Niklas von Wyle

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Niklas von Wyle.
Mutmaßliches Selbstporträt aus dem Missivenbuch der Jahre 1460–1466, das er als Esslinger Stadtschreiber führte

Niklas von Wyle (* um 1410 in Bremgarten, Aargau; † 13. April 1479 in Stuttgart) war ein frühhumanistischer Schriftsteller und Übersetzer.

Inhaltsverzeichnis

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wyle studierte zusammen mit Heinrich Steinhöwel in Wien (Magister 1436) und in Italien.

Nach einer Lehrtätigkeit in Zürich war er als Stadt- und Ratsschreiber in Radolfzell, 1447 in Nürnberg und ab 1447/9 bis 1469 in Esslingen am Neckar tätig. Wyles entfalte dort durch seine zahlreichen Schüler im Dienst einflussreicher Stadt- und Fürstenkanzleien, kopierte Texte und Briefe einen anhaltenden Einfluss auf die formale Entwicklung der deutschen Sprache und die Verbreitung humanistischer Ideen.

Wyle gehört zu den frühesten Briefpartnern des italienischen Humanisten Enea Silvio Piccolomini während dessen Zeit an der kaiserlichen Kanzlei und schickte diesem 1453/54 sogar ein eigenes (verschollenes) Gemälde mit dem Hl. Christophorus.

Von 1469 bis 1478 war Wyle Kanzler des Grafen Ulrich von Württemberg, aber auch diplomatisch für andere Fürsten tätig.

Wyle war der erste deutschsprachige Übersetzer der italienischen Renaissanceliteratur. Mit seinen "Translatzen" oder "Teutschungen" (unter anderem von Werken Enea Silvio Piccolominis, Boccaccios, Petrarcas und Poggios), die zwischen 1461 und 1478 erschienen, erwarb er sich Verdienste um die Formung der frühneuhochdeutschen Sprache. Von schachgeschichtlichem Interesse ist sein um 1470 entstandenes Rechen- und Schachbuch.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts hatten sich unter deutschen Humanisten zwei Positionen über die sinnvolle Übersetzung lateinischer Klassiker und lateinisch schreibender italienischer Humanisten herausgebildet: zum einen die sinngemäße ("ad sensum"), die sich auf Autoritäten wie Cicero und Horaz und auch auf die Praxis berufen konnte, und zum anderen das Ideal einer wörtlichen und dabei in die Grammatik der Zielsprache nicht ohne Probleme eingreifende Übersetzung ("ad verbum"). Niklas von Wyle praktizierte seit den frühen 1460er Jahren eine grammatikalisch sich am lateinischen Original orientierende Übersetzung und verteidigte diese „ad verbum“-Strategie auch theoretisch. Auf die die deutsche Volkssprache als Zielsprache angewandt führte das oftmals zu eher ungewohnten Formbildungen. Zu den Vertretern der anderen Position einer freieren Übersetzungspraxis gehörten damals Albrecht von Eyb und Heinrich Steinhöwel.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • "Dialog zwischen Bauer und Edelmann über den Adel", 1470
  • "Lobrede auf die Frauen", 1474
  • "Translatzen", 1478. Diese Zuammenstellung 18 älterer Übersetzungen von Wyle umfasst Novellen, Briefe, Reden und wissenschaftliche Traktate:

(1) Enea Silvio Piccolominis Historiade duobus amantibus (1444) [Euriolus und Lucretia] (1462)
(2) Boccaccios Decameron (Guiskard und Sigismunda) in: Decameron 4.1
(3) Enea Silvio Piccolominis Lehrbrief gegen die Liebe (1461)
(4) Poggio Über die Veränderlichkeit des Glücks (1461)
(5) Poggio Ob der Gast oder der Wirt zu danken habe (1462)
(6) Poggio Ob ein älterer Mann heiraten solle (1463)
(7) Leonardo Brunis Geschichte Alexanders des Großen (1465)
(8) Pseudo-Bernhard von Clairvauxs Brief über die Tugenden des Hausvaters
(9) Felix Remmerlin Von den Lallharden und Beghinen (1464)
(10) Enea Silvio Piccolominis Lehrbrief über die humanistische Bildung
(11) Poggios Brief über die Verbrennung des Hieronymus von Prag (um 1470)
(12) Enea Silvio Piccolominis Brief über den Traum von der Fortuna (1468)
(13) Lukians Goldener Esel
(14) Bonac(c)ursius De nobilitate (1470)
(15) Petrarcas De remediis utriusque fortunae (1463-1469)
(16) Nicolosia Sanuda Lob der Frauen (1474) Dies ist z. T. eine eigene Arbeit Wyles
(17) Poggios Rede anläßlich der Papstwahl Nikolaus' V. (1478)
(18) Wyles Stilistik: z. T. eine Übersetzung aus Gasparino Barzizza

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rüdiger Zymner: Niklas von Wyle. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  • Albrecht Greule: Der frühhumanistische Kanzlist Niklas von Wyle und die frühneuhocheutsche Sprachkultur. In: Rainer Hünecke und Sandra Aehnelt (Hg.): Kanzlei und Sprachkultur. Wien 2016, S. 11–21.
  • Vivien Hacker: Frauenlob und Frauenschelte. Untersuchung zum Frauenbild des Humanismus am Beispiel der Oratio ad Bessarionem und der 16. Translatze des Niklas von Wyle. Mit kritischer Textedition, Quellenvergleich und Interpretation. Diss. Frankfurt am Main 2002, S. 115–122.
  • Schwenk, Rolf: Vorarbeiten zu einer Biographie des Niklas von Wyle und zu einer kritischen Ausgabe seiner ersten Translatze. Göppingen 1978 (im Anhang Briefe von und an Niklas von Wyle).
  • Heinrich Butz: Nikolaus von Wyle. Zu den Anfängen des Humanismus in Deutschland und der Schweiz, in: Esslinger Studien 16 (1970), S. 21–105.
  • Adelbert von Keller (Hrsg.): Translationen von Niclas von Wyle. Stuttgart 1861 (Reprint 1967).
  • Bruno Strauss: Der Übersetzer Nicolaus von Wyle. Berlin 1912; Nachdruck: New York 1970 (Palaestra; 118).
  • Richard Forster u.a.: Schach im spätmittelalterlichen Zürich: das Rechen- und Schachbuch des Niklas von Wyle. In: Zürcher Taschenbuch 121/2001, Seite 43–118.
  • Vermeer, Hans J.: Das Übersetzen in Renaissance und Humanismus (15. und 16. Jahrhundert). Bd. 2: Der deutschsprachige Raum. Heidelberg 2000, zu Wyle S. 526–549.
  • Hans Herzog: Wyle, Niclaus von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 55, Duncker & Humblot, Leipzig 1910, S. 140–145.
  • Ulrike Bodemann: Niklas von Wyle. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 19, Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-00200-8, S. 259 (Digitalisat).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Niklas von Wyle – Quellen und Volltexte