Neupfarrplatz

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Neupfarrplatz mit Neupfarrkirche

Der Neupfarrplatz liegt im Zentrum der Regensburger Altstadt.

Im Mittelalter befand sich an der Stelle des Platzes das Regensburger Judenviertel. Seit 981 n. Chr. gibt es Belege einer jüdischen Gemeinde in Regensburg. Man geht heute von 39 Häusern aus, darunter einige öffentliche Gebäude, wie etwa die Synagoge. Die Judengemeinde hatte eine eigene Verwaltung, ein Siegel und eigene Richter. Religiöser Judenhass, konstruierte Ritualmordbeschuldigungen, wirtschaftliche Interessen der Einwohner, Kaufleute und Handwerker führten in Regensburg in der Wendezeit vom 15. zum 16. Jahrhundert zur Forderung an den Kaiser, die Juden ausweisen zu dürfen. Kaiser Maximilian I., der gegen Bezahlung durch die Juden als deren Schutzherr fungierte, lehnte den Wunsch der Stadt ab, weil seine finanziellen Interessen hinsichtlich der von ihm erwarteten Ablösungssumme nicht abgesichert waren. Der Rat der Stadt blieb in den Folgejahren bei der Forderung nach Ausweisung der Juden und der Regensburger Domprediger Balthasar Hubmaier heizte die Stimmung gegen die Juden maßgeblich an. Als der Kaiser 1519 starb, nutzte der Rat der Stadt die Gunst der Stunde und es kam in einer geplanten, den kaiserlichen Reichshauptmann Thomas Fuchs von Wallburg angeblich überraschenden Aktion zur Vertreibung der jüdischen Gemeinde(damals ca. 500 Bürger), zum Abbruch der Synagoge und der übrigen Gebäude des Viertels.[1][2]

Löschenkohl-Palais, ehem. kurpfälzische Gesandtschaft
Fassade der Alten Wache
Neupfarrplatz im Jahr 1893 Ausschnitt Nordwest

In der Mitte des Platzes steht die Neupfarrkirche von 1540. Der Renaissancebau wurde ursprünglich als katholische Wallfahrtskirche errichtet. Die judenfeindlich geprägte Marien-Wallfahrt entstand unmittelbar nach der Zerstörung des jüdischen Viertels. In der später entstandenen Legende von der wundertätigen Maria wurde sie auf ein angebliches Wunder während der Zerstörung der ehemaligen Synagoge auf dem Platz zurückgeführt. Wenige Jahre nach ihrer Errichtung trat der Rat der Stadt 1542 zur evangelischen Konfession über und die Kirche wurde zur ersten evangelischen Pfarrkirche.

Auf der Südseite des Platzes befindet sich das Palais Löschenkohl (Neupfarrplatz 14), das der Regensburger Bankier Hieronymus Löschenkohl 1733 nach Plänen von Johann Michael Prunner im Rokoko-Stil errichten ließ. Nach dem Konkurs des Geschäfts 1743 war hier bis 1806 die kursächsische Gesandtschaft beim Immerwährenden Reichstag untergebracht, später ein Kaufhaus und ein Kino. Heute befindet sich hier eine Niederlassung der Commerzbank.

Von den Nationalsozialisten 1939/40 angelegte Luftschutzbunker und eine Löschwasserzisterne beschädigten die Fundamente des Judenghettos. An der Ostseite des Platzes wurden in den 1970er Jahren zahlreiche Häuser zugunsten eines umstrittenen Kaufhausneubaues abgebrochen. Teile der Fassade der ehemaligen Hauptwache, 1818 nach Plänen von Michael Dobmayr - nicht, wie häufig angenommen, von Emanuel Herigoyen[3] - errichtet, wurden in das Kaufhaus integriert. In den 90er Jahren wurde der Platz verkehrsberuhigt und umgestaltet.

Bei Bauarbeiten zur Neugestaltung des Platzes wurden 1995 westlich der Neupfarrkirche die Mauerreste der 1519 zerstörten gotischen Synagoge und eines romanischen Vorgängerbaus aus dem 11. oder 12. Jahrhundert gefunden. Vorher war die Synagoge direkt unter der Neupfarrkirche vermutet worden. Von Albrecht Altdorfer gibt es zwei detailgetreue Radierungen der Synagoge, die die Identifizierung erleichterten. Bei den Ausgrabungen in den Folgejahren wurden große Teile der mittelalterlichen Kelleranlagen des Judenviertels freigelegt und unter anderem ein Goldschatz aus dem 14. Jahrhundert mit 624 Goldmünzen und ein Fingerring mit dem Siegel der jüdischen Gemeinde gefunden. Der Goldschatz ist heute im Historischen Museum zu sehen. Die kommunalpolitischen Auseinandersetzungen um die Ausgrabungen riefen starkes bürgerschaftliches Engagement hervor, was sich auf den Umfang und die Art der Ausgrabungen (1995–97) auswirkte.[4] Das von den Regensburger Architekten Lydia Lehner und Franz Robold konzipierte Informationszentrum document Neupfarrplatz stellt heute multimedial die 2000-jährige Geschichte des Platzes dar. In den unterirdischen Schauräumen sind Mauern des römischen Legionslagers, drei Keller des mittelalterlichen Judenviertels, Fundamente der Neupfarrkirche und Teile eines 1940 erbauten Ringbunkers zu sehen. Ein Dokumentarfilm führt den Besucher virtuell durch die Zeiten. Der israelische Künstler Dani Karavan machte den Grundriss der Synagoge durch ein am 13. Juli 2005 eingeweihtes begehbares Bodenrelief aus weißem Beton sichtbar.

Bodenrelief der Synagoge

Der Brunnen am Platz mit kaiserlichem Doppeladler, Stadt- und Reichswappen stammt aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, der obeliskartige Brunnenpfeiler und das Gitter von 1730.

Der Platz war das Geschäftszentrum der Stadt. Zahlreiche historische Ereignisse fanden hier statt. 1796 ereignete sich hier eine Soldatenrevolte, die sich zu einem allgemeinen Bürgeraufstand auszuweiten drohte. 1919 wurde hier die Räterepublik ausgerufen, 1933 war der Platz Schauplatz der Bücherverbrennung.
Im Herbst 1942 verhaftete die Gestapo über 40 Personen und warf ihnen staatsfeindliches Verhalten vor, das hauptsächlich aus dem angeblichen Empfangen von ausländischen Rundfunksendern und dem Austausch von dabei gewonnenen Informationen bestand. Da sich die Verfolgten, die von KPD, über BVP bis NSDAP allen politischen Lagern angehörten, in loser Folge auf dem Regensburger Neupfarrplatz trafen, gab ihnen die Gestapo den Namen „Neupfarrplatz-Gruppe“. Die Taten der Festgenommenen wurden im Abschlussbericht der Staatspolizei als zersetzende Mundpropanda bewertet, die „viele deutsche Volksgenossen in ihrer Siegeszuversicht ganz erheblich geschwächt“ habe.[5] Zwei der Angeklagten, Josef Bollwein und Johann Kellner, wurden vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet. Sechs weitere Personen kamen im KZ Flossenbürg teilweise unter ungeklärten Umständen zu Tode.[6] Aufgrund der erhaltenen Aussagen der Inhaftierten und ihrer nicht durchdachten bzw. entwickelten politischen Positionen kann man nicht von einem antifaschistischen Volksfrontbündnis sprechen, sondern von einer emotional-weltanschaulichen Opposition.[7]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Tobias Beck: Kaiser und Reichsstadt am Beginn der Frühen Neuzeit, Verlag Stadtarchiv Regensburg 2011, S. 116–122.
  2. Peter Herde, Regensburg (Ortschaftsartikel), in: Germania Judaica (GJ) Band III, 2. Teilband, hg. von Arye Maimon, Mordechai Breuer u. a., Tübingen 1995, S. 1178 – 1229, hier 1202.
  3. Anke Borgmeyer, Achim Hubel, Andreas Tillmann, Angelika Wellnhofer: Stadt Regensburg, Denkmäler in Bayern Band III.37, Regensburg 1997, S. 404
  4. Herbert E. Brekle (1997), S. 6–7
  5. Helmut Halter: Stadt unterm Hakenkreuz, Universitätsverlag Regensburg, 1994, S. 215.
  6. Helmut Halter: Stadt unterm Hakenkreuz, S. 215.
  7. Hartmut Mehringer: Die KPD in Bayern 1919-1945, in: Martin Brozat, u. a. (Hg.): Bayern in der NS-Zeit: Die Parteien KPD, SPD, BVP in Verfolgung und Widerstand, Oldenbourg Verlag, 1983, S. 269.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Herbert E. Brekle: Das Regensburger Ghetto. Foto-Impressionen von den Ausgrabungen, MZ Buchverlag, Regensburg 1997, ISBN 978-3-931904-17-3
  • Martin Dallmeier, Hermann Hage, Hermann Reidel (Hrsg.): Der Neupfarrplatz. Brennpunkt – Zeugnis – Denkmal. Beiträge des Regensburger Herbstsymposions zur Kunstgeschichte und Denkmalpflege vom 18. bis 21. November 1999. Regensburg 2002. ISBN 3-9806296-3-5

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Neupfarrplatz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 49° 1′ 6,8″ N, 12° 5′ 46,2″ O