Nervenkampfstoff

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Als Nervenkampfstoffe wird eine Klasse von chemischen Waffen bezeichnet, welche auf die Weiterleitung von Signalen in den Nerven und zwischen den Nerven einwirken. Diese Nervengifte können über die Haut, Atmung und über Körperöffnungen in den Körper eindringen und führen zu schweren, systemischen Symptomen, welche schließlich zum Tod führen können. Solche Symptome können starke Muskelkrämpfe und Krampfanfälle, Zittern, Zucken der Muskulatur, Kopfschmerzen, Augenschmerzen, Müdigkeit, Verwirrtheit, Angstzustände, Spannungen, Übelkeit mit Erbrechen und Durchfällen, unkontrollierter Harn- und Stuhlabgang, Appetitlosigkeit, Atemnot, Bewusstlosigkeit und Atemlähmung sein.

Reihen[Bearbeiten]

Bei den Nervenkampfstoffen unterscheidet man nach der Herstellung die G-Reihe, V-Reihe und die Novichok-Reihe.

G-Reihe[Bearbeiten]

Die G-Reihe der Nervenkampfstoffe

Die G-Reihe wurde während des Zweiten Weltkrieges vom deutschen Chemiker Gerhard Schrader, synthetisiert, daher auch der Name(»made in germany«).

Es handelt sich um nicht persistente phosphororganische Verbindungen, welche als Phosphorsäureester angesehen werden können und einen ähnlichen Aufbau, wie in der Nebenstehenden Abbildung zu entnehmen ist, aufweisen. So enthalten alle, bis auf Tabun anstatt einer OH-Gruppe der Phosphorsäure ein Fluoratom; Tabun enthält stattdessen eine Nitril-Gruppe.

Die Wirkung beruht auf der Hemmung der Acetylcholinesterase, wodurch der Abbau des Acetylcholin an den Rezeptoren der Nerven des parasympathischen vegetativen Nervensystems verhindert wird. Folge ist eine Überschwemmung des synaptischen Spaltes mit Acetylcholin, Dauerreizung der Nerven und Blockade der Reizübertragung. Es kommt, je nach Stärke der Vergiftung, zu folgenden Symptomen: Kopfschmerzen, Übelkeit mit Erbrechen und Durchfällen, Augenschmerzen, Müdigkeit, Krampfanfälle, Zittern, Zucken der Muskulatur, unkontrollierter Harn- und Stuhlabgang, Atemnot, Appetitlosigkeit, Angstzustände, Spannungen, Verwirrtheit, Bewusstlosigkeit. Der Tod tritt schließlich durch Atemlähmung ein.


Zu dieser Reihe zählen die Stoffe Tabun (1936), Sarin (1939), Soman (1944), Cyclosarin (1949) und GV. In Klammern jeweils das Jahr der Erstherstellung.

V-Reihe[Bearbeiten]

Die V-Reihe der Nervenkampfstoffe

Diese Reihe hatte ihren Ursprung bei dem Chemiker Dr. Ranajit Ghosh, welcher für das britische Unternehmen Imperial Chemical Industries Pflanzenschutzmittel erforscht hatte. ICI brachte 1954 unter dem Namen Amiton das waffenfähige VG auf den Markt. Es galt jedoch als zu gefährlich für den Einsatz als Pflanzenschutzmittel, fand aber schnell Verwendung bei den Streitkräften des Vereinigten Königreiches, auch wenn es aufgrund von erheblichen Problemen bei der Produktion, Lagerung und Munitionierung nie großtechnisch hergestellt oder gelagert wurde.

Der Name leitet sich von »Victory« (»Sieg«), »Venomous« (»giftig«) oder »Viscous« (»viskos«) ab. Die Stoffe dieser Reihe werden gelegentlich auch »Tammelin's esters« genannt. Lars-Erik Tammelin hatte für das schwedische Forschungsinstitut der Verteidigung sich mit den chemischen Kampfstoffen des Ersten Weltkrieges und Zweiten Weltkrieges beschäftigt und war seit 1952 ebenfalls an der Erforschung der V-Reihe beteiligt.

Es handelt sich ebenfalls um phosphororganische, den Phosphorsäurestern ähnlichen, Kampfstoffen, welche im Gegensatz zur G-Reihe stabiler und etwa 10 mal so giftig sind. Sie verbleiben daher länger auf dem Schlachtfeld, Kleidung, sowie anderen Gegenständen und können auch länger gelagert und beispielsweise in Granaten, Raketen und auch Landminen eingesetzt werden. Von der Konsistenz sind sie viskos und ölartig, weshalb die häufige Bezeichnung »Nervengas« irreführend ist. Neben den bekannten, hier abgebildeten Beispielen, von denen jedoch nur VX und VR[1] militärisch verwendet wurden, gibt es noch weitere Derivate mit ähnlichen Eigenschaften, welche sich von der untersten, rechten Struktur ableiten, wobei hier die Nummerierung willkürlich gewählt ist.

Die Wirkung und entsprechenden Gegenmaßnahmen sind denen der G-Reihe gleich.

Zu dieser Reihe zählen die Stoffe VE, VG, VM, VP, VR, VS und VX, sowie EA-2192 und EA-3148, wobei VX als der bekannteste und am besten erforschte Kampfstoff dieser Reihe gilt.

Novichok-Reihe[Bearbeiten]

Einige Beispiele der Novichok-Reihe

Novichok (russisch »новичок«, soviel wie »Neuling« oder »Anfänger«), ist eine Reihe neuartiger sowjetischer Nervenkampfstoffe, welche etwa zwischen 1970 und 1990 entwickelt wurden. Sie zählen zu den tödlichsten Nervenkampfstoffen, die jemals hergestellt worden sind, von denen einige etwa 5 bis 8 mal so stark wie VX sein sollen. Es gibt über hundert Varianten in dieser Serie, von denen einige rechts aufgelistet sind.

Die Wirkung und entsprechenden Gegenmaßnahmen sind denen der G-Reihe gleich.

Sonstige Nervenkampfstoffe[Bearbeiten]

Diisopropylfluorphosphat, kurz DFP, wurde erstmals im Zweiten Weltkrieg von englischer Seite entwickelt und produziert. Es war gedacht, DFP als taktisches Gemisch mit Senfgas einzusetzen. Dadurch wäre es zu einem Kontaktgift geworden. Die tatsächliche Verwendung von DFP als Kampfstoff ist nicht bekannt.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Radilov, A. et al.: Russian VX. In: Gupta, R. C. (ed): Handbook of Toxicology of Chemical Warfare Agents. Chap. 7, S. 69 ff. Elsevier, 2009, ISBN 978-0-12-374484-5.

Siehe auch[Bearbeiten]