Negativzins

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Negativzinsen (englisch penalty interest, französisch intérêt négatif) sind im Finanzwesen Zinsen, die ein Gläubiger (Kreditgeber) an den Schuldner (Kreditnehmer) entrichtet. Sie sind mithin beispielsweise für ein Bankguthaben vom Anleger zu zahlen, der normalerweise hieraus Zinserträge vereinnahmt. Diese Negativzinsen können bei einem sehr niedrigen Zinsniveau anfallen.

Im Juli 2016 wiesen Anleihen im Wert von 9 Billionen Euro negative Renditen aus. Zwei Drittel dieses Betrages entfielen auf japanische, ein Drittel auf europäische Anleihen. In anderen Industriestaaten sind die Renditen positiv, aber ebenfalls auf oder nahe historischen Tiefständen.[1]

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie bei allen Zinsen ist auch beim Negativzins zwischen Nominalzins, Rendite und Realzins zu unterscheiden. Der Nominalzins wird bei einem Zinssatz unter 0 Prozent zum Negativzins. Bei der Rendite spielt zusätzlich der Kurs eines Wertpapiers eine Rolle. Eine Negativrendite gibt es bei positivem Nominalzins, wenn der Kurs so weit über pari liegt, dass sie den Nominalzins übersteigt. Liegt beispielsweise der Nominalzins bei 0 % und der Kurs einer Anleihe bei 100,30 %, so ergibt sich eine Negativrendite. Negative Realzinsen entstehen, wenn die Rendite unterhalb der Inflationsrate liegt.[2] Der Gläubiger erhält zwar einen (positiven) Nominalzins, auch die Rendite ist positiv, dennoch sinkt die Kaufkraft des eingesetzten Kapitals.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Konzept negativer Zinsen wurde von amerikanischen Ökonomen als so absonderlich erachtet (englisch „outlandish“), dass es in Volkswirtschaftsseminaren in den 1970er Jahren nicht einmal erwähnt wurde.[3] Ein Negativzins wurde erstmals ersichtlich in der Schweiz erhoben, als Ende Juni 1972 eine „Kommission“ (Negativzins) von 2 % je Quartal auf die seitdem zugeflossenen Bankguthaben bei Schweizer Banken gemäß „Verordnung über die Bewilligungspflicht für die Aufnahme von Geldern im Ausland vom 5. Juli 1972“ eingeführt wurde. Der Negativzins sollte den Zufluss von Hot money in die Schweiz verhindern. Die Verordnung bestand mit kurzen Unterbrechungen bis November 1979.

Die Dänische Nationalbank senkte im Juli 2012 den Einlagezins für Kreditinstitute von 0,05 % auf −0,2 %, um die Aufwertung der Dänischen Krone zu bremsen und sie so für ausländische Anleger unattraktiver zu machen. Dieser Negativzins hat zu Überwälzungen der den Geschäftsbanken entstandenen zusätzlichen Refinanzierungskosten auf deren Kreditnehmer geführt. Dass die Anleger den Negativzins vollständig annahmen, führt die dänische Zentralbank darauf zurück, dass die Anleger lieber einen Großteil ihres Geldes zurückerhalten als für einen positiven Zins ein Verlustrisiko einzugehen. Für Anleger aus dem Euroraum kann die Anleihe überdies zu Kursgewinnen und somit zu einer positiven Gesamtrendite führen, falls der Euro gegenüber der dänischen Krone im Anlagezeitraum abwertet.[4]

Im Januar 2012 emittierte die Bundesrepublik Deutschland Geldmarktpapiere mit sechsmonatiger Laufzeit, die eine Rendite von −0,0122 % abwarfen.[5] Am 18. Juli 2012 konnte der Bund zweijährige Anleihen zu einem Zinssatz von −0,06 % verkaufen. Zuvor waren schon negative Zinsen bei Anleihen aufgetreten, die ebenfalls von Deutschland oder den Niederlanden, Frankreich und dem Rettungsfonds EFSF ausgegeben worden waren.[6][7] Im August verdiente das Schuldenmanagement des Bundes 3,8 Mrd. Euro durch den Verkauf von Bundesschatzanweisungen, das heißt, deren Rendite betrug −0,0499 Prozent.[8] Im Oktober 2012 konnte der EFSF sich erneut zu einem negativen Zinssatz, −0,0433 %[9] und −0,024 %,[10] verschulden, im November der Bund zu −0,0116 Prozent.[11] Am 3. Dezember 2012 wurden zweijährige Bundesanleihen mit einer negativen Rendite von −0,019 % gehandelt.[12] Im Jahr 2012 musste der Bund bei 21 von insgesamt 70 Wertpapierauktionen keine Zinsen an seine Gläubiger zahlen, sondern kassierte im Gegenteil eine Prämie. Auch am 7. Januar 2013 konnte der Bund bei der Auktion von sechsmonatigen Wertpapieren eine Prämie in Höhe von 3,5 Mrd. Euro kassieren,[13] bei der Versteigerung von Schatzanweisungen mit sechsmonatiger Laufzeit ergab sich am 8. April 2013 eine negative Rendite von 0,0002 Prozent.[14] Der ESM konnte ebenfalls für seine Kreditaufnahme eine Prämie kassieren.[15]

Auch in Japan konnte sich im November 2014 der Staat zu negativen Zinsen verschulden.[16]

Aufgrund der weiterhin hohen passiven Einlagefazilitäten hat die Europäische Zentralbank (EZB) als erste große Zentralbank am 11. Juni 2014 beim Einlagesatz einen Negativzins von −0,1 % eingeführt, um Bankguthaben der Geschäftsbanken bei der EZB unattraktiv zu machen und die Kreditinstitute zu einer erhöhte Kreditvergabe an den Nichtbanken­sektor zu bewegen.[17] Diese Signalwirkung des Leitzinses strahlte, wie von der EZB beabsichtigt, auf die Geld- und Kapitalmärkte aus. Am 16. April 2015 wurde erstmals der 3-Monats-Euribor mit einem negativen Nominalzins von −0,002 % ermittelt. Anfang Juli 2014 wurde die Rendite für zweijährige Bundesanleihen erstmals negativ, wenn auch zunächst nur für wenige Wochen. Seit Januar 2015 ist sie dauerhaft negativ.

Der Präsident der Schweizerischen Nationalbank, Thomas Jordan, wurde im April 2015 mit der Aussage zitiert, dass „ein Negativzins nicht der menschlichen Natur“ widerspräche.[18] Als Reaktion auf die Eurokrise kam es zu einer sehr starken Frankenaufwertung. Um diese zu bekämpfen, führte die Schweizerische Nationalbank einen Euro-Franken-Mindestkurs von 1,20 ein. Um diesen Mindestkurs zu halten, gab sie am 18. Dezember 2014 die erneute Einführung von Negativzinsen bekannt; ab dem 22. Januar 2015 werden bis auf weiteres Zinsen von −0,25 % auf Girokonten erhoben.[19] Am 15. Januar 2015 wurde zusammen mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses beschlossen, den Zins auf Guthaben auf Girokonten, die einen bestimmten Freibetrag übersteigen, auf −0,75 % zu senken.[20] Als erste Bank führte im Oktober 2015 die Alternative Bank Schweiz (ABS) Negativzinsen im Privatkundengeschäft ein.[21]

Seit November 2014 verlangen die Deutsche Skatbank und Commerzbank von Kunden für Beträge ab einer gewissen Höhe Negativzinsen. Im Januar 2015 lag in Deutschland die Rendite von Bundesobligationen bei −0,5 Prozent.[22]

Im August 2015 platzierte die Bundesrepublik Deutschland erstmals eine zweijährige Staatsanleihe zu einem Nominalzins von −0,25 %. Im Januar 2016 liefen Euro-Staatsanleihen mit einem Volumen von mehr als 6 Billionen Euro mit negativem Zins um. Zweijährige Staatsanleihen der Schweiz sind mit −1,14 %, Dänemark −0,71 % und Deutschland −0,29 % ausgestattet. Bei der im Juli 2016 emittierten 10-jährigen Bundesanleihe gab es keinen Negativzins, denn die Anleihe war mit einem Nominalzins von 0,00 % ausgestattet und wurde zum Emissionskurs von 100,48 % platziert. Es handelte sich um eine Negativrendite.

Im Juni 2016 ist die Rendite für zehnjährige deutsche Bundesanleihen erstmals auf unter null Prozent gefallen. Neben dem langfristigen Trend wurde als einer der laufenden Gründe die Abstimmung zum Brexit am 23. Juni 2016 genannt.[23][24] Auch einige Kommunen bekommen inzwischen Geld auf ihre Schulden,[25] und Euro-Unternehmensanleihen werden mit Minusrenditen gehandelt.[26]

Volkswirtschaftliche Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zinsen sind Preise und erfüllen wie diese die volkswirtschaftliche Indikator-, Koordinierungs-, Allokations- und Selektionsfunktion.

Ob auch Negativzinsen alle diese Funktionen erfüllen, ist umstritten. Die Indikatorfunktion wird jedenfalls erfüllt, da sie den Kreditnehmern oder Anlegern signalisieren, dass Kredite preiswert und Geldanlagen unattraktiv sind. Ob diese jedoch daraus die richtigen Schlussfolgerungen ziehen, bleibt offen.

John Maynard Keynes wies bereits im Februar 1936 in seiner Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes darauf hin, dass Zinssignale nicht immer ihre Koordinierungsfunktion erfüllen könnten. Er meinte, der Zinssatz könne die Koordinierungsfunktion auf dem Gütermarkt (dem gesamten Vermögensmarkt) nicht ausüben, weil er diese Funktion auf dem Geldmarkt übernehme und ein Geldmarktgleichgewicht nur dann mit einem Gütermarktgleichgewicht verbunden sei, wenn sich das Güterangebot an die Güternachfrage anpasse.[27] Damit setzte sich Keynes im Widerspruch zu Friedrich August von Hayek, der 1929 davon ausging, dass der Zinssatz auch eine Allokationsfunktion ausübe, die Gleichgewicht zwischen Investitionen und Sparen herstelle.[28] Besonders problematisch ist diese Koordination von Spar- und Investitionsentscheidungen durch den Zinsmechanismus.[29] Der Zins ist ein Preis, der zusammen mit anderen Preisen für eine optimale Ressourcenallokation der Produktionsfaktoren zu sorgen hat. Mit Hilfe des Zinses soll die richtige Aufteilung auf Konsum und Investition gefunden werden.[30] Negativzinsen sollen mithin bei der Allokationsfunktion Konsum und Investitionen anregen und Sparen unattraktiv machen.

Theoretisch könnte der Gleichgewichtszinssatz kleiner als null sein, was für die Geld- und Fiskalpolitik eine besondere Herausforderung darstellt.[31] Für Carl Christian von Weizsäcker ist die Idee einer „Savings-Glut-These“ verwandt mit der kapitaltheoretisch begründeten These der Möglichkeit eines negativen gleichgewichtigen Realzinses.[32] In dieser Lage wäre der Gleichgewichtsrealzinssatz, der zu gleich hohen Investitionen und Ersparnisse führt, kleiner null.[33]

Diskutiert wird, inwieweit Negativzinsen das Ergebnis von Marktkräften oder von geldpolitischen Entscheidungen der Zentralbanken sind. Werner Ehrlicher ist der Auffassung, dass eine Politik negativer Realzinsen die Allokationsfunktion der Märkte verzerre, weil die Selektionsfunktion der Zinsen außer Kraft gesetzt werde.[34] Er stellt im zitierten Buch eine auch nur kurzfristig mit negativen Realzinsen arbeitende Wirtschaftspolitik in Frage. Diese hat sich weltweit mit einem Überhang an Ersparnissen gegenüber den Investitionsmöglichkeiten auseinanderzusetzen (Sparschwemme), die ebenfalls einen Grund für Negativzinsen darstellen kann.

In Dänemark hat die Erfahrung mit Negativzinsen gezeigt, dass Bürger noch mehr sparen, um ihre künftige Kaufkraft zu schützen. Die Sparquote stieg an, während die Investitionsquote sank.[35]

Freiwirtschaftslehre und Negativzins[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Idee der Umlaufsicherung geht auf Silvio Gesell und die von ihm begründete Freiwirtschaftslehre zurück. Ihm zufolge sei die Geldhortung, selbst bei fallenden positiven Zinsen, auf den dem liquiden Geld immanenten, verbleibenden Urzins, also den reinen Liquiditätsnutzen zurückzuführen, den Keynes als „Liquiditäts-Präferenz“ benennt. Gesell warnt vor der damit verbundenen Gefahr der Stagnation / Deflation. Jener Liquiditätsvorteil wäre gemäß Gesell durch eine Anti-Hortungs-Gebühr (Negativzins) zwecks Umlaufsicherung, sprich zum Ausgleich jener Liquiditäts-Präferenz, zu neutralisieren. Durch einen derartigen Negativzins würde Geld, das längere Zeit nicht ausgegeben wird, einen Teil seines Geldwerts verlieren. Individuen würden hierdurch angehalten, ihr Geld kontinuierlich zu konsumieren resp. zu investieren, um durch eine stetige Umlaufgeschwindigkeit den Unternehmen eine sichere Abnahme ihrer Waren zu ermöglichen. Um neben der stabilen Umlaufgeschwindigkeit auch einen stabilen Preisindex zu gewährleisten, müsste die im Umlauf befindliche Geldmenge exakt gesteuert werden.

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Negativzins entschädigt den Gläubiger nicht mehr für sein Kreditrisiko und seine Kapitalüberlassung, sondern legt ihm quasi einen ökonomischen „Strafzins“ auf. Der reguläre Anleihe-, Kredit- oder Guthabenzins dient nicht mehr als Lockmittel für Gläubiger, sondern bringt ihnen bei Negativzins eine Wertminderung. Eine Kreditklemme lässt sich durch Negativzinsen nicht beseitigen, Geldanlagen werden durch sie nicht verhindert. Wirksam ist ein Negativzins bei Fremdwährungen, wenn diese hierdurch Aufwertungen mildern oder verhindern wollen.

Im Falle eines negativen Nominalzinses muss ausnahmsweise der Gläubiger den Zins als Zinsaufwand und nicht – wie üblich – als Zinsertrag verbuchen, während der Schuldner einen Zinsertrag erhält. Dieser Zinsaufwand schmälert den Gewinn des Gläubigers, so dass er sich gezwungen sieht, ersatzweise eine Anlageform zu wählen, bei der er einen Zinsertrag verbuchen kann. Bei negativer Realverzinsung versuchen Anleger am Markt eine Umschichtung der Geldanlagen in inflationsgeschützte Anlagen. Als solche gelten Sachanlagen wie Aktien, Immobilien, Rohstoffe oder Edelmetalle wie Gold. Anleihen fallen nur bei einer Ausstattung als inflationsgesicherte Anleihen unter diese Kategorie. Der Versuch der Zentralbanken, die nominellen Zinsen möglichst niedrig zu halten und die Realzinsen unter null zu halten, wird auch als „finanzielle Repression“ bezeichnet.[36] Durch Negativzinsen sinken die Gewinne der Banken, so dass sie in andere risikolose Anlageformen wie Staatsanleihen (mit positivem Zins) ausweichen könnten. Mittelfristig werden die Kreditinstitute den Negativzins an ihre Kunden überwälzen. Am sensitivsten dürften hierauf ausländische Anleger reagieren und ihre Einlagen abziehen, so dass der Negativzins eine Abwertung des Euro zur Folge haben kann.

Bei Staatsanleihen mit negativem Nominalzins können unterschiedliche Gruppen trotz des vorgezeichneten Geldverlustes ein Interesse an solchen Anleihen haben bzw. gezwungen sein, diese zu kaufen. Zum einen ist dies der Staat selbst, der bei Negativzins hochverzinste Anleihen zurückkauft und dafür niedrig verzinste Papiere herausgibt. Renten- und Mischfonds können entsprechend gesetzlicher oder eigener Vorgaben eine festgelegte Quote von Staatsanleihen im Portfolio aufzuweisen haben. Wird Geld neu angelegt, müssen diese Fonds Staatsanleihen zum aktuellen Kurs kaufen, wie hoch der auch sein mag. Auch Spekulanten können auf weiter steigende Anleihekurse (sinkende Zinsen) setzen. Sicherheitsorientierte Anleger können für diese Sicherheit einen kleinen Verlust in Kauf nehmen. Daneben gibt es Institutionen und Anleger, die Kredite mit einem gewissen Prozentsatz von garantierten Wertpapieren (Bundesanleihen) absichern müssen. Versicherungen sind außerdem per Gesetz dazu verpflichtet, Gelder im Deckungsstock anzulegen. Wertpapiere mit Deckungsstockfähigkeit gibt es nicht sehr viele, dazu gehören aber Bundesanleihen. Außerdem gibt es Gelder, die per Gesetz oder Gerichtsbeschluss in sichere Wertpapiere investiert werden müssen, z. B. Auszahlungen an Waisen durch Lebensversicherungen, die zur Absicherung der Ausbildung unter Treuhand sind.

Die Alternative zu Geldanlagen ist die Bargeldhaltung. Da die Bargeldhaltung einem Zinssatz von Null entspricht, treten nominale Negativzinsen am Markt normalerweise nicht auf. Allenfalls in speziellen Situationen wie der Finanzkrise ab 2007 und der Eurokrise wurden vereinzelt leicht negative Nominalzinsen beobachtet. Der zinslosen Bargeldhaltung entspricht auch die Anlage in Edelmetallen.

Enthalten Zinsänderungsklauseln einen Referenzzinssatz (Euribor, LIBOR usw.), können Banken den Negativzins beim Referenzzinssatz berücksichtigen, wenn sie die Höhe des Referenzzinssatzes als mindestens 0 % definieren. Der zu zahlende/erhaltende Zins ergibt sich dann aus dem Ab- oder Aufschlag, unabhängig von der Entwicklung des negativen Referenzzinses.

Rechtliche Bewertung (Deutschland)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Frage, ob und unter welchen Umständen Banken von ihren Kunden Negativzinsen verlangen können, ist ungeklärt, aber umstritten.[37][38][39][40][41][42] Es ist dabei schon nicht klar, ob "Negativzinsen" überhaupt Zinsen im Rechtssinn sind.[40][43] Es besteht in der Rechtswissenschaft grds. Einigkeit, dass dem Grundsatz nach Negativzinsen durch Individualvertrag sowohl im Rahmen des Darlehensvertragsrechtes (§ 488ff. BGB) als auch im Rahmen eines atypischen Verwahrungsvertrages (§ 700ff. BGB) vereinbart werden können,[40][37][43] die Möglichkeit der Vereinbarung durch Formularklauseln ist hingegen umstritten und wird damit bestritten, dass die Negativverzinslichkeit der Einlage dem gesetzlichen Leitbild der § 488ff. BGB widerspräche und zudem überraschend im Sinne des § 305c Abs. 1 BGB sei.[40] Dies gilt insbesondere für die Einführung durch die bloße Änderung des Preisverzeichnis durch die Bank im bestehenden Einlagenvertrag.[37][43]

Strafzins[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Negativzins wird umgangssprachlich im Zusammenhang mit der Finanzrepression oft fälschlich als Strafzins bezeichnet. Beim Negativzins besitzt der Schuldner oder Kreditnehmer jedoch – bei störungsfreier Abwicklung – keinen Rechtsgrund, um seinem Gläubiger einen Strafzins aufzuerlegen. Deshalb ist der Negativzins kein Strafzins. Der Strafzins (lateinisch usura punitoria) ist vielmehr seit dem kanonischen Recht eine besondere Form einer kumulativen Vertragsstrafe, die für den Fall von Leistungsstörungen ausbedungen wird. Es handelt sich um eine vertragliche Sanktion. Er wird in der Praxis häufig als Verzugszins erhoben.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christoph Morscher, Andreas Horsch: Nominelle Negativzinsen. In: Wirtschaftsdienst 2015/2, S. 148–150.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gerald Braunberger: Radikale Unsicherheit in FAZ vom 27. Juli 2016, S. 23. Zwölf Billionen Euro werden genannt bei Gerald Braunberger „Leitzinsen beeinflussen Anleiherenditen, aber bestimmen sie nicht“ faz.net vom 17. August 2016
  2. Michael Ferber: Negative Realzinsen bedrohen ein Ende der ‚Traumrenditen‘ am Kapitalmarkt, in: nzz online vom 18. März 2013
  3. The New York Times vom 23. April 2015, Get Paid to Borrow Money (Risks and Limits Apply), S. 16
  4. „Dänemark stellt den Finanzmarkt auf den Kopf“ (Memento vom 4. August 2012 im Webarchiv archive.is) Financial Times Deutschland, 30. Dezember 2011.
  5. Anleihenmarkt – Deutschland leiht sich Geld zu negativen Zinsen, FAZ Online, 9. Januar 2012.
  6. Schäuble macht mit Schuldenmachen Geld, Handelsblatt online, 18. Juli 2012.
  7. Andreas Uhlig: Leben mit tiefen und negativen Marktzinsen, nzz.ch
  8. Deutschland verdient noch mehr Geld beim Schuldenmachen“, Reuters, 13. August 2012
  9. „Rettungsfonds EFSF besorgt sich Geld zu guten Konditionen, Reuters 2. Oktober 2012
  10. EFSF holt sich zu günstigen Konditionen zwei Milliarden Euro, Basler Zeitung, 16. Oktober 2012
  11. „Bund kommt erneut an günstiges Geld“, Handelsblatt, 12. November 2012
  12. Bettina Forner: Bundesanleihen legen zu, Rendite Zweijähriger unter Null Prozent, welt.de, 5. Dezember 2012
  13. Anleger zahlen Prämie – Bund verdient weiter Geld mit seinen Schulden, tagesschau.de, 7. Januar 2013
  14. Investoren zahlen bei deutschen Anleihen drauf, Handelsblatt, 8. April 2013
  15. Rettungsschirm zapft mit japanischer Hilfe Kapitalmarkt an, FAZ.net, 8. Januar 2013
  16. „Japan verdient erstmals Geld beim Schuldenmachen“, FAZ.net, 18. November 2014
  17. Joachim Weeber, Einführung in die Volkswirtschaftslehre, 2015, o. S.
  18. Thomas Jordan am 17. April 2015, zitiert nach Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. April 2015, Negativzins widerspricht nicht der menschlichen Natur
  19. „SNB führt Negativzinsen ein Unkonventionelle Verteidigung des Mindestkurses“ (Memento vom 4. August 2012 im Webarchiv archive.is) NZZ, 18. Dezember 2014
  20. Nationalbank hebt Mindestkurs auf und senkt Zins auf −0,75%, SNB, 15. Januar 2015, abgerufen am 15. Januar 2015
  21. Hermann Simon/Martin Fassnacht, Preismanagement, 2016, S. 590
  22. „Null Prozent Zinsen auf fünfjährige Bundesanleihen“, FAZnet, 20. Januar 2015
  23. Zehnjährige Bundesanleihen kosten erstmals. In: tagesschau.de. Abgerufen am 14. Juni 2016.
  24. "Wohin nur mit meinem Geld?" FAZ 14. Juni 2016
  25. Die Welt, 16. August 2016, „NRW-Kommunen verdienen Geld mit ihren Schulden“
  26. Andreas Uhlig Neue Zürcher Zeitung online, 12. September 2016: „Immer mehr Minusrenditen“
  27. John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, 1936, S. 249
  28. Friedrich August von Hayek: Geldtheorie und Konjunkturtheorie, in: Beiträge zur Konjunkturforschung Nr. 1, 1929, S. 118
  29. Volker Häfner, Gabler Volkswirtschafts Lexikon, 1983, S. 311
  30. Gottfried Bombach: Zwischen Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik, 1991, S. 93
  31. Vgl. dazu Carl Christian von Weizsäcker: Grenzen des Konzepts einer unabhängigen Zentralbank, in: Wirtschaftsdienst, 92. Jg. (2012), H. 2, Zeitgespräch, S. 91–94 doi:10.1007/s10273-012-1332-0
  32. Carl Christian von Weizsäcker: „Grenzen des Konzepts einer unabhängigen Zentralbank“ Wirtschaftsdienst 2012/2, Zeitgespräch, S. 91–94, doi:10.1007/s10273-012-1332-0
  33. Carl Christian von Weizsäcker: „Eurokrise und ihre Folgen Das Damoklesschwert der Euroaufwertung“, FAZ.Net, 10. Mai 2013
  34. Werner Ehrlicher: Geldpolitik, Zins und Staatsverschuldung, 1981, S. 67 FN 13
  35. DIE WELT vom 7. Mai 2016, Das sind die fatalen Folgen von Draghis Negativzins
  36. Philip Plickert: „Die heimliche Enteignung der Sparer“, faz.net, 27. August 2012
  37. a b c Tobias Tröger: Vertragsrechtliche Fragen negativer Zinsen auf Einlagen. In: NJW. 2015, S. 657–660.
  38. Wolfgang Ernst: Negativzinsen aus zivilrechtlicher Sicht – ein Problemaufriss. In: Zeitschrift für die gesamte Privatrechtswissenschaft. 2015, S. 250 ff.
  39. Corinne Zellweger-Gutknecht: Negativzins: Vergütung für die Übernahme des Geldwertrisikos durch den Kapitalnehmer. In: Zeitschrift für die gesamte Privatrechtswissenschaft. 2015, S. 350 ff.
  40. a b c d Klaus-R. Wagner: Zur rechtliche Wirksamkeit von Negativzinsen. In: Zeitschrift für Bank- und Kapitalmarktrecht. 2017, S. 315 ff.
  41. Kai-Michael Hingst und Dr. Karl-Alexander Neumann: Negative Zinsen – Die zivilrechtliche Einordnung eines nur scheinbar neuen geldpolitischen Phänomens. In: Zeitschrift für Bank- und Kapitalmarktrecht. 2016, S. 95 ff.
  42. Schürmann/Langner: § 70. Einlagenarten. In: Herbert Schimanksy, Hermann-Josef Bunte, Hans-Jürgen Lwoksi (Hrsg.): Bankrechts-Handbuch. 5. Auflage. 2017, Rn. 25ff.
  43. a b c Hanns-Peter Kollmann: Negative Zinsen, Eine rechtsökonomische Analyse. 2016, ISBN 978-3-8487-2831-2, S. 77 ff., 134 ff.