Nie wieder Deutschland

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Nie wieder Deutschland! war das politische Motto der „Radikalen Linken“ gegen die Deutsche Wiedervereinigung von 1990, um vor deren Folgen zu warnen. Es wurde von einem Kreis um die Zeitschrift konkret, Ökosozialisten und Kommunistischer Bund als Demonstrationsparole vereinbart und von autonomen Antifa-Aktivisten und anderen linksgerichteten Gruppen mitgetragen. Diese reagierten damit auf das damalige Wiedererstarken des deutschen Nationalismus und des Neonazismus und warnten vor einem „Vierten Reich“ und einem erneuten deutschen Weltmacht-Streben bzw. Imperialismus.

Das Motto knüpft an vergleichbare Parolen wie Nie wieder Faschismus und Nie wieder Krieg an. Unter diesem Motto veranstaltete die Radikale Linke (RL) zwei Demonstrationen und einen Kongress. Ihr Bündnis zerfiel während des Golfkriegs 1991. In der Folge spaltete sich die deutsche radikale Linke in „Antideutsche“ und „Antiimperialisten“.

Die Parole „Nie wieder Deutschland“ wird jedoch bis heute bei Demonstrationen gegen Antisemitismus, Nationalismus, Rassismus, Kapitalismus und Faschismus und für Solidarität mit anderen emanzipatorischen Gruppen gerufen. Sie ist kein Merkmal der Antideutschen, sondern von anti-nationalistischen radikalen Linken.

Ursprung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ersten Ursprünge des Slogans werden der Punkszene um die Hamburger Punk-Band Slime zugeschrieben.[1] Eines ihrer populärsten Stücke enthielt den Refrain „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“, das seit den frühen 1980er Jahren auf autonomen, anarchistischen, antifaschistischen Demonstrationen gespielt wurde: „Die zentrale Botschaft dieses Liedes war von Slime auch als eine frontale Entgegensetzung zu der Inschrift auf dem Kriegerdenkmal am Hamburger Dammtorbahnhof »Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen« entworfen worden.“[1]

Als Schlagwort der Radikale-Linke-Kampagne entstand der Slogan in Analogie zu einem kolportierten Zitat der Schauspielerin Marlene Dietrich.[2] Danach soll sie auf die Frage eines Reporters geantwortet haben: „Deutschland? Nie wieder!“. Daraus entwickelte sich später der politische Slogan. Er ist keiner bestimmten politischen Ausrichtung zuzuordnen; aufgrund der zunehmenden Akzeptanz eines deutschen Patriotismus und eines deutschen Nationalismus auch außerhalb rechtsextremistischer und neurechter Kreise[3] ist die Verwendung des Zitats jedoch mittlerweile eher bei betont linksgerichteten, antifaschistischen und pazifistischen Personengruppen verbreitet.

Zu den Initiatoren der Kampagne gehörten unter anderem Hermann L. Gremliza,[4] Theresia Degener, Rainer Trampert, Winfried Wolf, Jutta Ditfurth,[5] Karl Heinz Roth, Thomas Ebermann, Angelika Beer,[5] Jens Scheer, Bettina Hoeltje und Regina Michalik.[6] Die Erklärung Deutschland? Nie wieder! wurde von ca. 100 Personen und Aktiven aus dem politisch linken Spektrum unterzeichnet.

Demonstrationen und Kongress[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Demonstration am 3. Oktober 1990

Die erste Nie-wieder-Deutschland-Demonstration des RL-Bündnisses fand am 12. Mai 1990 in Frankfurt am Main mit 20.000 Teilnehmern[7][8], die letzte am 3. November 1990 in Berlin[9] statt. Die Berliner Demonstration wurde unter dem Motto „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ – einem Zitat aus der Todesfuge von Paul Celan – veranstaltet. Ursprünglich war geplant, diese Demonstration unter dem Motto „Nie wieder Deutschland“ in Leipzig stattfinden zu lassen. Da die Organisatoren jedoch nicht mit der Leipziger Montagsdemonstration konkurrieren wollten, wurde die Demonstration mit dem neuen Motto nach Berlin verlegt. An ihr nahmen 8.000 Menschen teil. Vor der Berliner Demonstration wurden von autonomen Gruppen vom 30. September 1990 bis zum 3. Oktober 1990 unter dem Motto »Halt’s Maul, Deutschland. Es reicht«. Aktionstage für den Wiederzusammenbruch mit einer Großdemonstration am 3. Oktober organisiert, an der circa 20.000 Menschen teilnahmen.[10][9] An dem Pfingstkongreß 1990 in Köln der RL unter dem Motto Nie wieder Deutschland nahmen 1.500 Menschen teil.[8]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Parole wird von verschiedenster Seite kritisiert und abgelehnt.

Der ehemalige Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Peter Gingold lehnte sie als realitätsverweigernd und unproduktiv ab:

„Wir dürfen uns jetzt nicht in unserer Reaktion in die Ecke der ‚Antideutschen‘ drängen lassen. Diese Losung ‚Nie wieder Deutschland‘, das kann nicht die unsere sein. Deutschland ist eine Realität. Wir gehören zu diesem Land, wir haben in ihm Verantwortung zu tragen.“ Aber auch, „dass ich für die jungen Leute viel Verständnis habe, wenn sie damit meinen, nie wieder ein Deutschland, das soviel Schrecken über die Welt brachte, zuzulassen.[11]

Der alleinige Verweis auf die „deutsche Vergangenheit“ und die Gefahr eines „Großdeutschland“ sei wenig überzeugend, so die Marxistische Streit- und Zeitschrift:

„Fast möchte man diese Kritiker fragen ob sie ohne die allseits verdammte ‚deutsche Vergangenheit‘ als Berufungsinstanz überhaupt noch eine Kritik an der Wiedervereinigung wüßten. […] Demgegenüber vor einer ‚Gefahr‘ zu warnen, die von Großdeutschland ausgehen ‚könnte‘, ist – gelinde gesagt – ausgesprochen matt. Noch dazu, wenn diese ‚Gefahr‘ aus einem ‚Größen- und Eroberungswahn‘ und einer von ihm ausgelösten ominösen ‚Dynamik‘ stammen soll.[12]

Joachim Bruhn weist auf die angebliche Widersprüchlichkeit der Parole zum sonst von einigen linken Strömungen geforderten Selbstbestimmungsrecht der Völker hin:

„Denn was waren die Ereignisse des Oktober 1989 anderes als ein leibhaftiger Volksaufstand, eine spontane Erhebung und veritable Revolution für ganz genau das ‚Recht auf nationale Selbstbestimmung‘, das Deutschlands Linke jahrzehntelang, wenn auch für die Basken und die Palästinenser, eingeklagt hatte? Und was bewiesen die Leipziger Montagsdemonstrationen anderes als die Existenz jenes geheimnisvollen Zusammenhanges von ‚nationaler und sozialer Befreiung‘, den Deutschlands Linke immer nur für Irland und die Westsahara gelten lassen wollte? Und was beweist es schon gegen die Richtigkeit dieser Diagnose, daß Deutschlands Linke, weil sie den irgendwie verdächtigen Völkern, den Tirolern, Schlesiern und so weiter, dies ‚Recht auf nationale Selbstbestimmung‘ kurzerhand absprach, vom drohenden Untergang der Sowjetunion und ihrer bevorstehenden Auflösung in die souveränen Staaten der Georgier und Aserbaidschaner, der Litauer und bald auch der Ukrainer, gänzlich überrascht wurde und noch immer wie bewußtlos ist?[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Analyse & Kritik, "gw." (2000): Kalt erwischt. Die deutsche Einheit, die radikale Linke und das Ende des Kommunistischen Bundes. In: ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis. Nr. 443 vom 26. Oktober 2000 [1]
  • autonome L.U.P.U.S. Gruppe R/M: Doitsch-Stunde. Originalfassung mit autonomen Untertiteln. ID Verlag. [2] In: Ingrid Strobl, Klaus Viehmann und GenossInnen autonome l.u.p.u.s.-Gruppe: Drei zu Eins. Edition ID-Archiv 1991. ISBN 3-89408-029-9
  • Jan Gerber: Nie wieder Deutschland? Die Linke im Zusammenbruch des "realen Sozialismus", Ca Ira, Freiburg i. B. 2010: ISBN 978-3-86259-100-8.
  • Markus Mohr/Sebastian Haunss: Die Autonomen und die anti-deutsche Frage oder: »Deutschland muss …«. In: Gerhard Hanloser (Hrsg.): „Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken“. Zu Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik. Münster 2004, S. 65–86, ISBN 3-89771-432-9 PDF.
  • Radikale Linke: Kongreß der Radikalen Linken: Reden und Diskussionsbeiträge zum Kongress an Pfingsten 1990 und auf der Demo Nie wieder Deutschland am 12.5.1990 in Frankfurt am Main. ISP Verlag, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-88332-179-6.
  • Redaktion diskus (Hg.) (1992): Die freundliche Zivilgesellschaft. Rassismus und Nationalismus in Deutschland. ID Verlag Berlin. ISBN 3-89408-019-1 PDF (Dort insbesondere der Beitrag: Andreas Fanizadeh: »Was soll denn das dumme Zeug hier?«. »Nie wieder Deutschland« und die politische Öffentlichkeit.; PDF; 374 kB)
  • Oliver Tolmein (1991): Nie wieder deutsche Linke? Abschied von einem Zerfallsprodukt. Konkret 10 / 91, S. 35 online

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Markus Mohr/Sebastian Haunss: Die Autonomen und die anti-deutsche Frage oder: »Deutschland muss …«. In: Gerhard Hanloser (Hrsg.): „Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken“. Zu Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik. Münster 2004, S. 65–86, ISBN 3-89771-432-9 PDF.
  2. Vgl. auch „KB-Veranstaltungsreihe Von Marlene Dietrich und anderen Deutschland-Hassern“. In: analyse & kritik Nr. 316 vom 5. März 1990, S. 35.
  3. Neuer Nationalismus / Weltmacht Deutschland. In: graswurzel.net.
  4. Hermann L. Gremliza: Deutschland, Euro Gnaden.
  5. a b Vgl. u. a. Jutta Ditfurth: Zahltag, Junker Joschka!
  6. Radikale Linke: Kongreß der Radikalen Linken: Reden und Diskussionsbeiträge zum Kongress an Pfingsten 1990 und auf der Demo Nie wieder Deutschland am 12.5.1990 in Frankfurt am Main. ISP Verlag, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-88332-179-6.
  7. Peter Bienwald: antideutschland liegt nicht auf den bahamas! In: Prager Frühling, Oktober 2009
  8. a b Jörn Schulz: Etwas Besseres als die Nation. In: Phase 2 Nr. 38
  9. a b Autonome L.U.P.U.S. Gruppe R/M: Doitsch-Stunde. Originalfassung mit autonomen Untertiteln. ID Verlag. In: Ingrid Strobl, Klaus Viehmann und GenossInnen autonome l.u.p.u.s.-Gruppe: Drei zu Eins. Edition ID-Archiv 1991.
  10. Feiertage Deutschland, halt’s Maul. In: Der Spiegel, 1. Oktober 1990
  11. Kein Schlussstrich per Schlusspfiff! – Interview mit Peter Gingold, Bundessprecher der VVN-BdA, zu Fragen von Patriotismus und Internationalismus nach der Fußball-WM. In: vvn-bda.de.
  12. Einwände gegen den Aufruf zur Demonstration: „Nie wieder Deutschland“. Die Eroberung der DDR durch die BRD – Kein deutscher Wahn, sondern erfolgreicher Imperialismus. In: Marxistische Streit- und Zeitschrift 1990, Ausgabe 3; online in gegenstandpunkt.com.
  13. Joachim Bruhn:@1@2Vorlage:Toter Link/www.ca-ira.net( Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven: Was bedeutet: „Nie wieder Deutschland“? – Eine ungehaltene Rede.) In: ca-ira.net (PDF; 80 kB).