Neuweltammern

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Neuweltammern
Fuchsammer (Passerella iliaca)

Fuchsammer (Passerella iliaca)

Systematik
Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
Klasse: Vögel (Aves)
Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeri)
Familie: Neuweltammern
Wissenschaftlicher Name
Passerellidae
Cabanis & Heine, 1850

Die Neuweltammern (Passerellidae) sind eine Familie von Sperlingsvögeln. Sie gehörten längere Zeit zur Familie der Ammern (Emberizidae), sie werden jedoch gegenwärtig aufgrund phylogenetischer Unterschiede als eigenständige Familie aufgefasst. Die Familie umfasst 30 Gattungen mit 145 Arten, die in Nord-, Mittel- und Südamerika sowie in der Karibik verbreitet sind.

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Neuweltammern gehören zu den Singvögeln mit neun sichtbaren Handschwingenfedern. Die Gefiederfärbung wird von braunen, weißen, olivfarbenen, schwarzen und gelben Anteilen dominiert. Die Körperlänge variiert von Norden nach Süden. Während in Nordamerika die kleineren Arten vorkommen, sind die größten Arten in Mittel- und Südamerika verbreitet. Auch die Gefiederfärbung unterscheidet sich im nördlichen und südlichen Verbreitungsgebiet. Im Norden sind die Vögel eher bräunlich, gestrichelt und haben Kopfmuster. In südlichen Breitengraden, wo sie das dichte Unterholz bewohnen, sind sie weniger gestrichelt. Bei ihnen kontrastieren größere olivfarbene, rötlichbraune, schwarze und graue Bereiche. Einige Arten sind breit gemustert, aber die meisten sind ziemlich dunkel. Die mittellangen Flügel sind gerundet. Der Schwanz ist kurz bis mittellang. Der Körper ist klein bis mittellang, zylindrisch eiförmig und kompakt. Der konische Schnabel ist meist kurz. Der Kopf ist mittelgroß bis groß. Der Hals ist dick bis mittellang. Die Beine sind mittellang. Die Füße sind mittellang bis lang. Die Geschlechter sehen allgemein gleich aus.

Lebensraum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neuweltammern bewohnen die vielfältigsten Habitate, darunter Torfmoore, die Tundra, tropische Tiefland- und Bergregenwälder, Sumpfgebiete, Grasland, Buschland sowie Savannen.

Nahrungsverhalten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Neuweltammern in den gemäßigten Zonen ernähren sich von einer Vielfalt von Wirbellosen, Früchten und Samen. Letzteres dominiert die Nahrungsaufnahme besonders außerhalb der Brutsaison. Das Mengenverhältnis zwischen pflanzlicher und tierischer Kost variiert von Art zu Art. Über die Nahrungspräferenzen der tropischen Arten sind nur wenige Daten vorhanden, sie dürften sich jedoch kaum von den Arten aus den gemäßigten Zonen unterscheiden.

Fortpflanzungsverhalten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Neuweltammern sind im Allgemeinen monogam. Bei einigen Arten aus Sumpfgebieten kann es jedoch auch zu häufigen Partnerwechseln kommen. Beide Eltern kümmern sich um die Jungenaufzucht. Das offene, napfförmige Nest wird aus Gras, Zweigen und anderem Material errichtet. Die Nester werden in Bäumen, Sträuchern oder auf dem Boden platziert. Einige Arten, darunter die Kiefernammer (Peucaea aestivalis) und die Taxa der Gattung Arremon, errichten kuppelförmige Nester. Die Weibchen legen gewöhnlich ein bis sieben Eier. Bei den meisten Neuweltammern kümmert sich allein das Weibchen um den Nestbau und die Bebrütung der Eier. Beide Eltern kümmern sich um die Nahrungsbeschaffung und die Nestverteidigung gegenüber Beutegreifern oder Rivalen. Die Brutzeit beträgt 12 bis 15 Tage und die Nestlingsperiode ungefähr sieben bis 15 Tage. Nachdem die Jungen flügge sind, bleiben sie noch ungefähr einen Monat bei den Eltern.

Systematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schwirrammer (Spizella passerina)
Schwarzkehlammer (Amphispiza bilineata)
Rainammer (Chondestes grammicus)
Kiefernammer (Peucaea aestivalis)
Olivrückenammer (Arremonops rufivirgatus)
Gelbkehl-Grünammer (Chlorospingus flavigularis)
Goldschnabel-Buschammer (Arremon aurantiirostris)
Halsband-Grundammer (Pipilo ocai)
Rotkappen-Buschammer (Atlapetes pileatus)
Schwarzkinn-Grundammer (Melozone aberti)

1850 führten Jean Louis Cabanis und Ferdinand Heine die Unterfamilie Passerellinae ein.[1] Sie galt als Teil der Familie der Finken (Fringillidae) und erhielt den Trivialnamen Ammerfinken. Zur Unterfamilie Passerellinae gehörten die Gattungen Passerculus, Passerella (mit der namensgebenden Typusart Passerella iliaca SWAINSON 1837), Zonotrichia, Ammodramus, Peucaea, Haemophila (gegenwärtiges Synonym: Aimophila), Coturniculus (gegenwärtiges Synonym: Ammodramus), Euspina (gegenwärtiges Synonym: Spiza aus der Familie der Kardinäle), Spinites (gegenwärtiges Synonym: Spizella), Niphaea (gegenwärtiges Synonym: Junco), Phrygilus (gehört gegenwärtig zur Familie der Tangaren), Rhopospina (gehört gegenwärtig zur Familie der Tangaren) und Hedyglossa (gegenwärtiges Synonym Diuca aus der Familie der Tangaren). In derselben Publikation[2] wurden einige Gattungen, die gegenwärtig der Familie Passerellidae zugeordnet werden, in die Unterfamilie Pitylinae (Ruderfinken) eingegliedert. Hierzu gehören die Gattungen Chlorospingus, Pipilo, Atlapetes, Arremon und Buarremon (gegenwärtig ein Synonym für Arremon).

Traditionell galten die Neuweltammern als Teil der Familie Emberizidae (gegenwärtig Altweltammern) sensu lato. Mehrere phylogenetische Studien[3][4][5][6][7][8] kamen jedoch zu dem Ergebnis, dass beide Gruppen unterschiedliche Kladen bilden, wobei als nächste Verwandte der Neuweltammern die Familien der Waldsänger (Parulidae) und der Stärlinge (Icteridae) sowie kleinere Familien, die in der Karibik endemisch sind, betrachtet werden. Die Neuweltammern werden in acht Kladen eingeteilt: Klade I umfasst die Gattung Melospiza, die Kladen II bis III die Gattungen Melozone, Atlapetes und Pipilo und die Kladen IV bis VIII die Gattungen Zonotrichia und Junco. Alle andere Arten, die sich an der Wurzel des Stammbaumes verzweigen, das heißt eine Polytomie bilden, gehören zu den Gattungen Arremon, Spizella, Amphispiza, Chondestes, Calamospiza, Peucaea, Arremonops, Ammodramus und Rhynchospiza. Die beiden Gattungen Oreothraupis und Chlorospingus, die ursprünglich zu den Tangaren gehörten, zählen gegenwärtig ebenfalls zu den Neuweltammern.

Von den ornithologischen Checklistenkomitees werden die Neuweltammern zunehmend als eigenständige Familie akzeptiert, darunter von Dickinson & Christides (The Howard and Moore Complete Checklist of the Birds of the World, Vol. 4, Passerines, 2014), Winkler et al. (Bird Families of the World, 2015), dem Handbook of the Birds of the World (del Hoyo et al., inklusive Birdlife International und der IUCN, 2016), der American Ornithological Society[9] (ehemals American Ornithologists’ Union, 2017), dem International Ornithological Congress (2017)[10] und ebird/Clements (2017).

Das Handbook of the Birds of the World (2017) unterscheidet folgende Gattungen und Arten:

  • Chondestes (1 Art)
  • Torreornis (1 Art)
  • Pooecetes (1 Art)

Status[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die IUCN listet eine Art (Pipilo naufragus) als ausgestorben (extinct), eine Art (Atlapetes blancae) als vom Aussterben bedroht (critically endangered), acht Arten als stark gefährdet (endangered), fünf Arten als gefährdet (vulnerable) und zwölf Arten auf der Vorwarnliste (near threatened). Die übrigen Arten sind nicht gefährdet. Ferner gelten vier Unterarten, die Santa-Barbara-Singammer (Melospiza melodia graminea), die Schwarze Strandammer (Ammospiza maritima nigrescens), die Guadalupe-Fleckengrundammer (Pipilo maculatus consobrinus) und die Todos-Santos-Rostscheitelammer (Aimophila ruficeps sanctorum), als ausgestorben. Als Hauptgefährdung gilt Lebensraumverlust.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ferdinand Heine & Jean Cabanis: Museum Heineanum. Verzeichnis der ornithologischen Sammlung des Oberamtmann Ferdinand Heine, auf Gut St. Burchard vor Halberstadt. – Mit kritischen Anmerkungen und Beschreibung der neuen Arten, systematisch bearbeitet von Dr. Jean Cabanis, erstem Kustos der Königlichen zoologischen Sammlung zu Berlin. 1. Theil, die Singvögel enthaltend, Halberstadt, 1850–1851, S. 131–153
  • Clive Byers, Urban Olsson, Jon Curson: Buntings and Sparrows – A Guide to the Buntings and North American Sparrows. Pica Press, 1995, ISBN 978-1-4081-8906-1
  • T. Yuri, D. P. Mindell: Molecular phylogenetic analysis of Fringillidae, "New World nine-primaried oscines" (Aves: Passeriformes). In: Molecular Phylogenetics and Evolution 23, 2002: 229–243.
  • John Klicka, Robert M. Zink, K. Winker: Longspurs and snow buntings: phylogeny and biogeography of a high-latitude clade (Calcarius), Molecular Phylogenetics and Evolution, Volume 26, Issue 2, 2003, S. 165–175
  • Per Alström, Urban Olsson, Fumin Lei, Hai-tao Wang, Wei Gao, Per Sundberg: Phylogeny and classification of the Old World Emberizini (Aves, Passeriformes). Molecular Phylogenetics and Evolution 47, 2008: S. 960–973
  • Jeffrey M. DaCosta, Garth M. Spellman, Patricia Escalante, John Klicka: A molecular systematic revision of two historically problematic songbird clades: Aimophila and Pipilo Journal of Avian Biology 40 (2), 2009, S. 206–216
  • F. K. Barker, K. J. Burns, J. Klicka, S. M. Lanyon, I. J. Lovette: Going to Extremes: Contrasting Rates of Diversification in a Recent Radiation of New World Passerine Birds. In: Systematic Bioloogy. 62 (2), 2013, S. 298–320
  • John Klicka, F. Keith Barker, Kevin J. Burns, Scott M. Lanyon, Irby J. Lovette, Jaime A. Chaves, Robert W. Bryson, Jr.: A comprehensive multilocus assessment of sparrow (Aves: Passerellidae) relationships In: Molecular Phylogenetics and Evolution 77, 2014, S. 177–182
  • David L. Slager, John Klicka: A new genus for the American Tree Sparrow (Aves: Passeriformes: Passerellidae) Zootaxa 3821 (3), 2014: 398–400
  • David W. Winkler, Shawn M. Billerman & Irby J. Lovette: Bird Families of the World, The CornellLab of Ornithology & Lynx Edicions, Barcelona, 2015. ISBN 978-84-941892-0-3, S. 532–535
  • Robert W. Bryson, Jr., Brant C. Faircloth, Whitney L. E. Tsai, John E. McCormack, John Klicka: Target enrichment of thousands of ultraconserved elements sheds new light on early relationships within New World sparrows (Aves: Passerellidae) The Auk 133(3), 2016, S. 451–458
  • New World Sparrows (Passerellidae). In: del Hoyo, J., Elliott, A., Sargatal, J., Christie, D.A. & de Juana, E. (eds.). Handbook of the Birds of the World Alive. Lynx Edicions, Barcelona. (abgerufen von HBW Alive am 9. September 2017).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heine & Cabanis, 1850, S. 131–135
  2. Heine & Cabanis, 1850, S. 135–153
  3. Yuri & Mindell, 2002
  4. Klicka et al., 2003
  5. Alström et al., 2008
  6. Barker et al., 2013
  7. DaCosta et al., 2009
  8. Klicka et al., 2014
  9. NACC-2017
  10. IOC Version 7.4