Chinesische Wiedervereinigung (1928)

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Führer der Kuomintang während der Kundgebung zur Chinesischen Wiedervereinigung vor dem Sun-Yat-sen-Mausoleum, Nanjing 1928

Die Chinesische Wiedervereinigung (1928), chinesisch 東北易幟, Pinyin Dōngběi Yìzhì, war in der Republik China eine politische Sentenz der Nationalen Volkspartei Chinas (Kuomintang) sowie der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), die in einer Phase der ersten Zusammenarbeit gemeinsam für die nationale Einigung des Landes kämpften. Obwohl die Allianz während des Nordfeldzugs, einer erfolgreichen militärischen Operation gegen Warlords im Norden Chinas, zerbrach, konnte die Kuomintang am 29. Dezember 1928 die Einigung Chinas als vollzogen erklären.[1]

Sowohl in der Historiografie der Republik China (Taiwan) wie der Volksrepublik China stellt die chinesische Wiedervereinigung von 1928 ein bedeutsames Ereignis dar.[2]

Fremdherrschaft und Unterwerfung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mitte des 19. Jahrhunderts begann „The Great Game“, der Kampf der Großmächte um Zentralasien. Insbesondere das rohstoffreiche China stand im Mittelpunkt der militärischen Auseinandersetzungen um wirtschaftliche Vorherrschaft. Die britische Weltmacht legte die Hand auf die chinesischen Zentralprovinzen: von Shanghai am Gelben Meer, den Jangtse entlang nach Westen bis zum wirtschaftlich prosperierenden Szechuan, inklusive Tibet bis zur indischen Grenze; Frankreich wollte mit Südchina die „natürliche Erweiterung“ seiner Kolonialansprüche in Indochina erreichen; Russland erhob Ansprüche auf die Äußere Mongolei nebst der gesamten Mandschurei, und geriet dabei mit Japan in dauerhaften Konflikt, das die Innere Mongolei und ebenfalls die Mandschurei als sein Einflussgebiet betrachtete.[3]

Um das „Reich der Mitte“ zu destabilisieren, förderten die Großmächte in allen chinesischen Provinzen separatistische Bewegungen. Ende 1910 sperrten die europäischen Eisenbahnverwaltungen in ganz China den Eisenbahnverkehr, angeblich um das Übergreifen von Krankheiten auf von Europäern bereits besetzte Gebiete zu vermeiden. In der Folge brachen landesweit Aufstände und Unruhen aus, die heute als Xinhai-Revolution bezeichnet werden. Nahezu zeitgleich erklärten 15 Provinzen ihre Unabhängigkeit und sagten sich von China los. Die Sezession war in allen Provinzen durch Einzelpersonen oder kleine Gruppen initiiert, die sämtlich von ausländischen Staaten finanziell und militärisch unterstützt wurden. Grundsätzlich sollte keines der Gebiete eine Souveränität erlangen, sondern früher oder später in den jeweiligen Herrschaftsbereich der Großmächte eingegliedert werden. Auf Betreiben der USA wurde der Prozess gehemmt, die mittels der Politik der offenen Tür ebenfalls geopolitische und wirtschaftliche Interessen in China verfolgten.[4][5][6]

Die Auswirkungen der „Ungleichen Verträge“ waren komplex. Der aufgezwungene zollfreie Import westlicher Industriewaren zerstörte das Gewerbe und Handwerk, was zu einem sozialem Verfall und sinkendem Lebensstandard in China führte. Die Diskriminierung der chinesischen Bevölkerung und die arrogante Distanz westlicher Kolonialherren führten zu nationalistisch-republikanischen Tendenzen. Konflikte mit ausländischen Bauvorhaben, insbesondere von Eisenbahnen, welche unter der Kontrolle der fremden Staaten standen, sowie verschiedene Militäreinsätze schürten eine generelle Ablehnung gegenüber den Kolonialmächten, deren Vertreibung immer mehr als wichtige Voraussetzung für eine Rückkehr zur Normalität angesehen wurde.[7]

Einfluss der Großmächte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fünf-Farben-Flagge der Republik China von 1912 bis 1928, welche die Nationalitäten Chinas symbolisierte: Han (rot), Mandschu (gelb), Mongole (blau), Hui (weiß), Tibeter (schwarz)

Mit der Bewegung des vierten Mai formierte sich nach dem Ersten Weltkriegs ein nationaler Widerstand, der gesellschaftsübergreifend große Teile des chinesischen Volkes einte. Um eine zentrale Autorität und nationale Einheit zu verhindern, unterstützten die Großmächte, insbesondere Großbritannien, das wie die Sowjetunion (UdSSR) ein schwaches China wollte, ab 1919 verstärkt verschiedene Fraktionen und Warlords mit Geld und Waffen. Dabei wechselten die ausländischen Mächte wiederholt Allianzen, forcierten gezielt Umstürze und initiierten Bürgerkriege, wie den Zhili-Anhui-Krieg von 1920, den Ersten Zhili-Fengtian-Krieg von 1922, den Zweiten Zhili-Fengtian-Krieg von 1924 und den Anti-Fengtian-Krieg von 1926.[8][9][10]

Regiert wurde die Republik China zwischen 1912 und 1928 von verschiedenen zivilen und/oder militärischen Fraktionen, die in der Historiographie als Beiyang-Regierung sowie ab 1917 als Nordregierung bezeichnet werden. Der Regierungssitz befand sich in Peking. Obwohl ab 1916 unter den sogenannten nördlichen Kriegsherren erheblich zersplittert, war sie international als rechtmäßige Regierung anerkannt. Nominell betrachteten die ausländischen Mächte China als geeintes Staatswesen, de facto förderten sie die Uneinigkeit durch Dezentralisierung. Die größte externe Bedrohung der Republik China ging von der Sowjetunion und Japan aus.[11]

So herrschte beispielsweise in der Mandschurei der von Japan, der UdSSR und den USA abwechselnd finanzierte Warlord Zhang Zuolin.[12] Die Generäle Cao Kun, Sun Chuanfang, Wu Peifu erhielten ihr Kriegsmaterial von Großbritannien sowie Frankreich und kontrollierten die Provinzen Zhili, Shandong, Henan sowie Hubei.[13] In Guangzhou unterstützten die USA und die Sowjetunion die von dem Gründer der Kuomintang Sun Yat-sen gebildete Südregierung, welche die Legitimität der Nordregierung nicht anerkannte. Für die ausländischen Mächte zahlte sich die von ihnen initiierte Uneinigkeit aus: China stand spätestens 1925 weltweit auf Platz 1 der Rüstungsimporte.[14] Die Finanzierung dieser „Militärhilfen“ erfolgte über den internationalen Kapitalmarkt mittels für China unvorteilhafter Anleihen sowie mittels Rechteabtretungen chinesischer Gold-, Kohle- oder Erzbergwerke an ausländische Staaten und Unternehmen.[15]

Bekannte Geheimdienstagenten, die im Auftrag ausländischer Regierungen Umstürze, Aufstände, Sabotagen oder Morde organisierten, waren beispielsweise Michail Markowitsch Borodin, der für die Sowjetunion gezielt an einer Schwächung Chinas arbeitete; Doihara Kenji, der zu den Hauptverantwortlichen der japanischen Interventionen in China zählte; oder der Doppelagent Harry Dexter White, der die Sowjetunion unterstützte, indem er amerikanische „Hilfszahlungen“ an China verzögerte oder Pläne verriet.[16]

Einfluss der Sowjetunion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chinesische Provinzen und Grenzen während der Qing-Dynastie und die mittels der „Ungleichen Verträge“ verlorenen Gebiete (rot gestrichelt)

Am 25. Juli 1919 verabschiedete die Regierung Sowjetrusslands das „Karachan-Manifest“. Darin wurden die „imperialistischen Ziele“ des Russischen Kaiserreiches in China verurteilt und auf alle Ansprüche der ehemaligen zaristischen Regierung gegenüber China verzichtet.[17] Das Manifest entstand zu einem entscheidenden Zeitpunkt in der Entwicklung des chinesischen Kommunismus. Es förderte bei vielen Chinesen die Akzeptanz des Marxismus und stellte 1921 einen maßgeblichen Faktor bei der Gründung der Kommunistische Partei Chinas dar.[18]

Nach Gründung der KPCh bestritt die Sowjetregierung die Existenz des Manifestes und setzte ungehindert die Expansionspolitik des russischen Zarenreiches fort. Überall entlang der chinesisch-sowjetischen Grenze wurden Marionettenregierungen etabliert. Es entstanden Sowjetrepubliken wie die Volksrepublik Choresmien und die Fernöstliche Republik, oder Satellitenstaaten wie die Republik Tannu-Tuwa und die Mongolische Volksrepublik.[19]

Besonders die Vorgänge in der Äußeren Mongolei belasteten die chinesisch-sowjetischen Beziehungen nachhaltig. Noch am 31. Mai 1924 versprach die Sowjetregierung gegenüber Vertretern der Beiyang-Regierung die Rückgabe dieser 1919 von der Roten Armee okkupierten chinesischen Provinz, proklamierte jedoch am 13. Juli 1924 die Gründung der Mongolischen Volksrepublik. Keine politische Fraktion in China, inklusive der chinesischen Kommunisten, erkannten die Sezession an und betrachteten die Äußere Mongolei weiterhin als unabtrennbaren Teil Chinas. Auch die internationale Staatengemeinschaft verurteilte das Vorgehen als De-facto-Annexion, was jedoch ohne Konsequenzen blieb, da die UdSSR als Staat bis Mitte der 1930er von wenigen Ländern diplomatisch anerkannt war.[20][21]

Aufgrund der unaufrichtigen Politik verlor die Sowjetunion temporär ihren Einfluss, viele chinesische Intellektuelle wandten sich wieder der Kuomintang zu. In Anbetracht der Tatsache, dass die KPCh 1923 nicht mehr als 300 Mitglieder besaß, beschloss die Kommunistische Internationale (Komintern) im Januar 1923, dass „alle chinesischen Kommunisten als Individuen der Kuomintang beitreten sollen“.[22] Erklärter Zweck dieser Ersten Einheitsfront war es, „unter Mitgliedern der Nationalen Volkspartei Propaganda zu betreiben, um sie für den Kommunismus zu gewinnen“.[23]

So wurde die Kuomintang durch das Politbüro der KPdSU als Mitglied der Komintern aufgenommen und Chiang Kai-shek, der nach dem Tod von Sun Yat-sen die Parteiführung der Nationalen Volkspartei übernahm, zum Ehrenmitglied der Exekutive der Komintern (EKKI) ernannt.[24] Tatsächlich konnte die KPCh auf diesem Wege ihre Mitgliederzahl bis Januar 1926 auf 10.000 und bis April 1927 auf 58.000 erhöhen.[25]

Der Nordfeldzug[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sun Yat-sen, hinter ihm stehend Chiang Kai-shek, am 16. Juni 1924 in Whampoa

1924 gründete die Kuomintang, mit erheblicher finanzieller und personeller Unterstützung der UdSSR, die Whampoa-Militärakademie sowie die Nationalrevolutionäre Armee (NRA). Am 9. Juli 1926 ernannte die Nationalversammlung feierlich Chiang Kai-shek zum Kommandeur der NRA. Am gleichen Tag startete der bereits von Sun Yat-sen geplante Nordfeldzug, auch Nordexpedition genannt. Durch die Beseitigung der Warlords sollte die Vereinigung chinesischer Provinzen und damit die Wiederherstellung der nationalen Einheit erzielt werden.[26][27]

Die Streitmacht der Nationalen Revolutionären Armee umfasste im Juli 1926 etwa 100.000 Mann, von denen 65.000 zum Einsatz kamen. Jede Division verfügte über sowjetische Berater und Verbindungsoffiziere zur UdSSR. Der anfangs vergleichsweise kleinen Armee standen zwischen 540.000 bis 750.000 Soldaten der nördlichen Kriegsherren gegenüber. Obgleich die NRA sich zahlenmäßig mit den anderen Armeen nicht messen konnte, war sie ihnen an Ausrüstung, Ausbildung, vor allem an Disziplin und Moral weit überlegen. Im Mai und Juni 1926 trafen die ersten Waffen aus Wladiwostok in Kanton ein: 13.694 Karabiner und Munition, 65 Maschinengewehre, 21 Geschütze und neun Flugzeuge. Die Lieferung erfolgte über die WOSTWAG, kostete etwa 560.000 US-Dollar und war bei Ankunft in Kanton zu zahlen. Bis zum 7. August 1927 waren sechs Schiffe fortwährend zwischen Wladiwostok und Kanton unterwegs, um den Nachschub zu sichern.[28]

Erste Phase (Juli 1926 bis März 1927)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karte des Nordfeldzugs der Kuomintang gegen die Warlords 1926–1928

Bereits in den ersten Wochen konnten große Erfolge erzielt werden. Diese erreichte Chiang Kai-shek, indem er die Warlords entweder besiegte oder mit ihnen Kompromisse einging. Die Kuomintang bemühte sich von Anfang an um eine Zusammenarbeit aller gesellschaftlichen Gruppen bei der Vereinigung und der wirtschaftlichen Modernisierung des Landes, sodass sich die Bevölkerung bereitwillig den Kämpfern der Nationalen Revolutionären Armee anschloss. Demzufolge kam die Kuomintang nicht als Eroberer, sondern als Befreier. Tausende Soldaten der nördlichen Kriegsherren liefen zur NRA über.[29][30]

Impressionen der Nordexpedition

Schon Ende August 1926 brach die Abwehr und Allianz der Warlords zu einem großen Teil zusammen. Am 31. August erreichten die revolutionären Kräfte das stark befestigte Wuchang. Nach einer Blockade von mehr als einen Monat kapitulierte die Stadtgarnison, womit die NRA am 10. Oktober die Einnahme der Provinz Henan vermelden konnte. Anschließend lenkte Chiang Kai-shek die Armee sofort auf die Ostprovinzen um. Nanchang, Jiujiang und Jiangxi konnten innerhalb von vier Wochen erobert werden. Am 18. Dezember kapitulierte Fuzhou, die Provinzhauptstadt von Fujian. Damit hatte die Kuomintang innerhalb von nur sechs Monaten sieben Provinzen mit damals rund 280 Millionen Einwohnern vereint. Am 22. März konnten Shanghai und am 23. März Nanjing eingenommen werden, wo am 18. April 1927 die Bildung einer neuen Nationalregierung erfolgte.[31]

Die Sowjetunion, die bei ihrem finanziellen und personellen Engagement genauso wie Japan von einer weiteren Destabilisierung Chinas ausgegangen war, wurde von den schnellen Fortschritten überrascht. So musste die Komintern in Moskau feststellen, dass sich der Anspruch der Kuomintang nicht allein auf die Anerkennung ihrer Zentralregierung beschränkte, sondern deren Vorstellung eines unabhängigen Nationalstaates in greifbare Nähe rückte. Den Nationalchinesen gelang es, chinesische Unternehmer, Großgrundbesitzer, Kleinunternehmer sowie Bauern und Arbeiter zu vereinen. Demgegenüber forderte die Komintern von der KPCh ein „revolutionäres Bündnis, bei welchem die chinesische Arbeiterklasse die Hauptkräfte stellen müsse“.[32][33] Realistisch betrachtet, lag der Anteil der Arbeiterschaft jedoch bei nur 0,5 Prozent der damaligen Gesamtbevölkerung.[34]

Anfang 1927 zeigten sich deutliche Risse in der Allianz zwischen der Nationalen Volkspartei und der KP Chinas, nachdem Chiang Kai-shek erfuhr, dass die Sowjetunion Kriegsgerät sowohl an die Nationalrevolutionäre Armee als auch an den Warlord Feng Yuxiang lieferte.[35] Daraufhin erklärte er auf einer Parteiversammlung, dass „das diktatorische und widersprüchliche Verhalten der Sowjets eine Gefahr für die Kuomintang sei und die chinesisch-sowjetischen Beziehungen nachteilig beeinflusse“.[36]

Zeitgleich nahm Eugene Chen als Regierungsbeauftragter der Kuomintang erste Sondierungsgespräche mit dem neu ernannten britischen Botschafter in China Miles Lampson und dem amerikanischen Legationsrat Ferdinand Mayer auf. Chen betonte gegenüber beiden Vertretern, dass das Hauptziel der Verhandlungen nur eine Aufhebung der Ungleichen Verträge sein könne. Lampson signalisierte erstmals einen Verzicht auf die britischen Konzessionen in China, mit Ausnahme von Hongkong. Großbritannien und die USA waren bereit, die Nationalregierung der Kuomintang anzuerkennen, wenn diese die Rechtsverbindlichkeit bestimmter bestehender Handelsverträge garantiere. Der Inhalt der Vorgespräche wurde durch ein Memorandum von Sir Austen Chamberlain, dem damaligen Außenminister des Vereinigten Königreichs, in Peking öffentlich bestätigt.[37]

Kommunistische Kämpfer in Shanghai, 1927

Das japanische Außenministerium betrachtete das Memorandum als eine Wende in der britischen China-Politik, die für Japan unvorstellbar war. Am 19. Februar unterzeichnete Eugene Chen in Hankou und am 2. März 1927 in Jiujiang entsprechende Vorverträge, die als deutliche Zeichen Großbritanniens galten, sich mit den Nationalchinesen arrangieren zu wollen. Für die UdSSR und Komintern stellten diese Einigungsabkommen mit den „westlichen Imperialisten“ eine vollständige Fehlentwicklung ihrer Spaltungspolitik dar.[38]

Im Februar 1927 begannen die Kommunisten in Wuhan mit einer intensiven Kampagne gegen „Militärdiktatoren“ und „neue Warlords“, was sich eindeutig gegen Chiang Kai-shek richtete. Am 20. März ließen die Nationalchinesen 50 chinesische Kommunisten sowie alle sowjetischen Berater unter Hausarrest stellen und entfernten unter der Führung von Wang Jingwei verstärkt Mitglieder der KPCh aus der Nationalrevolutionären Armee. Die Kommunisten reagierten mit mehreren erfolgreichen Angriffen, welche die Kuomintang politisch und militärisch erheblich schwächten. Anfang April versuchte die KPCh unter anderem in Guangzhou, Nanchang, Changsha und Shanghai eine Alleinherrschaft aufzubauen. Daraufhin brach am 12. April in Shanghai eine blutige Schlacht zwischen beiden Parteien aus, welche die kommunistische Geschichtsschreibung als Massaker von Shanghai und als Bruch der Einheitsfront seitens Chiang Kai-sheks bezeichnete.[39]

Einem umstrittenen Bericht zufolge, den die KPCh auf dem 4. Nationalkongress der Kuomintang vorlegte, waren im April und Mai 200 Kommunisten umgekommen, 500 verwundet und 1.200 verhaftet worden.[40] Chinesische Historiker betrachten die Ereignisse heute differenzierter, da sich während des Konfliktes auch kommunistische Fraktionen untereinander bekämpften. Des Weiteren sollen an der „Jagd auf Kommunisten“ offen Agenten ausländischer Vertretungen in China beteiligt gewesen sein, die der Kommunistischen Partei Chinas ablehnend gegenüber standen; ganz zu schweigen von rechtslastigen Warlords.[41]

Erwiesenermaßen ordnete die Komintern nach dem 12. April die chinesischen Kommunisten explizit an, in der Kuomintang zu bleiben. Erst nachdem sich im Sommer der linke Flügel der Kuomintang gegen die Unterwanderungsmethoden der Kommunisten wandte, wurde am 7. August 1927 von der Komintern der Bruch und der Kampf gegen die Kuomintang beschlossen.[42] Am 11. September 1927 initiierte die Komintern den Herbsternte-Aufstand, womit der Chinesische Bürgerkrieg begann.[43]

Zweite Phase (Mai 1927 bis Juni 1928)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die am 8. Oktober 1928 neu eingeführte Flagge der Republik China symbolisiert die Drei Prinzipien des Volkes: Demokratie (blau), Wohlstand (weiß) und nationale Einheit (rot)

Das Chaos unmittelbar nach den Ereignissen im April ermöglichte es den nördlichen Warlords, sich neu zu formieren und verschiedene Gebiete zurückzuerobern. Am 19. Mai 1928 beschloss die Kuomintang, den Nordfeldzug fortzusetzen. Hierfür hatte sie unverändert den Rückhalt vieler Chinesen, die sich freiwillig den Kämpfen anschlossen. Trotz der kommunistischen Säuberungen erhöhte sich die Truppenstärke der Nationalrevolutionären Armee enorm. Mit Beginn der nationalen Sommeroffensive standen rund 700.000 Kämpfer der NRA gegen 400.000 Kämpfer der nördlichen Kriegsherren im Feld. Am 7. August 1927 stellte die Sowjetunion alle Lieferungen von Militär- und Rüstungsgütern an die Nationalchinesen ein. Unterstützung erhielt die Kuomintang fortan ausschließlich von den USA.[44]

In der Schlacht um Longtan konnte die NRA am 30. August 1927 erneut einen entscheidenden Sieg erringen und bis Ende des Jahres alle verlorenen Gebiete wieder zurückgewinnen. Im April 1928 erreichten die Truppen den Gelben Fluss und bedrohten damit Peking direkt. Am 3. Mai 1928 ereignete sich der Jinan-Zwischenfall, bei welchem entgegen der Befehle aus Tokio die 6. Division der japanischen Kwantung-Armee, die sich zum Schutz der Südmandschurischen Eisenbahn in der Provinz Shandong aufhielt, in die Kampfhandlungen eingriff. Bei den Gefechten mit Truppen der NRA, die ebenfalls gegen den Befehl ihres Oberkommandos handelten, wurden über 2.000 chinesische sowie japanische Zivilisten getötet. Die Kämpfe endeten erst auf Vermittlung des britischen Generalkonsuls von Jinan.[45]

Am 3. Juli traf Chiang Kai-shek in Peking ein und bot der Beiyang-Regierung eine friedliche Übernahme der Stadt sowie die Beendigung des Nordfeldzuges an. Bei den Verhandlungen spiegelte sich der Einfluss der Großmächte in China wider. Die Vertreter der Beiyang-Regierung hielten bei den Gesprächen mehrfach Rücksprache mit ihren ausländischen Geldgebern, da Japan einer Vereinigung der 18 chinesischen Kernprovinzen nicht zustimmen wollte. Unter dem Druck der USA und Großbritanniens war Japan in dieser Frage jedoch diplomatisch isoliert, sodass die japanischen Vertreter letztlich einwilligten.[46]

Am 19. Juni 1928 erklärte Zhang Xueliang das Ende aller Kampfhandlungen. Sechs Tage später erkannten die USA die Regierung der Kumintang völkerrechtlich an. Als zweiter Staat folgte Deutschland am 20. August. Fast alle anderen Staaten, einschließlich Japan und die Sowjetunion, sprachen ihre Anerkennung im November und Dezember aus, nachdem am 10. Oktober 1928 die offizielle Verkündung der Nationalen Regierung der Republik China mit dem Regierungsvorsitzenden Chiang Kai-shek stattgefunden hatte.[47]

Am 29. Dezember 1928 wurde auch in der Mandschurei überall die neue Flagge der Republik China gehisst und damit die Drei Prinzipien des Volkes anerkannt. China war an dieser Stelle symbolisch wieder vereint.[48]

Nachbetrachtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele zeitgenössische Beobachter gingen davon aus, dass in das geeinte China nun Frieden einkehren würde. Tatsächlich konnte mit der chinesischen Wiedervereinigung keine realpolitische Einigung erzielt werden. Die Anerkennung der Nationalregierung stellte für die fremden Mächte keineswegs einen Verzicht ihres Einflusses in China, sondern das Ende ihrer auf Intrigen, Verschwörungen und diplomatischen Mitteln basierenden Hegemoniebestrebungen dar. Sowohl Großbritannien, Japan und die Sowjetunion setzten ihre Politik mit anderen Mitteln fort.[49]

Nach der chinesischen Wiedervereinigung musste die Nationalregierung einen Vier-Fronten-Krieg führen: gegen Japan, die Sowjetunion, die chinesischen Kommunisten sowie unverändert gegen Großbritannien.[50] 1929 provozierte die UdSSR den Sowjetisch-Chinesischen Grenzkrieg, der mit einer Niederlage der Nationalrevolutionären Armee endete. Nach dieser Auseinandersetzung entstand in den chinesischen Nordprovinzen ein Machtvakuum. Die Auswirkung des Konflikts führte 1931 zur Mandschurei-Krise und 1932 zur Gründung des japanischen Marionettenstaates Mandschukuo.[51]

1934 erfolgte die Sowjetische Invasion in Sinkiang sowie im gleichen Jahr der britische Versuch nach dem Banhong-Zwischenfall Gebiete in den Provinzen Cangyuan und Yunnan zu annektieren. Nach Beginn des Japanisch-Chinesischen Krieges 1937 konzentrierten sich die Kräfte der Nationalrevolutionären Armee auf die Abwehr der japanischen Truppen. Unter dem Druck der UdSSR bildete die Kuomintang erneut eine Allianz mit den Kommunisten, die Zweite Einheitsfront. Beeinflusst von der Sowjetunion zettelten die Kommunisten nach 1946 in ganz China kleinere Guerillakriege an, die letztendlich 1949 zum Sieg der Volksbefreiungsarmee führten. Als Resultat des Bürgerkrieges bestehen bis heute zwei separate chinesische Staaten: zum einen die sozialistische Volksrepublik China und zum anderen die demokratische Republik China (Taiwan).[52]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Nordexpedition – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lloyd E. Eastman: The Nationalist Era in China, 1927–1949. Cambridge University Press, 1986.
  • Gotelind Müller: China, Kropotkin und der Anarchismus. Eine Kulturbewegung im China des frühen 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss des Westens und japanischer Vorbilder. Otto Harrassowitz Verlag, 2001.
  • Dieter Kuhn: Die Republik China von 1912 bis 1937. Entwurf für eine politische Ereignisgeschichte. Band 1. Edition Forum, 2004.
  • Niclas Dominik Weimar: Die Reorganisation der Guomindang und der Nordfeldzug. GRIN Verlag, 2006.
  • Jay Taylor: The Generalissimo. Harvard University Press, 2009.
  • Diana Lary: China's Civil War. Cambridge University Press, 2015.
  • Peter Worthing: General He Yingqin. The Rise and Fall of Nationalist China. Cambridge University Press, 2017.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Franke, Brunhild Staiger: China. Gesellschaft. Politik. Staat. Wirtschaft. Springer-Verlag, S. 152–154.
  2. Brigitte Esser: Daten der Weltgeschichte. wissenmedia Verlag, 2004, S. 716.
  3. Martin Ewans: The Great Game. Britain and Russia in Central Asia. RoutledgeCurzon, 2004, S. 25 f.
  4. Gregor Schöllgen, Friedrich Kießling: Das Zeitalter des Imperialismus. Oldenbourg Verlag, 2009, S. 65 f.
  5. Wilhelm Schüler: Abriss der neueren Geschichte Chinas. Dissertation BoD, 2012, S. 301 f.
  6. Dan Ben-Canaan, Frank Grüner, Ines Prodöhl: Entangled Histories. The Transcultural Past of Northeast China. Springer Science & Business Media, 2013, S. 168 f.
  7. Mechthild Leutner: Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900-1901. Ch. Links Verlag, 2007, S. 31.
  8. Boris Meissner: Das Potsdamer Abkommen. Rückblick nach 50 Jahren. Braumüller, 1996, S. 105.
  9. Odorik Wou: Militarism in modern China. The career of Wu P’ei-Fu, 1916-1939. Australian National University Press, 1978, S. 349.
  10. Thomas Weyrauch: Chinas unbeachtete Republik. 100 Jahre im Schatten der Weltgeschichte. Band 1. Longtai Verlag Gießen, 2009, S. 99 f.
  11. Niclas Dominik Weimar: Die Reorganisation der Guomindang und der Nordfeldzug. GRIN Verlag, 2005, S. 8 f.
  12. Carl F. Nathan: Plague prevention and politics in Manchuria, 1910–1931. Harvard University Press, 1967, S. 66 f.
  13. Bundesheer der Republik Österreich (Hrsg.): Österreichische Militärische Zeitschrift. Band 20. C. Ueberreuter, 1982, S. 408.
  14. Andreas Steen: Deutsch-chinesische Beziehungen 1911-1927. Vom Kolonialismus zur „Gleichberechtigung“. Eine Quellensammlung. Walter de Gruyter, S. 342.
  15. Sabine Dabringhaus: Geschichte Chinas 1279-1949. Walter de Gruyter, 2015, S. 122.
  16. Ahamed Liaquat: Die Herren des Geldes. FinanzBuch Verlag, 2010, S. 412.
  17. Bruce A. Elleman: The Soviet Union's Secret Diplomacy Concerning the Chinese Eastern Railway, 1924–1925. Journal of Asian Studies, Band 53, S. 461–471.
  18. Karakhan Manifesto Encyclopædia Britannicaabgerufen am 7. November 2017
  19. Peter Gosztony: Die Rote Armee: Machtfaktor der Weltpolitik. Goldmann, 1983, S. 147.
  20. Iwan Jakowlewitsch Korostovetz: Von Cinggis Khan zur Sowjetrepublik. Eine kurze Geschichte der Mongolei unter besonderer Berücksichtigung der neuesten Zeit. Walter de Gruyter, 1926, S. 328.
  21. Eva-Maria Stolberg: Stalin und die chinesischen Kommunisten. Eine Studie zur Entstehungsgeschichte der sowjetisch-chinesischen Allianz vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Franz Steiner Verlag, 1997, S. 113.
  22. Ulrike Eifler: Neoliberale Globalisierung und die Arbeiterbewegung in China. ibidem-Verlag, 2012, S. 89.
  23. Ulrike Eifler, S. 90.
  24. Ulrike Eifler, S. 90.
  25. Ulrike Eifler, S. 91.
  26. Thomas Weyrauch, S. 99 f.
  27. Odorik Wou: Militarism in modern China. The career of Wu P’ei-Fu, 1916-1939. Australian National University Press, 1978, S. 349.
  28. Dieter Kuhn: Die Republik China von 1912 bis 1937. Entwurf für eine politische Ereignisgeschichte. Würzburger Sinologische Schriften, 2007, S. 347.
  29. Dieter Kuhn, S. 348 f.
  30. Gerald Mund: Ostasien im Spiegel der deutschen Diplomatie. Die privatdienstliche Korrespondenz des Diplomaten Herbert v. Dirksen von 1933 bis 1938. Franz Steiner Verlag, 2006. S. 110.
  31. Martin Wilbur: The Nationalist Revolution in China, 1923-1928. Cambridge University Press, 1983, S. 22–65.
  32. Mechthild Leutner: KPdSU(B), Komintern und die Sowjetbewegung in China, Band 1. LIT Verlag Münster, 2000, S. 74.
  33. Aufsatz von Michael Koschitzki: China 1927. Aufstand und Massaker in Shanghai. Die Taktik und Rolle der Komintern. (veröffentlicht am 12. April 2007)abgerufen am 7. November 2017
  34. Sabine Dabringhaus, S. 79.
  35. Andreas Steen, S. 342.
  36. Dieter Kuhn, S. 358 f.
  37. Chi Wang: Endphase des britischen Kolonialismus in China. Eine Untersuchung zur Rolle der öffentlichen Meinung in Großbritannien als Reaktion und Einflussgröße britischer Außenpolitik gegenüber China während der Nationalen Revolution 1922-1928. Peter Lang, 1982, S. 85 f.
  38. Lloyd E. Eastman: Nationalist China during the Nanking Decade, 1927–1937. Harvard University Press, 1991, S. 67.
  39. Lloyd E. Eastman, S. 55.
  40. Ulrike Eifler, S. 89.
  41. Kuhn, 388.
  42. Ulrike Eifler, S. 90–91.
  43. Yutong Yang: Autumn Harvest Uprising (1927). in Xiaobing Li (Hrsg.): China at War - An Encyclopedia. Santa Barbara Press, 2012, S. 15 f.
  44. Dieter Kuhn, S. 408.
  45. Akira Iriye: After Imperialism. The Search for a New Order in the Far East, 1921-1931. Harvard University Press, Cambridge 1965, S. 193–205.
  46. Jay Taylor: The Generalissimo. Harvard University Press, 2009, S. 71.
  47. Andreas Stehen, S. 282.
  48. Dieter Kuhn, S. 430.
  49. Leonard A. Humphreys: The Way of the Heavenly Sword. S. 149–170.
  50. Boris Meissner: Das Potsdamer Abkommen. Rückblick nach 50 Jahren. Braumüller, 1996, S. 105.
  51. Felix Patrikeeff: Russian Politics in Exile. The Northeast Asian. Balance of Power 1924–1931. Palgrave Macmillan UK, 2002, S. 52 f.
  52. Martin Ewans: The Great Game. Britain and Russia in Central Asia. RoutledgeCurzon, 2004, S. 25 f.