picht, Hans Jonas, Carl Friedrich von Weizsäcker, Klaus Michael Meyer-Abich, Lothar Schäfer[25], Gernot Böhme[26] und Michael Drieschner[27].

Im Nachlass von Paul Feyerabend fand man ein unabgeschlossenes Manuskript mit dem Titel Naturphilosophie.

Generell wird die Naturphilosophie im 20. Jahrhundert stark durch die Wissenschaftsphilosophie, zuvorderst die Lebensphilosophie bzw. Biophilosophie,[28] die Umweltethik,[29] die Evolutionäre Erkenntnistheorie,[30] teilweise auch durch die Technikphilosophie geprägt.

Die gesellschaftliche Relevanz des Naturbegriffs tritt in solchen Prägungen meist eher in den Hintergrund.

Ein disziplinärer Hort einer Naturphilosophie, die sich auch mit lebenspraktischen Ontologien beschäftigt, ist weiterhin die Phänomenologie.

Besonders im Bereich der analytisch geprägten Philosophie beziehen sich aktuelle Lehrbücher und Einzeldebattenstränge auf Teilthemen der Philosophie der Physik als Grundlagenwissenschaft der Naturwissenschaften und auf die Rekonstruktionen und Interpretationen weiterer naturwissenschaftlicher Disziplinen wie etwa innerhalb der Philosophie der Biologie.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Historische Darstellungen

  • James Cushing: Philosophical Concepts in Physics, Cambridge: CUP 1998.
  • S. Donati, Andreas Speer: Physik und Naturphilosophie, in: Lexikon des Mittelalters, J. B. Metzler 2000, Bd. 6, 2111-2117.
  • Uwe Meixner (Hrsg.): Schwerpunkt: Geschichte der Naturphilosophie. Mentis, Paderborn 2004, ISBN 3-89785-156-3
  • Gregor Schiemann (Hrsg.): Was ist Natur? Klassische Texte zur Naturphilosophie. DTV, München, 1996.
  • Klaus Stein: Naturphilosophie der Frühromantik, Schöningh 2004, ISBN 3-506-71794-4.
  • Roberto Torretti: The Philosophy of Physics, Cambridge: CUP 1999 Historisch aufgebaut

Systematische Darstellungen

Speziellere Literatur

  • Gernot Böhme, Gregor Schiemann: Phänomenologie der Natur, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-28925-X
  • Stefan Heiland: Naturverständnis, Darmstadt: WBG, 1992, ISBN 3-534-80138-5
  • Hans Werner Ingensiep, Richard Hoppe-Sailer (Hrsg.): Natur-Stuecke. Zur Kulturgeschichte der Natur. Ostfildern bei Stuttgart, Edition Tertium, 1996/2002, ISBN 3-930717-29-8 Beiträge von H. Baranzke, J. Barkhoff, H. Böhme, A. Eusterschulte, F. Fehrenbach, M. Hoffmann, K. Jax, G. König, P. Matussek u. a.
  • Kristian Köchy: Perspektiven des Organischen, Paderborn: Schöningh 2003.
  • Kristian Köchy, Martin Norwig (Hrsg.): Umwelt - Handeln. Zum Zusammenhang von Naturphilosophie und Umweltethik, Freiburg: Karl Alber 2006.
  • Ulrich Krohs, Georg Toepfer (Hg.): Philosophie der Biologie. Eine Einführung. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2005.
  • Christian Kummer (Hrsg.): Was ist Naturphilosophie und was kann sie leisten? Freiburg, Alber 2009.
  • Günther Witzany: Natur der Sprache - Sprache der Natur. Sprachpragmatische Philosophie der Biologie, Würzburg: Königshausen & Neumann 1993, ISBN 3-88479-827-8

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Schiemann, Gregor 2012: | Naturphilosophie [Version 2.0]. In: Kirchhoff, Thomas (Redaktion): Naturphilosophische Grundbegriffe.
  2. Thomas Buchheim, physis, in: Christoph Horn/Christof Rapp (Hrsg.): Wörterbuch der antiken Philosophie, München 2002, S. 345 ff.
  3. Großklaus, Götz 1983: Einleitung. In: Großklaus, G. & Oldemeyer, E. (Hg.): Natur als Gegenwelt. Beiträge zur Kulturgeschichte der Natur. Karlsruhe, von Loeber: 8–12; 1 Spaemann, Robert 1987: Das Natürliche und das Vernünftige. In: Schwemmer, O. (Hg.): Über Natur. Philosophische Beiträge zum Naturverständnis. Frankfurt/M., Klostermann: 149–164.
  4. Michael Heidelberger, Gregor Schiemann: Naturphilosophie, in: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie, Hamburg: Meiner 2000, S. 1129.
  5. Naturphilosophie. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 6. Basel 1984, Sp. 535-560, hier: Sp. 535.
  6. Aihe Wang: Yinyang wuxing, in: „Encyclopedia of Religion“, Bd. 14, 9887–9890.
  7. So Beitrag von der Heinrich Schipperges, in: Paul Wilpert, Willehad P. Eckert: Antike und Orient im Mittelalter: Vorträge der Kölner Mediaevistentagungen 1956-1959. Berlin 1971, S. 138 google books
  8. Naturphilosophie, in Hist.Wb.Philos. 6, Sp. 536-539.
  9. Naturphilosophie, in Hist.Wb.Philos. 6, Sp. 540-541.
  10. Günter Mensching: Hat Nikolaus von Autrecourt Aristoteles widerlegt? In: Jan A. Aertsen, Martin Pickavé: Herbst des Mittelalters? Fragen zur Bewertung des 14. und 15. Jahrhunderts. Berlin 2004, S. 57 ff.
  11. Jens Brockmeyer: Die Naturtheorie Giordano Brunos. Frankfurt 1980.
  12. Naturphilosophie, in Hist.Wb.Philos. 6, Sp. 546-547.
  13. Wolfgang Stegmüller: Gedanken über eine mögliche rationale Rekonstruktion von Kants Metaphysik der Erfahrung. Teil II. In Ders.: Aufsätze zu Kant und Wittgenstein. Darmstadt 1970, S. 31-61, hier: S. 58 f.
  14. Naturphilosophie, in Hist.Wb.Philos. 6, Sp. 547-550.
  15. KdU, § 68, AA 5, 383; n. Wolfgang Riedel: Die anthropologische Wende: Schillers Modernität, in: Hans Feger (Hrsg.): Friedrich Schiller. Die Realität des Idealisten, Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2006, ISBN 978-3-8253-5269-1, 157.
  16. Naturzweck. In: Hist.Wb.Philos. 6, Sp. 658.
  17. Naturphilosophie, in Hist.Wb.Philos. 6, Sp. 550 f.
  18. Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, § 246.
  19. Naturphilosophie, in Hist.Wb.Philos. 6, Sp. 553
  20. Enzyklopädie, § 247-250.
  21. Enzyklopädie, § 350.
  22. Naturphilosophie, in Hist.Wb.Philos. 6, Sp. 554 f.
  23. Marx: Die Deutsche Ideologie. MEW Bd. 13.
  24. Michel Bernard: Die Psychologie. In: François Châtelet (Hrsg.): Die Philosophie der Sozialwissenschaften: 1860 bis heute. (=Geschichte der Philosophie Bd. VII.) Frankfurt/Berlin/Wien 1975, S. 18.
  25. Lothar Schäfer, Das Bacon-Projekt, Frankfurt am Main 1995.
  26. Gernot Böhme, Natürlich Natur. Frankfurt am Main 1992.
  27. Michael Drieschner, Moderne Naturphilosophie. Paderborn 2002.
  28. Kristian Köchy, Biophilosophie zur Einführung, Hamburg: Junius 2008.
  29. Konrad Ott: Umweltethik zur Einführung, Hamburg: Junius 2010.
  30. * Gerhard Vollmer: Die Erkenntnis der Natur. Beiträge zur modernen Naturphilosophie. 3. Aufl. Hirzel, Stuttgart 2003, ISBN 3-7776-1249-9