Neukeynesianismus

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Der Neukeynesianismus oder New Keynesian economics ist eine Wirtschaftstheorie, die neoklassische Gleichgewichtsmodelle mit keynesianischen Preis- und Lohnrigiditäten kombiniert. Der Neukeynesianismus ersetzt die herkömmliche neoklassische Synthese durch mikrofundierte Totalmodelle (Neue Neoklassische Synthese). Er betont die Wirksamkeit geldpolitischer Maßnahmen, vor allem in Form der Zinssteuerung.[1]

Der Neukeynesianismus ist in den 1980er Jahren entstanden und gehört mittlerweile zum internationalen makroökonomischen Mainstream.[2] Während die volkswirtschaftliche Debatte in den 1970er Jahren noch von der Kontroverse zwischen Keynesianismus und Monetarismus geprägt war, hat sich der Schwerpunkt seit den 1980er Jahren auf die Debatte zwischen Neukeynesianismus, Neokeynesianismus (der neoklassische Gleichgewichtsmodelle als unrealistisch ablehnt) und die Neue Klassische Makroökonomik (welche die Annahme von Marktunvollkommenheiten ablehnt) verlagert.[3]

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes von 1936 versuchte John Maynard Keynes, die theoretischen und wirtschaftspolitischen Konsequenzen aus der Weltwirtschaftskrise zu ziehen. Das Werk gilt aber selbst unter Ökonomen als schwer verständlich. Mit dem IS-LM-Modell von 1937 lieferte John R. Hicks eine simplifizierende Interpretation der Allgemeinen Theorie. Das IS-LM-Modell wurde (später modifiziert und erweitert) Teil der Neoklassischen Synthese, die wiederum von der großen Mehrheit der Ökonomen dankbar aufgenommen wurde, weil damit einerseits das Versagen der 1930er Jahre abgestreift werden konnte und andererseits die neoklassische Denkwelt erhalten blieb. Der Kompromiss der Neoklassischen Synthese lief darauf hinaus, dass langfristig die Neoklassik gilt, auf kurze Frist aber keynesianische Störungen relevant werden können. Danach führen Märkte mit flexiblen Preisen und Löhnen zu Vollbeschäftigung und einem Pareto-optimalen Zustand. Preis- und Lohnrigiditäten können aber eine notwendige Anpassung be- oder verhindern und so den Abbau von Arbeitslosigkeit blockieren oder inakzeptabel lange hinauszögern. Die Neoklassische Synthese deckt sich nur zum Teil mit den Vorstellungen von Keynes. Sie war jahrzehntelang das absolut dominierende volkswirtschaftliche Gedankengebäude.[4]

In den 1970er Jahren kam das Phänomen der Stagflation auf, die neoklassische Synthese scheiterte daran, das Phänomen der erhöhten Inflation zu erklären. Der Monetarismus stieg zur dominierenden volkswirtschaftlichen Theorie auf,[4] weil er erklären konnte, dass die Geldmenge Einfluss auf die Inflation hat. Der Monetarismus besagt, dass Wirtschaftswachstum und eine moderate Inflation auf stabilem Niveau gehalten werden können, wenn die Geldmenge im richtigen Verhältnis zum nominalen BIP bleibt (Geldmengensteuerung). Zur Geldmengensteuerung ist es aber erforderlich, die Geldumlaufgeschwindigkeit voraussagen zu können. Die Geldumlaufgeschwindigkeit war in der Vergangenheit einem ungefähr linearen Trend gefolgt. Aufgrund von Deregulierungen des Bankensystems, der Einführung von Tagesgeldkonten und Finanzinnovationen kommt es seit den 1980er Jahren jedoch zu unvorhersehbaren und zum Teil extremen Schwankungen der Geldumlaufgeschwindigkeit. Damit schwand ein klarer Zusammenhang zwischen Geldmenge und nominalem BIP. Dies stellte die Nützlichkeit der Geldmengensteuerung in Frage, viele Ökonomen wandten sich vom Monetarismus ab.[5] In den 1980er Jahren wurde die Neue Klassische Makroökonomik kurzfristig dominant. Mit der Theorie rationaler Erwartungen, die in mikroökonomischer Ausprägung auch effiziente Finanzmärkte postuliert, ist sie noch marktfundamentaler als der Monetarismus.[6] Ihr Begründer Robert E. Lucas erklärte den Keynesianismus 1980 für tot:

“one cannot find good under-forty economists who identify themselves or their work as keynesian. Indeed, people even take offence of referred to as Keynesians. At research seminars, people don´t take Keynesian theorising seriously any more; the audiance starts to whisper and giggle at one another.”

„man findet keinen guten Ökonom unter vierzig, der sich oder sein Werk als keynesianisch bezeichnet. In der Tat stören sich die Menschen sogar daran, wenn sie als Keynesianer bezeichnet werden. In Seminaren wird keynesianische Theorie nicht mehr ernst genommen; die Zuhörer fangen an zu flüstern und zu kichern.“

Genau zu diesem Zeitpunkt begannen die Neukeynesianer ihre Forschungsarbeit. Die Phillips-Kurve wurde um Inflationserwartungen erweitert zur Neukeynesianischen Phillips-Kurve. Anstelle der Totalmodelle der Neoklassischen Synthese wurden mikrofundierte Totalmodelle entwickelt.[1] Dass der Neukeynesianismus heute die nordamerikanische Makroökonomie dominiert, liegt zum einen daran, dass sich gegen die Theorien der Neuen Klassischen Makroökonomik und des Monetarismus immer mehr konträre empirische Evidenz sammelte und andererseits die Neukeynesianischen Modelle besser als andere Modelle die stilisierten Fakten des Konjunkturverlaufs erklären.[7]

Grundmodell und Geldpolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Grundmodell des Neukeynesianismus ist sowohl nachfrage- als auch angebotsseitig durch rationale Zukunftserwartungen gekennzeichnet. Die Nachfrageseite wird durch eine dynamische IS-Gleichung auf Basis der Euler-Gleichung des Konsums beschrieben. Die Angebotsseite wird durch die von der zukünftig erwarteten Inflationsrate abhängige Neukeynesianische Phillips-Kurve beschrieben.

Im Unterschied zu traditionellen keynesianischen Totalmodellen folgt der Neukeynesianismus der Taylor-Regel. Da der Nominalzins bereits in der IS-Gleichung berücksichtigt ist, ist eine eigenständige Geldmarktgleichung (LM-Funktion) nicht erforderlich.[8]

Für die Geldpolitik folgt daraus, dass der Neukeynesianismus (anders als klassischer Keynesianismus und Monetarismus) keine Geldmengensteuerung, sondern eine regelgebundene Zinssteuerung entsprechend der Taylor-Regel empfiehlt.

Mikrofundierung von Preisträgheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Neukeynesianismus beruht auf DSGE-Modellen, unterscheidet sich aber fundamental von der Neuen Klassischen Makroökonomik. Die Modelle der Real-Business-Cycle-Theorie (Neue Klassische Makroökonomik) sind aufgrund der unrealistischen Annahme perfekten Wettbewerbs nicht in der Lage die stilisierten Fakten von Inflation, Arbeitslosigkeit und Output zu erklären.[9] Deshalb berücksichtigen neukeynesianische Modelle, dass Unternehmen ihre Preise nicht sofort und vollständig an veränderte Marktsituationen anpassen (sticky prices) und auch Löhne nicht kurzfristig auf Veränderungen am Arbeitsmarkt reagieren (sticky wages). Im klassischen Keynesianismus werden Lohnstarrheiten z. B. mit Nominallohnillusion der Arbeitnehmer begründet. Robert E. Lucas hatte diese Annahmen dafür kritisiert, dass es sich nur um ad hoc Annahme über das Verhalten von Menschen handele, die nicht methodisch unterfüttert sei. Die u. a. von Lucas begründete Neue Klassische Makroökonomik geht von rationalen Erwartungen der Marktteilnehmer aus und kommt zu dem Schluss, dass vollkommene Preis- und Lohnflexibilität bestehe, so dass Konjunkturschwankungen nur exogene Gründe haben könnten und es unfreiwillige Arbeitslosigkeit nicht geben könne. Der Neukeynesianismus geht zwar ebenfalls von rationalen Erwartungen aus, präsentiert aber verschiedene rationale Ursachen dafür, dass es trotzdem Preisträgheit gibt:[1][2]

  • Löhne werden oftmals für einen längeren Zeithorizont fest vereinbart
  • Konsumgewohnheiten ändern sich nur träge
  • Informationen sind teuer und mühsam zu beschaffen
  • Unternehmensinvestitionen verursachen Anpassungskosten
  • Preisänderungen verursachen Anpassungskosten (Speisekarteneffekt)
  • aufgrund von vertraglichen Bindungen wie z. B. Lieferverträgen oder Tarifabkommen erfolgen Preisanpassungen nur zeitlich versetzt (gestaffelte Preissetzung)
  • Hysterese (Wirtschaftswissenschaft)
  • Koordinationsversagen[10]

Im Gegensatz zur Neoklassischen Theorie wird nicht von einem Vollkommenen Markt ausgegangen, den es in der Realität nur selten gibt, sondern von monopolistischer Konkurrenz.

Weiteres Marktversagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als weiteres Marktversagen werden in Neukeynesianischen Modellen bisweilen berücksichtigt:

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Neuer Keynesianismus In: Gabler Wirtschaftslexikon.
  2. a b Was ist der Neo-Keynesianismus? In: Handelsblatt. 11. März 2008.
  3. Gabler Wirtschaftslexikon, Neue Klassische Makroökonomik
  4. a b Michael Heine, Hansjörg Herr: Volkswirtschaftslehre: Paradigmenorientierte Einführung in die Mikro- und Makroökonomie. Oldenbourg Verlag, 2012, ISBN 978-3-486-71523-1, S. 507–508.
  5. Internationaler Währungsfonds, Sarwat Jahan and Chris Papageorgiou What Is Monetarism?, Finance & Development, Vol. 51, No. 1, März 2014.
  6. Michael Heine, Hansjörg Herr, Volkswirtschaftslehre: Paradigmenorientierte Einführung in die Mikro- und Makroökonomie. Oldenbourg Verlag, 2012, ISBN 978-3-486-71523-1, S. 508.
  7. Lothar Funk, Eckgard Knappe: Der Beitrag des Neukeynesianismus zur Erklärung der Arbeitslosigkeit in Europa. in: Hamburger Jahrbuch für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. 41. Jahr, Mohr Siebeck, ISBN 978-3-16-146651-9, S. 45.
  8. Springer Gabler Verlag, Gabler Wirtschaftslexikon, Neukeynesianische Makroökonomik, dynamisches Grundmodell
  9. Peter Flaschel, Gangolf Groh, Hans-Martin Krolzig, Christian Proaño, Keynesianische Makroökonomik: Zins, Beschäftigung, Inflation und Wachstum, Springer-Verlag, 2012, ISBN 978-3-642-27424-4, S. 390
  10. Russell Cooper, John, Andrew: Coordinating coordination failures in Keynesian models. In: The Quarterly Journal of Economics, Vol. 103, No. 3 (Hrsg.): Quarterly Journal of Economics. 103, Nr. 3, 1988, S. 441–463. JSTOR 1885539 1885539. doi:10.2307/1885539.
  11. Ben Bernanke, Gertler, Mark: Agency Costs, Net Worth, and Business Fluctuations. In: The American Economic Review, Vol. 79, No. 1 (Hrsg.): American Economic Review. 79, Nr. 1, 1989, S. 14–31. JSTOR 1804770 1804770.
  12. Nobuhiro Kiyotaki, Moore, John H.: Credit cycles. In: Journal of Political Economy. 105, Nr. 2, 1997, S. 211–248. doi:10.1086/262072.
  13. Carl Shapiro, Stiglitz, Joseph: Equilibrium unemployment as a worker discipline device. In: The American Economic Review, Vol. 74, No. 3 (Hrsg.): Quarterly Journal of Economics. 74, Nr. 3, 1984, S. 433–444. JSTOR 1804018 1804018.
  14. Olivier Blanchard, Jordi Galí: A New Keynesian model with unemployment. In: Center for Financial Studies, Goethe University, Frankfurt (Hrsg.): CFS working paper 2007/08. 2007.