Norbert Häring

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Norbert Häring (* 1963) ist ein deutscher Wirtschaftsjournalist. Er ist seit 2002 Redakteur für Wirtschaftswissenschaft und Konjunktur beim Handelsblatt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Abitur studierte Häring Volkswirtschaftslehre in Heidelberg und Saarbrücken und promovierte bei Olaf Sievert mit einer Arbeit über die politische Ökonomie der Regionalförderung. Danach war er zunächst drei Jahr lang bei der Commerzbank tätig und wechselte 1997 in den Wirtschaftsjournalismus. Er arbeitete bei der Börsen-Zeitung und ab 2000 bei der gerade neu gegründeten Financial Times Deutschland. Seit 2002 ist er hauptberuflich beim Handelsblatt tätig und war bis 2012 vor allem für das Thema Geldpolitik zuständig.[1] 2002 rief er den EZB-Schattenrat ins Leben, eine Gruppe von damals 18, heute 15 prominenten Volkswirtinnen und Volkswirten aus Finanzinstituten, Universitäten und Forschungsinstituten, die geldpolitische Fragen diskutieren und Empfehlungen für die Geldpolitik der EZB verabschieden.[2] 2011 zählte er zu den Initiatoren und Gründern und seitdem zu den Ko-Direktoren der internationalen Ökonomenvereinigung World Economics Association.[3][4]

Wirtschaftspolitische Stellungnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Barzahlung der Rundfunkgebühr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Häring fordert von der Gebührenzentrale für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk das Recht auf Barzahlung ein. Dieses ist in Paragraf 14 des Bundesbankgesetzes verankert. Es stellt die Gebühreneinzugszentrale vor Probleme, da eine Barzahlung einen höheren Verwaltungsaufwand mit sich bringt als ein Gebühreneinzug.[5] Nachdem alle unteren Gerichtsinstanzen durchgehend geurteilt hatten, dass mit Bargeld keine Zahlungen an öffentliche Stellen geleistet werden können, entschied das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am 27. März 2019, das Verfahren Häring gegen die Rundfunkgebührenzentrale auszusetzen und an den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg zu verweisen.[6]

Kritik an den Vorschlägen zur Abschaffung des Bargelds[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Forderung nach Abschaffung oder Begrenzung des Bargelds wurzelt nach Häring statt in den offiziellen Motiven der Kriminalitätsbekämpfung und Steuergerechtigkeit im Wunsch der Finanzwirtschaft nach unbeschränkter Geldschöpfung. Die Abschaffung des Bargelds ist für ihn außerdem ein Schritt in den „Orwellstaat“, da sie zur absoluten Transparenz aller Zahlungsvorgänge und damit zur möglichen Kontrolle jeder mit Geldüberweisungen zusammenhängenden Handlung des einzelnen Bürgers führt. Die scheinbar unmotivierte Eile der Einführung und die Koordinierung der Vorschläge aus Politik und Wirtschaft führt Häring auf die "nervöse Angst" der Banken vor einer neuen und verschärften Finanzkrise zurück, die wie in Griechenland zu einem Run auf die Banken führen könnte, wenn Bürger ihr Bargeld abheben wollen.[7] Nach seiner Ansicht wirbt besonders die internationale Initiative Better Than Cash Alliance[8] mit dem Versprechen, die Armut beseitigen zu wollen, für die weltweite Durchsetzung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Am Beispiel Indiens versucht Häring dagegen nachzuweisen, welche schlimmen Folgen die Abschaffung des Bargelds für „die arme Bevölkerungsmehrheit und die Mehrzahl der kleineren Produzenten und Händler“ in einem Land gehabt hat und weiter haben kann.[9]

Kritik am Globalen Abkommen zur Förderung der Arbeitsmigration[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemeinsam mit dem mexikanischen Entwicklungsökonomen Raul Delgado Wise konstatiert Häring: „Wenn man sich die Daten anschaut, ist Migration eine Subventionierung des Nordens durch den Süden.“ Der Beitrag der abgewanderten gut Ausgebildeten aus den Entwicklungsländern zur Wohlstandsmehrung in den Industrieländern sei beträchtlich. Die Kosten des Braindrains für die Herkunftsländer hinsichtlich des Verlustes ihres Potenzials seien unterbelichtet. Arbeitsmigration nach den Parametern des Migrationsabkommens schade sowohl den Arbeitnehmern in den Zielländern als auch den Herkunftsländern der Migranten: „Linke Parteien, die so etwas mittragen, sind dem Untergang geweiht und haben ihn verdient.“[10]

Monografien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen (2016)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Häring stellt in dieser Monografie seine Kritik an einer möglichen Bargeldabschaffung in einen weiteren Zusammenhang: Er erklärt die Funktionsweise des Geld- und Finanzsystems im Rahmen der neoliberalen Wirtschaftsordnung und der staatlichen und politischen Ordnung, die seiner Auffassung nach der neoliberalen Wirtschaft entspricht. Häring stellt die offizielle Begründung infrage, die Bekämpfung von Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung und Terrorismus als Ziele vorgibt. Es habe sie schon früher gegeben und sie seien nicht bargeldabhängig, wie der Fall der HSBC zeige.

Das wirtschaftliche Hauptmotiv hinter der Abschaffung des Bargelds und damit der universellen Durchsetzung der elektronischen Buchgeldtransaktion sieht Häring im Geldschöpfungsgewinn. Während die EZB 20 bis 25 Milliarden Euro als jährlichen Gewinn aus den Zinsen der Kreditvergabe von Bargeld ausweist, sind dies für Privatbanken europaweit 300 Milliarden für die Zinsen bei Krediten durch Giralgeldschöpfung. Durch die Bargeldabschaffung werde dieses Volumen noch vergrößert. Die Geschäftsbanken erhielten so erstmals die völlige Kontrolle über die Geldschöpfung.

In der Abschaffung des Bargelds sieht Häring außerdem Parallelen zur Abschaffung der Golddeckung zugunsten der goldunabhängigen Vergrößerung der Geldmenge des Dollars durch die amerikanische Zentralbank. Heute verlange der Dollar aufgrund der Verschuldung der USA, dass die Bargelddeckung als letztes Hindernis für die grenzenlose Geldschöpfung beseitigt werde.

Teil der Darstellung ist die Schilderung der Schwierigkeiten, die ihm seine Frankfurter Hausbank in den Weg legte, als er versuchte Bargeld abzuheben. Häring arbeitet heraus, welche Personen und Institutionen an der Bargeldabschaffung interessiert sind und wie sie als Netzwerk in Form abgestimmter Kampagnen und koordinierter Aktionen zusammenwirken.

Seiner Ansicht nach sind der US-Finanzminister Larry Summers, der US-Ökonomen Kenneth Rogoff und der EZB-Präsidenten Mario Draghi an der Abschaffung des Bargelds interessiert. Seilschaften verbänden vor allem Mitglieder der Harvard-Universität, des MIT, der Group of Thirty, der Bilderberg-Konferenz, Goldman Sachs, des Weltwährungsfonds und der Weltbank.

Häring schließt mit dem Appell an den Bürger, Bargeldkäufe zu erhöhen, um der Abschaffung des Bargelds und der Kontrolle der Zahlungsströme entgegenzuwirken. Alternativen zur Krisensicherheit des Bargelds sieht Häring in „Jedermannkonten“ bei der Zentralbank oder in einer staatlich garantierten Einlagenbank. Auch die Vollgeldtheorie mit staatlichem Vollgeld wird als Alternative zum bestehenden Geldsystem dargestellt, ergänzt durch Gesetze zum Datenschutz. Etwas distanzierter wird auch die Rückkehr zur Golddeckung, das Bitcoin-System und das Modell freier Währungskonkurrenz dargestellt.

In seiner Rezension würdigte Guido Speckmann vom Neuen Deutschland die Analyse der Motive hinter der Bargeldabschaffung, findet die Theorie einer Verschwörung aber nur punktuell begründet und daher insgesamt zu spekulativ.[11][12] Auch für Katja Scherer von NDR Info klingt Härings Darstellung der Netzwerke nach einer für sie unwahrscheinlichen Weltverschwörung: „Aber gerade weil es diesen Plan offenbar nicht gibt, ist die aktuelle Entwicklung so gefährlich: Wir leben den technologischen Fortschritt, freuen uns über den Komfort, schnell und einfach bezahlen zu können – und merken nicht, wie wir dabei Stück für Stück unserer Identität verkaufen. Härings Buch hilft, sich dessen bewusst zu werden.“[13]

Schönes neues Geld: PayPal, WeChat, Amazon Go - Uns droht eine totalitäre Weltwährung (2018)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In diesem Buch präzisiert Häring die Akteure und Strukturen der in "Die Abschaffung des Bargeld und die Folgen" behaupteten globalen Kampagne gegen das Bargeld. Im Zentrum stehen danach die Better Than Cash Alliance und die Global Partnership for Financial Inclusion (GPFI), sowie die Consultative Group to Assist the Poor (CGAP) und die Alliance for Financial Inclusion (AFI). Dabei bezeichnet er Financial Inclusion als Tarnwort für die angestrebte Bargeldbeseitigung.

Als Hauptdrahtzieher der Kampagne macht er die US-Regierung aus, in zweiter Linie Bill Gates und seine Stiftung, sowie Visa, Mastercard, Citi und die Stiftung von E-Bay-Gründer Pierre Omidyar. Hauptmotive seien zum ersten der Wunsch der US-Regierung, die eigene globale Überwachungs- und Sanktionsmacht in Bezug auf das Finanzwesen zu stärken, zum zweiten die kommerziellen Interessen der beteiligten global führenden US-Konzerne der Finanz- und IT-Branchen und zum dritten der Wunsch der Notenbanken und der Finanzbranche den im Krisenfall schwer beherrschbaren Abzug von Liquidität aus dem Bankensektor in Form von Bargeld zu unterbinden. Über die GPFI sei eine Koalition mit den übrigen G20-Staaten geschmiedet worden, die ebenfalls ein Interesse an verbesserter Überwachung des Finanzgebahrens ihrer jeweiligen Bürger und Unternehmen hätten.

Arme Länder wiederum würden mit technischer und finanzieller Hilfe, sowie mit Druck von Internationalem Währungsfonds und Weltbank, dazu gebracht, eine Zurückdrängung der Bargeldnutzung zum Regierungsziel zu erklären und entsprechende Maßnahmen umzusetzen.

Häring zitiert aus Berichten der Hauptakteure, denen zufolge sich wichtige internationale Standardsetzer wie zum Beispiel die Financial Action Task Force on Money-Laundering (FATF) verpflichtet hätten, das Ziel der Financial Inclusion zu verfolgen, also ihre Finanz-Standards bargeldfeindlich auszugestalten.

In einer Rezension im Deutschlandfunk lobt Caspar Dohmen, der Autor habe ein überzeugendes Buch geschrieben, mit vielen überraschenden Einblicken und einer Menge neuer Fakten. Häring zeige umfassend, welche Allianzen und Initiativen Wirtschaftsunternehmen, aber auch Teile der Politik gebildet haben, um das Bargeld zurückzudrängen.[14]

Preise und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2007: Wirtschaftsbuchpreis für den Bestseller Ökonomie 2.0, den er gemeinsam mit Olaf Storbeck verfasste.
  • 2015: Preis der Keynes-Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik. Häring bedankte sich mit der Dankesrede „Bekenntnisse des Hofnarren Norbert Häring“.[15]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • mit Olaf Sievert und Hermann Naust: Reformbedarf für die Wohnungsgemeinnützigkeit. Kohlhammer, Stuttgart [u. a.] 1990, ISBN 3-17-011240-6 (Gutachten im Auftrag des Bundesbauministeriums).
  • mit Olaf Sivert u. a.: Zur Standortqualität des Saarlandes. Werner Röhrig, St. Ingbert 1991, ISBN 3-924555-78-8.
  • Regionalpolitik und Finanzverfassung in einem probabilistischen Modell des politischen Wettbewerbs. Peter Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 1995, ISBN 3-631-48815-7, zugleich: Dissertation, Universität Saarbrücken, 1995.
  • mit Olaf Storbeck: Ökonomie 2.0. 99 überraschende Erkenntnisse. Schäffer-Poeschel, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-7910-2635-0.
  • Markt und Macht. Was Sie schon immer über die Wirtschaft wissen wollten, aber bisher nicht erfahren sollten. Schäffer-Poeschel, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-7910-2986-3.
  • So funktioniert die Wirtschaft. Haufe, Freiburg im Breisgau und Planegg/München 2012, ISBN 978-3-648-02552-9.
  • mit Niall Douglas: Economists and the Powerful. Convenient Theories, Distorted Facts, Ample Rewards. Anthem Press, London [u. a.] 2012, ISBN 978-0-85728-459-4
  • Stimmt es, dass…? Respektlose Fragen zu Wirtschaftsordnung und Wirtschaftskrise. Schäffer-Poeschel, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-7910-3269-6.
  • Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen. Quadriga-Verlag, Köln 2016, ISBN 978-3-86995-088-4.
  • Schönes neues Geld: PayPal, WeChat, Amazon Go – uns droht eine totalitäre Weltwährung, Campus, Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-593-50914-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. laut Angaben auf seiner Webseite, abgerufen am 28. April 2019
  2. Norbert Häring. In: Planet Wissen. WDR, 4. Dezember 2018, abgerufen am 11. August 2019.
  3. World Economics Association: World Economics Association. In: www.worldeconomicsassociation.org. Abgerufen am 25. September 2016.
  4. : Norbert Häring [1377222]. In: www.handelsblatt.com. Abgerufen am 25. September 2016.
  5. Tim Schulze: Journalist will Rundfunkbeitrag mit Bargeld-Trick umgehen. WAZ, 9. Juni 2015, abgerufen am 17. November 2016.
  6. Pressemitteilung Nr. 23/2019: EuGH soll Fragen zur Annahmeverpflichtung für Euro-Banknoten klären. In: Bundesverwaltungsgericht. 28. März 2019, abgerufen am 30. März 2019.
  7. Norbert Häring: Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen. 1. Aufl. 2016 ISBN 978-3-86995-088-4 ; Interview im Deutschlandfunk, 12. März 2016
  8. https://www.betterthancash.org/about
  9. Norbert Häring: Ein gut gehütetes offenes Geheimnis: Washington steckt hinter Indiens brutalem Bargeld-Experiment. norberthaering.de, 1. Januar 2017
  10. Das Migrationsabkommen als letzter Sargnagel für die linken Parteien, Über das Geld vom 24. Oktober 2018, abgerufen 25. Oktober 2018
  11. Rezension: Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen. Abgerufen am 25. September 2016.
  12. Guido Speckmann: Leistet Bargeld-Widerstand! (neues deutschland). Abgerufen am 25. September 2016.
  13. Katja Scherer: Kaum vorstellbar: Eine Welt ohne Bargeld. Vorstellung des Buches „Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen“ von Norbert Häring. www.ndr.de, 25. Mai 2016, archiviert vom Original am 3. Dezember 2016; abgerufen am 28. November 2018.
  14. Caspar Dohmen: "Schönes neues Geld. PayPal, WeChat, Amazon Go. Deutschlandfunk »Andruck«, 20. August 2018, abgerufen am 11. August 2019.
  15. Norbert Häring: Bekenntnisse des Hofnarren Norbert Häring – norberthaering.de. In: norberthaering.de. Abgerufen am 25. September 2016.