Notwasserung

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Ein Airbus A320 nach einer Notwasserung im Januar 2009 (US-Airways Flug 1549)

Eine Notwasserung ist eine Notlandung auf dem Wasser durch ein Fluggerät, das nicht für Wasserlandungen ausgelegt ist. Notwasserungen kommen in der modernen Luftfahrt äußerst selten vor.

Liste von Notwasserungen von Verkehrsflugzeugen (Auswahl)[Bearbeiten]

Bei Flugzeugen stellen Notwasserungen ein sehr riskantes Manöver dar, da sich die Wasseroberfläche bei typischen Landegeschwindigkeiten von Düsenverkehrsflugzeugen (ca. 250 km/h) sehr hart verhält und die Tragwerks- und Rumpfstruktur nicht für direktes Aufsetzen auf einer Oberfläche ausgelegt sind. Trotzdem gab es Notwasserungen, bei denen alle oder wenigstens einige der Passagiere überlebten:

  • Am 11. Juni 1952 wasserte eine Douglas DC-4 auf dem Pan-Am-Flug 526A vor der Küste Puerto Ricos bei starkem Seegang. Alle 69 Personen an Bord überlebten den Aufprall. Durch die unkoordinierte Evakuierung und dem Versäumnis, die Passagiere über den Umgang mit den Rettungswesten zu unterweisen, gingen 52 Fluggäste mit der Maschine unter. Dieser Unfall führte zur internationalen Vorschrift, dass Passagiere auf längeren Flügen über Wasser bereits vor dem Start darüber informiert werden müssen, wo die Rettungswesten zu finden und wie diese zu benutzen sind.
  • Am 19. Juni 1954 musste eine Convair CV-240-2 der Swissair (HB-IRW) wegen Treibstoffmangels im Ärmelkanal notwassern. Von den 9 Personen an Bord (5 Passagiere, 4 Crew) ertranken 3 Passagiere, da sie nicht schwimmen konnten und keine Schwimmwesten an Bord waren (diese waren damals noch nicht vorgeschrieben), die Übrigen überlebten. Das Flugzeug hatte sich auf einem Linienflug von Genf nach London befunden. Die Schuld wurde den Piloten angelastet, die es versäumt hatten, vor dem Flug genügend Treibstoff zu tanken, und auch während des Flugs nicht bemerkten, dass der Treibstoff nicht reichen würde.[1]
  • Am 26. März 1955 riss ein Triebwerk einer Boeing 377 der Pan American World Airways ab. Der Besatzung gelang es, die Maschine etwa 56 Kilometer vor der Küste Oregons notzuwassern. Bei dem Unfall kamen vier der 23 Insassen ums Leben.[2]
Notwasserung des Pan-Am-Flugs 6
  • 1956 machte Pan-Am-Flug 6 eine Notwasserung im Pazifik, nachdem zwei der vier Motoren ausgefallen waren. Um die Chancen einer Rettung der Passagiere zu erhöhen, kreiste die Boeing 377 bis zum Morgengrauen um ein Schiff der US-Küstenwache, bevor sie wasserte. Alle 31 Menschen an Bord überlebten.[3]
  • 1962 musste der Flying-Tiger-Line-Flug 923 rund 1000 Kilometer westlich von Irland im Atlantik notwassern, nachdem drei der vier Motoren der Super Constellation ausgefallen waren. 48 Menschen (von insgesamt 68 Passagieren und 8 Besatzungsmitgliedern) konnten durch den Frachter MS Celerina gerettet werden.[4]
  • 1963 konnte eine Tu-124 der Aeroflot nach dem Start in Tallinn ihr Fahrwerk nicht vollständig einfahren. Der zusätzliche Luftwiderstand erhöhte den Treibstoffverbrauch. Der Flughafen war jedoch bereits wegen Nebels geschlossen, sodass die Crew die Maschine in Leningrad auf einer Schotterpiste landen wollte. Wegen einer defekten Treibstoffanzeige flogen sie acht Runden, bis die Besatzung bemerkte, dass auf den Anzeigen der Treibstoff nicht weniger wurde. Gleichzeitig setzte eines der Triebwerke aus. Um es noch rechtzeitig zum Flughafen zu schaffen, bekam die Crew die Erlaubnis, direkt über der Stadt zu fliegen. Dann setzte auch das zweite Triebwerk aus und die Maschine musste sofort auf dem Fluss landen. Die 52 Passagiere blieben unverletzt. Die Crew wurde für unschuldig erklärt, und die Schuld wurde der Flughafenleitung zugesprochen, weil diese einem Flugzeug ohne Treibstoff eine Flugerlaubnis über der Stadt erteilt hatte.[5]
  • Am 2. Mai 1970 machte eine DC-9-33CF der Air ALM (Antillen) mit leerem Tank eine Notwasserung im Karibischen Meer. Davor wurden bei schlechter Sicht mehrere Landungen auf Sint Maarten versucht. Das Flugzeug blieb nach der Notwasserung im Wesentlichen intakt, sank jedoch nach zehn Minuten in 1500 Meter Meerestiefe. 40 der 63 Insassen überlebten und konnten eine Stunde später von Hubschraubern gerettet werden.[8]
  • 1996 wurde eine Boeing 767-200ER auf dem Ethiopian-Airlines-Flug 961 entführt. Nachdem der Treibstoff ausgegangen war, machten die Piloten eine Landung auf dem recht seichten Wasser des Indischen Ozeans, etwa 500 m vor der Küste der Inselgruppe Komoren, bei deren Hauptstadt Moroni. Dabei zerbrach das Flugzeug in mehrere Teile. 52 der 175 Insassen überlebten. Einige starben, da sie die Schwimmwesten bereits in der Kabine aufgeblasen hatten und somit an Bord gefangen waren.[9]
  • 2002 fielen beim Flug Garuda Indonesia 425 mit einer Boeing 737 beide Triebwerke aufgrund starken Hagels aus. Mehrere Versuche, die Triebwerke wieder zu starten, scheiterten, so dass sich die Piloten gezwungen sahen, auf dem Fluss Bengawan Solo nahe Yogyakarta zu landen. Von den insgesamt 60 Personen an Bord verstarb eine Flugbegleiterin.[10]
  • Am 6. August 2005 machte eine ATR 72 auf dem Tuninter-Flug 1153 vor Sizilien eine Notwasserung, nachdem der Treibstoff ausgegangen war. Später stellte sich heraus, dass die ausgetauschte Tankuhr für einen kleineren Tank gedacht war. Von den 39 Menschen an Bord überlebten 20, teils mit schweren Verbrennungen. Das Wrack wurde in drei Teilen aufgefunden.[11]
  • Am 15. Januar 2009 führte der Kapitän des US-Airways-Flugs 1549 mit einem Airbus A320 wenige Minuten nach dem Start auf dem New Yorker Flughafen La Guardia eine Notwasserung auf dem Hudson River durch. Ein doppelter Vogelschlag hatte zum Ausfall der beiden Triebwerke geführt. Alle 155 Menschen an Bord überlebten. Das Flugzeug blieb dabei bis auf ein abgerissenes Triebwerk intakt und für die Rettung der Insassen lange genug schwimmfähig.[12][13]
  • Am 13. April 2013 kam eine Boeing 737 der Lion Air beim Anflug auf den Ngurah Rai International Airport in Indonesien bei schlechter Sicht zu kurz und schlug vor der Piste auf dem Meer auf. Von den 101 Passagieren und 7 Besatzungsmitgliedern wurden 4 schwer verletzt, die übrigen trugen nur leichte oder gar keine Verletzungen davon. Dies war zwar keine Notwasserung sondern ein Unfall, das Ereignis wird hier aber dennoch aufgeführt, da es sich doch um eine Wasserlandung handelt, die – allerdings rein zufälligerweise – glimpflich verlaufen ist.[14]

Anflugverhalten[Bearbeiten]

Anflugverfahren von Verkehrsflugzeugen[Bearbeiten]

Der Pilot muss bei diesem Landungstyp darauf achten, dass beide Tragflächen gleichzeitig aufsetzen und die Maschine in einer waagerechten Fluglage verbleibt. Bei Landungen von Verkehrsflugzeugen halten Triebwerke, die unter den Tragflächen angebracht sind, beim Moment des Eintauchens dem sich durch die Landegeschwindigkeit schlagartig aufbauenden Wasserwiderstand entstehenden Druck in der Regel nicht stand und reißen ab. Dabei sollte nach Möglichkeit die Außenhaut des Flugzeugrumpfes intakt bleiben. In einigen Fällen zerreißt der Rumpf in Stücke, was die Evakuierung deutlich erschwert, da viele Passagiere die Schwimmwesten schon vor dem Verlassen des Flugzeugs entfalten und somit an die Kabinendecke gedrückt werden. Flugzeuge, deren Triebwerke oberhalb der Tragflächen angeordnet sind, wie zum Beispiel die DC-9 oder die Flugzeuge der Baureihe Bombardier Canadair Regional Jet (CRJ), sind hier im Vorteil.

Ditching-Schalter in einem Airbus A330

Kurz vor dem Aufsetzen sollte der ditch mode aktiviert werden, soweit vorhanden. Er sorgt dafür, dass eine Vielzahl von Klappen verschlossen werden (z. B. das Outflowvalve) und die Maschine länger an der Wasseroberfläche verbleibt, so dass die Chance erhöht wird, dass Passagiere die Maschine über Notrutschen verlassen können, bevor das Flugzeug im Gewässer versinkt. Eine Notlandung auf dem Festland gilt grundsätzlich als weniger gefährlich als eine Notwasserung.

Wenn möglich, wird gegen den Wind gelandet. Die Landung erfolgt mit eingezogenem Fahrwerk. Gelandet werden sollte mit geringer Sinkrate und geringstmöglicher Geschwindigkeit. Die Landung wird als - heckbetonte - Dreipunktlandung mit parallelem Wasserkontakt der Tragflächen durchgeführt, da sonst die Gefahr eines Überschlages besteht.

Notwasserung von Kleinflugzeugen[Bearbeiten]

Die Notwasserung von Kleinflugzeugen ist wegen der geringeren Landegeschwindigkeit nicht ganz so gefährlich wie mit Verkehrsflugzeugen. Eine Notlandung auf dem Festland ist aber weniger gefährlich als eine Notwasserung.

Bei ruhiger See wird gegen den Wind gelandet. Bei größerem Wellengang wird parallel zu den Wellen gelandet, möglichst auf einem Wellenkamm. Bei Einziehfahrwerk wird mit eingezogenem Fahrwerk gelandet. Gelandet wird mit geringer Sinkrate und geringstmöglicher Geschwindigkeit. Die Landung wird als Dreipunktlandung durchgeführt, da sonst die Gefahr eines Überschlages besteht.

Notwasserung von Segelflugzeugen[Bearbeiten]

Segelflugzeuge werden mit ausgefahrenem Fahrwerk, verriegelter Haube und geschlossener Belüftung gewassert. Die Gurte sind so straff wie möglich anzuziehen.

In der älteren Literatur wird teilweise noch empfohlen, mit eingefahrenem Fahrwerk zu wassern. Neuere Versuche haben jedoch gezeigt, dass moderne Segelflugzeuge durch ihre strömungsgünstige Form nach dem Aufsetzen recht tief unter die Wasseroberfläche tauchen, was vor allem bei seichtem Wasser sehr gefährlich ist. Der Widerstand des ausgefahrenen Fahrwerks verringert die Eintauchtiefe merklich, ohne dass deswegen die Gefahr bestünde, dass sich das Segelflugzeug überschlägt.

Eine Wasserung sollte parallel zum Ufer erfolgen, einerseits wegen der Ausrichtung der Wellen, andererseits auch, um nicht versehentlich zu nahe ans Ufer zu geraten. Die Wasseroberfläche wird wie eine feste Landebahn angeflogen und das Flugzeug möglichst mit Minimalfahrt aufgesetzt. Nach dem Wiederauftauchen wird die Haube geöffnet oder notfalls abgeworfen, Gurtzeug und Fallschirm abgelegt und das Cockpit verlassen. Ein Segelflugzeug hat eine begrenzte Schwimmfähigkeit.

Hubschrauber[Bearbeiten]

Bestimmte Hubschrauber-Typen verfügen über Notschwimmeigenschaften und über zusätzlich aufblasbare Schwimmer, die das Kentern des Hubschraubers nach einer Wasserung vermeiden sollen.

Stillstand nach der Notwasserung[Bearbeiten]

Eine Maschine, gleich welchen Typs, kommt allein durch die auf das Flugzeug einwirkende Reibung an der Wasseroberfläche zum Stillstand. Bei Strahlflugzeugen steht keine Schubumkehr zur Verfügung, da die Triebwerke bei der Wasserung im Regelfall abreißen, abgesehen davon, dass erhebliche Probleme mit den Triebwerken die Ursache für die Notwasserung gewesen sein dürften.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Flugunfalldaten und -bericht im Aviation Safety Network
  2. Flugunfalldaten und -bericht im Aviation Safety Network
  3. Flugunfalldaten und -bericht im Aviation Safety Network
  4. Peter W. Frey. Dramatische Hilfeleistung mitten im Atlantik. NZZ vom 27. September 2012
  5. Flugunfalldaten und -bericht im Aviation Safety Network
  6. Flugunfalldaten und -bericht im Aviation Safety Network
  7. Aviation Safety Network, 23. Juli 1969 [1]
  8. Flugunfalldaten und -bericht im Aviation Safety Network
  9. Flugunfalldaten und -bericht im Aviation Safety Network
  10. Flugunfalldaten und -bericht im Aviation Safety Network
  11. Flugunfalldaten und -bericht im Aviation Safety Network
  12. Flugunfalldaten und -bericht im Aviation Safety Network
  13. Marc Pitzke: in Spiegel Online New York feiert das Hudson-Wunder (Abgerufen am 16. Januar 2009)
  14. Offizieller Unfall-Zwischenbericht [2] (PDF; 978 kB)

Literatur[Bearbeiten]

  • Jürgen Mies: Gefahrenhandbuch für Piloten (Privatpilotenbibliothek Band 1), Motorbuch Verlag, Stuttgart, ISBN 3-613-01577-3
 Wiktionary: Notwasserung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen