Naturwein

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Naturwein (Natural wine, Artisan wine, Naked wine, Vin vivant, Naturreiner Wein) werden häufig Weine bezeichnet, die möglichst ohne Zusätze und ohne aufwändige oenologische Verfahren produziert wurden. Dafür ist bereits die Bewirtschaftung im Weinberg Grundlage. Daher wird oft der Ökologischer Weinbau als Voraussetzung für Naturwein gesehen.[1] Die frühere weinrechtliche Definition als Verzicht auf Anreicherung tritt dabei in den Hintergrund.

Die Weingesetze der Länder gehen prinzipiell davon aus, dass Wein durch alkoholische Gärung von Weintrauben ein Naturprodukt ist und nicht extra als solches bezeichnet werden muss.[2][3] Auch wenn verschiedene weinbauliche Produktionsmethoden und önologische Verfahren angewendet werden, bleibt Wein ein Naturprodukt. Es gibt dabei unterschiedliche Ansichten, da man sowohl im Weingarten als auch bei der Vinifikation auf die Weinqualität Einfluss nehmen kann.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff ist historisch in Deutschland eng verbunden mit der Lebensreformbewegung. Im Weingesetz von 1909 wurde unter anderem Chaptalisation und Nassverbesserung (vgl. Ludwig Gall) großzügig geregelt. Es durfte Trockenzucker zur Erhöhung des Alkoholgehaltes hinzugefügt werden. In schlechten Jahrgängen, die von hohen Säurewerten bei nicht vollständig ausgereiftem Lesegut geprägt waren, durfte gar bis zu einem Viertel Zuckerwasser zur Alkoholerhöhung und Säureregulierung hinzugefügt werden. Dies wurde als notwendig angesehen, um die wirtschaftliche Existenz der Weinbranche auch in schlechten Jahren zu sichern. Von solchen unselbständigen Weinen grenzte sich der Naturwein ab, der selbständig, ohne kellertechnische Eingriffe, ein stabiles Produkt ergab. Dies waren die Spitzenweine aus sehr guten Jahrgängen.

1910 schloss sich der Verband deutscher Naturweinversteigerer aus mehreren regionalen Verbänden zusammen, der heutige Verbandes Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter (VDP). In der Folgezeit beeinflussten weitere önologische Neuerungen den Naturweingedanken. So wurde der Begriff im Weinrecht von 1930 als Wein, dem irgendwelche andere Stoffe, als sie zur Kellerbehandlung notwendig sind, nicht zugesetzt worden sind definiert. Zu der Zeit wurde die Schwefelung des Weines als absolut notwendig betrachtet.

Mit der Novellierung des Weingesetzes 1969/1971 wurde der Begriff Naturwein durch Prädikatswein ersetzt. Ungezuckerte Weine durften nicht mehr als Naturwein bezeichnet werden. Stattdessen wurden die Begriffe Qualitätswein bestimmter Anbaugebiete (QbA) und Qualitätswein mit Prädikat geprägt. Die Qualitätsangabe bezog sich nicht mehr auf den Herstellungsprozess, da sich dies durch zahlreiche önologische Neuerungen als schwierig erwies. Es wurden auch Begriffe wie "Durchgegoren" abgeschafft. Stattdessen wurde das Mostgewicht des Lesegutes als wesentliches Qualitätsmerkmal herangezogen und es wurden Geschmacksangaben basierend auf den Restzuckerwerten definiert. Erst ab dem Prädikat Kabinett ist Alkoholerhöhung (Anreicherung) nicht mehr zulässig.

Der Begriff Naturwein verschwand und der Verband der Naturweinversteigerer benannte sich in Verband der Prädikatsweingüter um. Heute bezieht sich der Begriff nicht mehr so sehr auf den Verzicht auf Kristallzucker, sondern auch auf zahlreiche andere önologischen Verfahren, die bewusst eingesetzt oder bewusst nicht eingesetzt werden.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts bildeten sich Winzergruppen vornehmlich aus den Bereich des biologisch-dynamischen Weinbaues, die noch mehr „Bio“ wollen, zu der Bewegung der Naturweine (Natural wines). Die Herstellung dieser Weine wird unter anderem von folgenden Gedanken beeinflusst: Suche nach einem ursprünglichen Geschmack natürlicher Weine, Respekt vor der Natur und Opposition zu industriellen Methoden im Weinbau und der Weinherstellung, zurück zu den alten önologischen Verfahren, Protest gegen die zunehmende Anonymisierung durch die Technisierung des konventionellen, integrierten wie auch aus dem organisch-biologischen Anbau stammender Weine.

Daneben werden auch historische Methoden der Weinbereitung wiederbelebt (Beispiel: Quevri) oder önologische Verfahren außerhalb der Weinbautradition (Beispiel: Maischegärung beim Orange Wine) eingeführt.

Herstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch wenn die Herstellung von Naturwein gesetzlich nicht geregelt, bildet sich doch unter den Produzenten ein Konsens heraus:

Der weit überwiegende Teil der Produzenten sieht die biologische Bewirtschaftung als Voraussetzung für die Naturweinerzeugung an. Die meisten sind zertifiziert oder befinden sich in der Umstellung. Gesunde Trauben erfordern eine aufwändige Pflege der Reben und einen frühen Lesetermin. Anreicherung wird nicht mehr thematisiert. Der Verzicht auf Schönungsmittel und Filtrationshilfsmittel zugunsten einer natürlichen Klärung ist unumstritten. Der Einsatz von Schwefel wird unterschiedlich gesehen. Laut einer Befragung durch die Hochschule Geisenheim gibt die Hälfte der Befragten an, Naturwein solle kein Schwefel zugesetzt werden, die andere Hälfte befürwortet eine moderate Schwefelung, wobei sich beide Gruppen in der Mitte flexibel überschneiden.[1]

Anbau:

  • biologische Bewirtschaftung
  • gesunde Trauben

Ausbau:

  • keine Anreicherung
  • keine Schönungsmittel
  • keine Filterhilfsmittel
  • natürliche Klärung
  • Schwefel (umstritten)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nicolas Joly: Der Wein, die Rebe und die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise. Verlag Gebrüder Kohrmayer, Dreieich 2008, ISBN 978-3-938173-46-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b der deutsche weinbau, #8/18, Seite 32: Wein - natürlich
  2. Weinrecht Deutschland
  3. [1] Österreichisches Weingesetz