Nun ruhen alle Wälder

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Nun ruhen alle Wälder ist ein geistliches Abendlied von Paul Gerhardt.

Das Lied erschien erstmals 1647 im Gesangbuch Praxis Pietatis Melica von Johann Crüger. Beigegeben ist der Hinweis, dass es auf die Melodie O Welt, ich muss dich lassen zu singen sei, einem seit 1598 überlieferten Lied, das seinerseits als geistliche Kontrafaktur auf dem Lied Innsbruck, ich muss dich lassen (um 1495) von Heinrich Isaac beruht. Die Melodie, die in verschiedenen rhythmischen Fassungen verbreitet ist, wurde auch von Johann Sebastian Bach als Grundlage des gleichnamigen Chorals BWV 392[1] sowie mehrerer Choralsätze in der Matthäus- und der Johannes-Passion[2] verwendet. Im Evangelischen Gesangbuch ist das Lied unter der Nummer 477 mit allen neun Strophen abgedruckt, dazu ein vierstimmiger Chorsatz von Bartholomäus Gesius (1605). Ins katholische Gotteslob von 2013 wurde es mit sieben Strophen aufgenommen (Nr. 101).[3] Das Mennonitische Gesangbuch (Nr. 229) enthält ebenfalls alle neun Strophen.

1666/67 schuf Johann Georg Ebeling eine Neuvertonung, die sich jedoch nicht durchsetzte.

Melodie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Melodiefassung des Evangelischen Gesangbuchs:


\relative f' { \key f \major \time 3/2 \partial 2 f2 | f g4 a2 c4 | bes2 a r4 a | c2 c4 g2 a4 | f2 e r4 f | 
\time 2/2 g a bes a | g2 r4 a |
\time 3/2 f2 g4 a2 c4 | bes2 a r4 a | c2 c4 g2 a4 | f2 e r4 c | \time 2/2 f2 g | a bes | a g | f1 \bar "|." } 
\addlyrics {
Nun ru -- hen al -- le Wäl -- der,
Vieh, Men -- schen, Städt’ und Fel -- der,
es schläft die gan -- ze Welt;
ihr a -- ber, mei -- ne Sin -- nen,
auf, auf, ihr sollt be -- gin -- nen,
was eu -- rem Schöp -- fer wohl -- ge -- fällt.
}

Text[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nun ruhen alle Wälder, Praxis Pietatis Melica 1660

Die heute – Evangelisches Gesangbuch Nr. 477 – gebräuchliche Fassung unterscheidet sich nur geringfügig von den Originaldrucken:

Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
es schläft die ganze Welt;
ihr aber, meine Sinnen,
auf, auf, ihr sollt beginnen,
was eurem Schöpfer wohlgefällt.

Wo bist du, Sonne, blieben?
Die Nacht hat dich vertrieben,
die Nacht, des Tages Feind.
Fahr hin; ein andre Sonne,
mein Jesus, meine Wonne,
gar hell in meinem Herzen scheint.

Der Tag ist nun vergangen,
die güldnen Sternlein prangen
am blauen Himmelssaal;
also werd ich auch stehen,
wenn mich wird heißen gehen
mein Gott aus diesem Jammertal.

Der Leib eilt nun zur Ruhe,
legt ab das Kleid und Schuhe,
das Bild der Sterblichkeit;
die zieh ich aus, dagegen
wird Christus mir anlegen
den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

Das Haupt, die Füß und Hände
sind froh, dass nun zum Ende
die Arbeit kommen sei.
Herz, freu dich, du sollst werden
vom Elend dieser Erden
und von der Sünden Arbeit frei.

Nun geht, ihr matten Glieder,
geht hin und legt euch nieder,
der Betten ihr begehrt.
Es kommen Stund und Zeiten,
da man euch wird bereiten
zur Ruh ein Bettlein in der Erd.

Mein Augen stehn verdrossen,
im Nu sind sie geschlossen.
Wo bleibt dann Leib und Seel?
Nimm sie zu deinen Gnaden,
sei gut für allen Schaden,
du Aug und Wächter Israel’.

Breit aus die Flügel beide,
o Jesu, meine Freude,
und nimm dein Küchlein ein.
Will Satan mich verschlingen,
so lass die Englein singen:
„Dies Kind soll unverletzet sein.“

Auch euch, ihr meine Lieben,
soll heute nicht betrüben
kein Unfall noch Gefahr.
Gott lass euch selig schlafen,
stell euch die güldnen Waffen
ums Bett und seiner Engel Schar.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Matthias Claudius bezieht sich mit seinem Abendlied auf das Vorbild von Paul Gerhardts Nun ruhen alle Wälder, von dem er die Strophenform übernommen hat. Auch Claudius’ Lied wurde, bevor sich die Vertonung von Johann Abraham Peter Schulz allgemein durchsetzte, vielfach auf die Melodie O Welt, ich muss dich lassen gesungen. Claudius’ Text nimmt etwa in der dritten Strophe („Seht ihr den Mond dort stehen? / Er ist nur halb zu sehen, / Und ist doch rund und schön! / So sind wohl manche Sachen, / Die wir getrost belachen, / Weil unsre Augen sie nicht sehn.“) eine deutliche Gegenposition zur erkenntnistheoretischen Position der Aufklärung ein. Sein Text kann insofern auch als Verteidigung von Paul Gerhardt aufgefasst werden, dessen pauschale Formulierung „es schläft die ganze Welt“ im Aufklärungszeitalter Anstoß erregte und Spott hervorrief. Als es 1781 zu Protesten von Kirchengemeinden gegen ein neues Gesangbuch der Kirche von Berlin-Brandenburg kam, in dem viele Lieder Paul Gerhardts gestrichen werden sollten, erließ Friedrich der Große aus Gründen der Toleranz einen Erlass, dass jedermann in der Auswahl seiner Lieder frei sei, äußerte sich dabei aber zugleich abfällig über Nun ruhen alle Wälder:

„Ein jeder kann bei Mir glauben, was er will, wenn er nur ehrlich ist. Was die Gesangbücher angeht, so stehet einem jedem frey zu singen: Nun ruhen alle Wälder, oder dergleichen dummes und thörichtes Zeug mehr. Aber die Priester müssen die Toleranz nicht vergessen, denn ihnen wird keine Verfolgung gestattet werden.“

Friedrich II.[4]

In seinem Roman Buddenbrooks bezieht sich Thomas Mann eher ironisch auf das Lied und seinen Verfasser: Die beiden Damen Gerhardt, angebliche Nachfahrinnen des Dichters und Mitglieder eines Zirkels frommer Damen der besseren Gesellschaft, treten als skurrile Randfiguren auf. Die schwerhörige Lea Gerhardt liest „mit fürchterlicher Stimme, die klang, wie wenn sich der Wind im Ofenrohre verfängt“ die Zeilen „will Satan mich verschlingen“, worauf Tony Buddenbrook denkt „welcher Satan möchte die wohl verschlingen?“.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Albrecht Beutel: Lutherischer Lebenstrost. Einsichten in Paul Gerhardts Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“. In: Ders.: Spurensicherung. Studien zur Identitätsgeschichte des Protestantismus. Mohr Siebeck, Tübingen 2013, ISBN 978-3-16-152660-2, S. 101–125 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Christian Bunners: Johann Crüger (1598–1662): Berliner Musiker und Kantor, lutherischer Lied- und Gesangbuchschöpfer. Frank & Timme, Berlin 2012, ISBN 978-3-86596-371-0 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Joachim Stalmann: Nun ruhen alle Wälder. In: Joachim Stalmann, Johannes Heinrich (Hrsg.): Handbuch zum Evangelischen Kirchengesangbuch. Bd. 3,II: Liederkunde. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1990, ISBN 3-525-50306-7, S. 468–471.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Nun ruhen alle Wälder – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nun ruhen alle Wälder BWV 392 bei bach-cantatas.com
  2. Chorale Melodies used in Bach's Vocal Works: O Welt, ich muß dich lassen / Nun ruhen alle Wälder bei bach-cantatas.com
  3. Ausgelassen wurden im Gotteslob die Strophen 5 und 7 der Evangelischen Gesangbuchs. Außerdem wurde statt der Audio-Datei / Hörbeispiel ungleichrhythmischen Melodieversion?/i des EG die Audio-Datei / Hörbeispiel Vier-Viertel-Fassung?/i gewählt, die etwa aus den Werken J. S. Bachs vertraut ist.
  4. Karl Müchler: Friedrich der Große. Zur richtigen Würdigung seines Herzens und Geistes. Nauck, Berlin 1837, S. 595 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).