Normalsegelapparat

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Normalsegelapparat
Der Normalsegelapparat mit vergrößertem Seitenleitwerk
Normalsegelapparat – vier aufgeschobene Profilschienen fixieren das Tragflächenprofil
Typ: Gleitflugzeug
Entwurfsland:

Deutsches Reich Deutsches Reich

Hersteller: Maschinenfabrik Otto Lilienthal
Erstflug: 1893
Indienststellung: 1893
Produktionszeit:

1894–1896

Stückzahl: mindestens 9
Segelapparate Werbung der Maschinenfabrik O. Lilienthal, 1895
Flug Lilienthals vom Fliegeberg in Lichterfelde, 29. Juni 1895.
Das Holmkreuz des Normalsegelapparats zur Befestigung der Tragflächenrippen, der Verspannung und zur Aufnahme des Apparats mit den Unterarmen.
Windkanal-Tests des Lilienthal-Gleiters im LLF-Windkanal des DNW in Marknesse (NL) 2016: ...der Windkanal fährt hoch, der Gleiter wird angehoben... (Bild DLR)
Lilienthals flying machine[1]

Der Normalsegelapparat ist ein 1893 von Otto Lilienthal entwickeltes Gleitflugzeug, das durch Gewichtsverlagerung gesteuert wird. Lilienthal selbst absolvierte damit vor allem vom Fliegeberg in Lichterfelde bei Berlin über tausend Gleitflüge.

Der Normalsegelapparat ist das erste in Serie gefertigte und als Produkt vermarktete Flugzeug der Geschichte. Er wurde im Jahre 1893 erstmals zum Patent angemeldet[2][1] und von 1894 bis 1896 von der Maschinenfabrik Otto Lilienthal für 500 Mark angeboten.

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben möglichst guten aerodynamischen Eigenschaften legte Lilienthal auch auf gute Handhabbarkeit und Transportierbarkeit seiner Fluggeräte Wert. Mit den Erkenntnissen aus seinen bisherigen Flugapparaten entwickelte er deshalb 1893 einen zusammenklappbaren Flugapparat, bei dem das Flügelprofil durch auf die Tragfläche aufgeschobene Profilschienen sichergestellt wird (s. Bild). Auf diese Konstruktion, von ihm als Zusammenklappbarer Flugapparat von 14 qm Tragefläche und „Modell 93“ bezeichnet, beantragte und erhielt er ein Patent. Diese Bauform war der Prototyp des Normalsegelapparates.[3]

Technische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Spannweite: 6,7 m
  • Gewicht: 20 kg
  • maximale Flugweiten (von Lilienthal erreicht): 250 m
  • Gleitverhältnis: 1:4[4]

Steuerung durch Gewichtsverlagerung (Hängegleiter); Höhenleitwerk nach oben beweglich; Flügel zur Erleichterung des Transports anklappbar.

Käufer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon Ende 1893 berichtet Lilienthal, er habe bereits mehrere Aufträge und eine „spezielle Fabrik“ eingerichtet.[5] Eine Verkaufsanzeige aus dem Jahr 1895 ist überliefert. Zitat: Segelapparate zur Uebung des Kunstfluges fertigt die Maschinenfabrik von O. Lilienthal – Berlin S. Köpenickerstrasse 113.

Neun Käufer des Normalsegelapparates sind namentlich bekannt (Käufer, Auslieferungstermin):[6]

  1. Charles E. L. Brown, März 1894,
  2. Heinrich Seiler, Sommer 1894,
  3. Charles de Lambert, August 1894,[7]
  4. Alois Wolfmüller, Dezember 1894,
  5. Kilian Frank, Februar 1895,
  6. T. J. Bennett, März 1895,
  7. George Francis Fitzgerald, März 1895,
  8. William Randolph Hearst, April 1896.
  9. Nikolai Jegorowitsch Schukowski, Juni 1896,

Auch der amerikanische Luftfahrt-Pionier Octave Chanute fragte im Frühjahr 1895 nach einem Apparat an. Zu einem Verkauf kam es allerdings nicht.[8] 1896 war durch den US-amerikanischen Luftfahrt-Förderer James Means die Lieferung mehrerer Gleiter mit Pilotenausbildung in Berlin geplant, wozu es nach Lilienthals tödlichem Absturz nicht mehr kam.

Unfall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 9. August 1896 stürzte Lilienthal bei Stölln am Gollenberg mit seinem Normalsegelapparat aus etwa 15 m Höhe ab. Als er im Flug fast zum Stillstand gekommen war, warf Lilienthal zur Fahrtaufnahme Beine und Oberkörper weit nach vorn. Im Zuge dieser Lagekorrektur stürzte er fast senkrecht zu Boden und schlug mit der rechten Tragfläche auf. Lilienthal verletzte sich schwer. Am 10. August 1896 starb er an den Verletzungen. Bei der Obduktion wurde ein Bruch des dritten Halswirbels festgestellt.[9]

Untersuchungen zur Flug-Stabilität und -steuerung führte 2016 das DLR-Institut für Strömungsforschung in Göttingen durch. Der Leiter des Instituts stellte zur Vermutung, „dass Instabilität Ursache für den Absturz gewesen sein könnte“, fest, dies hätte sich durch die Messungen nicht erhärtet. Ursache war demnach nicht die Konstruktion (Profil, Flächengestaltung etc.) des Gleiters,[10] sondern ein Pilotenfehler, möglicherweise dadurch begünstigt, dass Lilienthal inzwischen an das stabilere Flugverhalten des Doppeldeckers gewöhnt war.[11] Die Flugpraxis mit dem Normalapparat sowie die mit dem darauf basierenden Doppeldecker wurde 2019 durch Markus Raffel vom DLR erlernt und nachvollzogen.[12]

Erhaltene Flugzeuge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Nachbau eines Normalsegelapparates im Luftfahrt-Museum Laatzen-Hannover

Vier Normalsegelapparate sind unterschiedlich stark restauriert in Museen erhalten geblieben:

Nur ein weiteres der Flugzeuge Lilienthals[15] ist erhalten: der sogenannte Sturmflügel, eine Variante des Normalapparates (Technisches Museum Wien).

Bei allen anderen in Museen ausgestellten Exponaten handelt es sich um Nachbauten. Allein vom Normalsegelapparat existieren weltweit über 42 Nachbauten.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zum Flugzeugbau Lilienthals: Stephan Nitsch: Vom Sprung zum Flug; Brandenburgisches Verlagshaus, Berlin 1991, ISBN 3-327-01090-0, Neuauflage unter dem Titel Die Flugzeuge von Otto Lilienthal. Technik – Dokumentation – Rekonstruktion Otto-Lilienthal-Museum Anklam 2016, ISBN 978-3-941681-88-0
  • Zur Maschinenfabrik „Otto Lilienthal“: Otto-Lilienthal-Museum Anklam. Der Dampfmotor des Flugpioniers; Kulturstiftung der Länder – Patrimonia 271; Anklam, 2004, ISSN 0941-7036
  • Zu den Käufern: Werner Schwipps: Der Mensch fliegt – Lilienthals Flugversuche in historischen Aufnahmen; Bernard & Graefe Verlag, Koblenz 1988, ISBN 3-7637-5838-0.
  • Zu erhaltene Flugzeuge: Peter W. Cohausz: Deutsche Flugzeuge bis 1945, Aviatic Verlag, ISBN 978-3-942645-12-6

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Normalsegelapparat – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Patent US544816A: Flying Machine. Angemeldet am 28. Februar 1894, veröffentlicht am 20. August 1895, Erfinder: Otto Lilienthal.
  2. Patent DE77916A: Flugapparat. Angemeldet am 3. September 1893, veröffentlicht am 10. November 1894, Erfinder: Otto Lilienthal.
  3. Maihöhe-Rhinow-Apparat 1893. Otto-Lilienthal-Museum Anklam, abgerufen am 1. Dezember 2020.
  4. Anfänge des Fliegens: Lilienthal-Flugapparat besteht Test im Windkanal. In: Wissenschaft. Spiegel Online, 18. Mai 2016, abgerufen am 18. Mai 2016: „An der Konstruktion kann der Absturz demnach nicht gelegen haben.“
  5. Otto Lilienthal: Brief an Moedebeck. Archiv Otto-Lilienthal-Museum, 14. November 1893, abgerufen am 22. Juli 2020.
  6. Schwipps, Der Mensch fliegt, S. 123ff
  7. Otto Lilienthal: Brief an Charles de Lambert. Archiv Otto-Lilienthal-Museum, 18. August 1894, abgerufen am 1. Dezember 2020: „Ihren Apparat zum Segelfliegen habe ich fertig gestellt und bringe denselben zur Verladung.“
  8. Schwipps, Der Mensch fliegt, S. 123
  9. ohne Titel. In: Berliner Tageblatt und Handelszeitung. 13. August 1896, S. 4 der Abendausgabe, abgerufen am 4. Oktober 2019: „Die Leiche des verunglückten Ingenieurs Otto Lilienthal ist nach der gerichtlichen Sektion …“
  10. Bärbel Wiethoff: Forscher testen Lilienthal-Gleiter in Göttingen. NDR – Norddeutscher Rundfunk, 19. Mai 2016, abgerufen am 19. Mai 2016.
  11. DLR-Mitarbeiter gelingt Flug mit Nachbau von Otto Lilienthal. Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR), 18. September 2019, abgerufen am 4. Oktober 2019.
  12. Robert Gast, Markus Raffel: Man denkt, man kann wirklich fliegen. Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH, 3. Oktober 2019, abgerufen am 4. Oktober 2019.
  13. Deutsches Museum: Lilienthal Normal-Segelapparat. Abgerufen am 1. Dezember 2020.
  14. Lilienthal Glider in Early Flight. Abgerufen am 1. Dezember 2020 (englisch).
  15. Die Flugzeugkonstruktionen Lilienthals. Otto-Lilienthal-Museum Anklam, abgerufen am 1. Dezember 2020.