Norbert Denef

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Norbert Denef 2010 in Rom
Norbert Denef in Rom auf dem Petersplatz, 6. November 2013
Pater Klaus Mertes und Norbert Denef, St. Blasien, 11. Januar 2016

Norbert Denef (* 5. Mai 1949 in Delitzsch) ist Vorsitzender des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt (netzwerkB). Denef selbst ist Betroffener sexuellen Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche.[1]

Leben und Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Denef wurde in seiner Heimatstadt Delitzsch als Messdiener vom 10. bis zum 16. Lebensjahr von einem Priester und vom 16. bis zum 18. Lebensjahr von einem Organisten missbraucht.

Der erste Täter, Alfons Kamphusmann (1924–1998), war 1952 zum Priester geweiht worden. Er war Vikar und Kurator in der Propstei zu Halle, dann in Droyßig, Delitzsch, Nordhausen, Langenweddingen, Hecklingen, Wittenberg-Piesteritz und Niedertiefenbach (Bistum Limburg) tätig. 1990 ging er in den Ruhestand und verstarb acht Jahre später. Der zweite Täter, Organist und Chorleiter der Gemeinde, lebt im Ruhestand und wurde nie belangt.

Denef blendete das Geschehene lange aus, hatte sogar den Priester zu seiner Hochzeit eingeladen und sich von ihm 1973 trauen lassen.

Denef lebte in seinem weiteren Dasein unauffällig, er war Techniker im Opernhaus Leipzig bis 1981 und an der Alten Oper in Frankfurt am Main von 1981 bis 1988, dann Technischer Leiter am Bürgerhaus Dietzenbach von 1991 bis 1998 und am Stadttheater Rüsselsheim von 1991 bis 1998. Bis 2012 war er im Facility Management der Stadtverwaltung von Rüsselsheim tätig. Denef ist der Vater von zwei Kindern.

Aufarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 40. Lebensjahr erlitt Denef einen seelischen Zusammenbruch. Er musste lernen, über sein Schicksal zu sprechen, was ihm erstmals im November 1993 in der Familie gelang.[2] Denef erhielt 2003 vom Bistum Magdeburg eine Entschädigung für sein erlittenes Leid angeboten, jedoch in Verbindung mit einer Schweigeverpflichtung. Im Jahre 2005 erhielt er vom Bistum schließlich 25.000 Euro, wobei die Schweigeverpflichtung in dem 2005 geschlossenen Vertrag gestrichen wurde. Norbert Denef gilt als das erste Opfer in Deutschland, das von der römisch-katholischen Kirche eine Entschädigung erwirken konnte.[3]

Denef leidet auch heute noch an den Folgen des jahrelangen Missbrauchs, unter anderem Depressionen und weiteren Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung als Folge von sexuellen Missbrauchs in der Kindheit.[4][5] 2007 erschien Denefs Buch Ich wurde sexuell missbraucht.[6] Auf Grundlage des Buchs entstand das Theaterstück Alles muss raus!, das am 20. September 2008 im Frankfurter Autoren Theater uraufgeführt wurde.[7]

Norbert Denef reichte eine Petition zur Abschaffung der Verjährungsfristen für Vergehen bei Pädokriminaliät im Zivilrecht ein, die der Deutsche Bundestag im Dezember 2008 ablehnte. Denef kämpft daraufhin vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte dafür, dass im Zivilrecht die Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch abgeschafft wird.[8][9] Die Klage wurde ohne Angabe einer Begründung abgewiesen.

Im Dezember 2009 suchte Denef die Pfarrgemeinde St. Marien in seiner Heimatstadt Delitzsch auf. Eine Gesprächsmöglichkeit erhielt er nicht. Denef hinterließ einen offenen Brief an der Tür der Kirche.

Im Frühjahr 2010 gründete Denef mit anderen Betroffenen das Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt, kurz netzwerkB. Zu den Kernforderungen der Organisation zählen die Abschaffung der Verjährungsfristen, die Anzeigepflicht von Kindesmissbrauch, die Aufklärung zurückliegender Straftaten und eine angemessene Entschädigung.

Bei der Missbrauchsdebatte auf dem Ökumenischen Kirchentag 2010 trat Denef während der Rede von Pater Klaus Mertes, Rektor des Berliner Canisius-Kollegs vor das Podium und forderte, die Opfer an der Debatte um sexualisierte Gewalt zu beteiligen.[10] Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz, sagte daraufhin: „Ich bin erschrocken über den Verlauf der Veranstaltung. Der Mann hat doch Recht: Wir sprechen über Institution. Ich habe das Gefühl, dass die Opfer aus dem Blick geraten.“[11][12][13][14][15][16][17][18][19][20]

Für die Verleihung des taz-Panter-Preis im September 2011 war Denef unter den ausgewählten Kandidaten, erhielt jedoch keinen Preis.

Am 6. Dezember 2011 war Norbert Denef zum Bundesparteitag der SPD als Gastredner eingeladen und sprach über die Situation und Leiden der Opfer. Der Parteitag beschloss einstimmig, sich für eine Aufhebung der Verjährungsfristen im Bundestag einzusetzen.[21]

Vom 8. Juni bis 24. Juli 2012 befand sich Norbert Denef im Hungerstreik: „Ich bin im Hungerstreik, weil die Bundestagsfraktion der SPD nicht dazu bereit ist, sich im Deutschen Bundestag für die Aufhebung der Verjährungsfristen von sexualisierter Gewalt einzusetzen, gleichwohl sich die Delegierten des Bundesparteitages der SPD am 6. Dezember 2011 eindeutig dafür ausgesprochen haben.“ Dem Hungerstreik schlossen sich weitere Betroffene an.[22][23][24][25][26][27][28][29][30][31][32][33] Am 13. Juli 2012 suchte Denef das Gelände vor dem Reichstag auf, um mit Politikern der SPD ins Gespräch zu kommen.[34][35] Die Polizei behinderte dabei ein Interview mit der Agentur Reuters.[36] Etwa zeitgleich erreichte die Petition von netzwerkB bei Avaaz über 60.000 Unterschriften.[37] Der Deutsche Bundestag weigerte sich, die Unterschriften anzunehmen. Denef beendete seinen Hungerstreik nach 46 Tagen.[38] Der Gesetzesentwurf der SPD vom 9. Oktober 2010 wurde auf besonderen Geschäftsordnungsantrag hin am 26. September 2012 im Bundestag behandelt.[39]

Im Mai 2013 wurde die Verlängerung der Verjährungsfristen (Gesetz zur Stärkung der Rechte von Opfern sexuellen Missbrauchs) vom Bundesrat bestätigt.[40] 2016 erfolgte eine weitere Reform des Sexualstrafrechts.[41]

Im November 2013, zum zwanzigsten Jahrestag, an dem Denef sein Schweigen gegenüber seiner Herkunftsfamilie gebrochen hatte, reiste Denef nach Rom, um ein Gespräch mit dem Heiligen Stuhl zu suchen.[42] Er demonstrierte auf dem Petersplatz. Ein Gespräch fand nicht statt.[43][44]

Im April 2018 unterrichtete Norbert Denef die Öffentlichkeit über seine Krebserkrankung.[45] Im April 2018 sprach Norbert Denef zuletzt mit Hans Zollner, der Denefs Vorschlag des Aktes einer Versöhnung der Päpstlichen Kinderschutzkommission unterbreiten möchte.[46]

denefhoop[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Denef mit dem denefhoop am Strand von Scharbeutz

Auf der Suche nach einem Weg, die in der eigenen Kindheit erworbenen posttraumatischen Belastungsstörungen zu lindern, entwickelte Denef 2016 nach Leonardo da Vincis vitruvianischen Menschen einen Reifen aus sechs Passstücken, aus denen sich verschiedene Durchmesser von 70 bis zu 245 cm bilden lassen; die Bewegungen mit dem denefhoop genannten Reifen dienen ebenso der Meditation und der inneren Befreiung wie der Gymnastik.[47]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ich wurde sexuell missbraucht. Starks-Sture, München 2007, ISBN 978-3939586036.
  • Beschwerde gemäß Artikel 34 der Europäischen Menschenrechtskonvention und Artikel 45 und 47 der Verfahrensordnung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gegen die Bundesrepublik Deutschland, 24. Februar 2009. (online, PDF-Datei; 267 kB)
  • Theaterstück Alles muss raus

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Norbert Denef – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Norbert Denef: Ich wurde sexuell missbraucht. Starks-Sture, München 2007, ISBN 978-3939586036
  2. Lars Sobiraj: Sexualisierte Gewalt: „Wir sprechen über ein Massenverbrechen“. In: gulli.com, 14. März 2011
  3. Peter Wensierski: Verirrte Hirten. In: Der Spiegel, 5. Dezember 2005
  4. Antje Hildebrandt: Ein Pfarrer vergriff sich über Jahre hinweg an Norbert Denef. Das Opfer leidet noch heute. In: Märkische Allgemeine, 5. Februar 2010
  5. Norbert Denef im Interview mit Dunja Hayali. im ZDF-Morgenmagazin, 26. Februar 2010
  6. Antje Hildebrandt: Missbrauchsopfer im Interview. „Der Pfarrer war sich keiner Schuld bewusst.“ In: Die Welt, 26. Februar 2010
  7. Alles muss raus. mit Viktor Vössing, 2008
  8. Antje Hildebrandt: „Er hat meine Seele getötet.“ In: Stuttgarter Zeitung, 5. Februar 2010
  9. Barbara Hans: Scham fressen Seele auf. In: Der Spiegel, 12. Februar 2010
  10. Das Jahr danach - Die Kirchen und die Vertrauenskrise. In: horizonte, Hessischer Rundfunk, 12. Februar 2011
  11. Barbara Hans: Missbrauchsopfer zum Kirchentag „Wir wollen endlich gehört werden“. In: Spiegel online, 14. Mai 2010
  12. Ein-Mann-Demo bei Diskussionsrunde. Missbrauchsopfer provoziert Eklat auf Kirchentag. In: Spiegel online, 14. Mai 2010
  13. Kirchentag: Eklat bei Missbrauchsdebatte. In: Mittelbayerische Zeitung, 15. Mai 2010
  14. Matthias Kamann: Missbrauch ist ungewollt das Thema Nummer 1. In: Die Welt, 14. Mai 2010
  15. Heftiger Streit um Missbrauch. In: Rheinische Post, 14. Mai 2010
  16. Missbrauchsopfer stürmt Podium. In: Hamburger Abendblatt, 15. Mai 2010
  17. ARD Brisant: Eklat auf dem Kirchentag. In: ARD, 14. Mai 2010
  18. ARD Tagesschau: Missbrauchsdebatte auf dem Kirchentag. In: ARD, 14. Mai 2010
  19. Das unverschämte Opfer. In: Süddeutsche Zeitung, 14. Mai 2010
  20. Matthias Kamann: Kritik an Geistlichen gilt noch immer als Majestätsbeleidigung. In: Die Welt, 15. Mai 2010
  21. Antrag zur Aufhebung der Verjährungsfristen auf dem Bundesparteitag der SPD einstimmig angenommen. Pressemitteilung von netzwerkB, 6. Dezember 2012
  22. Norbert Denef im Hungerstreik. In: Humanistischer Pressedienst, Nr. 13511, 8. Mai 2012
  23. Scharbeutzer will mit Hungerstreik die Bundesrepublik bezwingen. In: Lübecker Nachrichten, 9. Juni 2012
  24. Im Hungerstreik gegen die SPD. In: Frankfurter Rundschau, 15. Juni 2012
  25. Hungerstreik in Scharbeutz: Jetzt schaltet sich Stegner ein. In: Lübecker Nachrichten, 15. Juni 2012
  26. Hungern gegen das Nichtstun. In: taz, 16/17. Juni 2012
  27. Evelyn Finger: Ein Mann macht Ernst. In: Die Zeit, 21. Juni 2012
  28. SPD möchte rechtliche Lage von Missbrauchsopfern verbessern. In: Berliner Umschau, 21. Juni 2012
  29. Sexueller Missbrauch. Schwerbehinderter aus Hagen läuft nach Berlin. In: WAZ, 22. Juni 2012
  30. Hungern gegen Verjährung geht weiter. Norbert Denef isst seit 20 Tagen nichts mehr. Kann Missbrauch nach 30 Jahren noch aufgeklärt werden? In: Lübecker Nachrichten, 27. Juni 2012
  31. Der Durchhalter. In: Publik-Forum, 6. Juli 2012
  32. Lebenslang. Ein Missbrauchsopfer kämpft mit einem Hungerstreik gegen die Verjährung von Sexualdelikten. In: Der Spiegel, Nr. 28/2012, 9. Juli 2012
  33. Missbrauchsopfer hungert für die Aufhebung der Verjährungsfristen. In: Die Welt, 18. Juli 2012
  34. Hungerstreik Tag 36 – Es geht um unsere Kinder. Am Freitag 13. Juli 2012 sucht Norbert Denef Gespräch mit der SPD. Pressemitteilung von netzwerkB, 11. Juli 2012
  35. Marlies Fischer: Missbrauchsopfer im Hungerstreik. 63-Jähriger aus Scharbeutz kämpft damit gegen die Verjährung von Sexualstraftaten. In: Hamburger Abendblatt, 13. Juli 2012
  36. Stattdessen wurde die Polizei geschickt. Pressemitteilung von netzwerkB, 13. Juli 2012
  37. Schützt unsere Kinder vor sexueller Gewalt! Eine Reform der Gesetze! Petition auf Avaaz.org, Juli 2012
  38. Missbrauchsopfer beendet Hungerstreik. Die Entscheidung ist nach Rücksprache mit Unterstützern und den Ärzten gefallen. In: Die Welt, 24. Juli 2012
  39. Betroffenheit über das eigene Nichtstun. Pressemitteilung von netzwerkB, 27. September 2012
  40. Bundesrat verlängert Verjährungsfristen von Sexualstraftaten. In: Süddeutsche Zeitung, 3. Mai 2013
  41. Gesetz tritt in Kraft. Mehr Schutz vor sexueller Gewalt. Pressemitteilung der Bundesregierung, 10. November 2016
  42. netzwerkB-Vorsitzender Norbert Denef nach Rom aufgebrochen. Pressemitteilung von netzwerkB, 5. November 2013
  43. Krankenhaus statt Papstaudienz. Pressemitteilung von netzwerkB, 7. November 2013
  44. Weiterhin streitbar und protestbereit. In: ARD Brisant, 6. November 2013
  45. Mein Krebs und der Vatikan. Pressemitteilung von netzwerk, 22. April 2018
  46. Norbert Denef reicht der Kirche die Hand. Pressemitteilung von netzwerkB, 3. April 2018
  47. denefhoop