Normalsegelapparat

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Normalsegelapparat
Der Normalsegelapparat mit vergrößertem Seitenleitwerk. Gut erkennbar sind die vier aufgeschobenen Profilschienen.
Typ: Gleitflugzeug
Entwurfsland: Deutsches ReichDeutsches Kaiserreich Deutsches Reich
Hersteller: Maschinenfabrik Otto Lilienthal
Erstflug: 1893
Indienststellung: 1893
Produktionszeit: 1894–1896
Stückzahl: mindestens 9
Segelapparate Werbung der Maschinenfabrik O. Lilienthal, 1895
Flug Lilienthals vom Fliegeberg in Lichterfelde, 29. Juni 1895.
Das Holmkreuz des Normalsegelapparats zur Befestigung der Tragflächenrippen, der Verspannung und zur Aufnahme des Apparats mit den Unterarmen.
Windkanal-Tests des Lilienthal-Gleiters im LLF-Windkanal des DNW in Marknesse (NL) 2016: ...der Windkanal fährt hoch, der Gleiter wird angehoben... (Bild DLR)
Lilienthals flying machine[1]

Der Normalsegelapparat ist ein 1893 von Otto Lilienthal entwickeltes Gleitflugzeug, das durch Gewichtsverlagerung gesteuert wird. Lilienthal selbst absolvierte damit vor allem vom Fliegeberg in Lichterfelde bei Berlin über tausend Gleitflüge.

Der Normalsegelapparat ist das erste in Serie gebaute und verkaufte Flugzeug der Geschichte. Er wurde von 1894 bis 1896 von der Maschinenfabrik Otto Lilienthal für 500 Mark angeboten. Eine Verkaufsanzeige aus dem Jahr 1895 ist überliefert. Zitat: Segelapparate zur Uebung des Kunstfluges fertigt die Maschinenfabrik von O. Lilienthal – Berlin S. Köpenickerstrasse 113.

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben möglichst guten aerodynamischen Eigenschaften legte Lilienthal auch auf gute Handhabbarkeit und Transportierbarkeit seiner Fluggeräte Wert. Mit den Erkenntnissen aus seinen bisherigen Flugapparaten entwickelte er deshalb 1893 einen zusammenklappbaren Flugapparat, bei dem das Flügelprofil durch auf die Tragfläche aufgeschobene Profilschienen sichergestellt wird (s. Bild). Auf diese Konstruktion, von ihm als Zusammenklappbarer Flugapparat von 14 qm Tragefläche und „Modell 93“ bezeichnet, beantragt und erhält er ein Patent. Diese Bauform ist der Prototyp des Normalsegelapparates.[2]

Technische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Spannweite: 6,7 m
  • Gewicht: 20 kg
  • maximale Flugweiten (von Lilienthal erreicht): 250 m
  • Gleitverhältnis: 1:4[3]

Steuerung durch Gewichtsverlagerung (Hängegleiter); Höhenleitwerk nach oben beweglich; Flügel zur Erleichterung des Transports anklappbar.

Käufer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neun Käufer des Normalsegelapparates sind namentlich bekannt (Käufer, Auslieferungstermin):[4]

  1. Heinrich Seiler, 1894,
  2. Charles de Lambert, Sommer 1894,
  3. Alois Wolfmüller, Dezember 1894,
  4. Kilian Frank, Februar 1895,
  5. T. J. Bennett, März 1895,
  6. George Francis Fitzgerald, März 1895,
  7. Charles E. L. Brown, spätes Frühjahr 1895,
  8. Nikolai Jegorowitsch Schukowski, Oktober 1895,
  9. William Randolph Hearst, April 1896.

Auch der amerikanische Luftfahrt-Pionier Octave Chanute fragte im Frühjahr 1895 nach einem Apparat an. Zu einem Verkauf kam es allerdings nicht.[5] 1896 war durch den US-amerikanischen Luftfahrt-Förderer James Means die Lieferung mehrerer Gleiter mit Pilotenausbildung in Berlin geplant, wozu es nach Lilienthals tödlichem Absturz nicht mehr kam.

Unfall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 9. August 1896 stürzte Lilienthal bei Stölln am Gollenberg mit seinem Normalsegelapparat aus etwa 15 m Höhe ab. Als er im Flug fast zum Stillstand gekommen war, warf Lilienthal zur Fahrtaufnahme Beine und Oberkörper weit nach vorn. Im Zuge dieser Lagekorrektur stürzte er fast senkrecht zu Boden und schlug mit der rechten Tragfläche auf. Lilienthal verletzte sich schwer. Am 10. August 1896 starb er an den Verletzungen.

Untersuchungen zur Flug-Stabilität und -steuerung führte 2016 das DLR-Institut für Strömungsforschung in Göttingen durch. Der Leiter des Instituts stellte zur Vermutung, „dass Instabilität Ursache für den Absturz gewesen sein könnte“, fest, dass sich das durch die Messungen nicht erhärtet hätte. Ursache war demnach nicht die Konstruktion (Profil, Flächengestaltung etc.) des Gleiters.[6]

Erhaltene Flugzeuge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Nachbau eines Normalsegelapparates im Luftfahrt-Museum Laatzen-Hannover

Vier Normalsegelapparate sind unterschiedlich stark restauriert in Museen erhalten geblieben:

Nur ein weiteres der Flugzeuge Lilienthals[9] ist erhalten: der sogenannte Sturmflügel, eine Variante des Normalapparates (Technisches Museum Wien).

Bei allen anderen in Museen ausgestellten Exponaten handelt es sich um Nachbauten. Allein vom Normalsegelapparat existieren weltweit über 42 Nachbauten.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zum Flugzeugbau Lilienthals: Stephan Nitsch: Vom Sprung zum Flug; Brandenburgisches Verlagshaus, Berlin 1991, ISBN 3-327-01090-0, Neuauflage unter dem Titel Die Flugzeuge von Otto Lilienthal. Technik - Dokumentation - Rekonstruktion Otto-Lilienthal-Museum Anklam 2016, ISBN 978-3-941681-88-0
  • Zur Maschinenfabrik „Otto Lilienthal“: Otto-Lilienthal-Museum Anklam. Der Dampfmotor des Flugpioniers; Kulturstiftung der Länder – Patrimonia 271; Anklam, 2004, ISSN 0941-7036
  • Zu den Käufern: Werner Schwipps: Der Mensch fliegt – Lilienthals Flugversuche in historischen Aufnahmen; Bernard & Graefe Verlag, Koblenz 1988, ISBN 3-7637-5838-0.
  • Zu erhaltene Flugzeuge: Peter W. Cohausz: Deutsche Flugzeuge bis 1945, Aviatic Verlag, ISBN 978-3-942645-12-6

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Normalsegelapparat – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Patent US|Nr. 544816
  2. Maihöhe-Rhinow-Apparat 1893
  3. Anfänge des Fliegens: Lilienthal-Flugapparat besteht Test im Windkanal. In: Wissenschaft. Spiegel Online, 18. Mai 2016, abgerufen am 18. Mai 2016: „An der Konstruktion kann der Absturz demnach nicht gelegen haben.“
  4. Schwipps, Der Mensch fliegt, S. 123ff
  5. Schwipps, Der Mensch fliegt, S. 123
  6. Bärbel Wiethoff: Forscher testen Lilienthal-Gleiter in Göttingen. NDR - Norddeutscher Rundfunk, 19. Mai 2016, abgerufen am 19. Mai 2016.
  7. Deutsches Museum: Lilienthal Normal-Segelapparat
  8. Lilienthal Glider in Early Flight
  9. Otto-Lilienthal-Museum, Anklam