Nikolai Nerling

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Nikolai Nerling (* 26. August 1980),[1] alias Der Volkslehrer, ist ein rechtsextremer und antisemitischer Videoblogger. Bis zu seiner fristlosen Entlassung aus dem Schuldienst des Landes Berlin im Mai 2018 arbeitete er dort ab 2009 als Lehrer an Grundschulen. Im Dezember 2019 wurde er wegen Volksverhetzung (Stand Juni 2021: nicht rechtskräftig) zu einer Geldstrafe verurteilt.

Videoblogs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nerling gründete am 22. September 2017 den YouTube-Kanal Der Volkslehrer, auf dem er Videos mit antisemitischen und verschwörungsideologischen Positionen veröffentlichte.[2] Neben eigenen Beiträgen veröffentlichte er unter anderem auch Interviews mit bekennenden Holocaustleugnern wie Ursula Haverbeck und Gerhard Ittner sowie Personen der Reichsbürgerbewegung. Auch berichtete er über seine Teilnahme an rechtsextremen Veranstaltungen und Demonstrationen, auf denen er mit eigenen Flugblättern und Plakaten über eine angebliche „zionistisch-jüdische Weltverschwörung“ aufzuklären versuchte.[1][3]

Im Februar 2021 veröffentlichte Nerling ein Video, in dem er die Opfer des Anschlags in Hanau 2020 beleidigt und verhöhnt. Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky erstattete daraufhin Strafanzeige, der Staatsschutz nahm Ermittlungen auf.[4][5]

Der Kanal wurde von YouTube aufgrund anhaltender Verstöße gegen das in den Nutzungsbedingungen geregelte Verbot von Hassreden im April 2019 gesperrt.[6] Der Kanal war für eine kurze Zeit wieder erreichbar, bevor er dauerhaft gekündigt wurde. Seitdem veröffentlicht Nerling Videos über das Portal BitChute.[7]

Beschäftigung und Prozesse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab Februar 2009 beschäftigte das Land Berlin Nerling als Grundschullehrer, zuletzt an der Vineta-Grundschule in Berlin-Gesundbrunnen, wo er Englisch, Musik und Sport unterrichtete.[8][1][9] Er wurde im Mai 2018 wegen seiner rechtsextremen Videos zunächst freigestellt und ihm anschließend fristlos gekündigt.[10][11] Auslöser dafür war ein Bericht der Zeitung Der Tagesspiegel. Der zu diesem Zeitpunkt 38-jährige Nerling klagte vor dem Arbeitsgericht, das seine Klage in erster Instanz abwies.[12][13] Im September 2019 nahm er seine Berufung zurück.[14] Damit darf er in Berlin nicht mehr an öffentlichen Schulen unterrichten.[15]

Im Dezember 2019 verurteilte das Amtsgericht Dachau Nerling wegen Volksverhetzung und Hausfriedensbruchs zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 60 Euro (= 10.800 Euro), weil er im Februar 2019 vor Schülern in der KZ-Gedenkstätte Dachau den Holocaust geleugnet und sie ohne Erlaubnis gefilmt hatte.[16][17][18][19] Gegen das Urteil legte Nerling Berufung ein, die Berufungsverhandlungen fanden im November 2020 statt.[20][21] Zuvor hatte Nerling seinen Besuch der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen ebenfalls gefilmt und auf YouTube veröffentlicht, in dem er die Opferzahlen angezweifelt, eine Schülergruppe beschimpft, sie würde sich „‚Schuldkult‘ einimpfen lassen“, und sich über das Tagebuch der Anne Frank als „kindliches Fantasieprodukt lustig gemacht“ hatte. Unter Androhung einer einstweiligen Verfügung wurde Nerling gezwungen, das Video vom Netz zu nehmen.[22]

Im Februar 2020 erließ das Landgericht Frankfurt am Main zwei einstweilige Verfügungen gegen Nerling, nachdem dieser im Januar 2020 Videobeiträge veröffentlicht hatte, in denen er antisemitische Äußerungen als vermeintliche Zitate von Immanuel Kant, Richard Wagner und Benjamin Franklin verlas. Im März 2020 erhob die Staatsanwaltschaft Berlin Anklage gegen Nerling, unter anderem wegen „Verharmlosung von Gräueltaten des Nationalsozialismus, Leugnen[s] der Schoah, Zeigen[s] des Hitlergrußes sowie Beleidigung und körperliche[r] Misshandlung“.[9]

Am 27. November 2020 verurteilte ihn das Landgericht München II in der Berufungsverhandlung wegen Volksverhetzung zu 150 Tagessätzen à 40 Euro (= 6000 Euro). Der Vorwurf des Hausfriedensbruches wurde aufgrund des Nichtvorliegens der notwendigen Strafanzeige fallengelassen.[23] Das Urteil ist Stand Juni 2021 nicht rechtskräftig; Nerling hat Revision eingelegt.[24]

Sonstige Aktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2017 störte Nerling, wie die Monatszeitschrift eigentümlich frei berichtete, eine Schweigeminute für ertrunkene Geflüchtete, indem er den Satz „Ich schweige nicht“ rief.[25] Im Februar 2019 nahm er in Budapest an einer rechtsextremen Veranstaltung zum Gedenken an die Schlacht um Budapest teil, auf der auch der Waffen-SS gehuldigt wurde.[26] Im Oktober 2019 wurde Nerling mit dem Negativpreis Goldener Aluhut in der Kategorie Verschwörungstheorien allgemein ausgezeichnet.[27]

Nach bereits vorangegangenen Teilnahmen an nicht genehmigten sogenannten Hygienedemos im Frühjahr 2021[28][29][30] zählte Nerling zu den 450 bis 500 Menschen,[31] die im Rahmen der Corona-Demonstration vom 29. August 2020 Polizeiabsperrungen überwunden haben und versuchten, das Reichstagsgebäude zu stürmen.[32] Nachdem er kurz darauf im Freibad Plötzensee vor Mitarbeitern gegen Türken, Juden und Angela Merkel gehetzt, das Coronavirus geleugnet und den Holocaust in Frage gestellt hatte, erhielt er dort Hausverbot. Er stachelte daraufhin im Internet seine Anhänger zu einem Shitstorm gegen das Freibad auf, der in Morddrohungen gipfelte.[33][34] Im November 2020 beteiligte sich Nerling an Protesten gegen die Novellierung des Infektionsschutzgesetzes vor dem Reichstagsgebäude und in Leipzig. Beide Male wurde er von der Polizei abgeführt.[35][36]

Der Verfassungsschutz Berlin wies 2021 darauf hin, dass Nerling nach mehreren Strafverfahren den Holocaust „oft nur noch verklausuliert, in seiner Ausrichtung aber dennoch unmissverständlich“ thematisiere, und zitierte Nerlings Rede bei den Querdenker-Protesten in Berlin am 29. August 2020. Nachdem Nerling zuerst von „sechs Millionen […] auf der Straße […] in Berlin“ gesprochen hatte, fügte er hinzu, er glaube, es seien „nicht sechs Millionen. Es waren weniger. Sechs Millionen sind eigentlich unmöglich“.[37]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Max Stanko: »Das Gemeinwesen leidet insoweit nicht an Schizophrenie«. Verächtlichmachung der BRD als Kündigungsgrund. In: myops. Nr. 38, 2019, ISSN 1865-2301, S. 18–22.
  2. „Volkslehrer“ wieder auf YouTube erreichbar. In: Ruhrbarone.de. 17. April 2019, abgerufen am 18. September 2019.
  3. Bundesamt für Verfassungsschutz: Verfassungsschutzbericht 2018. Hrsg.: Bundesministerium des Innern für Bau und Heimat. 2019, ISSN 0177-0357, S. 61–62.
  4. Luise Glaser-Lotz: Stadt Hanau zeigt Hetzer an. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 23. Februar 2021, abgerufen am 23. Februar 2021.
  5. Ingo Salmen: Polizei ermittelt wegen „Volkslehrer“-Video zu Hanauer Anschlag. In: Der Tagesspiegel. 24. Februar 2021, abgerufen am 1. März 2021.
  6. Hetzvideos verbreitet: YouTube sperrt „Volkslehrer“. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung. 14. April 2019, abgerufen am 3. Februar 2020.
  7. Miro Dittrich, Lukas Jäger, Claire-Friederike Meyer, Simone Rafael: Alternative Wirklichkeiten. Monitoring rechts-alternativer Medienstrategien. Hrsg.: Amadeu Antonio Stiftung. Berlin 2020, ISBN 978-3-940878-48-9, S. 28 u. 24 (Online [PDF]).
  8. Berliner Grundschullehrer predigt Verschwörungstheorien. In: Der Tagesspiegel, 6. Januar 2018.
  9. a b Helena Piontek: „Volkslehrer“ aus Berlin. Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen rechtsextremen Youtuber. In: Der Tagesspiegel. 14. März 2020, abgerufen am 14. März 2020.
  10. Alexander Fröhlich: Youtube sperrt Kanal des „Volkslehrers“. In: Der Tagesspiegel. 15. April 2019, abgerufen am 24. Juli 2019.
  11. Wegen volksverhetzender Videos – Lehrer fristlos gefeuert. In: Berliner Zeitung. 7. Mai 2018, abgerufen am 24. Juli 2019.
  12. Selbsternannter „Volkslehrer“ scheitert mit Klage gegen Kündigung. In: Der Tagesspiegel. 16. Januar 2019, abgerufen am 24. Juli 2019.
  13. Nach Entlassungsurteil: „Volkslehrer“ legt Berufung ein. In: Berliner Kurier. 25. Juni 2019, abgerufen am 24. Juli 2019.
  14. „Volkslehrer“ wird nicht mehr unterrichten. In: Tagesspiegel.de. 10. September 2019, abgerufen am 11. September 2019.
  15. „Volkslehrer“ Nikolai Nerling gibt im juristischen Streit auf. In: Märkische Allgemeine. 10. September 2019, abgerufen am 11. September 2019.
  16. Martin Niewendick: Wenn Rechtsradikale die KZ-Gedenkstätte zu ihrer Bühne machen. In: Die Welt. 12. Februar 2019, abgerufen am 10. Dezember 2019.
  17. Thomas Radlmaier: Dachau: „Volkslehrer“ wegen Volksverhetzung verurteilt. In: Süddeutsche Zeitung. 9. Dezember 2019, abgerufen am 9. Dezember 2019.
  18. Stefanie Zipfer: Vor KZ Dachau: Rechtsradikaler Ex-Lehrer dreht Video – vor Schülern leugnet er den Holocaust. In: Münchner Merkur. 10. Dezember 2019, abgerufen am 10. Dezember 2019.
  19. Stefanie Wagner, Sandra Limoncini, Jörg Skriebeleit: Offener Antisemitismus in bayerischen KZ-Gedenkstätten. Interview. In: Bayerischer Rundfunk. 23. Januar 2020, abgerufen am 14. Februar 2020.
  20.  (28. Juli 2020). Unter Neonazis: Als Journalist auf Volkslehrer-KundgebungFunke Mediengruppe. Abgerufen am 31. Juli 2020. 09:15.
  21. Thomas Radlmaier: Holocaustleugnung: Rechter „Volkslehrer“ vor Gericht. Abgerufen am 23. November 2020.
  22. Peter Laudenbach, Jens-Christian Wagner: „Diese Minderheit wird lauter, größer und aggressiver“. Interview. In: Süddeutsche Zeitung. 13. Februar 2020, abgerufen am 13. Februar 2020.
  23. Thomas Radlmaier: Rechtsextremer "Volkslehrer" zu Geldstrafe verurteilt. In: SZ.de, 29. November 2020.
  24. Thomas Radlmaier: „Die Schüler haben ungewöhnlichen Mut gezeigt“. In: Süddeutsche Zeitung, 17. Juni 2021, abgerufen am 14. Oktober 2021. „Nerling ging gegen das Urteil vor, aktuell läuft das Revisionsverfahren am Bayerischen Oberlandesgericht. Mit einer Entscheidung darf laut einem Gerichtssprecher in sechs bis acht Wochen gerechnet werden.“
  25. Andrea Röpke, Andreas Speit: Völkische Landnahme. Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos. Links Verlag, Berlin 2019, S. 166 f.
  26. Kevin Čulina: Neues vom „Volkslehrer“: „Ich geh ja schon“. In: Die Tageszeitung, 13. März 2019.
  27. Der goldene Aluhut 2019 – Die Gewinner. In: Der Goldene Aluhut. Abgerufen am 4. Januar 2020.
  28. „Hygienedemo“ vor der Volksbühne. Wird Berlin zum Zentrum rechter Corona-Proteste? In: Der Tagesspiegel. 26. April 2020, abgerufen am 26. April 2020.
  29. Thomas Loy, Corinna Cerruti, Christoph M. Kluge: Corona-Pandemie in Berlin. Die gelockerten Regeln lassen viele die Krise vergessen. In: Der Tagesspiegel. 25. April 2020, abgerufen am 26. April 2020.
  30. Über 100 Festnahmen bei Berliner Demonstration gegen Corona-Maßnahmen. In: Die Welt. 26. April 2020, abgerufen am 26. April 2020.
  31. Verfassungsschutz: Besetzung von Reichstag kam überraschend. In: Süddeutsche Zeitung, 9. September 2020, abgerufen am 14. Oktober 2021.
  32. Maike Baumgärtner et al.: Chats zeigen Planung des „Sturms auf den Reichstag“: „Für so was braucht man Waffen“. In: spiegel.de, 3. September 2020.
  33. Felix Hackenbruch: Strandbad Plötzensee bekommt Shitstorm nach Rauswurf des „Volkslehrers“. In: Der Tagesspiegel. 4. September 2020, abgerufen am 6. September 2020.
  34. Max Preussler: Ein Strandbad-Rausschmiss und seine Folgen: „Niemand schwimmt gerne in brauner Brühe“. In: rbb24.de, 7. September 2020, abgerufen am 10. Dezember 2020.
  35. Sabine am Orde, Konrad Litschko, Erik Peter: Eskalation mit Ansage. In Die Tageszeitung, 19. November 2020, S. 5. „Ein kleiner unbehelmter Greiftrupp der Polizei sucht derweil nach Störern. Mit als Ersten führt sie den Holocaustleugner und Youtuber Nikolai Nerling ab.“
  36. Lukas Rogalla, Joel Schmidt, Ines Alberti: Demo gegen Corona-Regeln in Leipzig: Polizei zieht Bilanz ‒ und wird wieder kritisiert. In: Frankfurter Rundschau, 22. November 2020, abgerufen am 10. Dezember 2020. „Querdenker-Demo in Leipzig: Rechtsextremer „Volkslehrer“ von der Polizei abgeführt. 18.35 Uhr: Der rechtsextreme und sogenannte „Volkslehrer“ Nikolai Nerling wurde im Rahmen der Demonstration gegen die Corona-Politik in Leipzig von mehreren Einsatzkräften abgeführt. Der Hintergrund ist noch unklar.“
  37. Bericht 2020. Pressefassung. Herausgegeben von der Senatsverwaltung für Inneres und Sport, Abteilung Verfassungsschutz, Berlin 2021, S. 20, abgerufen am 14. Oktober 2021 (PDF; 4,3 MB).