Nieder-Ofleiden

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Nieder-Ofleiden
Koordinaten: 50° 45′ 14″ N, 8° 58′ 14″ O
Höhe: 208 (203–260) m ü. NHN
Fläche: 5,49 km²[1]
Einwohner: 772 (30. Sep. 2015)[2]
Bevölkerungsdichte: 141 Einwohner/km²
Eingemeindung: 31. Dezember 1971
Postleitzahl: 35315
Vorwahl: 06429

Nieder-Ofleiden ist ein Stadtteil von Homberg (Ohm) im mittelhessischen Vogelsbergkreis.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gemeinde Nieder-Ofleiden, einer von 14 Ortsteilen der Stadt Homberg a.d. Ohm, liegt etwa 15 km südöstlich von Marburg, am Südostrand des Amöneburger Beckens (Ohmtalsenke) am Fuße des 358 m hohen Hochberges. Unterhalb des Ortes fließt der Fluß „Ohm“, ein Nebenlauf der Lahn. Nieder-Ofleiden ist überwiegend ländlich strukturiert.

Nachbarorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mardorf Langenstein Lehrbach
Rauischholzhausen Nachbargemeinden Dannenrod
Deckenbach Homberg Maulbach

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Ort Ofleiden wird bereits zwischen 750 und 779 im Codex Eberhardi unter dem Namen Vfleida erwähnt aber vor dem 13. Jahrhundert ist nicht unterscheidbar ob es sich um Nieder- oder Ober-Ofleiden handelt.[1] Nieder-Ofleiden wird vermutlich erstmals 1151, sicher aber 1264 erwähnt, als Guntram Schenck zu Schweinsberg der Zisterzienserabtei Haina einige Höfe in Nieder-Ofleiden schenkte. Ein späterer Brief der Schencken Johannes und Heidenreich zu Schweinsberg, an den Landgräfliche Landgraf Volpracht von Schwalbach vom 8. Juni 1395 erwähnt, dass Nieder-Ofleiden im 13. und 14. Jahrhundert Zehnten sowie Zinsrenten an den bischhöfflichen Kellerer von Amöneburg entrichtet. Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges nahm die Einwohnerzahl zu, während andere Dörfer über große Verluste zu klagen hatten, man vermutet, dass Nieder-Ofleiden von der Pest verschont blieb. Eine kurze Beschreibung des Dorfes gibt es aus dem Jahre 1830 vom großherzoglich-hessischen Geometer Georg Wagner: Die Gemeinde Nieder-Ofleiden hat 79 Häuser, 503 Einwohner, eine Schule und einen Steinbruch mit weißen Sandsteinen.

Geschichte des Schulwesens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 17. Jahrhundert erhielt die Gemeinde Nieder-Ofleiden eine eigene Schule. Die erste Schule befand sich auf dem Anwesen von Familie H. J. Lanz, später im Hause der Familie Karl Pfeil, beide in der Mittelstraße gelegen. Der Lehrer, zugleich Handwerker, unterrichtete im Sommer auf 2, im Winter 6 Stunden. Es folgte der Bau eines separaten Lehrerhauses in der Schulstraße 1. 1912 wurde ein zweiklassiges Schulgebäude erbaut, welches zudem die Bürgermeisterei beherbergte. Mit dem Neubau der „Ohmtalschule“ in Homberg/Ohm wurde der Schulbetrieb 1974 in Nieder-Ofleiden eingestellt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Nieder-Ofleiden die erste wirtschaftliche Frauenschule Deutschlands gegründet, von Dorette Freifrau Schenck zu Schweinsberg und Fräulein Ida von Korzfleisch. Gelehrt wurden Kochen, Hausarbeit, Wäschepflege, Gartenarbeit, Geflügelzucht sowie Wirtschaftsverwaltung. 1898 kamen ein Kindergarten sowie eine Hauswirtschaftsschule für die weibliche Landjugend hinzu. Die Ausbildung der Landjugend ist noch heute unter dem Namen „Reifenstein’scher Verband wirtschaftlich orientierter Frauenschulen“ bekannt.

Geschichte des Steinbruchs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bauunternehmer Busch erwarb für 2.700 Reichsmark das Gelände und eröffnete einen Basaltsteinbruch. Im Jahr 1909 dieser für über 51.000 Reichsmark an die Mitteldeutsche Hartstein Industrie AG verkauft, 1928 waren über 400 Arbeiter beschäftigt. Der Abbau geschah bis 1948 vorwiegend manuell und war mit schwierigen Arbeitsbedingungen verbunden.

Mit dem Bergbau hing auch die Bevölkerungszunahme zusammen, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts zu beobachten ist. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise mussten viele Mitarbeiter entlassen werden, bevor der Bau der Reichsautobahn den Aufschwung brachte. Während des Zweiten Weltkrieges mussten im Steinbruch französische Kriegsgefangene Zwangsarbeit leisten. Von 1948 an wurde mit der Teilmechanisierung des Abbaues begonnen. Heute umfasst die Belegschaft etwa 40 Mitarbeiter. Der Steinbruch zählt zu den größten und modernsten Anlagen weltweit.

Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei den Reichstagswahlen von 1933 wählte fast die Hälfte der Nieder-Ofleider Bürger die beiden Links-Parteien SPD und KPD. Wie die Oberhessische Zeitung berichtete kam es am 17.06.1932 zu einer Auseinandersetzung, als Angehörige der kommunistischen Partei 54 Anhänger der SA Alsfeld überfielen, was zu zahlreichen Verhaftungen im Dorf führte.

Im Zweiten Weltkrieg wurde zwischen dem Basaltwerk und dem Bahnhof ein vollbeladener Munitionszug von Tieffliegern angegriffen, zerstörte jedoch nur dessen Lokomotive. Weiter war lediglich ein Bombenabwurf zu verzeichnen, ein Blindgänger.

Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Zeiten des Wirtschaftswunders wurden alle Straßen asphaltiert und mit Beleuchtung versehen. Gemeinschaftsbauten folgten, wie eine Gefrieranlage, eine Feuerwache mit Bauhof, ein Zuchtbullenstall, sowie eine Feuerlöschzisterne.

1972 folgte dann im Zuge der Gebietsreform in Hessen die Eingemeindung als Ortsteil in die Stadt Homberg/Ohm, was bei vielen Einwohnern Unmut hervorbrachte. In den Jahren 2010–2016 verzeichnete die Gemeinde den größten Zuwachs von Gewerbetreibenden im Stadtgebiet.

Territorialgeschichte und Verwaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die folgende Liste zeigt die Territorien bzw. Verwaltungseinheiten denen Nieder-Ofleiden unterstand im Überblick:[3][1]

Gerichte seit 1803[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für die Provinz Oberhessen wurde das „Hofgericht Gießen“ als Gericht der zweiten Instanz eingerichtet. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen und somit war für Nieder-Ofleiden das „Amt Homberg an der Ohm“ zuständig. Das Hofgericht war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfalle die erste Instanz. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt.

Mit der Gründung des Großherzogtum Hessen 1806 wurde diese Funktion beibehalten, während die Aufgaben der ersten Instanz 1821 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Landgerichte übergingen. „Landgericht Homberg an der Ohm“ war daher von 1821 bis 1879 die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht in Homberg an der Ohm, das für Nieder-Ofleiden zuständig war.

Anlässlich der Einführung des Gerichtsverfassungsgesetzes mit Wirkung vom 1. Oktober 1879, infolgedessen die bisherigen großherzoglich hessischen Landgerichte durch Amtsgerichte an gleicher Stelle ersetzt wurden, während die neu geschaffenen Landgerichte nun als Obergerichte fungierten, kam es zur Umbenennung in „Amtsgericht Homberg an der Ohm“ und Zuteilung zum Bezirk des Landgerichts Gießen.[6] Am 15. Juni 1943 wurde das Gericht zur Zweigstelle des Amtsgerichtes Alsfeld[7], aber bereits wieder mit Wirkung vom 1. Juni 1948 in ein Vollgericht umgewandelt[8]. Am 1. Juli 1968 erfolgte die Auflösung des Amtsgerichts Homberg und Nieder-Ofleidenwurde dem Bereich des Amtsgericht Kirchhain zugeteilt.[9] In der Bundesrepublik Deutschland sind die Übergeordneten Instanzen das Landgericht Marburg, das Oberlandesgericht Frankfurt am Main sowie der Bundesgerichtshof als letzte Instanz.

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Belegte Einwohnerzahlen bis 1967 sind:[1]

1577: 40 Hausgesesse mit acht Wagen.
1939: 817 Einwohner
1946: 860 Einwohner
1961: 789 Einwohner
Nieder-Ofleiden: Einwohnerzahlen von 1834 bis 1967
Jahr     Einwohner
1834
  
496
1840
  
480
1846
  
504
1852
  
528
1858
  
482
1864
  
435
1871
  
404
1875
  
404
1885
  
436
1895
  
400
1905
  
435
1910
  
460
1925
  
489
1939
  
817
1946
  
860
1950
  
867
1956
  
807
1961
  
789
1967
  
900
Datenquelle: Histo­risches Ge­mein­de­ver­zeich­nis für Hessen: Die Be­völ­ke­rung der Ge­mei­nden 1834 bis 1967. Wies­baden: Hes­sisches Statis­tisches Lan­des­amt, 1968.

Vereine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das kulturelle Leben im Dorf prägen folgende Vereine:

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben einem großen Industriepark der Firma INO, der auch das Containerterminal Rhein/Ruhr beherbergt, befindet sich auf dem Gemeindegebiet noch Europas größter Basaltsteinbruch der Firma MHI, der alle drei Jahre Schauplatz der weltweit größten Demonstrationsmesse „Steinexpo“ ist. Er ist mit 160 ha der größte seiner Art in Europa. Jährlich werden ca. 800.000 t Basalt gefördert. Ferner gibt es im Ort noch eine Großbäckerei, eine Tankstelle, ein Hotel mit angrenzendem Cafe und zahlreiche kleinere Unternehmen.

Den öffentlichen Personennahverkehr stellt eine Buslinie der Verkehrsgesellschaft Oberhessen her.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Nieder-Ofleiden, Vogelsbergkreis. Historisches Ortslexikon für Hessen. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS). (Stand: 11. Oktober 2017)
  2. Daten und Fakten. In: Website der Stadt Homberg (Ohm). Abgerufen im Oktober 2017.
  3. Verwaltungsgeschichte Land Hessen bei M. Rademacher, Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990
  4. Wilhelm von der Nahmer: Handbuch des Rheinischen Particular-Rechts: Entwickelung der Territorial- und Verfassungsverhältnisse der deutschen Staaten an beiden Ufern des Rheins : vom ersten Beginnen der französischen Revolution bis in die neueste Zeit. Band 3. Sauerländer, Frankfurt am Main 1832, S. 8 (online bei Google Books).
  5. Neuste Länder und Völkerkunde. Ein geographisches Lesebuch für alle Stände. Kur-Hessen, Hessen-Darmstadt und die freien Städte. Band 22. Weimar 1821, S. 419 (online bei Google Books).
  6. Verordnung zur Ausführung des Deutschen Gerichtsverfassungsgesetzes und des Einführungsgesetzes zum Gerichtsverfassungsgesetze vom 14. Mai 1879 (Hess. Reg.Blatt S. 197–211)
  7. Rundverfügung des Reichsministers der Justiz vom 20. Mai 1943 — 3200/7 — Ia9 995 — Betrifft: Vereinfachung der Gerichtsorganisation.
  8. Erlass des Hessischen Ministers der Justiz vom 24. Mai 1948 — 3210/1 — Ia 1961 — Betrifft: Umwandlung des Zweigstellen-Amtsgerichts Homberg (Oberhessen). (GVBl. 30/1953 S. 190)
  9. Zweites Gesetz zur Änderung des Gerichtsorganisationsgesetzes vom 12. Februar 1968 (GVBl. I S. 41–44)