Negative Capability

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Negative Capability (deutsch negative Fähigkeit) ist ein literaturtheoretischer Terminus, der durch den englischen Dichter John Keats geprägt wurde. Er bezeichnet die Fähigkeit, zu akzeptieren, dass nicht jeder komplexe Sachverhalt aufgeklärt werden kann; für Keats müssen „große“ Denker, insbesondere Dichter, diese Fähigkeit haben. Viele von Keats' Gedichten sind nachhaltig von diesem Gedanken geprägt.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Romantiker sprach Keats den Wahrheiten, die sich in der menschlichen Vorstellungskraft finden, Autorität zu. Da diese Autorität nicht von außen erklärt werden könne, müsse Unsicherheit in Kauf genommen werden. Dieser Zustand der Unsicherheit sei zwischen der alltäglichen Realität und den zahllosen Möglichkeiten ihrer Wahrnehmung und Interpretation angesiedelt. Den Begriff Negative Capability verwendete Keats erstmals am 22. Dezember 1817 in einem Brief an seine Brüder George und Thomas:

“I had not a dispute but a disquisition with Dilke, on various subjects; several things dovetailed in my mind, & at once it struck me, what quality went to form a Man of Achievement especially in literature & which Shakespeare possessed so enormously – I mean Negative Capability, that is when man is capable of being in uncertainties, mysteries, doubts without any irritable reaching after fact & reason.”

„Ich hatte kein Streitgespräch mit Dilke, sondern eine Untersuchung über verschiedene Themen; mehrere Dinge fügten sich in meinen Gedanken zusammen, & mit einem Mal wurde mir bewusst, welche Eigenschaft einen Mann großer Taten besonders in der Literatur ausmacht, die Shakespeare in so außerordentlichem Maße besaß – ich spreche von Negative Capability, dass ein Mensch also fähig ist, sich in einem Zustand voller Unsicherheiten, Geheimnisse und Zweifel zu befinden, ohne sich nervös nach Tatsachen & Vernunft umzusehen.“[1]

Negative Capability bezeichnet einen Zustand absichtlicher Aufgeschlossenheit und Achtsamkeit, zu dem sich in den literarischen und philosophischen Einstellungen zahlreicher anderer Autoren Parallelen finden. Walter Jackson Bate, Keats’ autorisierter Biograf, schrieb ein Buch speziell über dieses Thema.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1930er Jahren bezeichnete der amerikanische Philosoph John Dewey Keats’ Negative Capability als großen Einfluss auf seinen eigenen philosophischen Pragmatismus und fand in Keats’ Brief “[it] contains more of the psychology of productive thought than many treatises” (deutsch: „mehr von der Psychologie produktiver Gedanken als in vielen wissenschaftlichen Abhandlungen“)[2][3]

Nathan Scott weist in seinem Buch Negative Capability außerdem auf Vergleiche mit Martin Heideggers Konzept der Gelassenheit hin.[4]

Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff von dem Psychoanalytiker Wilfred Bion aufgegriffen und fand Eingang in die psychoanalytische Theoriebildung.[5][6] Er meint dort die Fähigkeit des Therapeuten, in der therapeutischen Beziehung Zweifel, Paradoxes, Ambivalentes, Verwirrendes und Unverstandenes auszuhalten und dem Sog zu widerstehen, diesen Zustand des Nicht-Wissens vorschnell durch eine Einordnung in deutende Begriffe oder diagnostische Kategorien zu beenden. Dadurch wird es möglich, dass der Therapeut ihm unbekannte emotionale Erfahrungen in einem therapeutischen Prozess zulassen kann – was eine besondere Rolle in der Arbeit mit früh gestörten, psychotischen oder traumatisierten Patienten spielt – und die therapeutische Methode für kreative Prozesse und ein Lernen vom Patienten öffnet.[7] In umgekehrter Richtung versucht psychoanalytisches Vorgehen, die negative Fähigkeit des Patienten zu erhöhen, um ihn an unbewusste Vorgänge heranzuführen. Ähnliches gilt auch für Gruppenprozesse, so z. B. in Balintgruppen.[8]

Aufgrund der mit dem Begriff verbundenen Einbindung künstlerischer Erfahrungen in therapeutischen Kontexten fand er – zusammen mit den ebenfalls von Bion stammenden Begriffen Rêverie und Containing – Eingang in die Theorienbildung der künstlerischen Therapien.[9] Sie gehen davon aus, dass schmerzhaften, unverstandenen und verwirrenden Erfahrungen durch die Einbeziehung künstlerischer Medien die Möglichkeit gegeben werden kann, auch außerhalb der sprachlichen Kommunikation eine Gestaltungsmöglichkeit zu finden. Wie bei Bion findet dies bei den künstlerischen Therapien in der therapeutischen Beziehung statt.[10][11]

Negative Capability wird auch in der Balintarbeit sowie in der psychoanalytischen Organisationsberatung als Konzept genutzt, da Leitungsentscheidungen oft auf der Basis eigentlich nicht hinreichender Informationen gefällt werden müssen und folglich „Ungewusstes“ bei hohen Unsicherheiten einfließen.[12][13][14]

Aufgrund der Nähe zu mystischen Erfahrungen wurde dieser Begriff auch von der tiefenpsychologisch orientierten Seelsorge und Pastoralpsychologie aufgegriffen.[15] Tom Murray diskutiert ihn im Kontext einer integralen Post-Metaphysik (Habermas, Wilber).[16]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jacob D. Wigod: Negative Capability and Wise Passiveness. In: Proceedings of the Modern Language Association of America. Band 67, Nr. 4., Juni 1952, S. 383–390. (englisch).
  • Walter Jackson Bate: Negative Capability: The Intuitive Approach in Keats. Contra Mundum Press, New York 2012. (Einführung von Maura Del Serra).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Horace Elisha Scudder (Hrsg.): The Complete Poetical Works of John Keats. Riverside Press, Boston 1899, S. 277 (books.google.com – Eingeschränkte Ansicht).
  2. John Dewey: Art as Experience. Penguin Perigree, New York 2005, S. 33–34.
  3. Victor Kestenbaum: The Grace and the Severity of the Ideal: John Dewey and the Transcendent. Chicago: University of Chicago Press (2002), S. 225.
  4. Nathan A. Scott: Negative Capability. Yale University Press, New Haven / London 1969.
  5. Wilfred R. Bion: Lernen durch Erfahrung. Übers. Erika Krejci, (engl. Orig. Attention and Interpretation. 1962) Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992.
  6. Veveka Böök: „Negative Capability“ bei Keats und bei Bion. In: Jahrbuch der Psychoanalyse. Band 44, 2002, S. 224–230.
  7. Patrick Casement: Vom Patienten lernen. Klett-Cotta, Stuttgart 1989.
  8. Ulrich Rüth; Astrik Holch: Negative Fähigkeit nach W.R. Bion und die Balintarbeit – Aspekte bei Leiter und Teilnehmer. In: Balintjournal. Band 21, Nr. 3, September 2020, S. 81–85.
  9. Michael B. Buchholz: Psycho-News-Letter. NR. 58 (dgpt.de PDF), abgerufen am 19. Juni 2015.
  10. Rosemarie Tüpker: Selbstpsychologie und Musiktherapie. In Bernd Oberhoff: Die Musik als Geliebte. Zur Selbstobjektfunktion der Musik. Psychosozial-Verlag, Göttingen 2003, S. 99–138.
  11. Axel von Klöss-Fleischmann: Transkulturelle Kunsttherapie: Heimat, Migration und Fremde – Relevanzen für kunsttherapeutisches Handeln.Grin-Verlag, München 2013, S. 68 ff.
  12. R. French, P. Simpson, C. Harvey: Negative capability: A contribution to the understanding of creative leadership. In: B. Sievers, H. Brunning, J. De Gooijer, L. Gould (Hrsg.): Psychoanalytic Studies of Organizations: Contributions from the International Society for the Psychoanalytic Study of Organizations. Carnac, London 2009.
  13. R. French: „Negative capability“: managing the confusing uncertainties of change. In: Journal of Organizational Change Management. Band 5, Nr. 5, 2001, S. 480–492.
  14. Peter Simpson, Robert French: Negative Capability and the Capacity to Think in the Present Moment: Some Implications for Leadership Practice. In: Leadership. Band 2, Nr. 2. Sage, 2006, ISSN 1742-7150, S. 245–255.
  15. Wolfgang Wiedemann: Wilfrid Bion und die Seelsorge. In: Isabelle Noth, Christoph Morgenthaler (Hrsg.): Seelsorge und Psychoanalyse. Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 2007, S. 176–190.
  16. Tom Murray: Toward Post – metaphysical Enactments: On Epistemic Drives, Negative Capability, and Indeterminacy Analysis. 2011 perspegrity.com (PDF), abgerufen am 19. Juni 2015 (englisch).