Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker

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Wiener Musikverein
Der Große Saal im Wiener Musik­vereins­gebäude (rund 2 Stunden nach Ende des Neujahrskonzertes 2015)

Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ist das bekannteste Neujahrskonzert der Welt und ist vor allem den Werken der Strauss-Dynastie (Johann Strauss Vater, Johann Strauss Sohn, Eduard Strauß und Josef Strauss) gewidmet. Es wird alljährlich via Fernsehen in 92 Länder übertragen und von mehr als 50 Millionen Zusehern live mitverfolgt.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Konzert fand zum ersten Mal am 31. Dezember 1939 statt. Zeitungsankündigungen zufolge war es ein von den Wiener Philharmonikern dem von Adolf Hitler am 10. Oktober 1939 eröffneten Kriegswinterhilfswerk (Kriegs-WHW) zur Gänze gewidmetes „Außerordentliches Konzert", zu dem am 30. Dezember eine öffentliche Generalprobe veranstaltet wurde.[1][2] Das Konzert fand (und findet bis heute) im Großen Musikvereinssaal in Wien, der etwa 2000 Personen fasst, statt; das erste Konzert stand unter der Leitung von Clemens Krauss.

Seit dem zweiten Konzert am 1. Jänner 1941 findet es am Neujahrstag statt. 1941 spielten die Wiener Philharmoniker laut Zeitungsankündigung in ihrer zweiten Akademie, die nun schon zur Tradition geworden ist, zum ersten Mal zugunsten der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude.[3]

Die Abhaltung dieser Konzerte in der nationalsozialistischen Ära hängt unter anderem mit der NS-Vereinnahmung des nicht ausschließlich von arischen Vorfahren abstammenden Walzerkönigs Johann Strauss zusammen.

Seit 31. Dezember 1952 wird das Programm des Neujahrskonzerts am Silvesterabend als Silvesterkonzert voraufgeführt. Am 30. Dezember 1962 wurde erstmals eine zweite Voraufführung angesetzt; diese war bis 1997 jeweils eine geschlossene Veranstaltung für Angehörige des österreichischen Bundesheeres, seit 1998 wird ein Teil der Karten verkauft.[4]

Der Blumenschmuck für das Neujahrskonzert war von 1980 bis 2013 traditionell ein Geschenk der italienischen Stadt Sanremo.[5] 2014 wurden die Blumen erstmals von den Wiener Philharmonikern zur Verfügung gestellt.[6] Der Konzertsaal wird von den Floristen jedes Jahr mit rund 30.000 Blumen dekoriert, 2015 erstmals in Kooperation mit den Wiener Stadtgärten.[7]

2008 wurde erstmals live im Goldenen Saal getanzt, ebenso wieder 2011, wo 15-jährige Eleven (Mädchen und Burschen) der Ballettschule der Wiener Staatsoper auftraten. 2014 haben Kathrin Menzinger und Vadim Garbuzov nach ihrer eigenen Choreographie live im Saal zum Walzer An der schönen blauen Donau getanzt.[8]

Konzert[Bearbeiten]

Während den Rahmen des Musikprogramms immer Werke der Strauss-Dynastie (Johann Vater & Sohn, Josef und Eduard) bilden, werden auch regelmäßig Werke anderer Komponisten, wie Joseph Lanner oder Josef Hellmesberger junior, ins Programm genommen. Zusätzlich finden sich auch Werke musikalischer Jahresregenten im Programm des Neujahrskonzertes.

Der Große Saal

Der Ablauf folgt einem traditionellen Ritual. Nach den beiden Hauptteilen folgen Zugaben. Die zweite Zugabe (traditionell der Konzertwalzer An der schönen blauen Donau, Johann Strauss Sohn, op. 314, 1867) unterbricht das Publikum während der Einleitungstakte mit Beifall. Nun wünscht das Orchester dem (weltweiten) Publikum vereint Prosit Neujahr. (An dieser Stelle konnten am 1. Jänner 2007 Bulgarien und Rumänien als Teil der Europäischen Gemeinschaft von Zubin Mehta begrüßt werden.)

Als abschließende dritte Zugabe wird traditionell der Radetzky-Marsch (Johann Strauss Vater, op. 228, 1848, arr. Leopold Weninger[9]) gespielt. 2005 wurde der Radetzky-Marsch in Gedenken an die Opfer des Erdbebens vom 26. Dezember 2004 in Asien nicht gespielt. Beim Radetzky-Marsch klatscht das Publikum traditionell im Takt nach Dirigat mit. 2014 verzichtete Daniel Barenboim darauf, den vom Orchester gespielten Marsch zu dirigieren, und schüttelte stattdessen jedem Musiker die Hand.

Die Aufnahmen des Konzertes waren von 2001 bis 2015 jedes Jahr auf Platz Eins der österreichischen Album-Charts zu finden.[10]

Fernsehübertragung[Bearbeiten]

Seit 1959 wird das Konzert vom ORF, der staatlichen österreichischen Rundfunkanstalt, nicht nur im Radio, sondern auch live im Fernsehen übertragen. Seit 1969 wird die Fernsehsendung in Farbe ausgestrahlt. Dank Eurovision wird heute in über neunzig Länder übertragen.[11]

Als Untermalung der Fernsehübertragung werden bei manchen Werken thematisch zugehörige Bilder, Filmsequenzen oder Balletteinlagen (seit 1987 auch live getanzt) wie etwa aus dem Schloss Schönbrunn für die Fernsehzuschauenden eingeblendet. Getanzt wird vom Wiener Staatsballett (entstanden aus der Fusion der früher abwechselnd auftretenden Ballettensembles von Wiener Staatsoper und Volksoper), dem Ballett der Bayerischen Staatsoper sowie von internationalen Gaststars.

Seit 1992 wird ein 25-minütiger Pausenfilm gezeigt, welcher speziell für das Neujahrskonzert gedreht wird.[12] Dieser wurde bislang von Regisseuren wie Felix Breisach, Georg Riha, Hannes Rossacher, Werner Boote, Patrick Pleisnitzer, Gernot Friedel und Anton Reitzenstein in Szene gesetzt, mit dem Anliegen Österreich mit seinen Kulturschätzen und Naturgütern zu präsentieren. Der Film muss ohne Worte verständlich sein, da auch dieser weltweit gesehen wird.[13]

Die Bildregie führte von 1991 bis 2009 und im Jahre 2011 der englische Regisseur Brian Large. 2010 und 2012 wurde diese Aufgabe von Karina Fibich übernommen, 2014 und 2015 von Michael Beyer.[12][14]

Seit 2008 wird das Konzert für die österreichischen TV-Zuschauer von Barbara Rett kommentiert, die damit die Nachfolge von Ernst Grissemann antrat, der das Konzert zuvor 25 Jahre lang als Kommentator begleitet hatte.[15] Weitere Neuerungen waren 2010, dass der ORF erstmals in HDTV und im Internet als Live Stream übertrug.[16]

Das Neujahrskonzert 2015 wurde in 92 Länder der Welt übertragen und von mehr als 50 Millionen TV-Zuschauern verfolgt.[17]

Die Dirigenten der Neujahrskonzerte[Bearbeiten]

Mariss Jansons Zubin Mehta Daniel Barenboim Franz Welser-Möst Mariss Jansons Franz Welser-Möst Georges Prêtre Daniel Barenboim Georges Prêtre Zubin Mehta Mariss Jansons Lorin Maazel Riccardo Muti Nikolaus Harnoncourt Seiji Ozawa Nikolaus Harnoncourt Riccardo Muti Lorin Maazel Zubin Mehta Riccardo Muti Lorin Maazel Zubin Mehta Lorin Maazel Riccardo Muti Carlos Kleiber Claudio Abbado Zubin Mehta Carlos Kleiber Claudio Abbado Herbert von Karajan Lorin Maazel Willi Boskovsky Clemens Krauss Josef Krips Clemens Krauss Clemens Krauss
Claudio Abbado (1933–2014) 1988, 1991
Daniel Barenboim (* 1942) 2009, 2014
Willi Boskovsky (1909–1991) 1955–1979
Nikolaus Harnoncourt (* 1929) 2001, 2003
Mariss Jansons (* 1943) 2006, 2012, geplant 2016
Herbert von Karajan (1908–1989) 1987
Carlos Kleiber (1930–2004) 1989, 1992
Clemens Krauss (1893–1954) 1939, 1941–1945, 1948–1954
Josef Krips (1902–1974) 1946, 1947
Lorin Maazel (1930–2014) 1980–1986, 1994, 1996, 1999, 2005
Zubin Mehta (* 1936) 1990, 1995, 1998, 2007, 2015
Riccardo Muti (* 1941) 1993, 1997, 2000, 2004
Seiji Ozawa (* 1935) 2002
Georges Prêtre (* 1924) 2008, 2010
Franz Welser-Möst (* 1960) 2011, 2013

Weitere Neujahrskonzerte in Wien[Bearbeiten]

Traditionell wird am 30. und 31. Dezember und am 1. Jänner auch die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven von den Wiener Symphonikern im Wiener Konzerthaus aufgeführt.

Das Wiener Hofburg Orchester veranstaltet am 31. Dezember und 1. Jänner in den prunkvollen Sälen der Wiener Hofburg seine traditionellen Silvester- und Neujahrskonzerte. Das Programm setzt sich aus den bekanntesten Melodien der Walzer- und Operettenmusik von Johann Strauss (Sohn), Emmerich Kálmán, Franz Lehár und Opernarien von Wolfgang Amadeus Mozart zusammen.

Parallel zu den Konzerten der Wiener Philharmoniker gab es früher auch am Abend des 31. Dezember und 1. Jänner das Neujahrskonzert des Vienna Art Orchestra (1977–2010) unter dem Titel „All that Strauss“ im Wiener Club „Porgy & Bess“.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tageszeitung Wiener Neueste Nachrichten, 22. Dezember 1939, S. 4, Rubrik Von Tag zu Tag
  2. Wiener Neueste Nachrichten, 28. Dezember 1939, S. 5, Rubrik Kleiner Kunstspiegel
  3. Tageszeitung Neuigkeits-Welt-Blatt, Wien, 22. Dezember 1940, S. 11, Rubrik Kunst und Kultur
  4. Wiener Philharmoniker: Geschichte des Neujahrskonzerts
  5. Blumenschmuck beim Neujahrskonzert seit 25 Jahren aus San Remo. Rathauskorrespondenz vom 21. Oktober 2005, abgerufen am 5. Jänner 2015.
  6. Neujahrskonzert 2014: Floristen-Team begeisterte mit Frühlingsblumenschmuck. APA-Meldung vom 2. Jänner 2014, abgerufen am 5. Jänner 2015.
  7. Neujahrskonzert 2015: Blumenschmuck von den Wiener Stadtgärten. Pressemeldung der Stadt Wien über APA vom 22. Dezember 2014, abgerufen am 2. Jänner 2015.
  8. "Neujahrskonzert 2014" live im ORF: Michael Beyer setzt Wiener Philharmoniker und Wiener Staatsballett in Szene. APA-Meldung vom 7. Dezember 2013, abgerufen am 5. Jänner 2015.
  9. Jeroen H.C. Tempelman: On the Radetzky March (PDF-Datei; 221 kB), S.5, abgerufen am 19. Januar 2014.
  10. austriancharts.at - Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Abgerufen am 4. März 2015.
  11. Ljubiša Tošić: Daniel Barenboim: „Als man mich einlud, habe ich gezögert“. In: derstandard.at, 27. Dezember 2013, abgerufen am 27. Dezember 2013.
  12. a b orf.at - Vater und Tochter spielen bei Neujahrskonzert. Artikel vom 27. Dezember 2014, abgerufen am 2. Jänner 2015.
  13. "Backstage - Das Neujahrskonzert 2014": Felix Breisachs ORF-Film zur Konzertpause blickt hinter die Kulissen. APA-Meldung vom 19. Dezember 2013, abgerufen am 7. Jänner 2015.
  14. "Neujahrskonzert 2014" live im ORF: Michael Beyer setzt Wiener Philharmoniker und Wiener Staatsballett in Szene. APA-Meldung vom 10. Dezember 2013, abgerufen am 5. Jänner 2015.
  15. Klassisch-elegantes Neujahrskonzert 2008. wien.orf.at, 1. Jänner 2008. Abgerufen am 2. Jänner 2011.
  16. Französisch-italienische Liebeserklärung: "Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker". Neujahrskonzert 2010 „in ORF 2 in HD, auf Ö1 und als Live-Stream“. programm.orf.at, 1. Jänner 2010. Abgerufen am 2. Jänner 2011
  17. Neujahrskonzert 2015 mit Zubin Mehta. Abgerufen am 2. Jänner 2015.