Norwegischer Raketenzwischenfall

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Der norwegische Raketenzwischenfall, auch bekannt als Black Brant scare, ereignete sich am 25. Januar 1995, als ein Team aus norwegischen und amerikanischen Wissenschaftlern eine vierstufige Black Brant-XII-Forschungsrakete von der Andøya-Raketenbasis vor der nordwestlichen Küste Norwegens startete. Die Rakete, die wissenschaftliche Geräte zum Studium der Aurora Borealis über Spitzbergen mitführte, flog auf einer hohen nördlichen Bahn in einem Luftkorridor, der sich von den Minuteman-III-Atomraketensilos in North Dakota bis zur russischen Hauptstadt Moskau erstreckte.[1]

Eine Black-Brant-XII-Rakete wie diese verursachte den Raketenzwischenfall.

Während des Fluges erreichte die Rakete schließlich eine Höhe von 1.453 km (903 Meilen), was einer U-Boot-gestützten U.S. Navy-Tridentrakete ähnelt. Dies führte dazu, dass die russischen Nuklearstreitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt wurden, da man einen nuklearen Höhenangriff befürchtete, der das russische Radar blenden könnte, woraufhin der Nuklearwaffenkoffer zum russischen Präsidenten Boris Jelzin gebracht wurde.[1][2] Dieser musste nun entscheiden, ob ein nuklearer Vergeltungsschlag gegen die Vereinigten Staaten gestartet würde.[1][2][3]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der norwegische Raketenzwischenfall führte zu wenigen Minuten nuklearer Spannungen, die sich annähernd vier Jahre nach dem Ende des Kalten Kriegs abspielten. Nicht so bekannt wie die Kuba-Krise vom Oktober 1962 (oder der Stanislaw-Jewgrafowitsch-Petrow-Vorfall, der noch Geheimsache war), wird der 1995er-Zwischenfall für einen der ernstesten gehalten. Der Zwischenfall von 1995 ereignete sich in der Ära nach dem Kalten Krieg, als viele Russen noch sehr misstrauisch gegenüber den USA und der NATO waren. Im Gegensatz dazu hatte sich die Kuba-Krise vom Oktober 1962 viel länger aufgebaut.[4]

Erfassung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als die Black-Brant-XII-Rakete Höhe gewann, wurde sie von der Frühwarnradarstation Olenegorsk in der Oblast Murmansk, Russland, entdeckt.[3] Für die Radartechniker erschien die Rakete in Geschwindigkeit und Flugmuster einer U-Boot-gestützten U.S. Navy-Tridentrakete ähnlich,[2] was dazu führte, dass das russische Militär anfangs die Raketenflugbahn als Vorläufer eines möglichen Angriffs von U-Booten missinterpretierte.[3]

EMP-Raketenszenario[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Möglichkeit war, dass die Rakete eine einzelne radarblockierende EMP-Rakete gewesen war, die von einer Tridentrakete auf See gestartet worden war, um das russische Radar zu blenden als ersten Schritt zu einem Überraschungsangriff. In diesem Szenario verursacht Gammastrahlung einer Nuklearexplosion in großer Höhe einen sehr hochintensiven elektromagnetischen Puls, der das Radar verwirren und elektronische Ausrüstung unbrauchbar machen würde.[3] Danach würde in diesem Szenario der eigentliche Angriff starten.

Nach der Stufentrennung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Stufentrennung erschien der Raketenstart auf dem Radar ähnlich einem Mehrfachsprengkopf (MRV); das russische Kontrollzentrum erkannte nicht sofort, dass die norwegische Forschungsrakete Richtung Meer flog, statt nach Russland. Das Verfolgen der Flugbahn dauerte acht Minuten, in denen entschieden werden musste, ob ein nuklearer Gegenschlag auf einen kommenden Angriff gestartet werden würde (Trident-U-Boot-Raketen aus der Barentssee könnten Russlands Festland in zehn Minuten erreichen).

Reaktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieses Ereignis löste einen vollen Alarm aus, der durch die militärische Kommandokette bis zu Präsident Boris Jelzin weitergeleitet wurde. Dieser wurde sofort unterrichtet und der „nukleare Aktenkoffer“ (in Russland als Tscheget bekannt) zur Autorisierung nuklearer Starts automatisch aktiviert. Jelzin aktivierte seine „Nuklearschlüssel“ zum ersten Mal. Es wurde keine Warnung irgendeines Zwischenfalls an die russische Bevölkerung ausgesprochen; der Vorfall wurde in der folgenden Woche in den Nachrichten mitgeteilt.[4]

Als eine Folge des Alarms wurden die russischen U-Boot-Kommandanten angewiesen, in Kampfbereitschaft zu gehen und die nukleare Vergeltung vorzubereiten.

Nach einer Weile konnten russische Beobachter erkennen, dass die Rakete sich vom russischen Luftraum entfernte und keine Bedrohung darstellte. Die Rakete fiel 24 Minuten nach dem Start wie geplant bei Spitzbergen zur Erde.[3][4]

Der norwegische Raketenzwischenfall war der erste und einzige Vorfall, bei dem eine Nuklearmacht ihre Atomkoffer aktiviert und für einen Angriff vorbereitet hatte.[4]

Vorherige Bekanntmachung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die norwegischen und amerikanischen Forscher hatten dreißig Länder, einschließlich Russland, von ihrer Absicht, ein Höhenforschungsexperiment an Bord einer Rakete zu starten, in Kenntnis gesetzt. Allerdings wurde diese Information nicht an die Radartechniker weitergegeben.[1] In der Folge des Vorfalls wurden die Unterrichtungs- und Bekanntmachungsprotokolle überprüft und überarbeitet.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d United States European Command. "This Week in EUCOM History."
  2. a b c Forden, Geoffrey. Public Broadcasting System. NOVA. "False Alarms in the Nuclear Age." November 6, 2001, abgerufen am 3. April 2015
  3. a b c d e Pry, Peter (1999). War scare: Russia and America on the nuclear brink. New York: Praeger. pp. 214–227. ISBN 0-275-96643-7.
  4. a b c d Hoffman, David (March 15, 1998). -Cold-War Doctrines Refuse to Die-. The Washington Post. p. A01. Retrieved August 10, 2010, abgerufen am 3. April 2015