Nemi El-Hassan

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Nemi El-Hassan (zweite von rechts) mit ihren Kollegen von "Datteltäter" (2016)

Nemi El-Hassan (* 24. August 1993 in Bad Saarow-Pieskow als Naame El-Hassan)[1][2] ist eine deutsche Journalistin, Medizinerin und muslimische Aktivistin. Ihre Eltern haben arabische Wurzeln und waren aus den Palästinensischen Autonomiegebieten über den Libanon nach Deutschland migriert.[3][4][5][6]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindheit, Jugend und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nemi El-Hassan verbrachte ihre Kindheit in Fürstenwalde an der Spree und begann nach dem Abitur ein Studium der Humanmedizin an der Charité Universitätsmedizin Berlin, das sie eigenen Angaben zufolge im Juni 2020 nach 16 Semestern abschloss.[5] Zur Finanzierung ihres Studiums arbeitete sie bei einer Neuköllner Installateursfirma als Heizungs- und Wasseruhren-Ableserin und schrieb darüber.[7]

Sie stammt von muslimischen Einwanderern ab, die zunächst aus Nablus in den Libanon auswanderten und sich in den 1990er-Jahren in Deutschland niederließen.[4][8]

Islamischer Glaube[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum islamischen Glauben fand sie eigenen Angaben zufolge während ihrer Oberstufenzeit durch Erlebnisse in der Blauen Moschee in Hamburg. Laut Verfassungsschutz ist sie ein Außenposten der islamistischen Hisbollah im Iran. Während des Besuchs El-Hassans stand die Blaue Moschee bereits unter Beobachtung des Landesamtes für Verfassungsschutz der Freien und Hansestadt Hamburg. El-Hassan besuchte zwei Jahre lang eine Koranschule in Berlin, um den islamischen Glauben kennen zu lernen.[9][10]

Sie entschied sich im Alter von 17 Jahren, im Alltag einen Hidschab zu tragen, eine Form des muslimischen Kopftuchs, bei dem nur das Gesicht zu sehen und auch der Hals bedeckt ist.[2][11][12]

Das Islamische Zentrum Hamburg als Trägerverein der Blauen Moschee trat bis 2004 regelmäßig aktiv als Mitorganisator des „Al-Quds-Tages“ auf.[13] Ab dem „Al-Quds-Tag“ im September 2010 engagierte sich das Islamische Zentrum Hamburg (IZH) wieder stärker im Rahmen des Al-Quds-Tages und forderte öffentlich zur Beteiligung auf sowie unterstützte die Veranstaltung logistisch mit Transportmöglichkeiten und Verpflegung.[14][15] Auch 2016 war das IZH laut Verfassungsschutz mit 200 Personen an der jährlichen Al Quds Demonstration in Berlin beteiligt.[16] Die Verbindung zur Blauen Moschee und deren Schlüsselrolle in El-Hassans Glaubensfindungsprozess wurden im Rahmen des Antisemitismusvorwurfes 2021 sowie des Vorwurfes der Verharmlosung islamistischer Gewalt im Jahre 2015 vielfach medial aufgegriffen und diskutiert.[17]

Journalistische Tätigkeit und Aktivismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

El-Hassan schrieb als Journalistin unter anderem Artikel und Kolumnen für die Tageszeitung, den Tagesspiegel und DIE ZEIT.[18][19] Seit 2013 betreibt sie mit mehreren Partnern auf der Videoplattform YouTube den Satirekanal Datteltäter, der seit September 2016 ein Angebot des ARD und ZDF zugehörigen funk ist und der mit Humor über den Islam aufklären, das Verständnis der deutschen Gesellschaft für Multikulturalität schulen und Islamfeindlichkeit entgegenwirken will. Sie bezeichnet ihre Tätigkeit unter satirischer Bezugnahme auf das islamische Konzept des Dschihad als „Bildungsdschihad“.[20][21]

Als politische Aktivistin spricht sie regelmäßig zu den Themen Islam, Islamfeindlichkeit, muslimisches Leben und muslimische Identität.[22] El-Hassan engagiert sich auch gegen Rechtsextremismus.[23]

Ihre Einstellung zum islamischen Kopftuch änderte sich, sie legte es parallel zu ihrer wachsenden Präsenz in den öffentlich-rechtlichen Medien ab.[24]

Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Antisemitismusvorwurf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bundesweite Bekanntheit erlangte El-Hassan im September 2021, als im Zuge ihrer Nominierung als Moderatorin des WDR-Wissenschaftsformats Quarks bekannt wurde, dass sie im Jahre 2014 am antisemitischen und israelfeindlichen al-Quds-Marsch in Berlin teilgenommen hatte. Auf einem Foto ist El-Hassan mit Palästinensertuch zu sehen, während sie mit den Fingern das Victory-Zeichen formt. Deswegen wurde ihr in der Öffentlichkeit Antisemitismus vorgeworfen und der Westdeutsche Rundfunk entschloss sich dazu, den Start der Moderation vorerst auszusetzen sowie den Sachverhalt zu prüfen.[25][26] Der WDR erklärte, er dulde keinerlei Antisemitismus und verurteile die al-Quds-Märsche und die dort vertretenen Positionen aufs Schärfste.[27]

In einer Stellungnahme bezeichnete El-Hassan ihre Teilnahme am al-Quds-Marsch daraufhin als „Fehler“. Teilgenommen habe sie an der Demonstration, um während des Gaza-Krieges 2014 ihre „Solidarität mit Palästinenserinnen und Palästinensern auszudrücken“. Mit den Hintergründen der Demonstration habe sie sich erst später genauer befasst. Sie verurteile „jegliche antisemitischen Äußerungen und Aktionen, sämtliche Arten von Gewalt und insbesondere die Gewalt, die auf diesen Demos stattgefunden hat“.[28][29] Gegenüber der Süddeutschen Zeitung rief sie dazu auf, die Teilnahme am al-Quds-Marsch in den richtigen Kontext zu setzen: „Der Mensch, der ich heute bin, hat nichts mehr mit dem Menschen von damals zu tun.“[30]

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, verwies in einer offiziellen Stellungnahme des Zentralrats auf die hohe Verantwortung öffentlich-rechtlicher Sender hin, „niemanden auf dem Bildschirm zu präsentieren, der Israel-Hass und Antisemitismus verbreiten könnte“. „Dies muss auch bei Frau El Hassan gesichert sein. Momentan haben wir gegenüber ihrer Person aufgrund ihrer Äußerungen allerdings erhebliche Bedenken.“[31] Der Publizist Ahmad Mansour äußerte sich zur Causa El-Hassan wie folgt: „Es ist wichtig, über solche Personalien zu debattieren. Nemi El-Hassan war auch auf anderen Demos, sie hat sich in sozialen Netzwerken einseitig zum Nahost-Konflikt geäußert, war in radikalen Moscheen, tauchte in Netzwerken mit Nähe zu den Muslimbrüdern auf und bezeichnet Palästinenser als indirekte Opfer des Holocaust. Wir sollten lernen, über solche Positionen sachlich zu diskutieren.“[25] Die medienpolitischen Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag Elisabeth Motschmann forderte El-Hassans Entlassung.[32][33]

In einem Offenem Brief solidarisierten sich hunderte Kulturschaffende, Publizisten und Wissenschaftler mit El-Hassan und forderten den WDR dazu auf, die Zusammenarbeit mit ihr fortzusetzen. El-Hassan habe „glaubhaft ihren Wandel dargelegt“ und setze sich „als Journalistin seit Jahren dezidiert gegen Antisemitismus und Rassismus ein“.[34][35]

Vorwurf der Relativierung islamischer Gewalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2015 wirkte El-Hassan an einem Kurzfilm der Bundeszentrale für politische Bildung mit, in dem sie über die Bedeutung des Wortes „Dschihad“ sprach.[36] Im Video erklärte die Aktivistin, der Begriff sei „zu einem Symbol der Missinterpretation“ geworden. Sie sagte: „Dabei ist Dschihad für mich eine Vision.“

Die Einordnung der Aussagen El-Hassans ist umstritten. So äußerte sich der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi dahingehend, dass die Aussage als eine „absolute Relativierung“ bestimmter kriegerischer Traditionen des Islam zu verstehen sei,[37] während der Bayreuther Islamwissenschaftler Rüdiger Seesemann anderer Ansicht war und anführte, dass sich die Begrifflichkeit „Dschihad“ grundsätzlich auf den persönlichen Einsatz für die Sache Gottes und die Ideale des Islam beziehe.[37]

El-Hassan selbst sagte, die Videoausschnitte seien aus dem Zusammenhang gerissen worden und sie habe islamistische Gewalt nicht relativiert.[38][37]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nemi El-Hassan beschäftigt sich in ihrer Arbeit oft mit rechtsextremen Strukturen, Rassismus und Ausgrenzung muslimischer Minderheiten von Rechts. Im Jahre 2018 wurde sie deshalb für ihre bisherige journalistische Arbeit mit dem Europäischen CIVIS Online Medienpreis ausgezeichnet. In der Begründung der Jury hieß es: „Die Reporterin begibt sich mutig in die Menge und fragt in der rechten Szene nach – schlagfertig, konfrontativ, angstfrei. Rhetorische Muster der Neonazis werden deutlich. Eine herausragende journalistische Leistung – visuell großartig umgesetzt.“[39]

Im Jahre 2020 war Nemi El-Hassan für die Moderation des Formates Jäger & Sammler (ZDF/funk) für den 56. Grimme-Preis nominiert, ging allerdings nicht als Preisträgerin hervor.[40]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Amtsgericht Charlottenburg (Berlin), Handelsregisterauszug: HRB 217763 B. In: northdatae.de. 13. September 2021, abgerufen am 14. September 2021.
  2. a b Marlene Halser: „Nur eine Verpackung, mehr nicht“, taz, 25. April 2015
  3. Was ist Deine Geschichte? (...) "Ihre Familie flüchtet 1991 aus der Heimat, dem Libanon." In: civismedia.eu. 2018, abgerufen am 15. September 2021.
  4. a b Thomas Gutke: Zwei Schülerinnen dokumentieren die Geschichten von Migranten in Fürstenwalde. In: moz.de. 24. Juli 2020, abgerufen am 15. September 2021.
  5. a b Neu bei Quarks. Florence Randrianarisoa und Nemi El-Hassan, WDR Pressemitteilung, 10. September 2021
  6. Jörg Wimalasena: „Begriffswelten Islam“ Islamfeindlichkeit soll mit Youtubern bekämpft werden, Kölner Stadt-Anzeiger, 3. Februar 2016
  7. Nemi El-Hassan: „Ich war Heizungsableserin in Berlin“ – Teil 1. In: ze.tt. Abgerufen am 15. September 2021.
  8. Nemi El-Hassan (@Nemi_Elh). Tweet vom 25. Mai 2021. In: twitter.com. Abgerufen am 15. September 2021.
  9. Muslima über das Kopftuch-Tragen. In: taz.de. Abgerufen am 15. September 2021.
  10. Verfassungsschutz hat neue Erkenntnisse zur Blauen Moschee. In: ndr.de. Abgerufen am 12. September 2015.
  11. Eva Sudholt: „Ich fühle mich gedemütigt und bloßgestellt“, Welt, 26. Dezember 2014.
  12. Die verschiedenen Kopftücher muslimischer Frauen, Süddeutsche, 12. August 2016.
  13. Kleine Anfrage des Abgeordneten Özcan Mutlu (Bündnis 90/Die Grünen) vom 6. Oktober 2005 (Eingang beim Abgeordnetenhaus am 11. Oktober 2005) und Antwort: Al-Quds-Demonstration@1@2Vorlage:Toter Link/www2.mutlu.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. , 4. November 2005.
  14. Verfassungsschutzbericht 2009 (PDF; 3,8 MB) Landesamt für Verfassungsschutz Hamburg
  15. Verfassungsschutzbericht 2010 (PDF; 9,3 MB) Landesamt für Verfassungsschutz Hamburg
  16. Islamisches Zentrum: Was geht in der Blauen Moschee mit Islamisten vor? Hamburger Abendblatt 12. Juli 2016
  17. Betrifft: Ihre Moderatorin Nemi El-Hassan. In: welt.de. Abgerufen am 15. September 2021.
  18. Nemi El-Hassan: Artikel von Nemi El-Hassan. In: taz.de. Abgerufen am 15. September 2021.
  19. Nemi El-Hassan. In: z2x.zeit.de. Abgerufen am 15. September 2021.
  20. Nemi El-Hassan. In: re-publica.com. Abgerufen am 15. September 2021.
  21. Über Uns – Datteltäter. In: datteltaeter.de. 9. November 2020, abgerufen am 15. September 2021.
  22. Keynote „Social Media und junge muslimische Identität“ – Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main auf YouTube, vom 21. August 2019.
  23. Versagen Staat und Polizei im Kampf gegen Rechtsextremismus? | 13 Fragen. Abgerufen am 16. September 2021.
  24. Michael Borgers: „Sie muss sich glaubwürdig distanzieren“, Deutschlandfunk, 15. September 2021.
  25. a b Dorothee Krings: Nach Besuch von israelfeindlicher Demo: WDR-Moderatorin darf nicht bei „Quarks“ starten. In: rp-online.de. 15. September 2021, abgerufen am 15. September 2021.
  26. WDR verzichtet nach Antisemitismusvorwürfen vorerst auf Moderatorin. In: zeit.de. 14. September 2021, abgerufen am 14. September 2021.
  27. WDR: WDR zur Zusammenarbeit mit Nemi El-Hassan - Presselounge - WDR. 14. September 2021, abgerufen am 20. September 2021.
  28. Stellungnahme auf Instagram. Abgerufen am 20. September 2021.
  29. Neue „Quarks“-Moderatorin nennt Teilnahme an Al-Quds-Demo „Fehler“ – WDR reagiert. In: welt.de. 13. September 2021, abgerufen am 14. September 2021.
  30. WDR setzt Start von Nemi El-Hassan bei "Quarks" vorerst aus. In: sueddeutsche.de. 14. September 2021, abgerufen am 14. September 2021.
  31. Statement von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster zu #Nemi_El_Hassan #WDR. In: twitter.com. 14. September 2021, abgerufen am 15. September 2021.
  32. Friedrich Küppersbusch: Wahlkampf, Özil und Gorleben: Unschuldige Kinder mit Knopf im Ohr. In: Die Tageszeitung: taz. 19. September 2021, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 20. September 2021]).
  33. Thomas Balbierer: WDR setzt Moderation von El-Hassan nach Islamismus-Vorwürfen aus. Abgerufen am 20. September 2021.
  34. Umstrittene WDR-Moderatorin: Kulturschaffende erklären sich solidarisch mit Nemi El-Hassan. In: DER SPIEGEL. Abgerufen am 20. September 2021.
  35. Solidarität mit Nemi El-Hassan.pdf. Abgerufen am 20. September 2021.
  36. Armina Omerika, Pudelskern: Info Islam: Was bedeutet Dschihad? In: bpb.de. 26. Februar 2016, abgerufen am 15. September 2021.
  37. a b c WDR verzichtet nach Antisemitismusvorwürfen vorerst auf Moderatorin. Abgerufen am 15. September 2021.
  38. Aufregung um neue WDR-Moderatorin. In: t-online.de. 13. September 2021, abgerufen am 14. September 2021.
  39. Europäischer Medienpreis für UFA-Lab-Produktion. In: bertelsmann.de. 11. Juni 2018, abgerufen am 15. September 2021.
  40. 56. Grimme-Preis 2020 - Nemi El-Hassan. In: grimme-preis.de. Abgerufen am 15. September 2021.