Norbert Denef

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Norbert Denef, Delitzsch, 2009
Norbert Denef mit Josef Winkler und Siegmund Ehrmann, 2010
Norbert Denef in der Bischofskonferenz in Trier, 2010
Norbert Denef 2010 in Rom
taz-Pantherpreis-Veranstaltung, 2011
Norbert Denef im Gespräch mit Claudia Roth und Volker Beck, 2012
Norbert Denef in Rom auf dem Petersplatz, 6. November 2013
Pater Klaus Mertes und Norbert Denef, St. Blasien, 11. Januar 2016

Norbert Denef (* 5. Mai 1949 in Delitzsch) ist Vorsitzender des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt (netzwerkB). Denef selbst ist Betroffener sexuellen Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche.[1]

Leben und Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Denef wurde in seiner Heimatstadt Delitzsch als Messdiener vom 10. bis zum 16. Lebensjahr von einem Priester und vom 16. bis zum 18. Lebensjahr von einem Organisten missbraucht. Der erste Täter, Alfons Kamphusmann (1924–1998), wurde 1952 zum Priester geweiht. Er war Vikar und Kurator in der Propstei zu Halle, dann in Droyßig, Delitzsch, Nordhausen, Langenweddingen, Hecklingen, Wittenberg-Piesteritz und Niedertiefenbach (Bistum Limburg) tätig. 1990 ging er in den Ruhestand und verstarb acht Jahre später. Der zweite Täter, Organist und Chorleiter der Gemeinde, lebt im Ruhestand und wurde nie belangt.

Denef lebte in seinem weiteren Dasein unauffällig, er war Techniker im Opernhaus Leipzig bis 1981 und an der Alten Oper in Frankfurt am Main von 1981 bis 1988, dann Technischer Leiter am Bürgerhaus Dietzenbach von 1991 bis 1998 und am Stadttheater Rüsselsheim von 1991 bis 1998. Bis 2012 war er im Facility Management der Stadtverwaltung von Rüsselsheim tätig. Denef wurde Ehemann und Vater von zwei Kindern. Er blendete das Geschehene aus, hatte sogar den Priester zu seiner Hochzeit eingeladen und sich von ihm 1973 trauen lassen.

Aufarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 40. Lebensjahr erlitt Denef einen seelischen Zusammenbruch. Er musste lernen, über sein Schicksal zu sprechen, was ihm erstmals im November 1993 in der Familie gelang.[2] Denef erhielt 2003 vom Bistum Magdeburg eine Entschädigung für sein erlittenes Leid angeboten, jedoch in Verbindung mit einer Schweigeverpflichtung. Im Jahre 2005 erhielt er vom Bistum schließlich 25.000 Euro, wobei die Schweigeverpflichtung in dem 2005 geschlossenen Vertrag gestrichen wurde.[3] Norbert Denef gilt als das erste Opfer in Deutschland, das von der römisch-katholischen Kirche eine Entschädigung erwirken konnte.[4]

Denef leidet auch heute noch an den Folgen des jahrelangen Missbrauchs, unter anderem Depressionen und weiteren Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung als Folge von sexuellen Missbrauchs in der Kindheit.[5][6] 2007 erschien Denefs Buch Ich wurde sexuell missbraucht.[7] Auf Grundlage des Buchs entstand das Theaterstück Alles muss raus!, das am 20. September 2008 im Frankfurter Autoren Theater uraufgeführt wurde.[8]

Norbert Denef reichte eine Petition zur Abschaffung der Verjährungsfristen für Vergehen bei Pädokriminaliät im Zivilrecht ein, die der Deutsche Bundestag im Dezember 2008 ablehnte. Denef kämpft daraufhin vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte dafür, dass im Zivilrecht die Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch abgeschafft wird.[9][10] Die Klage wurde ohne Angabe einer Begründung abgewiesen.

Im Dezember 2009 suchte Denef die Pfarrgemeinde St. Marien in seiner Heimatstadt Delitzsch auf. Eine Gesprächsmöglichkeit erhielt er nicht. Denef hinterließ einen offenen Brief an der Tür der Kirche.

Im Frühjahr 2010 gründete Denef mit anderen Betroffenen das Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt, kurz netzwerkB.

Bei der Missbrauchsdebatte auf dem Ökumenischen Kirchentag 2010 trat Denef während der Rede von Pater Klaus Mertes, Rektor des Berliner Canisius-Kollegs vor das Podium und forderte, die Opfer an der Debatte um sexualisierte Gewalt zu beteiligen.[11] Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz, sagte daraufhin: „Ich bin erschrocken über den Verlauf der Veranstaltung. Der Mann hat doch Recht: Wir sprechen über Institution. Ich habe das Gefühl, dass die Opfer aus dem Blick geraten.“[12][13][14][15][16][17][18][19][20][21]

Für die Verleihung des taz-Panter-Preis im September 2011 war Denef unter den ausgewählten Kandidaten, erhielt jedoch keinen Preis.

Am 6. Dezember 2011 war Norbert Denef zum Bundesparteitag der SPD als Gastredner eingeladen und sprach über die Situation und Leiden der Opfer. Der Parteitag beschloss einstimmig, sich für eine Aufhebung der Verjährungsfristen im Bundestag einzusetzen.[22]

Vom 8. Juni bis 24. Juli 2012 befand sich Norbert Denef im Hungerstreik: „Ich bin im Hungerstreik, weil die Bundestagsfraktion der SPD nicht dazu bereit ist, sich im Deutschen Bundestag für die Aufhebung der Verjährungsfristen von sexualisierter Gewalt einzusetzen, gleichwohl sich die Delegierten des Bundesparteitages der SPD am 6. Dezember 2011 eindeutig dafür ausgesprochen haben.“ Dem Hungerstreik schlossen sich weitere Betroffene an.[23][24][25][26][27][28][29][30][31][32][33][34] Am 13. Juli 2012 suchte Denef das Gelände vor dem Reichstag auf, um mit Politikern der SPD ins Gespräch zu kommen.[35][36] Die Polizei behinderte dabei ein Interview mit der Agentur Reuters.[37] Etwa zeitgleich erreichte die Petition von netzwerkB bei Avaaz über 60.000 Unterschriften.[38] Der Deutsche Bundestag weigerte sich, die Unterschriften anzunehmen. Denef beendete seinen Hungerstreik nach 46 Tagen.[39] Der Gesetzesentwurf der SPD vom 9. Oktober 2010 wurde auf besonderen Geschäftsordnungsantrag hin am 26. September 2012 im Bundestag behandelt.[40]

Im November 2013, zum zwanzigsten Jahrestag, an dem Denef sein Schweigen gegenüber seiner Herkunftsfamilie gebrochen hatte, reiste Denef nach Rom, um ein Gespräch mit dem Heiligen Stuhl zu suchen.[41] Er demonstrierte auf dem Petersplatz. Ein Gespräch fand nicht statt.[42][43]

Am 11. Januar 2016 kündigten Pater Klaus Mertes und Norbert Denef in St. Blasien an, eine gemeinsame Stiftung gründen zu wollen, von der Menschen ausgezeichnet werden, die Außergewöhnliches leisten, damit Gewaltopfer ihr Schweigen brechen können, ohne von der Gesellschaft dafür ausgegrenzt zu werden.[44]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ich wurde sexuell missbraucht. Starks-Sture, München 2007, ISBN 978-3939586036.
  • Beschwerde gemäß Artikel 34 der Europäischen Menschenrechtskonvention und Artikel 45 und 47 der Verfahrensordnung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gegen die Bundesrepublik Deutschland, 24. Februar 2009. (online, PDF-Datei; 267 kB)
  • Theaterstück Alles muss raus

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Norbert Denef – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Norbert Denef: Ich wurde sexuell missbraucht. Starks-Sture, München 2007, ISBN 978-3939586036
  2. Sexualisierte Gewalt: „Wir sprechen über ein Massenverbrechen“. In: gulli.com, 14. März 2011 (online)
  3. Siehe hierzu die Erklärung des Bistums Magdeburg.
  4. Peter Wensierski: Verirrte Hirten. In: Der Spiegel, 5. Dezember 2005 (online)
  5. Antje Hildebrandt: Ein Pfarrer vergriff sich über Jahre hinweg an Norbert Denef. Das Opfer leidet noch heute. In: Märkische Allgemeine, 5. Februar 2010 (online (Memento vom 9. Februar 2010 im Internet Archive))
  6. Interview mit Dunja Hayali im ZDF-Morgenmagazin, 26. Februar 2010 (online)
  7. Antje Hildebrandt: Missbrauchsopfer im Interview. „Der Pfarrer war sich keiner Schuld bewusst.“ In: Die Welt, 26. Februar 2010 (online)
  8. Alles muss raus. mit Viktor Vössing, 2008 (online)
  9. Antje Hildebrandt: „Er hat meine Seele getötet.“ In: Stuttgarter Zeitung, 5. Februar 2010 (online)
  10. Barbara Hans: Scham fressen Seele auf. In: Der Spiegel, 12. Februar 2010 (online)
  11. Das Jahr danach - Die Kirchen und die Vertrauenskrise. In: horizonte, Hessischer Rundfunk, 12. Februar 2011 (Fernsehbeitrag online)
  12. Barbara Hans: Missbrauchsopfer zum Kirchentag „Wir wollen endlich gehört werden“. In: Spiegel Online, 14. Mai 2010 (online)
  13. Ein-Mann-Demo bei Diskussionsrunde. Missbrauchsopfer provoziert Eklat auf Kirchentag. In: Spiegel online, 14. Mai 2010 (online)
  14. Kirchentag: Eklat bei Missbrauchsdebatte. In: Mittelbayerische Zeitung, 15. Mai 2010 (online)
  15. Matthias Kamann: Missbrauch ist ungewollt das Thema Nummer 1. In: Die Welt, 14. Mai 2010 (online)
  16. Heftiger Streit um Missbrauch. In: Rheinische Post, 14. Mai 2010 (online)
  17. Missbrauchsopfer stürmt Podium. In: Hamburger Abendblatt, 15. Mai 2010 (online)
  18. ARD Brisant: Eklat auf dem Kirchentag. In: ARD, 14. Mai 2010 (online)
  19. ARD Tagesschau: Missbrauchsdebatte auf dem Kirchentag. In: ARD, 14. Mai 2010 (online)
  20. Das unverschämte Opfer. In: Süddeutsche Zeitung, 14. Mai 2010 (online)
  21. Matthias Kamann: Kritik an Geistlichen gilt noch immer als Majestätsbeleidigung. In: Die Welt, 15. Mai 2010 (online)
  22. Bundesparteitag der SPD, 6. Dezember 2012 (online)
  23. Norbert Denef im Hungerstreik. In: Humanistischer Pressedienst, Nr. 13511, 8. Mai 2012
  24. Scharbeutzer will mit Hungerstreik die Bundesrepublik bezwingen. In: Lübecker Nachrichten, 9. Juni 2012 (online; PDF; 1,3 MB)
  25. Im Hungerstreik gegen die SPD. In: Frankfurter Rundschau, 15. Juni 2012 (online)
  26. Hungerstreik in Scharbeutz: Jetzt schaltet sich Stegner ein. In: Lübecker Nachrichten, 15. Juni 2012 (online)
  27. Hungern gegen das Nichtstun. In: taz, 16/17. Juni 2012 (online)
  28. Evelyn Finger: Ein Mann macht Ernst. In: Die Zeit, 21. Juni 2012 (online; PDF; 348 kB)
  29. SPD möchte rechtliche Lage von Missbrauchsopfern verbessern. In: Berliner Umschau, 21. Juni 2012 (online)
  30. Sexueller Missbrauch. Schwerbehinderter aus Hagen läuft nach Berlin. In: WAZ, 22. Juni 2012 (online)
  31. Hungern gegen Verjährung geht weiter. Norbert Denef isst seit 20 Tagen nichts mehr. Kann Missbrauch nach 30 Jahren noch aufgeklärt werden?. In: Lübecker Nachrichten, 27. Juni 2012 (online)
  32. Der Durchhalter. In: Publik-Forum, 6. Juli 2012 (online)
  33. Lebenslang. Ein Missbrauchsopfer kämpft mit einem Hungerstreik gegen die Verjährung von Sexualdelikten. In: Der Spiegel, Nr. 28/2012, 9. Juli 2012 (online)
  34. Missbrauchsopfer hungert für die Aufhebung der Verjährungsfristen. In: Die Welt, 18. Juli 2012 (online)
  35. Hungerstreik Tag 36 – Es geht um unsere Kinder. Am Freitag 13. Juli 2012 sucht Norbert Denef Gespräch mit der SPD. Pressemitteilung vom 11. Juli 2012 (online)
  36. Marlies Fischer: Missbrauchsopfer im Hungerstreik. 63-Jähriger aus Scharbeutz kämpft damit gegen die Verjährung von Sexualstraftaten. In: Hamburger Abendblatt, 13. Juli 2012 (online)
  37. Stattdessen wurde die Polizei geschickt. Pressemitteilung vom 13. Juli 2012 (online)
  38. Schützt unsere Kinder vor sexueller Gewalt! Eine Reform der Gesetze! Petition auf Avaaz. Juli 2012 (online)
  39. Missbrauchsopfer beendet Hungerstreik. Die Entscheidung ist nach Rücksprache mit Unterstützern und den Ärzten gefallen. In: Die Welt, 24. Juli 2012 (online)
  40. Betroffenheit über das eigene Nichtstun. Pressemitteilung von netzwerkB vom 27. September 2012 (online)
  41. netzwerkB-Vorsitzender Norbert Denef nach Rom aufgebrochen. Pressemitteilung von netzwerkB, 5. November 2013 (online)
  42. Krankenhaus statt Papstaudienz. Pressemitteilung von netzwerkB, 7. November 2013 (online)
  43. Weiterhin streitbar und protestbereit . ARD Brisant 6. November 2013
  44. Versöhnungsakt in St. Blasien. In: Brisant, ARD, 16. Januar 2016