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Niendorfer Gehege

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Luftbild der Eidelstedter Feldmark. Der Wald hinten links ist das Niendorfer Gehege, das dreieckige Wäldchen vorne rechts heißt Sellhoop und ist eine Exklave des Geheges
Wald im Niendorfer Gehege
Am Niendorfer Gehege gelegene Kirche am Markt
Villa Mutzenbecher im Niendorfer Gehege, Bondenwald 110a (2022) – heute Bildungs- und Begegnungsstätte

Das im Hamburger Stadtteil Niendorf gelegene Niendorfer Gehege ist ein Waldschutz- und Erholungsgebiet mit altem, teilweise ausländischem Baumbestand. Mit etwa 142 Hektar ist es das größte Waldgebiet des Bezirks Eimsbüttel. Das Niendorfer Gehege wird umflossen von der Kollau.

Der südliche Teil des Niendorfer Geheges, auch Grafen- oder Königsgehege genannt, war ein Waldgebiet im Besitz der Herrschaft Pinneberg. Amtsrechnungen und Erdbücher aus den Jahren 1590, 1666 und 1789 erwähnen, dass in dem Eichenwald Bauholz geschlagen und Schweinemast betrieben wurde. 1789 umfasste das Königsgehege etwa 35 Hektar in den Gemeinden Niendorf, Eidelstedt, Lokstedt und Stellingen. 1912 kam der Rest des herrschaftlichen Waldes in den Privatbesitz des Versicherungs-Direktors Hermann F. M. Mutzenbecher und wurde zur Parkanlage umgestaltet. 1908–10 ließ er sich von Erich Elingius einen Backsteinbau von 1900 im gründerzeitlichen Landhausstil nach englischem Vorbild umbauen[1], die heutige Villa Mutzenbecher. Nach der Sanierung der Villa zogen 2021 das Forum Kollau mit dem Stadtteilarchiv und die Kindertagesstätte Waldforscher mit ihrer Vorschule in die fertiggestellte Villa ein.[2] Weitere ehemalige „Waldbewohner“ waren die Bankiersfamilie Gossler, der Direktor der Hamburg-Amerika Linie, Johann Theodor Merck, und der Viehkommissionär Claus Bolten.[3]

Im Nordosten schloss sich der Niendorfer Bauernwald an. Ursprünglich als Allmende genutzt, wurde er bei der Verkoppelung am Ende des 18. Jahrhunderts aufgeteilt. In dem Erdbuch von 1789 findet sich die sogenannte „Bondenholz-Klausel“: Die neuen Eigentümer mussten sich verpflichten, den Wald nicht niederzulegen oder neu aufgeforstete Ausgleichsflächen zu schaffen. Das Verbot wurde einige Male erweitert und galt für die Privatbesitzer auf dem Gebiet des Niendorfer Geheges bis ins 20. Jahrhundert. Auch die Flächen des Bauernwaldes kamen im Verlauf des 19. Jahrhunderts in den Besitz wohlhabender Hamburger. Auf dem Gelände entstanden Parke und repräsentative Sommervillen. Die privaten Parkanlagen waren teilweise schon vor dem Zweiten Weltkrieg öffentlich zugänglich. In den Nachkriegswintern dezimierte sich der Waldbestand, da die Bäume als Brennholz gebraucht wurden. Ab 1952 begann die Stadt Hamburg, die Grundstücke aufzukaufen und wieder aufzuforsten. Das Niendorfer Gehege ist der Revierförsterei Niendorf zugeordnet[4] und wird als Stadtwald unterhalten.[5]

Die Besucher haben die Möglichkeit, auf rund 15 Kilometer Wanderwegen zu wandern. Außerdem stehen ein großer Spielplatz, ein Hundefreilaufgebiet, ein Waldcafé, ein Ponyhof, etwa vier Kilometer Reitwege und ein Damwildgehege im Inneren des Geheges zur Verfügung. Die stark befahrene Durchgangsstraße Niendorfer Gehege durschneidet das Areal und beeinträchtigt so nicht nur die Erholungsfunktion, sondern wird auch für viele Tiere, besonders während der Amphibienwanderung, zur tödlichen Falle.

Das Niendorfer Gehege ist mit der U-Bahn-Linie 2, Haltestelle Niendorf Markt, oder mit Bussen zu erreichen.

Veranstaltungen

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Im Niendorfer Gehege findet regelmäßig das „Waldlaufen“ statt, eine Veranstaltung umliegender Grund- und weiterführender Schulen, bei der die Teilnehmer auf verschiedensten Distanzen nach Altersgruppen geordnet gegeneinander antreten.

Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald Landesverband Hamburg (SDW) hat eine Waldschule im Niendorfer Gehege.[6] Von dort starten zu jeder Jahreszeit umweltpädagogische Aktionen mit Kindern und Erwachsenen. Auf den Führungen sollen die Teilnehmer die Tier- und Pflanzenwelt des Geheges kennenlernen.

Mitten im Niendorfer Gehege liegt auch die Försterei, die hier einen Betriebshof unterhält. Sie organisiert zweimal im Jahr einen Wildfleischverkauf sowie einen Weihnachtsbaumverkauf, bei dem örtliche Vereine für ein Rahmenprogramm sorgen. Die Deutsche Waldjugend Landesverband Hamburg e. V. unterhält hier einen Gruppenraum und veranstaltet Gruppenstunden und Seminare, außerdem arbeitet sie regelmäßig zusammen mit der Försterei im Gehege.[7]

Flora und Fauna

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Wie in allen Hamburger Stadtwäldern stehen bei der Bewirtschaftung die Schutz- und Erholungsfunktionen im Vordergrund.[8][9] Die Flora und Fauna ist charakteristisch für Buchenmischwälder. Zu den Frühjahrsblühern gehören Wald-Bingelkraut, Buschwindröschen, Moschuskraut, Wald-Sauerklee und aus Gärten verwildert, der Gefingerte Lerchensporn. Im Mai blühen Goldnessel, Maiglöckchen, Schattenblümchen und der Vielblütige Weißwurz. Zu den heimischen Säugetieren gehören Hase, Reh, Fuchs und Mauswiesel. Von den Vögeln sind Buchfink, Kernbeißer und Singdrossel häufiger als im umliegenden Stadtgebiet; noch stärker auf den Wald konzentriert sind Kleiber, Gartenbaumläufer, Bunt- und Grünspecht, Waldkauz und Habicht[10], und nur im Wald leben der Waldlaubsänger und als Seltenheit der Mittelspecht.[11] Dank mehrerer Amphibiengewässer sind Grasfrosch, Erdkröte, Bergmolch und Teichmolch heimisch. Der streng geschützte Nördliche Kammmolch wird hier nur noch selten gesichtet. Die Waldeidechse wird noch regelmäßig beobachtet.

Die NABU-Bezirksgruppe Eimsbüttel bietet im Rahmen des „Was singt denn da?“-Programms regelmäßig vogelkundliche Führungen an.[12] Darüber hinaus betreut die NABU-Bezirksgruppe zwei Amphibienschutzzäune an der Straße Niendorfer Gehege, pflegt im Rahmen des Projektes Aurora – Stadt der Schmetterlinge[13] eine artenreiche Wiese und ist bei der Neophytenbekämpfung aktiv.[14] 2011 wurde der Verein „PRO Niendorfer Gehege“ gegründet, der sich mit über 400 Mitgliedern um den Bestand und die Entwicklung des Geheges, z. B. durch Aufstellung von Sitzbänken, kümmert und auch die Projekte des NABU vor Ort aktiv unterstützt.[15][16]

Commons: Niendorfer Gehege – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Umbrüche in Kunst und Architektur, Stiftung Denkmalpflege, Hamburg 2019, S. 62.
  2. Niendorfer Wochenblatt vom 29. Januar 2020, Nr. 5, S. 11.
  3. Das Niendorfer Gehege, Faltblatt, Herausgeber: Bezirksamt Eimsbüttel, März 2017.
  4. Revierförsterei Niendorf. Archiviert vom Original am 22. Januar 2025; abgerufen am 15. Oktober 2025.
  5. Horst Grigat (Hrsg.): Hamburg-Niendorf von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Selbstverlag, Hamburg 1972.
  6. WaldSchule. 22. September 2025, abgerufen am 15. Oktober 2025.
  7. Waldjugend Niendorf (DWJ Niendorf) – Deutsche Waldjugend Landesverband Hamburg e. V. In: www.waldjugend-niendorf.de. Abgerufen am 21. Dezember 2016.
  8. Wald in Hamburg. Abgerufen am 31. Dezember 2025.
  9. Naturwaldstrukturprojekt. Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg, 17. Dezember 2019, archiviert vom Original am 18. Juli 2024; abgerufen am 31. Dezember 2025.
  10. Eigene Beobachtungen des Bearbeiters (Olaf Studt). In: Alexander Mitschke, Sven Baumung: Brutvogel-Atlas Hamburg. Hamburger avifaunistische Beiträge (‚hab‘), Band 31, 2001, ISBN 3-00-008070-8. ISSN 0340-5168
  11. Jens Hartmann et al.: Ornithologischer Jahresbericht 2001 bis 2005. Hamburger avifaunistische Beiträge (‚hab‘), Band 34, 2007, S. 134. ISSN 0340-5168
  12. Niendorfer Gehege – NABU Hamburg. Abgerufen am 15. Oktober 2025.
  13. Aurora – Stadt der Schmetterlinge – NABU Hamburg. Naturschutzbund Deutschland – Landesverband Hamburg e.V., abgerufen am 31. Dezember 2025.
  14. NABU-Gruppe Eimsbüttel - NABU Hamburg. Abgerufen am 31. Dezember 2025.
  15. Aktivitäten und Projekte – Pro Niendorfer Gehege. Abgerufen am 15. Oktober 2025.
  16. Flyer von PRO Niendorfer Gehege.

Koordinaten: 53° 36′ 36″ N, 9° 55′ 58″ O