Nobiskrug (Gasthaus)

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Nobiskrug, (süddeutsch auch: Nobishaus) ist ein seit dem 15. Jahrhundert bekannter Name bestimmter Gasthäuser. In der religiös-moralisierenden Literatur der Reformationszeit kommt das Wort als Bezeichnung eines fiktiven Wirtshauses vor, in dem sich jüngst Verstorbene bei einem luziferischen Wirt versammeln. Als literarisches Motiv hat der Nobiskrug eine Tradition bis ins 20. Jahrhundert. Weitgehend unabhängig von diesen Texten ist auf Holzschnitten um 1500 und vereinzelt auf Flugblättern des 17. Jahrhunderts eine eigene Bildtradition fassbar. Seit dem 15. Jahrhundert[1] und noch bis heute existieren unter dem Namen Nobiskrug einige, meist abseits der Städte gelegene Gasthöfe und davon abgeleitete Ortsnamen. Einige Orts- und Flurnamen sind mit Untergangssagen verknüpft.

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Krug ist eine norddeutsche Bezeichnung für ländliche Wirtschaften. Die rätselhafte Zusammensetzung hat unterschiedliche Herleitungen herausgefordert, nicht nur die naheliegende vom lat. Personalpronomen nobis = uns. Im Grimmschen Wörterbuch[2] sind unter Nobis die bis 1885 vermuteten etymologischen Zusammenhänge referiert, vor allem mit lat. abyssus: Abgrund, Hölle, dem ein N vorgesetzt worden sei. Grohne[3] leitete in der bis heute schlüssigsten Untersuchung den Nobiskrug aus dem rotwelschen Verneinungspräfix nobis ab, dessen sich fahrendes Volk bedient habe, um zu vermeidende Gasthäuser zu kennzeichnen. Lange fand die Deutung von Krogmann[4] Anerkennung, die das Wort mit dem schweizerischen Nobischratten, einem Korb für ungetauft verstorbene Kinder, in Verbindung brachte. Im Alpenraum galt das Nobishaus als ein Durchgangsort dieser Seelen, eine Art Limbus für Kinder. Zuletzt hat Marianne Rumpf[5] wieder einen Bezug zur lateinischen Gebetsformel ora pro nobis aufgegriffen und erklärt nobis als Bezeichnung für einen der Fürbitte bedürftigen, sündigen Menschen, insbesondere Bußpilger und den Nobiskrug als Wallfahrerherberge.

Die nicht ohne weiteres erklärliche Übertragung des mit seinem Jenseitsbezug negativ besetzten metaphorischen Namens auf real existierende Wirtshäuser erklärt Grohne damit, dass die Benennung nicht durch den Eigentümer oder Wirt erfolgt sei, sondern ursprünglich auf den durchaus verächtlichen Bezeichnungen durch Bevölkerung und Gäste (Pilger, Vaganten u. a. Fahrende Leute) beruhe. Dass sich die realen, lokalisierbaren Nobiskrüge in Norddeutschland konzentrieren, begründet Grohne damit, dass Norddeutschland die Sitte, Hausnamen zu führen, erst spät entwickelt habe.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Vorstellung von der Hölle als Schenke und dem Teufel als Wirt hat mittelalterliche Ursprünge. Sowohl in dichterischer Prosa als auch der religiösen Streit- und Erbauungsliteratur des 16. und noch des 17. Jahrhunderts finden sich zahlreiche Belege für den Gebrauch von Nobiskrug oder Nobishaus als Metapher für Hölle, oder doch wenigstens für einen Durchgangsort der Toten (Martin Luther, Johann Fischart, Thomas Murner, Hans Sachs, Burckhardt Waldis, Uz Eckstein, Grimmelshausen, Nicolaus Baer).

Nachdem sich das Motiv im 18. Jahrhundert weitgehend verloren hatte, wird es in der Dichtung des späten 19. Jahrhunderts, wohl auf dem Umweg über die Rezeption von Volkssagen, wieder belebt. Ein Gedicht von Friedrich Wilhelm Weber (1881) und eine Ballade von Börries Freiherr von Münchhausen (1911) handeln vom Übergangsort zwischen Leben und Tod. Plattdeutsche Literaten greifen das auf (Hermann Boßdorf: De Fährkroog, 1918 und Friedrich Lindemann: De Nobiskrog, 1923)[6] In dem berühmten Einleitungskapitel Ein alter Krug zu seinem Frühwerk Geist der Utopie[7] ist für Ernst Bloch der Nobiskrug ein Ort der Grenzerfahrung, in der Filmnovelle von Peter Huchel[8] eher ein Ort bäurischen Aberglaubens. An jüngeren Werken konnten ferner ermittelt werden: eine Erzählung: Der Gang zum Nobiskrug von Walter Vollmer (1938); ein Hörspiel bzw. Theaterstück: Nobiskrog. En Spiël tüsken Liäben un Daud (1956 bzw. 1961) von Anton Aulke;[9] eine Gedichtsammlung: Der Nobiskrug (1972) des Bukowiner Schriftstellers Immanuel Weissglas; und eine Gedichtsammlung von Dieter Hoffmann, Darmstadt 2005.

Darstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fegefeuerhaus mit „Nobis“-mann. Detail aus einem Titelblatt zu Eyn spegel aller lefhebbere der sundigen werlde, Holzschnitt, Magdeburg 1493

In den Jahrzehnten um 1500 entstehen gelegentlich Holzschnitte mit Darstellungen des Höllenrachens, des Fegefeuers oder des Limbus, denen das marginale Figürchen eines krugtragenden Mannes mit Beischrift nobis, nobishaus oder nobisherberge zugeordnet ist.[10] Es sind teils Einzelblätter, teils Illustrationen,[11] doch sind die Bezüge zu den Texten der zugehörigen Traktate mit ihren Sündenwarnungen bisher nicht recht untersucht worden. So bleibt der Zusammenhang zwischen Hölle und Krug noch unklar, erst einige wenige Flugblätter des 17. Jahrhunderts identifizieren ausdrücklicher den Nobiskrug mit der Hölle.

Forschungsstand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um den Themenkomplex Nobiskrug zu erklären, sind in der genannten Literatur zahlreiche wertvolle Einzelbeobachtungen zusammengetragen worden. Doch die Auflösung mancher Widersprüche und eine konsistente Gesamtdarstellung steht bislang noch aus. Nobis tritt demnach teils als armer Sünder, als Wallfahrer, teils als (Höllen-)Wirt und Teufel selbst auf; der Nobiskrug erscheint in der Bildtradition als Höllenrachen, in der neueren Literatur eher als Ort der Läuterung und in der historischen Wirklichkeit als abseits gelegenes, aber meist ordentliches, oft in öffentlichem Eigentum gewesenes Gasthaus. Die Darstellung von Grohne erscheint heute immer noch am ehesten als widerspruchsarme Gesamtdarstellung.

Orte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ortsteile mit dem Namen „Nobiskrug“ befinden sich in:

Gasthäuser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gasthäuser mit diesem Namen gibt oder gab es außerdem in oder bei:

  1. historisch: 1526 erwähnt, vor 1624 zerstört.[13]
  2. aktuell: Der Nobiskrug in Hamburg seit 1895 an der Ecke von „Am Nobisteich“ und Lincolnstraße (Hamburg), etwa 120 Meter südlich des ehemaligen Verlaufs vom Nobistor

Nachweise und Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lt. Rumpf soll der „Eiderstedter Nobiskrug bei Witzhave“ urkundlich „um 1400“ belegt sein. Nachweis fehlt aber. Außerdem liegt hier offensichtlich eine Verwechselung des Ortsnamens 22969 Witzhave (in Stomarn) mit dem von 25889 Witzwort (Eiderstedt) vor.
  2. Jacob Grimm und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Bd. 13, 1885, Sp. 862–877
  3. Ernst Grohne: Die Nobiskrüge, in: Niederdeutsche Zeitschrift für Volkskunde 6, 1928, S. 192–221
  4. Willy Krogmann: Vom Nobiskratten zum Nobiskrug. Wanderung und Wandlung eines Wortes aus der Schweiz, in: Freundesgabe. Jahrbuch zur Gesellschaft zur Förderung des Märchengutes der europäischen Völker 1962/64, S. 12–54
  5. Marianne Rumpf: Bildliche Darstellungen vom Nobiskrug, von der Hölle und dem Fegefeuer, in: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 40, 1995, S. 107–138 (mit Referierung der voraufgehenden Literatur)
  6. Die genannten Werke behandelt Hermann Tardel: Moderne Nobiskrug-Dichtungen in: Niederdeutsche Zeitschrift für Volkskunde, Jg. 3, 1925, S. 31–37
  7. Ernst Bloch: Vom Geist der Utopie, (Neuauflage der 2. Fassung von 1923), 1964, S. 17 ff.
  8. Peter Huchel: Gesammelte Werke, Band 2, 1984, S. 127–177
  9. Anton Aulke im Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren
  10. Zusammengestellt und abgebildet bei Rumpf (s. Anm. 5)
  11. zu den Meditationen des Jordanus von Quedlinburg und des Pseudo-Bonaventura
  12. (vgl. Nobistor)
  13. Grohne, Anm. 1: - Vorstellung der Gegend des Hamburger Bergs: in welcher im Monat Junii 1734 von dem Altonaischen Pöbel ein Wirtshaus spoliiret worden.
  14. Peter Eggers: Die Nobiskrüge, Rendsburg 1980.
  15. Ludwig Strackerjan: Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. Band 2, 1867, Neuauflage bearbeitet von Michael Holzinger 2014, ISBN 978-1-4942-7103-9, S. 709, auch online
  16. Jahrbuch des Vereins für Niederdeutsche Sprachforschung 1941, S. 56 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  17. Anton Aulke: Die Sage vom Nobiskrug in: Westfälischer Heimatkalender 14, 1961, S. 64 f.
  18. Werner Dobelmann: Der Nobiskrug am Freistuhl Kasewinkel, in: Westfälischer Heimatkalender 31, 1971, S. 44–47.