Neubaukirche

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Neubaukirche, ehemalige Universitätskirche
Inneres um 1880; kolorierter Holzstich

Die Neubaukirche ist eine ehemalige Universitätskirche und profanierte Renaissancekirche in Würzburg, die heute der Universität Würzburg als Aula dient. Sie wird zu den bedeutendsten Kirchenbauten der Renaissance nördlich der Alpen gerechnet. Der Bau begann 1583 durch Baumeister Georg Robin wurde mit dem Turm von Antonio Petrini 1679 bis 1703 vollendet. Der Turm wurde von Balthasar Neumann und Joseph Greising neu errichtet. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erfolgte zwischen 1970 und 1985 der Wiederaufbau der Neubaukirche.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1582 gründete der Würzburger Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn in seiner Residenzstadt eine Universität und beauftragte den aus Flandern stammenden Mainzer Hofbaumeister Georg Robin mit der Errichtung der Gebäude.[1][2] Ab 1583 entstand das groß angelegte quadratische Ensemble der heutigen Alten Universität mit der Universitätskirche im Südflügel. Deren Bau begann 1586; am 8. September 1591 wurde sie geweiht. Im Volksmund hieß sie schon bald Neubaukirche. Das Herz des Gründers wurde 1617, seinem Wunsch gemäß, in der Kirche in einem unweit der Kanzel errichteten Grabmonument beigesetzt. Das Herz-Monument wurde, wie ein nicht mehr erhaltener steinerner Hochaltar[3] mit seinen Alabasterreliefs und die Kanzel mit Alabasterskulpturen von Georg Robins Bruder Johann Robin in den Jahren 1583 bis 1589 geschaffen.[4]

Nachdem sich die über dem alten Stadtgraben aufgebaute Südwand abzusenken begann und weitere Schäden entstanden, mussten schon 1626 tiefgreifende Erhaltungsmaßnahmen eingeleitet werden, die jedoch 1631 beim Einfall der Schweden zum Erliegen kamen (Nachdem unter Leitung von Giacomo Bonalino verbliebene Gewölbereste abgetragen worden waren war 1628 eine neue Südfassade errichtet sowie mit Arbeiten zur Wiederherstellung der Westfront mit dem massiv beschädigten Turm begonnen worden).[5] 70 Jahre blieb die Kirche ohne Dach und Gewölbe[6] der Witterung ausgesetzt und verfiel. Erst Fürstbischof Johann Gottfried von Guttenberg ließ sie von 1696 bis 1703[7] durch Antonio Petrini in ihrer heutigen Form vollenden. Unter seinem Nachfolger Johann Philipp von Greiffenclau wurde die Instandsetzung zu Beginn des 18. Jahrhunderts abgeschlossen und die Kirche erhielt eine hochbarocke Ausstattung.

Der Turm der Universitätskirche wurde von Balthasar Neumann und Joseph Greising neu errichtet.[8]

Nach der Säkularisation des Hochstifts wurde die Neubaukirche profaniert und als Depot verwendet. Die Barockausstattung wurde verkauft. Der Hochaltar befindet sich heute in der Kirche St. Johannes der Täufer in Schlüsselfeld.[9]

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Kirche für den Gottesdienst wieder hergestellt. Von 1884 bis 1887 wurden die Wände durch den Historienmaler Hugo Barthelme mit religiösen Gemälden ausgeschmückt.

Beim großen Bombenangriff auf die Stadt am 16. März 1945 wurde auch die Neubaukirche weitgehend zerstört. Ein Wiederaufbau war zunächst nicht finanzierbar. Bis 1957 erfolgten lediglich Sicherungsmaßnahmen. Unter dem Rektorat Werner Uhlmanns beschloss der Senat der Universität 1970, die Neubaukirche wiederaufzubauen und künftig für Kongresse, Tagungen und Konzerte zu nutzen. Das Projekt wurde von zahlreichen Institutionen, Künstlern und anderen Bürgern unterstützt. 1977 wurde der kuppelförmige Turmhelm vollendet. Damit war die Kirche äußerlich vollständig wiederhergestellt. Es begann die Restaurierung im Inneren. Schließlich wurde die Kirche am 7. November 1985, 40 Jahre nach ihrer Zerstörung, festlich als Aula der Universität eingeweiht.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neubaukirche. Auf der rechten Seite die als Strebepfeiler dienenden und um 1700 an der Südfassade angebrachten Kolossalpilaster[10]

Die Neubaukirche aus rötlichem Ebenheider Sandstein[11] ist eine Hallenkirche, deren Seitenschiffe mit dreigeschossigen Emporen ausgefüllt sind. Das Hauptschiff überspannt ein mit Gurtbögen unterteiltes, durch Bögen in den Gewölbewangen leicht kreuzflächiges Tonnengewölbe. Der Außenbau ist reich mit Giebeln, Gebälken und Pilastern gegliedert. Für architektonische Details, aber auch für Glasmalereien der Universitätskirche fertige der Nürnberger Künstler Jost Amman Visierungen[12] an.

Der weithin sichtbare Turm, im Original in drei Etappen gebaut, weist drei unterschiedliche Stile auf. Auf dem quadratischen Schaft steht ein achteckiges Obergeschoss mit Rundhaube und Laterne. Der Turm ist mit 91 Metern der höchste Kirchturm Würzburgs.

Als künstlerisches Vorbild gelten venezianische Renaissancekirche, wie sie der Architekt George Robin bei einem Italienaufenthalt vor 1567 kennengelernt hatte.[13]

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Skulpturen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2010 befinden sich an den Stirnwänden der beiden Seitenschiffe eine Christus- und eine Katharina-Skulptur von Karlheinz Oswald, jener als Bild des Menschen, diese als Symbolgestalt für Weisheit und Wissenschaft.[14] Weitere, vorwiegend aus Windsheimer Alabaster von Johann Robin geschaffene Skulpturen finden sich an der Freigrabanlage des Herz-Monuments und an der Kanzel. Zehn von Balthasar Esterbauer geschaffene und zwei (St. Petrus und St. Paulus) von ihm überarbeitete Apostelstatuen von Tobias Ungleich, die sich an einem vom Hauger Stiftsbildhauer Johann Caspar Brandt (1652–1701) geschaffenen Hochaltar befanden, sind 1820 mit dem Altar aus der Kirche entfernt worden und verlorengegangen (Esterbauer schuf um 1702 auch vier Figuren (Putti) für die neuen, 1820 nach Brunntal gelangten Seitenaltäre).[15]

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1986 wurde an der einstigen Hochaltarwand eine große Konzertorgel aufgestellt. Das Instrument wurde von dem Orgelbauer Karl Schuke (Berlin) erbaut. Es hat 64 Register auf vier Manualwerken und Pedal. Die Spieltrakturen sind mechanisch, die Registertrakturen elektrisch.[16]

I Hauptwerk C–c4
Principal 16′
Principal 8′
Flute harmonique 8′
Gedackt 8′
Oktave 4′
Rohrflöte 4′
Nassat 223
Oktave 2′
Mixtur V-VII
Cymbel III-IV
Cornet II-V
Trompete 16′
Trompete 8′
Clairon 4′
II Schwell-Positiv C–c4
Principal 8′
Gedackt 8′
Holzflöte 8′
Prestant 4′
Blockflöte 4′
Oktave 2′
Sesquialtera II
Quinte 113
Scharff IV-V
Rankett 16′
Krummhorn 8′
Schalmei 4′
Tremulant
Glockenspiel
III Schwellwerk C–c4
Gedackt 16′
Principal 8′
Rohrflöte 8′
Gambe 8′
Voix celeste 8′
Flute octaviante 4′
Viola 4′
Quinte 223
Oktavin 2′
Terz 135
Sifflöte 1′
Mixtur VI
Bombarde 16′
Hautbois 8′
Trompette harm. 8′
Vox humana 8′
Clairon harm. 4′
Tremulant
Carillon (c0-g3)
IV Chamaden C–c4
Trompeta magnae 16′
Trompeta real 8′
Clarin 4′
Cornett V

Pedalwerk C–g1
Untersatz 32′
Principal 16′
Subbaß 16′
Gedackt (aus SW) 16′
Oktave 8′
Gedackt 8′
Gambe (aus SW) 8′
Flöte 4′
Viola (aus SW) 4′
Rohrflöte 2′
Hintersatz VI
Holzposaune 32′
Posaune 16′
Bombarde (aus SW) 16′
Trompete 8′
Clairon 4′
  • Koppeln: II/I, III/I, III/II, IV/I, IV/II, IV/III,I/P, II/P, III/P, IV/P

Carillon[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Größte Glocke vor dem Einbau

2005 erhielt der Turm der Neubaukirche ein Glockenspiel mit 51 Glocken von der Firma Petit & Fritsen, ein sogenanntes Carillon.[17] Die größte davon hat einen Durchmesser von einem Meter, eine Höhe von 85 Zentimetern und ein Gewicht von 635 Kilogramm und ist mit dem Wappen der Universität verziert. Die kleinste Glocke wiegt nur wenig mehr als 4 Kilogramm. Zum Zeitpunkt des Einbaus war Würzburg die erste und einzige deutsche Universität, die ein Carillon besaß. In Europa waren seinerzeit nur drei weitere Universitäten – Amsterdam, Löwen und Rotterdam – mit Carillons ausgestattet. Öffentliche Konzerte auf dem Würzburger Carillon finden regelmäßig im Sommer statt (mittwochs um 17:30 Uhr).[18][19]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stefan Kummer: Architektur und bildende Kunst von den Anfängen der Renaissance bis zum Ausgang des Barock. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände; Band 2: Vom Bauernkrieg 1525 bis zum Übergang an das Königreich Bayern 1814. Theiss, Stuttgart 2004, ISBN 3-8062-1477-8, S. 576–678 und 942–952, hier: S. 592–597 und 619.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Neubaukirche (Würzburg) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. N.N.: Robin, Georg. In: Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE). 2., überarb. und erweiterte Auflage. Band 8: Poethen–Schlüter. De Gruyter / K. G. Saur, Berlin / Boston / München 2007, ISBN 978-3-11-094025-1, S. 459 (books.google.de – eingeschränkte Vorschau).
  2. Lucia Longo: Antonio Petrini. Ein Barockarchitekt in Franken. (Schnell & Steiner Künstlerbibliothek). Schnell & Steiner, München/ Zürich 1985, ISBN 3-7954-0374-X, S. 49
  3. Tilman Kossatz: Johann Philipp Preuß (1605 – ca. 1687). Ein Beitrag zur Genese barocker Bildkunst in Franken. (Philosophische Dissertation Würzburg 1983), (= Mainfränkische Studien. Band 42), Freunde mainfränkischer Kunst und Geschichte e.V. Würzburg. Historischer Verein Schweinfurt e.V., Würzburg 1988, S. 243.
  4. Stefan Kummer: Architektur und bildende Kunst von den Anfängen der Renaissance bis zum Ausgang des Barock. 2004, S. 596 f.
  5. Stefan Kummer: Architektur und bildende Kunst von den Anfängen der Renaissance bis zum Ausgang des Barock. 2004, S. 607 f.
  6. Das ursprüngliche Schleifrippngewölbe über dem Hauptraum existierte bis etwa 1627.
  7. Stefan Kummer: Architektur und bildende Kunst von den Anfängen der Renaissance bis zum Ausgang des Barock. 2004, S. 619.
  8. Hanswernfried Muth: Bildliche und kartografische Darstellungen der Stadt. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände; Band 2: Vom Bauernkrieg 1525 bis zum Übergang an das Königreich Bayern 1814. Theiss, Stuttgart 2004, ISBN 3-8062-1477-8, S. 294–307 und 901, hier: S. 301 und 306.
  9. kirchbau.de
  10. Stefan Kummer: Architektur und bildende Kunst von den Anfängen der Renaissance bis zum Ausgang des Barock. 2004, S. 607 f.
  11. baufachinformation.de
  12. Stefan Kummer: Architektur und bildende Kunst von den Anfängen der Renaissance bis zum Ausgang des Barock. 2004, S. 597.
  13. Stefan Kummer: Architektur und bildende Kunst von den Anfängen der Renaissance bis zum Ausgang des Barock. 2004, S. 596.
  14. Bilder, Beschreibung und Deutung (Memento des Originals vom 6. Juni 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.presse.uni-wuerzburg.de (presse.uni-wuerzburg.de)
  15. Stefan Kummer: Architektur und bildende Kunst von den Anfängen der Renaissance bis zum Ausgang des Barock. 2004, S. 596 f. und 640.
  16. Informationen (Disposition, Fotos) zur Orgel (Memento des Originals vom 14. Juli 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.orgel-information.de
  17. Das Carillon der Universität Würzburg (Memento des Originals vom 23. Dezember 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.musikwissenschaft.uni-wuerzburg.de (musikwissenschaft.uni-wuerzburg.de)
  18. Carillon-Konzert, Neubaukirche Würzburg am 21. August 2013 (Teil 1) auf YouTube.
  19. Carillon-Konzert, Neubaukirche Würzburg am 21. August 2013 (Teil 2) auf YouTube.

Koordinaten: 49° 47′ 25,7″ N, 9° 55′ 56,7″ O