Neutralisierung (Kriminologie)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Neutralisierung bezeichnet in der Kriminologie die kognitiven Strategien zur Überwindung innerer Hemmungen gegenüber der Begehung von Straftaten. Das Prinzip wird auch Theorie der Neutralisationstechnik(en) genannt.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff geht auf das lateinische Wort neutral zurück und bedeutet so viel wie Ausgleich von entgegengesetzten Kräften und Spannungen. Das Verb neutralisieren steht für unwirksam machen, ausgleichen und für neutral erklären. Die kriminologische Verwendung des Begriffs stammt von den US-amerikanischen Kriminologen Gresham M. Sykes und David Matza (1957).

Sykes und Matza wandten sich damit gegen die Annahme der Subkulturtheorie, nach der jugendliche Delinquenten abweichenden Gruppennormen folgen. Sie unterstellten allgemein akzeptierte Normen und erklärten mit ihrer Neutralisierungs-Theorie das Paradoxon, nach dem Jugendliche die geltenden Normen zwar für gültig halten, sie aber dennoch brechen. Um eine Straftat trotz ihres Widerspruchs zu akzeptierten Normen zu ermöglichen (Neutralisation) und sie im Nachhinein zu rechtfertigen (Rationalisierung), müssen die Täter unterschiedliche Neutralisierungstechniken ausbilden bzw. erlernen.

Neutralisierungstechniken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sykes und Matza fanden fünf Neutralisierungstechniken, die jeweils einzeln oder in Kombination angewendet werden. Vielfach wird auch von "Neutralisationstechniken" gesprochen.

Leugnung der Verantwortung (Denial of Responsibility)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das delinquente Handeln wird auf Ursachen zurückgeführt, die vom Straftäter nicht beeinflusst werden können. Folglich ist er für sein Tun nicht verantwortlich und begründet es mit beispielsweise dem Einfluss falscher Freunde oder dem einer ungünstigen Wohngegend.

Leugnung des Unrechts (Denial of Injury)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das delinquente Verhalten wird zwar als normverletzend erkannt, aber nicht als unmoralisch gewertet. Der Täter beruft sich darauf, dass er weder einen großen Schaden angerichtet habe noch jemanden konkret geschädigt (etwa bei Verkehrsdelikten, Sachbeschädigung oder Versicherungsbetrug).

Abwertung des Opfers (Denial of Victim)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Täter macht sich zum moralisch überlegenen Bestrafer. Er übernimmt zwar die Verantwortung für sein Delikt, würdigt aber das Tatopfer herab (s. Opfer-Abwertung). Das Opfer wird zum Übeltäter ernannt, zu einer Person, die genau diese Behandlung verdient hatte (geschieht häufig gegenüber Sexualstraftätern im Strafvollzug).

Verdammung der Verdammenden (Condemnation of the Condemners)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Delinquent verschiebt die Aufmerksamkeit von sich und seiner Straftat auf diejenigen, die seine Tat verurteilen und unterstellt ihnen verwerfliche Motive (wie etwa persönliche Abneigung gegen den Täter oder die Bevölkerungsgruppe aus der dieser stammt).

Berufung auf höhere Instanzen (Appeal to Higher Loyalties)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Straftäter beruft sich darauf, nicht aus Eigeninteresse gehandelt zu haben, sondern für die bedeutenden Belange einer wichtigen Gruppe (gilt auch für politisch motivierte Straftaten).

Anwendungsbereiche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sykes und Matza wollten mit ihrer Theorie ausschließlich Jugendkriminalität erklären, doch sie greift auch bei anderen Bereichen aberranten Verhaltens.

Karl-Dieter Opp generalisierte 1974 die Neutralisierungstheorie generell auf Handlungen, die von sozialen Normen abweichen. Auch greift die allgemeine Kriminologie diesen Ansatz auf. Einen hohen Erklärungswert hat die Neutralisierungsthese im Bereich der Wirtschaftskriminalität. Beispielhaft dafür ist Hefendehls Studie über Josef Ackermann (Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank). Auch auf die Analyse des Verhaltens von Politikern wurde die Neutralisierungstheorie angewandt. Axel Montenbruck verbindet die Neutralisierungstechniken mit den Experimenten von Milgram und Zimbardo, um damit die gehorsame Unterwerfung unter höchste Ideen und die Entmenschlichung im Kriege zu erklären.[1]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Axel Montenbruck: Zivilreligion. Eine Rechtsphilosophie III. Überbau: Demokratischer Humanismus, sozialreale Dehumanisierung, Auflösung zum synthetischen Pragmatismus der „Mittelwelt“. Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin, 2010. (open access), S. 135 ff in Verbindung mit S. 128 ff.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • G. M. Sykes, D. Matza: Techniques of neutralization: a theory of delinquency, in: American Sociological Review, 22. Jahrgang, Nr. 6, 1957, S. 664–670. JSTOR 2089195
    • Techniken der Neutralisierung. Eine Theorie der Delinquenz. In: F. Sack und R. König (Hrsg.), Kriminalsoziologie (S. 360–371). Frankfurt am Main, Akademische Verlagsgesellschaft, 1968.

sowie