Nieder-Seemen

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50.3866666666679.2458333333333327Koordinaten: 50° 23′ 12″ N, 9° 14′ 45″ O

Nieder-Seemen
Stadt Gedern
Höhe: 324–331 m
Einwohner: 240
Eingemeindung: 31. Dezember 1971
Postleitzahl: 63688
Vorwahl: 06045

Nieder-Seemen ist der kleinste Stadtteil von Gedern im Wetteraukreis in Hessen.

Geografie[Bearbeiten]

Der Ort liegt auf einer Höhe von 322 m ü. NN südöstlich des Zentrums von Gedern am Südhang des Vogelsbergs am Seemenbach, etwa 14 km nordöstlich von Büdingen.

Geschichte[Bearbeiten]

Ortsgeschichte[Bearbeiten]

Der Ortsname wird von Binsen (Symen) abgeleitet. Von der Wetterau aus erfolgten im Hochmittelalter bachaufwärts Rodungen in die Täler des Vogelsbergs hinein, bei deren Voranschreiten vermutlich auch die drei Dörfer Ober-, Mittel- und Nieder-Seemen entstanden. Sie werden um das Jahr 1000 erstmals als "Siemina" erwähnt.[1] Zu dieser Zeit gehörte das Seemental zum Bannforst Büdingen, der im Nordwesten durch die Nidder und im Osten durch die Salz begrenzt wurde. Das Gericht Gedern umfasste neben den drei Seemen auch Kirchbracht, Mauswinkel, Illnhausen, Böß-Gesäß und Burgbracht. Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung von Nieder-Seemen stammt vom 9. Dezember 1339. Der junge von Breitenbach und seine Ehefrau Kune bekunden, dass sie dem Konrad von Trimberg versprochen haben, ihm ihre Dörfer Pferdsbach und Nieder-Seemen zur Wiedereinlösung anzubieten.[2] Eine vermutete Ersterwähnung aus dem Jahr 786 ist nicht nachweisbar.

Das Dorf gehörte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit zum Amt Ortenberg, einem Kondominat, das von drei Landesherren aus dem Kreis der Mitglieder des Wetterauer Grafenvereins gebildet wurde. 1421 gehörte der Ort den Herren von Rodenstein, die ihn in diesem Jahr an die Herren von Hanau verpfändeten. Diese verkauften das Pfand im Jahr 1500 weiter an die Grafen von Isenburg.[3]

1601 kam es zu einer Realteilung des Kondominats, wobei das Dorf Nieder-Seemen der Grafschaft Stolberg-Roßla und dem dortigen „Amt Ortenberg“ zugeschlagen wurde. Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) hat nach den spärlich vorliegenden Informationen auch die Bevölkerung Nieder-Seemens mehr als halbiert.

1806 fiel die Grafschaft Stolberg – und damit auch Nieder-Seemen – an das Großherzogtum Hessen. Hier gehörte Nieder-Seemen zum standesherrlichen Amt Ortenberg. 1821 bildete das Großherzogtum den Landratsbezirk Nidda, dem auch Nieder-Seemen zugeordnet wurde, und der ab 1832 Kreis Nidda hieß. Um 1840 wanderten etwa 20 Familien wegen der großen Armut nach Amerika aus. Mit der Revolution von 1848 wurde kurzzeitig der Regierungsbezirk Nidda gebildet, 1852 aber der Kreis Nidda wiederbelebt. 1874 kam das Dorf zum Kreis Schotten, 1938 zum Landkreis Büdingen.

Im Ersten Weltkrieg waren fünf, im Zweiten Weltkrieg 27 Gefallene und Vermisste zu beklagen. Mit dem Durchmarsch der US-amerikanischen 11th Armored Division „Thunderbolt“ endete am 31. März 1945 für Nieder-Seemen der Zweite Weltkrieg. Abgesehen von durch Luftminen zerborstenen Fernstern blieb Nieder-Seemen von Kriegsschäden verschont. Am 31. Dezember 1971 wurde Nieder-Seemen im Rahmen der Gebietsreform in Hessen in die Stadt Gedern eingemeindet.[4]

Kirchengeschichte[Bearbeiten]

Evangelische Kirchen in Nieder-Seemen

Die Marienkirche in Gedern war bis zum Ende des 16. Jahrhunderts Pfarrkirche auch für das Seemental, als eine eigenständige Pfarrei Ober-Seemen geschaffen wurde. 1724 trennte sich Mittel-Seemen von Ober-Seemen und bildete mit Nieder-Seemen ein eigenes Kirchspiel. Die heutige Kirche wurde um die Wende vom 13. zum 14. Jahrhunderts erbaut und hatte vielleicht schon einen Vorgängerbau. Die Wetterfahne des Kirchturms trägt die Jahreszahl 1675.[5] Eine Erneuerung der Kirche erfolgte 1752.

1855 wurde eine Orgel aus Rossdorf (heute: Stadt Bruchköbel) gekauft. Dabei wurde aus Platzgründen die Kanzel von der Mitte zur Seite verschoben. Weitere Restaurierungen waren 1902, 1949 und 2004 verzeichnet. In beiden Weltkriegen musste jeweils eine Glocke abgeliefert werden. 1920 wurde Ersatz beschafft, während die im Zweiten Weltkrieg abgelieferte Glocke 1947 von Hamburg nach Nieder-Seemen zurückkehrte und anlässlich des Einweihungsgottesdienstes nach der Renovierung am 26. Juni 1949 zum ersten Mal wieder läutete.

Heilquelle[Bearbeiten]

1602, 1651 und 1701 wird von einem „guten Born“ berichtet, der für kurze Zeit heilendes Wasser spendete, 1701 u.a. in der „Europäischen Zeitung“ und auch über Wunderheilungen. Von verschiedenen Seiten wurde versucht, aus der Quelle ein Geschäft zu machen. Allerdings versiegte die Quelle schon im gleichen Jahr, trat noch einmal 1794/95 aus der Erde und wurde dann nicht mehr beobachtet.

Schule[Bearbeiten]

Eine Schule gab es seit der Zeit des Siebenjährigen Krieges (1756–1763). Der Schulbetrieb war eine kirchliche Einrichtung und die Lehrer wurden zu kirchlichen Aufgaben herangezogen, als Vorsänger, Organisten oder zum Läuten der Glocken. Kirchen- und Schulvisitationen vom Anfang des 19. Jahrhunderts berichten von schlechtem Unterricht. 1827 gab es 34 Schüler (22 Jungen und 12 Mädchen). Das damalige Schulgebäude ist das heutige Haus der Metzgerei Schnell. 1911 wurde ein neues Schulhaus, das heutige Dorfgemeinschaftshaus, errichtet. 1970 wurde die Schule in Nieder-Seemen aufgegeben. Seither besuchen die Schülerinnen und Schüler die Gesamtschule in Gedern.

Flurbereinigung[Bearbeiten]

Tiefgreifende Veränderungen brachte die Flurbereinigung, die für Nieder-Seemen 1910 beschlossen wurde. Infolge des Ersten Weltkrieges musste sie jedoch zunächst zurückgestellt werden, wurde dann aber 1919 begonnen. 1925 erfolgte die Neuzuteilung der stark veränderten Flurstücke. Verschiedene Hutweiden, die Gemeindeeigentum gewesen waren, wurden aufgeteilt und an die Landwirte verkauft. Das Bachbett des Seemenbaches wurde stark begradigt. Eine zweite Flurbereinigung folgte im Seemental in den 1970er Jahren.

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten]

  • Anfang 19. Jh.: 70 Ortsbürger (männliche, volljährige Erwachsene)
  • 1857: 268 Einwohner
  • 1939: 225 Einwohner
  • 1955: 318 Einwohner, davon 95 Flüchtlinge aus dem Sudetenland und Ungarn[6]
  • 1961: 264 Einwohner
  • 2010: 240 Einwohner

Infrastruktur[Bearbeiten]

Ursprünglich ein Bauerndorf, leben heute nur noch wenige Einwohner von der Landwirtschaft. Die meisten arbeiten heute in Industrie-, Handwerks- oder Dienstleistungsbetrieben.

Die Straßenverbindung im Semental war bis weit ins 19. Jahrhundert hinein dürftig.[7] Wesentliche Verbesserungen der Infrastruktur ergaben sich erst durch den Straßenbau am Ende des 19. Jahrhunderts. 1882 waren die Straßen von nach Nieder-Seemen dann ausgebaut. Etwa seit 1960 wurden die Schotterstraßen asphaltiert. Durch Nieder-Seemen verlaufen heute die Landesstraßen 3010 und 3193.

Mit einer Quellwasserleitung wurde die Wasserversorgung 1911 sichergestellt.

Am 24. März 1921, mittags 1 Uhr, wurde die Fernleitung (20.000 Volt) von Mittel-Seemen nach Nieder-Seemen und eine halbe Stunde später die Transformatoren-Station und das Ortsnetz Nieder-Seemen der „Elektrischen Überland-Anlage der Provinz Oberhessen“ in eingeschaltet. Gleichzeitig wurde die Straßenbeleuchtung in Betrieb gesetzt. Sie bestand aus 9 Lampen, davon 4 Wandarme und 5 Überspannungen.

Von den beiden Wirtshäusern, die Nieder-Seemen einst hatte, ist keines übrig geblieben.

Vereine[Bearbeiten]

Älteste Nieder-Seemer Vereine sind der Gesangverein „Eintracht“ und die Freiwillige Feuerwehr. Der Sportverein „Edelweiß“ wie auch der Landfrauenverein sind gemeinsame Vereine von Mittel- und Nieder-Seemen. Der Sportverein schaffte es in den letzten Jahrzehnten mehrfach, für einige Jahre in der Bezirksoberliga Fußball zu spielen. Herbert Beyer, Flüchtling aus dem Sudetenland, gründete vor über 30 Jahren die Seementaler Musikanten, die Blasmusik vor allem nach Art der Egerländer spielen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Georg Ruppel (Bearb.): Historisches Ortsverzeichnis für das Gebiet des ehem. Großherzogtums und Volksstaats Hessen mit Nachweis der Kreis- und Gerichtszugehörigkeit von 1820 bis zu den Veränderungen im Zuge der kommunalen Gebietsreform = Darmstädter Archivschriften 2. 1976, S. 156.
  • Heinz Wionski: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Hessen. Wetteraukreis II. Stuttgart 1999, S. 228.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Peter Engels, Das Seligenstädter Zinsregister und die Ersterwähnung des Darmstädter Stadtteils Arheiligen. In: AHG NF 60, 2002, S. 371-386, S. 380, 386.
  2. Friedrich Battenberg, Stolberger Urkunden. Regesten zu den Urkundenbeständen und Kopiaren der Fürsten und Grafen zu Stolberg in Ortenberg, im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt und im Staatsarchiv Magdeburg 1191-1840. = Repertorien des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt 21, Darmstadt 1985. S. 20, Nr. 69.
  3. Uta Löwenstein: Grafschaft Hanau. In: Ritter, Grafen und Fürsten – weltliche Herrschaften im hessischen Raum ca. 900-1806 = Handbuch der hessischen Geschichte 3 = Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 63. Marburg 2014. ISBN 978-3-942225-17-5, S. 209.
  4.  Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart und Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 352.
  5. Inschrift: „Anno 1675 Kaspar Birkenstock macht mich“. Kaspar Birkenstock wohnte auf der Harzmühle einige Hundert Meter abwärts des Seemenbachs und war Zimmermann und Schmied.
  6. 20. Januar 1955.
  7. Hans-Velten Heuson u.a.: 650 Jahre Stadt Wenings: 1336- 1986. Gedern 1986, berichtet von einer Jagd im Herbst 1877, zu der Großherzog Ludwig IV. von Hessen und bei Rhein zusammen mit Fürst Karl von Isenburg-Birstein über Hitzkirchen nach Wenings kam und nach der Fahrt auf holprigen „Vizinalwegen“ im Jagdwagen den schlechten Straßenzustand beklagte.