Nicotin

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Nikotin ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zum gleichnamigen Kriminalroman von Agatha Christie siehe Nikotin (Roman).
Strukturformel
Struktur von Nicotin
Allgemeines
Name Nicotin
Andere Namen
  • Nikotin
  • (S)-Nicotin
  • (S)-(–)-3-(1-Methyl-pyrrolidin-2-yl)pyridin
  • (S)-(–)-1-Methyl-2-(3-pyridyl)pyrrolidin
  • L-3-Pyridyl-N-methylpyrrolidin
  • Destruxol
Summenformel C10H14N2
CAS-Nummer 54-11-5
PubChem 942
ATC-Code

N07BA01

DrugBank APRD00200
Kurzbeschreibung

farblose bis bräunliche ölige Flüssigkeit mit tabak- (pyridin-)artigem Geruch[1]

Arzneistoffangaben
Wirkstoffklasse

Mittel zur Raucherentwöhnung

Eigenschaften
Molare Masse 162,23 g·mol−1
Aggregatzustand

flüssig

Dichte

1,01 g·cm−3[1]

Schmelzpunkt

−79 °C[1]

Siedepunkt

246 °C[1]

Dampfdruck

5,6 Pa (20 °C)[1]

pKs-Wert
  • pKb1 = 6,16 (Pyrrolidin-N, 15 °C)[2]
  • pKb2 = 10,96 (Pyridin-N, 15 °C)[2]
  • pKs1 = 3,2 (Pyridin-N, 25 °C)[2]
  • pKs2 = 7,9 (Pyrrolidin-N, 25 °C)[2]
Löslichkeit

leicht in Wasser, Ethanol, Diethylether und Chloroform, mischbar mit vielen organischen Lösungsmitteln[3]

Brechungsindex

1,5282 (20 °C)[4]

Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung aus EU-Verordnung (EG) 1272/2008 (CLP) [5]
06 – Giftig oder sehr giftig 09 – Umweltgefährlich

Gefahr

H- und P-Sätze H: 310​‐​301​‐​411
P: 273​‐​280​‐​302+352​‐​309+310 [1]
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [6] aus EU-Verordnung (EG) 1272/2008 (CLP) [5]
Sehr giftig Umweltgefährlich
Sehr giftig Umwelt-
gefährlich
(T+) (N)
R- und S-Sätze R: 25​‐​27​‐​51/53
S: (1/2)​‐​36/37​‐​45​‐​61
MAK

0,07 ml·m−3; 0,5 mg·m−3[7]

Toxikologische Daten
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen. Brechungsindex: Na-D-Linie, 20 °C
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Nicotin, auch Nikotin, ist ein natürlich in der Tabakpflanze sowie in geringerer Konzentration auch in anderen Nachtschattengewächsen vorkommendes Alkaloid. In der ganzen Tabakpflanze ist es mit einem Massenanteil von bis zu fünf Prozent enthalten. Selten werden Nicotinderivate als Nicotinoide[9] bezeichnet; meist sind damit die synthetischen, als Insektizide eingesetzten Neonicotinoide[10] gemeint.

Geschichte

Die Tabakpflanze wurde in Amerika von den Maya spätestens seit dem 10. Jahrhundert rituell konsumiert. Im Jahr 1492 wurde Christoph Columbus bei Ankunft in der neuen Welt getrockneter Tabak präsentiert.[11] Der Botschafter Frankreichs in Portugal, Jean Nicot de Villemain, sandte im Jahr 1560 Samen von Nicotiana tabacum an den französischen König, der ihre medizinische Verwendung förderte.[12] Nicotin wurde erstmals 1828 durch Karl Ludwig Reimann und Christian Wilhelm Posselt isoliert, die es nach Jean Nicot benannten. Die chemische Struktur wurde von Adolf Pinner und Richard Wolffenstein aufgeklärt. Im Jahr 1851 wies der belgische Chemiker Jean Servais Stas nach, dass Hippolyte Visart de Bocarmé sein Opfer Gustave Fougnies mit Nicotin vergiftet hatte.

Vorkommen

Feld mit Tabakpflanzen

Natürliches Vorkommen

Nicotin wird vor allem durch verschiedene Arten der Gattung Nicotiana (vor allem Nicotiana tabacum und Nicotiana rustica) und anderer Gattungen der Nachtschattengewächse (beispielsweise Duboisia hopwoodii und Asclepias syriaca)[13] als Sekundärmetabolit in nennenswerter Menge erzeugt. In sehr geringer Konzentration ist Nicotin auch in einigen anderen Arten der Familie und der nahe verwandten Windengewächse nachgewiesen. Außerhalb dieser Familien tritt der Stoff sporadisch in geringerer Konzentration auf, so zum Beispiel in der Gattung Erythroxylum aus der Familie der Rotholzgewächse.[14] Nicotin kommt in geringeren Mengen auch in verschiedenen Nachtschattengewächsen wie Kartoffeln, Tomaten und Auberginen vor.[15]

Nicotingehalt von Tabakprodukten und Substituten

Der Nicotingehalt des Rauchs einer Zigarette beträgt etwa 0,9 Milligramm.[16] Der Nicotinanteil in getrocknetem Tabak liegt zwischen 0,6 bis 2,9 % der Trockenmasse.[11] Hierbei ist jedoch zu beachten, dass die Angabe der Nicotinmenge pro Zigarette nur eine äußerst eingeschränkte Informationsqualität besitzt, da der Gehalt an aufgenommenem Nicotin je nach Art der Inhalation und der Konstruktion der Zigarette variiert. Des Weiteren ist von wesentlicher Bedeutung, dass ein Raucher durch die Umstellung auf nicotinreduzierte Zigaretten nicht zwingend weniger Nicotin pro Tag zu sich nimmt, da viele Raucher an diesen stärker und länger ziehen. Die Zigarette selbst enthält wesentlich mehr Nicotin (circa 12 mg, siehe Abschnitt toxische Wirkung), das beim Rauchen jedoch größtenteils einfach verbrennt, bevor es eingeatmet wird.

Ein typisches Nicotinpflaster gibt etwa 1 Milligramm Nicotin pro Stunde ab, über 16 oder 24 Stunden.[17]

Das Tabakschnupfen kann zu einer täglichen Nicotinaufnahmemenge ähnlich derjenigen eines starken Rauchers führen (20 bis 60 mg).[18]

Eigenschaften

Konstitutiver Pflanzenwehrstoff

Nicotiana, so die lateinische Bezeichnung für die Gattung der Tabakpflanzen, erzeugt das Nicotin in ihren Wurzeln. Wenn die Pflanze reift, wandert der Stoff in die Blätter und erreicht dort einen Massenanteil von 0,5 bis zu 7,5 %.[19] Beim Nicotin dient in den Pflanzenteilen, insbesondere in den Blättern, zur Abwehr von Fressfeinden der Pflanze, sofern der Fressfeind ein Nervensystem mit nicotinischem Acetylcholinrezeptor aufweist. Nicotin und Nicotinoide sind starke Insektizide.[9]

Physikalische Eigenschaften

Reines Nicotin ist bei Zimmertemperatur eine farblose, ölige Flüssigkeit, die sich an der Luft rasch braun färbt. Es ist eine wasserlösliche Base.

Chemische Eigenschaften

Die chemische Struktur von Nicotin, die auf zwei verbundenen Ringen aus Pyridin und Pyrrolidin basiert, wurde von Adolf Pinner und Richard Wolffenstein aufgeklärt.[20][21][22] Nicotin besitzt ein stereogenes Zentrum, es ist chiral. In der Natur kommt ausschließlich (S)-Nicotin vor. Das Enantiomer (R)-Nicotin hat keine pathophysiologische Bedeutung. Wenn in diesem Artikel der Begriff ‚Nicotin‘ gebraucht wird, ist stets (S)-Nicotin gemeint.

Biosynthese

In Tabakpflanzen wird Nicotin, ausgehend von Nicotinsäure und L-Ornithin, in folgenden Schritten synthetisiert:[23][24]

  1. 1,4-Reduktion des Pyridinrings der Nicotinsäure zu 1,4-Dihydronicotinsäure, unter Verwendung von NADPH als Reduktionsmittel.
  2. Decarboxylierung der 1,4-Dihydronicotinsäure zu 1,2-Dihydropyridin.

Parallel dazu:

  1. Bildung von Putrescin aus L-Ornithin.
  2. Synthese eines N-Methylpyrrolinium-Kations aus Putrescin.

Reaktion zum fertigen Nicotin:

1,4-Dihydronicotinsäure (ein Enamin) reagiert mit dem N-Methylpyrrolinium-Kation (einem Iminium-Ion) über ein Zwischenprodukt und anschließender Reoxidation des Dihydropyridinrings mit NADP+ zu Nicotin.

Biosynthese von Nicotin

Biochemische Bedeutung und Wirkung

Wirkung von Nicotin auf dopaminerge Nerven
Wirkung von Nicotin auf Chromaffinzellen der Nebenniere

Wird Nicotin durch Tabakrauchen aufgenommen, kommt es mit einer vergleichsweise hohen Anflutgeschwindigkeit von 10 bis 20 Sekunden nach dem Inhalieren im Gehirn an.[25] Dort wirkt das Nicotin stimulierend auf die nicotinischen Acetylcholinrezeptoren. Dieser Rezeptortyp befindet sich in parasympathischen Ganglien, sympathischen Ganglien, im Nebennierenmark, Zentralnervensystem und an den motorischen Endplatten. Nicotin aktiviert parasympathische Nerven und hemmt sympathische Nerven in ihrer Aktivität. Außerdem fördert Nicotin die Ausschüttung des Hormons Adrenalin sowie der Neurotransmitter Dopamin und Serotonin. In niedrigen Mengen hat Nicotin dadurch einen stimulierenden Effekt. Nicotin beschleunigt kurzfristig und reversibel den Herzschlag und bewirkt eine Verengung v. a. der peripheren Blutgefäße;[26] dadurch kommt es zu Blutdrucksteigerung, zu leichtem Schwitzen (Abnahme des Hautwiderstandes) und infolge der Verengung der peripheren Blutgefäße zu einem Absinken der Hauttemperatur. Zu den zentralen Effekten gehören vor allem die Steigerung der psychomotorischen Leistungsfähigkeit sowie der Aufmerksamkeits- und Gedächtnisleistungen und eine Entspannung bei manchen negativen affektiven Zuständen.[27] Diese Steigerung ist allerdings nur von kurzer Dauer. Durch die Nicotinzufuhr verringert sich der Appetit. Es kommt zu einer Steigerung der Magensaftproduktion durch Ausschüttung von Histamin und zu einer erhöhten Darmtätigkeit. Außerdem ist auch eine antidiuretische Wirkung des Nicotins bekannt. Über die Wirkungen des Nicotins und die Ausschüttung von Dopamin wird eine Verstärkung des Konsumverhaltens ausgelöst,[28] die in einer Nicotinabhängigkeit resultieren kann. Entzugserscheinungen wie Reizbarkeit oder dysphorische Stimmungen können bis zu 72 Stunden andauern.[29]

Nicotin befindet sich nicht auf der Dopingliste, obwohl es die Ausdauer verlängert.[30]

Nicotin wird im Körper zu Cotinin, Nicotin-N′-oxid, Nornicotin, Hydroxynicotin und Anbasein abgebaut.[31] Nicotin und manche Metaboliten werden zur Behandlung von Morbus Parkinson,[31] und Depressionen bei Nichtrauchern untersucht.[32]

Andere Toxine, die an Acetylcholinrezeptoren wirken, sind Anatoxin A einiger Cyanobakterien, Coniin des Gefleckten Schierlings, Arecolin der Betelnüsse, Cytisin des Goldregens und Epibatidin der Baumsteigerfrösche.

Toxische Wirkung

Nicotin ist in geringen Dosen in erster Linie ein Stimulans. In mittlerer Dosierung führt es dagegen zu einer entspannenden Wirkung. Das Phänomen des dosisabhängigen Wirkungswechsels wurde als Nesbitt-Paradox beschrieben.[33] Erst in hoher Konzentration ist Nicotin sehr giftig für höhere Tiere, da es in hoher Dosierung die Ganglien des vegetativen Nervensystems blockiert. Nicotin ist der hauptsächlich für das Suchtpotenzial von Tabakgenuss verantwortliche Wirkstoff im Tabak.[34] Akute Überdosierungen sind mit Übelkeit und Erbrechen assoziiert.

In den Nieren steigt der Blutdruck unter Nikotineinwirkung, begleitet von einer geminderten glomerulären Filtrationsrate und geminderter lokaler Strömung von Blutplasma.[35] Bei Heranwachsenden kann Nikotin zu Veränderungen in der Entwicklung des Nucleus accumbens, des mittleren präfrontalen Cortex, der basolateralen Amygdala, des bed nucleus der stria terminalis und des Gyrus dentatus führen.[36]

Die Geschwindigkeit der Nicotinaufnahme über die menschliche Haut ist generell langsam und vom Lösungsmittel abhängig. Die reine Base (100 % Nicotin) wird extrem langsam mit einer Rate von 82 µg/cm2 pro Stunde aufgenommen, d. h. wenn man auf 10 cm2 Haut reines Nicotin aufbringt, nimmt man 0,8 mg pro Stunde auf (das entspricht etwa dem Rauchen einer halben Zigarette). Bei Applikation einer 20%igen Lösung von Nicotin in einer alkoholischen Lösung auf 10 cm2, liegt die Aufnahme bei 0,1 mg Nicotin pro Stunde. In verdünnter wässriger Lösung (20%ig) ist die Nicotinaufnahme mit 8,8 mg pro Stunde deutlich schneller.[37]

Lange Zeit galt die Annahme, bereits beim Verschlucken von 60 mg Nicotin bestünde für einen Erwachsenen Lebensgefahr. Diese Annahme beruhte auf den Forschungsergebnissen des Toxikologen und Pharmakologen Rudolf Kobert. Im Jahr 1906 veröffentlichte er das „Lehrbuch der Intoxikationen“, in dem er sich auf experimentelle Ergebnisse von 2–4 mg stützte und daraus ableitete, dass die maximale tödliche orale Nicotindosis nicht höher als 60 mg sein könnte. Kobert führte seine Erhebungen zurück auf Selbstversuche des österreichischen Arztes Karl Damian von Schroff aus dem Jahr 1856. 2014 korrigierte der Pharmakologe Bernd Mayer von der Karl-Franzens-Universität in Graz den Wert auf über 500 mg.[38]

Im Fall von durch Kinder verschluckten Zigaretten hat eine amerikanische 5-Jahres-Studie mit 700 analysierten Fällen gezeigt, dass der Krankheitsverlauf beim Verschlucken von bis zu zwei Zigaretten immer leicht war.[39] Das Schweizerische Toxikologische Informationszentrum empfiehlt daher bei Kindern eine ärztliche Konsultation erst, wenn mehr als zwei Zigaretten verschluckt worden sind oder Vergiftungssymptome (wie Erbrechen, Hautrötungen, Blässe, Unruhe) auftreten.[40] Teilweise wird aber auch schon bei geringeren Mengen eine ärztliche Konsultation als zwingend angesehen.[41] Erbrechen sollte bei Verdacht auf Nicotinvergiftung nicht ausgelöst werden.[41]

Auf der Verpackung einer Zigarettenschachtel wird die Menge Nicotin angegeben, die beim Rauchen einer Zigarette nach der OECD-Testmethode inhaliert wird. Eine Zigarette enthält etwa 12 Milligramm Nicotin.

Karzinogene Wirkung

Nicotin steht nicht auf der Liste karzinogener Substanzen der Internationalen Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation.[42]

Krebsbegünstigende Wirkung

In der US-Fachzeitschrift Journal of Clinical Investigation wurde berichtet, dass Nicotin im Rahmen einer Chemotherapie die Fähigkeit des Körpers blockiert, Zellen mit beschädigtem Erbmaterial zu zerstören. Derartige Zellen müssen aber gerade bei einer solchen Therapie vom Körper möglichst schnell abgebaut werden, weil sich sonst die bereits im Körper befindlichen Krebsgeschwulste weniger gehindert weitervermehren.[43][44] In gesunden Zellen aktiviert Nicotin die Proteinkinase B, die den Metabolismus, das Wachstum und das Absterben von Zellen kontrolliert. Dadurch wird die Überlebensfähigkeit der Zellen erhöht, was schädlich ist, falls diese später einmal zu Krebszellen mutieren.[45] Darüber hinaus wurde berichtet, dass Nicotin die Bildung neuer Blutgefäße (Angiogenese) fördert und dadurch auch etwaige vorhandene Krebsgeschwulste besser mit Nährstoffen versorgt werden und schneller wachsen können.[46]

Sonstige Wirkung

Obwohl Rauchen als Risikofaktor für Alzheimer-Patienten gilt,[47] gibt es auch Studien, die die positive Wirkung von Nicotin in Bezug auf Entstehung und Behandlung dokumentieren.[48] Der Konsum von Nicotin ist mit einer geringeren Erkrankungswahrscheinlichkeit für Morbus Parkinson assoziiert.[49] Bei Mäusen konnte eine schädliche Wirkung auf Embryonen während der Schwangerschaft nachgewiesen werden, die sich epigenetisch in der nächsten und übernächsten Generation als Asthma manifestierte. Ob ein solcher Effekt beim Menschen besteht, ist unbekannt.[50]

Abhängigkeitspotenzial

Hauptartikel: Tabaksucht

Nicotin ist hauptsächlich mitverantwortlich für die Abhängigkeit von Tabakerzeugnissen.[51] Die Suchtwirkung des Nicotins wird durch im Tabakrauch enthaltene Monoaminooxidase-Hemmer verstärkt.[52] Vergleiche von Tierstudien und Studien über menschlichen Drogenkonsum zeigen auf, dass pures Nicotin weniger Suchtpotenzial als Tabakzigarettenrauch aufweist.[53][54][55] Nicotin hat in Verbindung mit anderen Stoffen im Tabakrauch ein extrem hohes Abhängigkeitspotenzial und kann sehr schnell zu einem abhängigen Verhalten führen.[56] Laut einem im Jahr 2007 veröffentlichten Papier von D. Nutt et al. liegt das Abhängigkeitspotenzial von Tabakrauch zwischen Alkohol und Kokain. Genauer gesagt, liegt das physische Abhängigkeitspotenzial bei dem von Alkohol bzw. Barbituraten und das psychische Abhängigkeitspotenzial bei dem von Kokain.[57] Ein Vergleich mit der Sucht nach Opiaten wie Heroin ist nicht angezeigt, weil diese weitaus komplizierter zu behandeln ist und die Entzugserscheinungen schwerwiegender sind. Es reichen wenige Zigaretten oder wenige Tage mit kleinem Zigarettenkonsum bis zum Eintritt der körperlichen Abhängigkeit. Das Abhängigkeitspotenzial von oral aufgenommenem Nicotin ist deutlich geringer, Pflaster haben fast kein Abhängigkeitspotenzial.[58]

Verwendung

Medizinische Verwendung

Nicotin wird in der Raucherentwöhnungstherapie in Form von Pflastern, Sprays oder Kaugummis verwendet.[59] Das zugeführte Nicotin reduziert dabei die Entzugssymptome bei Rauchverzicht; viele der durch den Tabakrauch entstehenden Risiken werden durch reines Nicotin vermieden.[60]

Eine Metaanalyse von 103 randomisierten, Placebo-kontrollierten Studien ergab, dass die Rückfallwahrscheinlichkeit bei Rauchern, die ohne Hilfsmittel mit dem Tabakkonsum aufhören, bei 97 % innerhalb von sechs Monaten nach dem Rauchstopp liegt. Bis 2012 ging man davon aus, dass Nikotinersatzpräparate bei korrekter Dosierung und weiterer Fachlicher Anleitung die Erfolgschancen um 3 % steigern können.[61] Eine neuere Studie von 2012 besagt, dass die Rückfallraten bei denen, die Nikotinersatzpräparate zum Aufhören verwendet haben, genau so hoch war wie derer, die ohne Hilfsmittel aufgehört haben.[62][63]

Nicotinkaugummis haben üblicherweise einen Nicotingehalt von 2 mg für Raucher mit einem gemäßigten Tabakkonsum oder 4 mg bei starker Abhängigkeit. In Deutschland sind sie nur in Apotheken erhältlich. In der Schweiz sind alle Nicotinentwöhnungsmittel in der Abgabekategorie D, sie sind also in Apotheken und Drogerien erhältlich.

Hinsichtlich konjugierter Impfstoffe mit Nicotin zur Erzeugung von anti-Nicotin-Antikörpern gibt es entsprechende Studien.[64][65] Weiterhin werden Antagonisten des nicotinischen Acetylcholinrezeptors zur Entwöhnung untersucht.[66]

Anwendung im Pflanzenschutz

Reines Nicotin wurde früher im Pflanzenschutz als Pestizid gegen saugende oder beißende Insekten (unter anderem Blattläuse) eingesetzt. Für Pflanzen ist der Stoff gut verträglich und zudem biologisch gut abbaubar. Aufgrund der hohen Toxizität besteht für Nicotin jedoch seit den 1970er Jahren ein Anwendungsverbot. Synthetisch hergestellte Insektizide wie beispielsweise E605 wurden als Ersatz verwendet. Andere natürliche Nicotinoide und synthetische Neonicotinoide werden als Insektizide vor allem für die kommerzielle Anwendung entwickelt.[9][67]

Handelsnamen

Monopräparate

Nicopatch (A), Nicorette (D, A, CH), Nicotinell (D, A, CH), Nicotrol (A), Nikaloz (A), Nikofrenon (D), NiQuitin (D, A)

Literatur

  • Helmut Schievelbein (Hrsg.): Nikotin – Pharmakologie und Toxikologie des Tabakrauches. Thieme Verlag, Stuttgart 1968, DNB 457705825.

Weblinks

 Commons: Nicotin – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. a b c d e f Eintrag zu Nikotin in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA, abgerufen am 14. Februar 2015 (JavaScript erforderlich).
  2. a b c d Moffat AC (Hrsg.): Clarke’s Isolation and Identification of Drugs, 2. Auflage, 1986, The Pharmaceutical Press, London. ISBN 978-0-85369166-2. S. 807–808.
  3. Eintrag zu Nicotin. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 12. April 2011.
  4. David R. Lide (Hrsg.): CRC Handbook of Chemistry and Physics. 90. Auflage. (Internet-Version: 2010), CRC Press/Taylor and Francis, Boca Raton, FL, Physical Constants of Organic Compounds, S. 3-386.
  5. a b Eintrag aus der CLP-Verordnung zu CAS-Nr. 54-11-5 in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA (JavaScript erforderlich).
  6. Für Stoffe ist seit dem 1. Dezember 2012, für Gemische seit dem 1. Juni 2015 nur noch die GHS-Gefahrstoffkennzeichnung zulässig. Die EU-Gefahrstoffkennzeichnung ist nur noch auf Altbeständen zu finden und von rein historischem Interesse.
  7. Grenzwerte am Arbeitsplatz, Maximale Arbeitsplatz-Konzentrationswerte (MAK-Werte), Biologische Arbeitsstoff-Toleranzwerte (BAT-Werte) und Grenzwerte für physikalische Einwirkungen periodisch publiziert. (PDF; 1,2 MB) SUVA.ch, 2012.
  8. a b c d Eintrag zu Nicotin in der ChemIDplus-Datenbank der United States National Library of Medicine (NLM).
  9. a b c Izuru Yamamoto, John E. Casida (Hrsg.): Nicotinoid insecticides and the nicotinic acetylcholine receptor. Springer, 1999.
  10. Eintrag zu Neonicotinoide. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 11. September 2013.
  11. a b Dietrich Hoffmann, Ilse Hoffmann: Chemistry and Toxicology In: Smoking and Tobacco Control Monograph No. 9 – Cigars: Health Effects and Trends. Kapitel 3, National Cancer Institute, 1998.
  12. Rang H. P et al., Rang and Dale's Pharmacology 6th Edition, 2007, Elsevier. ISBN 9780702040740. S. 598.
  13. Robert L. Metcalf: Insect Control, in: Ullmann's Encyclopedia of Industrial Chemistry, 7th Edition, Wiley 2007, S. 9.
  14. Eckart Eich: Ornithine-Derived Alkaloids. In: Solanaceae and Convolvulaceae: Secondary Metabolites – Biosynthesis, Chemotaxonomy, Biological and Economical Significance (A Handbook), Springer Verlag, 2008, ISBN 978-3-540-74540-2, S. 33–188.
  15. The Nicotine Content of Common Vegetables. In: The New England Journal of Medicine. 329, August 1993, S. 437. doi:10.1056/NEJM199308053290619.
  16. In: Der Spiegel, Band 48, Ausgaben 31-35, Spiegel-Verlag, 1994. S. 147.
  17. Alfred Lichtenschopf: Standards der Tabakentwöhnung: Konsensus der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie - Update 2010. Springer-Verlag, 2012. ISBN 9783709109793. S. 55.
  18. Zur Wirkung des Schnupftabaks, doi:10.1007/BF01865916.
  19. Tobacco (leaf tobacco). Transportation Information Service.
  20. A. Pinner, R. Wolffenstein: Ueber Nicotin. In: Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 24, 1891, S. 61–67, doi:10.1002/cber.18910240108.
  21. A. Pinner, R. Wolffenstein: Ueber Nicotin. In: Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 24, 1891, S. 1373–1377, doi:10.1002/cber.189102401242.
  22. A. Pinner, R. Wolffenstein: Ueber Nicotin. In: Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 25, 1892, S. 1428–1433, doi:10.1002/cber.189202501214.
  23. Paul M. Dewick: Medicinal Natural Products: A Biosynthetic Approach. 2. Edition. WileyBlackwell, 2001, S. 313.
  24. Xuewen Wang, Jeffrey L. Bennetzen: Current status and prospects for the study of Nicotiana genomics, genetics, and nicotine biosynthesis genes. In: Molecular Genetics and Genomics. 290, 2015, S. 11, doi:10.1007/s00438-015-0989-7. PMID 25582664.
  25. J. Le Houezec: Role of nicotine pharmacokinetics in nicotine addiction and nicotine replacement therapy: a review. In: Int J Tuberc Lung Dis. 2003; 7: S. 811–819, PMID 12971663.
  26. Sabha M, Tanus-Santos JE, Toledo JC, Cittadino M, Rocha JC, Moreno H: Transdermal nicotine mimics the smoking-induced endothelial dysfunction. In: Clinical Pharmacology and Therapeutics. 68, Nr. 2, August 2000, S. 167–74. doi:10.1067/mcp.2000.108851. PMID 10976548.
  27. F. Scott Hall, Andre Der-Avakian, Thomas J. Gould, Athina Markou, Mohammed Shoaib, Jared W. Young: Negative affective states and cognitive impairments in nicotine dependence. In: Neuroscience & Biobehavioral Reviews. 2015, doi:10.1016/j.neubiorev.2015.06.004. PMID 26054790.
  28. Sybren F. de Kloet, Huibert D. Mansvelder, Taco J. De Vries: Cholinergic modulation of dopamine pathways through nicotinic acetylcholine receptors. In: Biochemical Pharmacology. 2015, doi:10.1016/j.bcp.2015.07.014. PMID 26208783.
  29. Otto-Michael Lesch, Henriette Walter: Alkohol und Tabak: Medizinische und Soziologische Aspekte von Gebrauch, Missbrauch und Abhängigkeit. Springer-Verlag, 2009. ISBN 9783211486344. S. 144.
  30. Mündel T, Jones DA: Effect of transdermal nicotine administration on exercise endurance in men. In: Experimental Physiology. 91, Nr. 4, July 2006, S. 705–713. doi:10.1113/expphysiol.2006.033373. PMID 16627574.
  31. a b George E. Barreto, Alexander Iarkov, Valentina Echeverria Moran: Beneficial effects of nicotine, cotinine and its metabolites as potential agents for Parkinson’s disease. In: Frontiers in Aging Neuroscience. 6, 2015, doi:10.3389/fnagi.2014.00340. PMID 25620929. PMC 4288130 (freier Volltext).
  32. Mineur YS, Picciotto MR: Nicotine receptors and depression: revisiting and revising the cholinergic hypothesis. In: Trends Pharmacol. Sci.. 31, Nr. 12, December 2010, S. 580–586. doi:10.1016/j.tips.2010.09.004. PMID 20965579. PMC: 2991594 (freier Volltext).
  33. Parrott AC: Nesbitt's Paradox resolved? Stress and arousal modulation during cigarette smoking. In: Addiction. 93, Nr. 1, January 1998, S. 27–39. doi:10.1046/j.1360-0443.1998.931274.x. PMID 9624709.
  34. Pistillo F, Clementi F, Zoli M, Gotti C: Nicotinic, glutamatergic and dopaminergic synaptic transmission and plasticity in the mesocorticolimbic system: focus on nicotine effects. In: Prog Neurobiol. (2015), Band 124, S. 1–27. doi:10.1016/j.pneurobio.2014.10.002. PMID 25447802.
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  36. Robert F. Smith, Craig G. McDonald, Hadley C. Bergstrom, Daniel G. Ehlinger, Jennifer M. Brielmaier: Adolescent nicotine induces persisting changes in development of neural connectivity. In: Neuroscience & Biobehavioral Reviews. 55, 2015, S. 432, doi:10.1016/j.neubiorev.2015.05.019. PMID 26048001.
  37. S. Zorin et al.: In Vitro Test of Nicotine's Permeability through Human Skin. Risk Evaluation and Safety Aspects. (PDF; 194 kB) In: Ann Occup Hyg., 1999; 43: S. 405–413.
  38. B. Mayer: How much nicotine kills a human? Tracing back the generally accepted lethal dose to dubious self-experiments in the nineteenth century. In: Archives of Toxicology. Band 88, Nummer 1, Januar 2014, S. 5–7, doi:10.1007/s00204-013-1127-0. PMID 24091634. PMC 3880486 (freier Volltext).
  39. D. McGee, T. Brabson, J. McCarthy, M. Picciotti: Four-year review of cigarette ingestions in children. In: Pediatric Emergency Care, 1995, 11, S. 13–16.
  40. Verschlucken von Zigaretten durch Kinder. Schweizerisches Toxikologisches Informationszentrum.
  41. a b Häufige Vergiftungen durch Nikotin. (PDF; 41 kB) Gemeinsames GiftInformationszentrum.
  42. Agents Classified by the IARC Monographs, Volumes 1–107 (PDF; 139 kB), abgerufen am 27. Mai 2013.
  43. Nikotin stoppt Chemotherapie. wissenschaft.de.
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